Vasovagal syncope
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Vasovagale Synkope ist eine plötzliche Ohnmacht (kurze Bewusstlosigkeit), die durch eine Überreaktion des Vagusnervs ausgelöst wird. Der Vagusnerv ist ein wichtiger Nerv, der unter anderem Herzschlag und Blutdruck steuert. Wenn er überreagiert, sinken Puls und Blutdruck kurzzeitig stark ab, sodass das Gehirn nicht mehr genug Blut bekommt – und man wird für einige Sekunden bis Minuten bewusstlos. Danach wacht man meist von allein wieder auf und fühlt sich bald wieder normal.
Wichtige Fakten
- Vasovagale Synkopen sind harmlos und kein Zeichen für eine ernste Herzerkrankung.
- Sie treten oft in bestimmten Situationen auf, z. B. bei starken Emotionen, Schmerzen oder langem Stehen.
- Die Ohnmacht dauert nur kurz (meist unter einer Minute) und die Erholung ist schnell.
Ja, vasovagale Synkopen sind sehr häufig. Etwa 40 von 100 Menschen erleben mindestens einmal in ihrem Leben eine Ohnmacht dieser Art. Die meisten Menschen haben nur eine oder wenige Episoden.
Vasovagale Synkopen können Menschen jeden Alters betreffen, treten aber am häufigsten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Auch bei älteren Menschen kommen sie vor, sind dann aber seltener die alleinige Ursache.
Symptome
- Die Person wacht nicht innerhalb von einer Minute auf.
- Die Ohnmacht wird von Krämpfen, Zuckungen oder Sprachstörungen begleitet.
- Die Person hat Brustschmerzen, Atemnot oder starke Kopfschmerzen vor oder nach dem Vorfall.
- Der Puls fühlt sich sehr unregelmäßig oder kaum spürbar an.
- ⚠Die Person hat bereits mehrere Ohnmachtsanfälle in kurzer Zeit.
- ⚠Die Ohnmacht passiert ohne erkennbaren Auslöser.
- ⚠Die Person ist älter als 60 Jahre und hatte noch nie eine Ohnmacht.
- ⚠Die Person nimmt blutverdünnende Medikamente und stürzt dabei.
Häufige Symptome
- Schwindelgefühl oder Benommenheit kurz vor der Ohnmacht
- Übelkeit oder Schwitzen (kalter Schweiß)
- Verschwommenes Sehen oder ‚Sternchen‘ sehen
- Leichte Übelkeit
- Blässe im Gesicht
- Gefühl von Wärme oder Kälte im Körper
- Kurze Bewusstlosigkeit (meist nur wenige Sekunden)
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern treten oft Vorboten wie Bauchschmerzen oder Gähnen auf.
- Kinder können vor der Ohnmacht unruhig oder ängstlich wirken.
- Die Ohnmacht selbst verläuft meist ähnlich wie bei Erwachsenen.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Bei älteren Menschen können zusätzlich Stürze auftreten, die zu Verletzungen führen.
- Die Vorboten sind manchmal weniger deutlich, sodass die Ohnmacht überraschender kommt.
- Auch verwirrte Zustände oder Stürze ohne Bewusstseinsverlust können Anzeichen sein.
Ursachen
Hauptursachen
- Starke Emotionen wie Angst, Schreck, Freude oder Ekel
- Schmerzen, z. B. bei einer Verletzung oder Blutabnahme
- Langes Stehen oder Sitzen ohne Bewegung
- Wärme, überfüllte Räume oder starke körperliche Anstrengung
- Husten, Niesen, Pressen beim Stuhlgang oder Wasserlassen
Risikofaktoren
- Junges Alter (Häufigkeitsgipfel zwischen 15 und 25 Jahren)
- Weibliches Geschlecht
- Familiäre Vorbelastung (andere in der Familie haben auch Ohnmachten)
- Flüssigkeitsmangel oder zu wenig Essen
- Übermüdung oder Stress
- Bestimmte Medikamente (z. B. gegen Bluthochdruck) – bitte mit dem Arzt besprechen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Sie haben die erste Ohnmacht nach dem 40. Lebensjahr.
- Die Ohnmacht trat während körperlicher Aktivität auf.
- Sie haben Anfälle von Bewusstlosigkeit ohne vorherige Warnzeichen.
- Die Ohnmacht führte zu einer schweren Verletzung.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Sie haben mehrere Ohnmachtsanfälle und sind unsicher, ob es harmlos ist.
- Sie fühlen sich nach der Ohnmacht länger als eine Stunde müde oder verwirrt.
- Sie haben Herzbeschwerden oder eine bekannte Herzerkrankung.
- Die Anfälle beeinträchtigen Ihren Alltag (z. B. Angst vor dem nächsten Vorfall).
Diagnose
Der Arzt stellt die Diagnose meist durch ein ausführliches Gespräch: Er fragt nach der genauen Situation, den Vorboten, dem Ablauf und der Erholung. Wichtig ist, dass der Arzt andere Ursachen (wie Herzrhythmusstörungen oder Epilepsie) ausschließt.
Mögliche Untersuchungen
- EKG (Elektrokardiogramm) – Aufzeichnung der Herzströme, um Herzrhythmusstörungen zu erkennen
- Blutdruckmessung im Liegen und Stehen (Orthostase-Test)
- Langzeit-EKG (über 24-48 Stunden, falls nötig)
- Kipptisch-Untersuchung (Tilt-Table-Test) – dabei wird der Blutdruck während des Kippens der Liege gemessen, um eine vasovagale Reaktion auszulösen
- Gegebenenfalls Blutuntersuchung oder Ultraschall des Herzens
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Untersuchungen sind meist schmerzfrei und dauern nicht lange. Der Kipptisch-Test kann etwas unangenehm sein, da dabei oft eine Ohnmacht ausgelöst wird – das Team ist aber darauf vorbereitet und bricht den Test rechtzeitig ab. Nach der Diagnose bekommen Sie einfache Verhaltensregeln, um die nächste Ohnmacht zu vermeiden.
Behandlung
Die Behandlung bei vasovagalen Synkopen konzentriert sich darauf, die Auslöser zu erkennen und zu vermeiden. In den allermeisten Fällen reichen einfache Maßnahmen aus. Nur wenn die Anfälle sehr häufig oder gefährlich sind, kann der Arzt zusätzliche Therapien vorschlagen.
Selbsthilfe zu Hause
- Bei ersten Anzeichen einer Ohnmacht (Schwindel, Übelkeit) sofort hinsetzen oder hinlegen – am besten die Beine hochlegen.
- Hände und Arme anspannen oder die Oberschenkel kreuzen und anspannen – das hilft, den Blutdruck zu erhöhen.
- Auslöser meiden: z. B. nicht zu schnell aufstehen, keine langen Phasen ohne Bewegung, bei großer Hitze Vorsicht.
- Ausreichend trinken (mindestens 1,5–2 Liter pro Tag) und regelmäßige Mahlzeiten einhalten.
- Entspannungsübungen bei Stress oder Angst erlernen (z. B. tiefe Bauchatmung).
Medizinische Behandlungen
Wenn die Ohnmachten trotz Selbsthilfemaßnahmen weiterhin sehr häufig auftreten oder zu Stürzen führen, kann der Arzt bestimmte Medikamente versuchen, die den Kreislauf stabilisieren (wie z. B. Medikamente, die den Blutdruck leicht erhöhen). Auch ein spezielles Training (so genannte ‚Counterpressure-Manöver‘) wird oft verschrieben. In sehr seltenen Fällen kann ein Herzschrittmacher in Betracht gezogen werden – das ist aber nur bei ausgeprägten Formen mit langen Pausen im Herzschlag nötig. Alle Behandlungen sollten immer mit dem Arzt besprochen werden.
Wann kommt eine Operation infrage?
Ein operativer Eingriff ist bei vasovagalen Synkopen äußerst selten und kommt nur bei schwersten, therapieresistenten Verläufen infrage – etwa die Implantation eines Schrittmachers. Die Entscheidung darüber trifft der Kardiologe im Einzelfall.
Leben mit der Erkrankung
Die meisten Menschen mit vasovagalen Synkopen führen ein völlig normales Leben. Es ist hilfreich, die persönlichen Auslöser zu kennen und Warnsignale rechtzeitig zu ernst nehmen. Mit der Zeit entwickelt man ein gutes Gespür dafür, wann eine Ohnmacht droht, und kann gegensteuern.
Tipps für den Alltag
- Viel trinken – vor und nach körperlicher Aktivität oder an heißen Tagen.
- Regelmäßige Mahlzeiten – verhindert Unterzuckerung, die die Ohnmacht begünstigen kann.
- Langes Stehen vermeiden – wenn nötig, die Beine bewegen oder von einem Bein aufs andere treten.
- Beim Aufstehen aus dem Bett oder Stuhl langsam machen und kurz innehalten.
- Bei starken Emotionen: bewusst beruhigend einatmen und ausatmen.
- Fahren Sie kein Auto, wenn Sie sich schwindelig fühlen.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Salz (in Maßen – besprechen Sie das mit Ihrem Arzt) kann helfen, den Blutdruck stabil zu halten. Bewegung an der frischen Luft, wie Spazierengehen oder Radfahren, trainiert den Kreislauf. Vermeiden Sie aber extremes Schwitzen und Überanstrengung. Sollten Sie beim Sport Warnsignale spüren, setzen Sie sich hin und erholen Sie sich.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Angst vor einer plötzlichen Ohnmacht kann in manchen Fällen zu Vermeidungsverhalten oder sozialer Unsicherheit führen. Es ist völlig normal, sich nach einem Vorfall unsicher zu fühlen. Sprechen Sie darüber mit Ihrem Arzt oder einer Vertrauensperson. Bei anhaltender Angst oder Niedergeschlagenheit kann eine psychologische Beratung helfen.
Vorbeugung
Ja, viele vasovagale Synkopen lassen sich durch einfache Maßnahmen verhindern. Das Wichtigste ist, die eigenen Auslöser zu kennen und Warnsignale zu beachten. Wer regelmäßig trinkt, sich ausreichend bewegt und Stress vermeidet, hat deutlich seltener Anfälle. Auch die genannten Selbsthilfetechniken (Beine hochlegen, Muskelanspannung) wirken vorbeugend, wenn man sie rechtzeitig einsetzt.
Impfungen
Es gibt keinen Impfstoff gegen vasovagale Synkopen.
Früherkennungsprogramme
Ein routinemäßiges Screening gibt es nicht. Wer typische Ohnmachten hat, sollte dennoch einmal zum Arzt gehen, um andere Erkrankungen auszuschließen. Bei unklaren oder wiederholten Anfällen wird der Arzt die notwendigen Tests veranlassen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Sturzverletzungen (z. B. Prellungen, Knochenbrüche, Kopfverletzungen) – vor allem, wenn man allein ist und nicht rechtzeitig hinsinkt.
- Unfallrisiko beim Autofahren oder Bedienen von Maschinen – daher nach einer Ohnmacht nicht sofort wieder fahren.
- In sehr seltenen Fällen kann eine anhaltende Ohnmacht (länger als 1 Minute) zu einer Mangeldurchblutung des Gehirns führen – dann sofort Notruf 112!
Langzeitprognose
Die Prognose bei vasovagalen Synkopen ist ausgezeichnet. Die Ohnmachten verschwinden oft nach einigen Jahren von selbst. Auch wenn sie wiederkehren, sind sie in der Regel harmlos. Mit der richtigen Strategie können Sie die Anfälle gut kontrollieren und Ihr Leben wie gewohnt führen. Lassen Sie sich von Ihrem Arzt beraten – er wird Ihnen helfen, sicher und entspannt mit dem Thema umzugehen.
Unterstützung finden
Externe Links öffnen Websites Dritter. Ruqelo ist nicht für externe Inhalte verantwortlich. Die Nennung einer Organisation bedeutet keine Empfehlung.
Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 9. Juli 2026
Hinweis zur Aufklärung: Diese Informationen dienen nur der Aufklärung und sind keine Diagnose.
Nutzen Sie sie zur Ergänzung — nicht als Ersatz — für den Rat einer approbierten Fachkraft.
Bei schweren, sich verschlechternden oder dringenden Symptomen rufen Sie die lokale Notrufnummer an oder suchen Sie Notfallversorgung auf.