Neuropathie: Komplikationen erkennen und vorbeugen
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Neuropathie bedeutet Nervenschädigung. Dabei sind Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark geschädigt. Das kann zu Taubheitsgefühlen, Kribbeln, Schmerzen oder Schwäche führen – besonders an Händen und Füßen. Auch Nerven, die Organe steuern, können betroffen sein (autonome Neuropathie).
Wichtige Fakten
- Neuropathie entsteht oft durch Diabetes, Alkohol, Vitaminmangel oder andere Grunderkrankungen.
- Nicht jede Neuropathie verursacht Schmerzen – manchmal ist nur die Empfindung herabgesetzt.
- Wer früh zum Arzt geht und die Ursache behandelt, kann schwere Folgen oft vermeiden.
Ja, Neuropathie ist häufig. Allein in Deutschland sind viele Menschen betroffen, vor allem Menschen mit Diabetes. Auch im Alter nimmt das Risiko zu.
Neuropathie kann in jedem Alter auftreten. Besonders häufig betrifft sie Menschen mit Diabetes, ältere Erwachsene, Menschen mit Nieren- oder Lebererkrankungen, Autoimmunerkrankungen oder Vitamin-B12-Mangel. Auch Menschen, die viel Alkohol trinken, sind gefährdet.
Symptome
- Plötzlich auftretende Lähmungserscheinungen oder einseitige Schwäche
- Atemnot oder Atemschwierigkeiten
- Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht
- Sehr starke Kopf- oder Brustschmerzen
- Plötzliche Sprach-, Seh- oder Gesichtsfeldstörungen – das kann ein Schlaganfall sein
- ⚠Sich schnell verschlechternde Schwäche oder Lähmung
- ⚠Blasenentleerung oder Stuhlgang nicht mehr kontrollieren können
- ⚠Fieber mit Rötung, Schwellung oder Überwärmung an einer Fußstelle
- ⚠Offene Wunde am Fuß, die nicht heilt
- ⚠Starke, nicht nachlassende Schmerzen in Händen oder Füßen
- ⚠Neu aufgetretene Gleichgewichtsstörungen mit Stürzen
Häufige Symptome
- Kribbeln oder Ameisenlaufen in Händen oder Füßen
- Taubheitsgefühl, abnehmendes Schmerz- oder Temperaturempfinden
- Brennender oder stechender Schmerz, oft nachts stärker
- Empfindlichkeit bei leichter Berührung
- Muskelschwäche, besonders in Füßen und Händen
- Unsicheres Gehen und Gleichgewichtsprobleme
- Verletzungen, die nicht bemerkt werden, weil man sie nicht spürt
Symptome bei Kindern
- Selten, aber möglich bei bestimmten Erbkrankheiten oder nach Infektionen.
- Unsicheres Laufen oder verzögerte motorische Entwicklung
- Schmerzen oder Kribbeln in den Beinen/Füßen
- Schwäche oder Muskelschwund
- Unerklärliche Gleichgewichtsprobleme
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Höheres Sturzrisiko durch Gefühlsverlust in den Füßen
- Offene Fußstellen, die nicht bemerkt werden und schlecht heilen
- Zunehmende Muskelschwäche, schwierigeres Treppensteigen
- Vermindertes Schmerzempfinden, zum Beispiel bei Druckstellen im Schuh
- Verwirrtheit oder Rückzug durch anhaltende Schmerzen
Ursachen
Hauptursachen
- Diabetes mellitus (häufigste Ursache)
- Alkoholmissbrauch über viele Jahre
- Vitaminmangel, besonders Vitamin B12
- Autoimmunerkrankungen, bei denen das Immunsystem Nerven angreift
- Infektionen wie Borreliose oder Gürtelrose
- Chronische Nieren- oder Lebererkrankungen
- Erbliche Nervenerkrankungen
- Giftstoffe oder bestimmte Medikamente (bei längerer Einnahme)
Risikofaktoren
- Diabetes und schlecht eingestellte Blutzuckerwerte
- Hoher Blutdruck und Übergewicht
- Rauchen
- Regelmäßiger Alkoholkonsum
- Vitamin-B12-Mangel, zum Beispiel bei einseitiger Ernährung
- Höheres Alter
- Nierenerkrankungen
- Nerveneinklemmungen durch Verschleiß – zum Beispiel am Handgelenk oder Ellbogen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn sich Gefühllosigkeit oder Schwäche innerhalb von Stunden oder Tagen stark verschlimmern
- Bei offenen Wunden an den Füßen, besonders bei Diabetes
- Bei Anzeichen einer Infektion wie Rötung, Schwellung, Fieber
- Bei plötzlichen Gleichgewichtsstörungen oder Stürzen
- Wenn Sie Schwierigkeiten beim Wasserlassen oder Stuhlgang haben
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie anhaltendes Kribbeln, Taubsein oder Schmerzen in Händen oder Füßen bemerken
- Wenn Muskeln schwächer werden oder Sie Dinge häufiger fallen lassen
- Wenn Sie beim Gehen unsicher werden, ohne dass es eine andere Erklärung gibt
- Wenn Sie Diabetes haben und Veränderungen an den Füßen bemerken
Diagnose
Die Ärztin oder der Arzt fragt zuerst nach Ihren Beschwerden, Ihrem Lebensstil und möglichen Grunderkrankungen. Danach folgt eine körperliche und neurologische Untersuchung: Reflexe, Kraft, Gefühl für Berührung, Temperatur und Gleichgewicht werden geprüft. Bei Bedarf wird Labor- oder Nervenmessung veranlasst.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung auf Zucker, Vitamin B12, Nieren- oder Schilddrüsenwerte
- Nervenleitgeschwindigkeit (Elektroneurographie), misst, wie schnell Nerven Signale leiten
- Muskeluntersuchung mit feiner Nadel (Elektromyographie, EMG)
- Manchmal eine Nervenprobe (Biopsie) bei unklarer Ursache
- Bildgebung wie Magnetresonanztomographie (MRT), um andere Ursachen auszuschließen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Abklärung dauert oft etwas. Sie dürfen Fragen stellen. Die meisten Untersuchungen sind nicht schmerzhaft – beim EMG kann zum Beispiel ein kurzer Muskelzucken oder ein Stechen spürbar sein. Nach den Ergebnissen bespricht das medizinische Team den Behandlungsplan mit Ihnen.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich nach der Ursache. Im Vordergrund steht, die Grunderkrankung zu behandeln – zum Beispiel den Blutzucker gut einzustellen oder auf Alkohol zu verzichten. Zusätzlich helfen Maßnahmen wie Krankengymnastik, Schmerztherapie oder Hilfsmittel im Alltag.
Selbsthilfe zu Hause
- Fußpflege: Füße täglich ansehen, waschen und eincremen, besonders zwischen den Zehen
- Gut sitzende, bequeme Schuhe tragen, keine engen oder scheuernden Socken
- Verletzungen vermeiden: nicht barfuß laufen, bei der Pflege von Nägeln vorsichtig sein
- Risikofaktoren abbauen: Rauchen on, Alkohol reduzieren, gut auf den Blutzucker achten
- Regelmäßige Bewegung mit angepassten Übungen – zum Beispiel Schwimmen oder Fahrradfahren
Medizinische Behandlungen
Ärztinnen und Ärzte können den Verlauf durch die Behandlung der Grunderkrankung günstig beeinflussen. Bei Schmerzen kommen verschiedene Wirkstoffe zum Einsatz, die individuell und ohne genaue Empfehlung nur auf Rezept verordnet werden dürfen. Auch nicht-medikamentöse Verfahren wie transkutane elektrische Nervenstimulation (TENS), Krankengymnastik, Ergotherapie oder Psychotherapie können helfen. Orientierung gibt die ärztliche Leitlinie, zum Beispiel der AWMF.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist nur selten nötig. Sie kann sinnvoll sein, wenn ein Nerv eingeengt ist – zum Beispiel beim Karpaltunnelsyndrom – oder wenn Fußdeformitäten oder schlecht heilende Wunden einen Eingriff erforderlich machen. Die Entscheidung trifft ein Facharzt oder eine Fachärztin nach gründlicher Untersuchung.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag geht es darum, auf Ihren Körper zu achten und Gefahren zu vermeiden. Kontrollieren Sie täglich Ihre Füße und Hände auf Druckstellen, Rötungen oder Verletzungen. Schützen Sie sich vor Kälte und Hitze, zum Beispiel mit Handschuhen und stabilen Schuhen. Benutzen Sie Handläufe, entfernen Sie Stolperfallen im Haus und vermeiden Sie Teppichkanten. Achten Sie auf sichere Griffe in Bad und Küche.
Tipps für den Alltag
- Bewegen Sie sich regelmäßig, moderat – zum Beispiel täglich spazieren gehen
- Trainieren Sie bewusst das Gleichgewicht, etwa mit Physiotherapie oder Übungen
- Rauchen Sie nicht und vermeiden Sie Alkohol
- Halten Sie Blutzucker, Blutdruck und Cholesterin im guten Bereich
- Schlafen Sie ausreichend und gönnen Sie sich Pausen bei Schmerzen
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Vollkornprodukten und ausreichend Vitamin B12 (etwa durch Fleisch, Fisch, Eier oder angereicherte Produkte) unterstützt die Nerven. Besprechen Sie, ob Sie zusätzlich Vitamine oder andere Nährstoffe benötigen. Bewegung stärkt Muskeln und Kreislauf – aber nur im Rahmen Ihrer Möglichkeiten. Lassen Sie sich einen individuellen Trainingsplan erstellen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Chronische Schmerzen und Taubheitsgefühle können sehr belastend sein. Viele Betroffene fühlen sich ängstlich, traurig oder verzweifelt. Das ist verständlich – geben Sie sich Zeit und holen Sie sich Hilfe. Psychotherapie, Entspannungsverfahren und der Austausch mit anderen können stark unterstützen. Wenn Sie Gedanken an Selbstmord haben, wenden Sie sich sofort an eine psychiatrische Notaufnahme oder die Telefonseelsorge.
Vorbeugung
Komplikationen lassen sich oft verhindern oder hinauszögern. Am wichtigsten ist, die Grunderkrankung gut zu behandeln, auf einen gesunden Lebensstil zu achten und Beschwerden früh ernst zu nehmen. Bei erblichen Formen ist die komplette Vorbeugung nicht möglich, aber regelmäßige ärztliche Kontrollen können Folgen mildern.
Impfungen
Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über empfohlene Impfungen – etwa gegen Gürtelrose, die Nervenentzündungen auslösen kann. Nicht jede Neuropathie ist durch Impfen verhinderbar, aber eine gute Vorsorge schützt.
Früherkennungsprogramme
Wenn Sie Diabetes haben, nehmen Sie regelmäßig die vorgesehenen Vorsorgeuntersuchungen wahr. Dabei werden Füße und Nervenfunktion geprüft. Auch bei erhöhtem Risiko – zum Beispiel Nierenerkrankung oder Alkoholabhängigkeit – sind regelmäßige Kontrollen sinnvoll.
Komplikationen
Unbehandelt
- Fußgeschwüre und Infektionen, die im schlimmsten Fall zu einer Amputation führen
- Stürze, Knochenbrüche und Verletzungen durch Gefühllosigkeit und Gleichgewichtsprobleme
- Chronische Schmerzen, die den Alltag stark einschränken können
- Muskelschwund und dauerhafte Kraftverluste
- Autonome Störungen wie Blutdruckabfall, Herzrhythmusprobleme, Verdauungs- oder Blasenentleerungsstörungen
- Depression, sozialer Rückzug und verminderte Lebensqualität
Langzeitprognose
Mit der richtigen Behandlung und guter Selbstfürsorge ist der Verlauf oft günstig. Auch wenn eine Nervenschädigung nicht in jedem Fall vollständig zurückgeht, können Schmerzen gelindert, Kraft verbessert und Komplikationen verhindert werden. Viele Menschen führen mit einer Neuropathie ein aktives Leben. Je früher Sie handeln, desto größer ist die Chance, dass sich Beschwerden bessern oder nicht verschlimmern.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2026
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