Anfälle, die kommen und gehen – was Sie wissen sollten
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Ein Anfall (auch Krampfanfall oder epileptischer Anfall genannt) ist eine plötzliche, vorübergehende Störung der Gehirnaktivität. Dabei senden die Nervenzellen im Gehirn für kurze Zeit unkontrollierte Signale aus. Das kann zu Zuckungen, Bewusstseinsveränderungen oder seltsamen Empfindungen führen. „Kommen und gehen“ bedeutet, dass die Anfälle nur kurz dauern und danach wieder verschwinden. Sie können in unterschiedlichen Abständen wieder auftreten.
Wichtige Fakten
- Ein Anfall ist kein Zeichen einer schweren Krankheit – viele Menschen haben einmal im Leben einen Anfall.
- Nicht alle Anfälle sind epileptisch; manchmal stecken andere Ursachen dahinter (z. B. Fieber, niedriger Blutzucker).
- Wiederholte, unprovozierte Anfälle werden als Epilepsie bezeichnet – die Behandlung kann die meisten Anfälle gut kontrollieren.
Ja, Anfälle kommen relativ häufig vor. Etwa 1 von 20 Menschen erlebt im Laufe des Lebens einmal einen Anfall. Epilepsie (wiederkehrende Anfälle) betrifft etwa 0,5–1 % der Bevölkerung.
Anfälle können in jedem Alter auftreten, besonders häufig jedoch bei Kindern und älteren Erwachsenen. Auch Menschen mit bestimmten Grunderkrankungen (wie Hirnverletzungen, Schlaganfall oder Infektionen) haben ein höheres Risiko.
Symptome
- Anfall dauert länger als 5 Minuten
- Ein zweiter Anfall beginnt, bevor die Person wieder vollständig wach ist
- Atemaussetzer oder bläuliche Verfärbung der Lippen/Haut
- Schwere Verletzung während des Anfalls (z. B. Sturz)
- Erster Anfall bei einer Person ohne bekannte Epilepsie
- ⚠Nach einem Anfall bleibt die Person länger als 15 Minuten verwirrt
- ⚠Anfall tritt in der Schwangerschaft auf
- ⚠Wiederholte Anfälle innerhalb kurzer Zeit
- ⚠Begleitende Anzeichen einer Infektion (Fieber, Schüttelfrost)
Häufige Symptome
- Plötzliches Versteifen von Armen und Beinen
- Ruckartige Zuckungen des ganzen Körpers oder einzelner Körperteile
- Kurzer Bewusstseinsverlust (Sekunden bis Minuten)
- Verwirrtheit oder seltsames Gefühl vor dem Anfall (Aura)
- Unkontrollierte Blasen- oder Darmentleerung
Symptome bei Kindern
- Kurze, unwillkürliche Zuckungen im Gesicht oder an den Armen
- Plötzliches Innehalten beim Spielen oder Sprechen (Absencen)
- Starrer Blick, der nicht auf Ansprache reagiert
- Nach dem Anfall Müdigkeit oder Verwirrtheit
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Verwirrtheit oder Desorientierung, die nur Minuten anhält
- Plötzliches Fallen ohne erkennbaren Grund
- Wiederholte kurze Bewusstseinstrübungen (oft verwechselt mit Schwindel oder Vergesslichkeit)
- Zuckungen können weniger auffällig sein als bei jüngeren Menschen
Ursachen
Hauptursachen
- Epilepsie (wiederkehrende, unprovozierte Anfälle aufgrund einer veränderten Hirnaktivität)
- Akute Auslöser wie Fieber (Fieberkrämpfe bei Kindern), niedriger Blutzucker, Schlafentzug, Alkoholentzug oder Drogen
- Hirnverletzungen, Schlaganfall, Infektionen (Meningitis, Enzephalitis)
- Hirntumore oder andere strukturelle Veränderungen im Gehirn
Risikofaktoren
- Frühere Hirnverletzung oder Schädel-Hirn-Trauma
- Schlaganfall in der Vorgeschichte
- Bestimmte genetische Veranlagungen
- Schlafmangel, starker Stress, hoher Alkoholkonsum
- Alter (besonders Kinder unter 5 Jahren und Erwachsene über 65 Jahre)
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Erster Anfall ohne erkennbare Ursache – sofort ärztliche Abklärung in der Notaufnahme oder bei der Hausarztpraxis
- Wiederholte Anfälle trotz Behandlung – Termin beim Neurologen innerhalb einer Woche
- Anfall mit Verletzung oder anhaltender Verwirrtheit
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Bei wiederholten, kurzen Anfällen (z. B. Absencen) – Termin beim Hausarzt oder Neurologen innerhalb von 2–4 Wochen
- Nach einem einzelnen Anfall ohne Notfallsymptome – zeitnahe Abklärung (innerhalb von 1–2 Wochen) empfehlenswert
Diagnose
Der Arzt stellt die Diagnose anhand Ihrer Beschreibung des Anfalls, einer körperlichen und neurologischen Untersuchung sowie weiterer Tests. Wichtig ist, den Ablauf des Anfalls genau zu schildern – am besten auch von einer Begleitperson.
Mögliche Untersuchungen
- Elektroenzephalogramm (EEG) – misst die elektrische Aktivität des Gehirns, oft auch im Schlaf
- Blutuntersuchung – zum Ausschluss von Stoffwechselstörungen oder Infektionen
- Bildgebung des Gehirns (Magnetresonanztomographie, MRT, oder Computertomographie, CT) – um Strukturveränderungen zu erkennen
- Langzeit-EEG oder Video-EEG bei unklaren Fällen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Untersuchungen sind schmerzfrei und dauern meist einige Stunden bis zu einem Tag. Bei einem Langzeit-EEG müssen Sie möglicherweise 24 Stunden in der Klinik bleiben. Die Ergebnisse helfen, die Art des Anfalls und die beste Behandlung zu bestimmen.
Behandlung
Die Behandlung hängt von der Ursache der Anfälle ab. Ziel ist es, erneute Anfälle zu verhindern oder deren Häufigkeit zu verringern. In den meisten Fällen können Anfälle gut kontrolliert werden.
Selbsthilfe zu Hause
- Ausreichend Schlaf und regelmäßiger Schlaf-Wach-Rhythmus
- Vermeiden von übermäßigem Alkohol und Drogen
- Stressbewältigung durch Entspannungstechniken (z. B. progressive Muskelentspannung, Yoga)
- Führen eines Anfallstagebuchs zur besseren Beurteilung
Medizinische Behandlungen
Bei wiederkehrenden Anfällen (Epilepsie) werden meist Medikamente (Antiepileptika) eingesetzt, die die Übererregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn verringern. Die Wahl des Medikaments richtet sich nach der Art der Anfälle und Ihrem Gesundheitszustand. Eine regelmäßige Einnahme und ärztliche Kontrolle ist wichtig.
Wann kommt eine Operation infrage?
In seltenen Fällen, wenn Medikamente nicht ausreichend wirken und der Anfallsherd im Gehirn genau lokalisierbar ist, kann eine Operation in Betracht gezogen werden. Dies wird in spezialisierten Epilepsiezentren geprüft.
Leben mit der Erkrankung
Mit gut eingestellten Anfällen können Sie ein normales, aktives Leben führen. Wichtig ist, mögliche Auslöser zu kennen und zu vermeiden. Bei unkontrollierten Anfällen sollten Sie bestimmte Tätigkeiten wie Autofahren oder Bedienen gefährlicher Maschinen vorerst vermeiden – besprechen Sie dies mit Ihrem Arzt.
Tipps für den Alltag
- Tragen Sie einen medizinischen Notfallausweis oder ein Armband mit Informationen zu Ihrer Erkrankung
- Informieren Sie Familie, Freunde und Kollegen darüber, was im Notfall zu tun ist
- Sorgen Sie für eine sichere Umgebung: weiche Teppiche, keine scharfen Kanten in der Nähe des Bettes
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung sind förderlich. Bei manchen Formen der Epilepsie kann eine spezielle fettreiche Ernährung (ketogene Diät) helfen – diese sollte aber nur unter ärztlicher Aufsicht durchgeführt werden.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Diagnose Epilepsie oder wiederkehrende Anfälle kann Ängste auslösen oder zu sozialem Rückzug führen. Auch depressive Verstimmungen sind nicht selten. Scheuen Sie sich nicht, psychologische Unterstützung zu suchen – das ist ein wichtiger Teil der Behandlung.
Vorbeugung
Nicht alle Anfälle lassen sich verhindern, insbesondere wenn eine Epilepsie vorliegt. Aber Sie können das Risiko neuer Anfälle senken, indem Sie Auslöser wie Schlafmangel, Alkohol oder Stress vermeiden und Ihre Medikamente regelmäßig einnehmen.
Früherkennungsprogramme
Es gibt kein allgemeines Screening auf Anfälle oder Epilepsie. Wenn bei Ihnen oder Ihrem Kind Risikofaktoren vorliegen (z. B. frühere Hirnverletzung, Schlaganfall), kann der Arzt eine regelmäßige Kontrolle empfehlen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Häufigere und schwerere Anfälle, die zu Verletzungen führen können (z. B. Stürze, Zungenbiss)
- Status epilepticus – ein langanhaltender Anfall, der lebensbedrohlich sein kann (Notruf 112)
- Einschränkungen im Alltag, z. B. Fahrverbot, Verlust des Arbeitsplatzes
- Psychische Belastungen wie Angststörungen oder Depressionen
Langzeitprognose
Die Prognose ist bei den meisten Menschen gut. Mit der richtigen Behandlung werden etwa 70 % der Betroffenen anfallsfrei. Auch bei schwer behandelbaren Formen können moderne Therapien die Anfallshäufigkeit deutlich reduzieren und die Lebensqualität verbessern. Sie sind nicht allein – viele Menschen mit Anfällen führen ein erfülltes Leben.
Unterstützung finden
Lokale Organisationen
- Deutsche Gesellschaft für Epileptologie · Deutschland
- Epilepsie-Bundesverband · Deutschland
Hilfetelefone
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 30. Juli 2026
Hinweis zur Aufklärung: Diese Informationen dienen nur der Aufklärung und sind keine Diagnose.
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Bei schweren, sich verschlechternden oder dringenden Symptomen rufen Sie die lokale Notrufnummer an oder suchen Sie Notfallversorgung auf.