Polymyalgia rheumatica
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Polymyalgia rheumatica (kurz PMR) ist eine entzündliche Erkrankung, die vor allem ältere Menschen betrifft. Sie verursacht starke Muskelsteifheit und Schmerzen, besonders in Schultern, Oberarmen, Nacken, Hüften und Oberschenkeln. Die Entzündung betrifft die Muskeln und die umliegenden Gewebe, nicht die Gelenke selbst. PMR kann gut behandelt werden, die meisten Menschen werden unter Therapie wieder beschwerdefrei.
Wichtige Fakten
- Polymyalgia rheumatica tritt fast immer bei Menschen über 50 Jahren auf.
- Die Erkrankung verursacht vor allem morgendliche Steifheit und Schmerzen in Schultern und Hüften.
- Mit einer Behandlung klingen die Beschwerden meist innerhalb weniger Tage bis Wochen ab.
- Bei manchen Menschen tritt gleichzeitig eine Riesenzellarteriitis auf – eine Entzündung der Blutgefäße, die sofort behandelt werden muss.
Polymyalgia rheumatica ist nicht sehr häufig, aber auch nicht selten. In Deutschland erkranken etwa 1 von 1.000 Menschen über 50 Jahren pro Jahr daran. Sie ist damit eine der häufigeren entzündlichen Erkrankungen im höheren Alter.
Die Erkrankung betrifft fast ausschließlich Menschen über 50 Jahre, am häufigsten zwischen 70 und 80 Jahren. Frauen erkranken etwas öfter als Männer. Auch Menschen aus Nordeuropa scheinen ein höheres Risiko zu haben.
Symptome
- Plötzliche Sehverschlechterung oder Sehverlust auf einem Auge
- Starke, neu auftretende Kopfschmerzen, besonders an den Schläfen
- Schmerzen beim Kauen oder eine geschwollene, druckempfindliche Schläfenarterie
- Doppelbilder oder andere plötzliche neurologische Ausfälle
- ⚠Sehr starke Schmerzen oder Steifheit, die Sie im Alltag stark einschränken
- ⚠Ungewollter Gewichtsverlust, anhaltendes Fieber oder starke Müdigkeit
- ⚠Wenn die Beschwerden trotz Behandlung nicht besser werden oder sich verschlimmern
Häufige Symptome
- Starke Schmerzen und Steifheit in beiden Schultern, im Nacken, in den Hüften und Oberschenkeln
- Die Beschwerden sind morgens am schlimmsten und bessern sich im Laufe des Tages
- Die Steifheit hält länger als 30 Minuten an, oft sogar eine Stunde oder länger
- Allgemeines Krankheitsgefühl, Müdigkeit, leichtes Fieber, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
Symptome bei Kindern
- Kinder sind von Polymyalgia rheumatica praktisch nicht betroffen. Die Erkrankung tritt fast ausschließlich bei Erwachsenen über 50 Jahren auf.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Bei älteren Erwachsenen sind die Symptome oft besonders ausgeprägt: Die Schmerzen und Steifheit können so stark sein, dass alltägliche Dinge wie das Aufstehen aus dem Bett, das Anziehen oder das Kämmen der Haare sehr schwerfallen.
- Manche ältere Menschen entwickeln auch eine Riesenzellarteriitis – dann kommen plötzliche Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Schmerzen beim Kauen dazu. Das ist ein Notfall!
Ursachen
Hauptursachen
- Die genaue Ursache von Polymyalgia rheumatica ist nicht bekannt. Man geht davon aus, dass eine Fehlregulation des Immunsystems zu einer Entzündung in den Muskelansätzen und Sehnen führt.
- Es gibt Hinweise, dass bestimmte Erbfaktoren und möglicherweise Umweltauslöser (wie Infektionen) eine Rolle spielen. Die Erkrankung ist aber nicht ansteckend.
Risikofaktoren
- Alter über 50 Jahre (stärkster Risikofaktor)
- Weibliches Geschlecht
- Nordeuropäische Abstammung
- Rauchen
- Bestimmte genetische Veranlagungen (z.B. HLA-DRB1*04)
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Bei plötzlichen Sehproblemen oder starken Kopfschmerzen (siehe Notfall-Symptome) – sofort den Notruf 112 wählen!
- Wenn Sie unter starken Schulterschmerzen und morgendlicher Steifheit leiden, die länger als eine Woche anhalten
- Bei unklaren Schmerzen in beiden Schultern oder Hüften, die mit allgemeinem Krankheitsgefühl einhergehen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie regelmäßig morgendliche Steifheit und Schmerzen in Schultern oder Hüften bemerken, auch wenn die Beschwerden erträglich sind
- Zur Kontrolle und Anpassung der Behandlung, wenn die Diagnose bereits gestellt wurde
Diagnose
Die Diagnose wird in der Regel von einer Fachärztin oder einem Facharzt für Rheumatologie gestellt. Es gibt keinen einzelnen Test – der Arzt stellt die Diagnose aufgrund Ihrer Beschwerden, einer körperlichen Untersuchung und bestimmter Blutwerte.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung: Entzündungswerte wie die Blutsenkungsgeschwindigkeit (BSG) und das C-reaktive Protein (CRP) sind meist stark erhöht.
- Blutbild: Auf Anzeichen von Blutarmut oder anderen Auffälligkeiten prüfen.
- Ultraschall: Kann an Schultern oder Hüften Entzündungen in den Sehnen und Schleimbeuteln sichtbar machen.
- Ausschluss anderer Erkrankungen: Manchmal sind weitere Tests nötig, um andere Ursachen wie rheumatoide Arthritis oder Infektionen auszuschließen.
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Bei Verdacht auf Polymyalgia rheumatica wird Ihr Arzt oder Ihre Ärztin zunächst Ihre Krankengeschichte erfragen und eine körperliche Untersuchung durchführen. Meist folgt eine Blutabnahme. Die Diagnose kann manchmal einige Wochen dauern, weil andere Erkrankungen ausgeschlossen werden müssen. Die Behandlung kann aber bereits begonnen werden, wenn der Verdacht stark ist.
Behandlung
Die Behandlung von Polymyalgia rheumatica zielt darauf ab, die Entzündung zu stoppen und die Schmerzen zu lindern. Sie erfolgt in der Regel mit entzündungshemmenden Medikamenten (Kortison). Die Dosis wird langsam reduziert, sobald die Symptome unter Kontrolle sind. Die Behandlung dauert oft ein bis zwei Jahre, manchmal länger. Eine enge Zusammenarbeit mit dem Rheumatologen ist wichtig.
Selbsthilfe zu Hause
- Wärmeanwendungen: Ein warmes Bad, eine Wärmflasche oder ein Heizkissen können die morgendliche Steifheit lindern.
- Sanfte Bewegung: Leichte Dehnübungen, Spazierengehen oder Bewegungsbäder helfen, die Gelenke und Muskeln geschmeidig zu halten. Vermeiden Sie Überanstrengung.
- Ausreichend Ruhe: Gönnen Sie sich Pausen, wenn die Schmerzen zunehmen. Hören Sie auf Ihren Körper.
- Gesunde Ernährung: Eine ausgewogene Kost mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten unterstützt das Immunsystem und die Knochengesundheit, besonders bei längerer Kortison-Therapie.
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung von Polymyalgia rheumatica erfolgt in enger Abstimmung mit einem Rheumatologen. Sie besteht in der Regel aus der Gabe von Kortison (Glukokortikoiden), das entzündungshemmend wirkt. Die Dosis wird anfangs hoch gewählt und dann langsam über viele Monate reduziert. Manche Patienten benötigen zusätzlich Medikamente, die das Immunsystem beruhigen. Die Therapie wird individuell angepasst. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin beraten – brechen Sie die Behandlung niemals eigenmächtig ab.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei Polymyalgia rheumatica nicht notwendig. Die Behandlung erfolgt immer mit Medikamenten.
Leben mit der Erkrankung
Mit Polymyalgia rheumatica zu leben erfordert Geduld, aber die meisten Menschen kommen gut zurecht. In der Anfangsphase können die morgendliche Steifheit und Schmerzen den Alltag erschweren. Planen Sie daher mehr Zeit für das Anziehen und die Morgenroutine ein. Mit der Behandlung bessern sich die Symptome meist schnell, sodass Sie bald wieder Ihren gewohnten Aktivitäten nachgehen können.
Tipps für den Alltag
- Halten Sie sich an die verordnete Medikamenteneinnahme – auch wenn es Ihnen besser geht.
- Bewegen Sie sich regelmäßig, aber überfordern Sie sich nicht. Sanfte Sportarten wie Schwimmen, Radfahren oder Walking sind ideal.
- Achten Sie auf ausreichend Schlaf und vermeiden Sie Stress.
- Führen Sie ein Beschwerdetagebuch, um Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin den Verlauf genau schildern zu können.
Ernährung und Bewegung
Eine gesunde, ausgewogene Ernährung mit ausreichend Kalzium und Vitamin D ist besonders wichtig, da Kortison die Knochen schwächen kann. Gute Quellen sind Milchprodukte, grünes Blattgemüse und fetter Fisch. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie Vitamin D oder Kalzium zusätzlich einnehmen sollten. Regelmäßige Bewegung wie Spazierengehen oder leichte Gymnastik hilft, die Muskeln zu stärken und die Gelenke beweglich zu halten.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine chronische Erkrankung wie Polymyalgia rheumatica kann belastend sein. Die Schmerzen und die Einschränkungen im Alltag können zu Frustration, Traurigkeit oder Angst führen. Es ist wichtig, diese Gefühle ernst zu nehmen. Sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Ihrer Ärztin darüber. Auch der Austausch mit anderen Betroffenen kann helfen.
Vorbeugung
Da die genaue Ursache nicht bekannt ist, lässt sich Polymyalgia rheumatica nicht sicher verhindern. Ein gesunder Lebensstil mit ausgewogener Ernährung, regelmäßiger Bewegung und Nichtrauchen kann jedoch das allgemeine Risiko für entzündliche Erkrankungen senken.
Impfungen
Es gibt keinen Impfstoff gegen Polymyalgia rheumatica. Allerdings wird empfohlen, sich gegen Grippe und Pneumokokken impfen zu lassen, da die Erkrankung und die Kortison-Therapie das Immunsystem schwächen können. Fragen Sie Ihren Arzt.
Früherkennungsprogramme
Es gibt kein routinemäßiges Screening auf Polymyalgia rheumatica. Bei neu auftretenden Schulterschmerzen und morgendlicher Steifheit bei Menschen über 50 sollte jedoch ein Arzt aufgesucht werden.
Komplikationen
Unbehandelt
- Anhaltende Schmerzen und Steifheit, die zu Bewegungseinschränkungen und Muskelabbau führen können
- Entwicklung einer Riesenzellarteriitis – eine gefährliche Entzündung der Blutgefäße, die zu Erblindung oder Schlaganfall führen kann
- Verminderte Lebensqualität durch chronische Schmerzen und Alltagseinschränkungen
Langzeitprognose
Die Prognose bei Polymyalgia rheumatica ist sehr gut. Mit der richtigen Behandlung klingen die Symptome meist innerhalb weniger Tage bis Wochen ab. Die Erkrankung heilt in der Regel nach ein bis zwei Jahren aus, manchmal dauert es länger. Bei manchen Menschen kommt es zu Rückfällen, die aber ebenfalls gut behandelbar sind. Es ist wichtig, die Behandlung konsequent durchzuführen und regelmäßig Kontrolltermine beim Rheumatologen wahrzunehmen.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2026
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