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Übersicht
Selbstverletzendes Verhalten, oft auch Selbstverletzung genannt, bedeutet, dass sich jemand absichtlich körperlich Schaden zufügt – zum Beispiel durch Ritzen, Schlagen oder Verbrennen der eigenen Haut. Es ist in der Regel keine Suizidabsicht, sondern ein Weg, mit überwältigenden, belastenden Gefühlen umzugehen, die sich anders kaum aushalten lassen. Manchmal fühlt es sich für die Betroffenen wie ein Ventil an, das innere Anspannung kurz lindert. Es ist wichtig zu wissen: Selbstverletzung ist ein Symptom tiefer liegender seelischer Not – kein Charakterfehler.
Wichtige Fakten
- Selbstverletzung dient oft als Bewältigungsstrategie, um starke emotionale Schmerzen, Wut oder Leere zu regulieren.
- Die meisten Menschen, die sich selbst verletzen, wollen nicht sterben – es geht um eine kurzfristige Erleichterung.
- Es gibt wirksame Hilfen: Psychotherapeutische Begleitung kann dabei unterstützen, gesündere Wege im Umgang mit belastenden Gefühlen zu finden.
Selbstverletzendes Verhalten ist häufiger, als viele denken. Man schätzt, dass etwa 5 % der Erwachsenen mindestens einmal in ihrem Leben davon betroffen sind, wobei die Rate bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen deutlich höher liegt. Viele Fälle bleiben allerdings unerkannt, weil Betroffene aus Scham oder Schuldgefühlen ihr Verhalten verheimlichen.
Potenziell kann es Menschen jeden Alters und Geschlechts betreffen. Besonders häufig tritt es jedoch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf. Auch Erwachsene mit anhaltenden psychischen Belastungen wie Depression, Angststörungen oder emotionaler Instabilität können Selbstverletzung entwickeln.
Symptome
- Tiefe, stark blutende Wunden, die nicht zu stillen sind.
- Bewusstseinsstörungen, starke Schläfrigkeit oder Verwirrtheit nach Einnahme von Substanzen oder Medikamenten.
- Äußerungen oder Andeutungen, dass die Person sich das Leben nehmen will oder einen Suizidplan hat.
- Akute Vergiftung durch Gift, ätzende Stoffe oder eine Überdosis – auch wenn sie heruntergespielt wird.
- ⚠Deutliche Zunahme der Häufigkeit oder Schwere der Selbstverletzung.
- ⚠Erstmalige Selbstverletzung, besonders wenn danach starke Scham, aber auch ein Gefühl der Erleichterung auftritt.
- ⚠Die betroffene Person fühlt sich unfähig, den Drang zur Selbstverletzung zu kontrollieren, und hat Angst vor sich selbst.
- ⚠Ausgeprägte Hoffnungslosigkeit, sozialer Rückzug oder das Gefühl, für andere eine Last zu sein, in Verbindung mit Selbstverletzung.
Häufige Symptome
- Unerklärliche oder häufig wiederkehrende Schnitt-, Brand- oder Kratzwunden, vor allem an Armen, Handgelenken, Oberschenkeln oder am Bauch.
- Tragen von langärmliger Kleidung oder langer Hosen auch bei heißem Wetter, um Verletzungen zu verbergen.
- Sammeln von Gegenständen, die zur Verletzung genutzt werden können, wie Rasierklingen, Glasscherben oder scharfe Werkzeuge.
- Sozialer Rückzug, plötzliche Verschlossenheit oder Vermeidung von Aktivitäten, bei denen der Körper sichtbar wird (z.B. Schwimmen, Sport).
- Stimmungsschwankungen mit deutlicher Reizbarkeit, Traurigkeit oder innerer Leere kurz vor einer Selbstverletzungshandlung.
- Häufige Selbstabwertungen oder Aussagen wie „Ich bin es nicht wert“ oder „Ich verdiene Schmerz“.
Symptome bei Kindern
- Wiederholtes Kopfschlagen gegen Wand oder Möbel.
- Sich selbst beißen, kratzen oder Haare ausreißen (Trichotillomanie).
- Ausdrücklicher Wunsch, sich wehzutun, oder Weinen ohne erkennbaren körperlichen Grund.
- Plötzliches Verstecken von Körperteilen oder Tragen von Kleidung, die für das Alter untypisch viel bedeckt.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Selbstverletzung zeigt sich bei älteren Erwachsenen oft untypisch, zum Beispiel durch die Vernachlässigung notwendiger Medikamente oder ärztlicher Behandlungen.
- Übermäßiger Alkohol- oder Medikamentenkonsum mit dem Wissen, dass er dem Körper schadet.
- Bewusstes Hervorrufen von Stürzen oder das Scheuern wunder Stellen, bis Hautverletzungen entstehen.
- Sozialer Rückzug und Aussagen wie „Ich bin nur noch eine Last“.
Ursachen
Hauptursachen
- Überwältigende, schwer auszuhaltende Gefühle wie tiefe Traurigkeit, Wut, innere Leere oder starke Scham.
- Ein Bedürfnis, nach längerer innerer Anspannung ein körperlich spürbares Ventil zu schaffen.
- Der Wunsch, sich für vermeintliche Fehler zu bestrafen (Selbstbestrafung).
- Das Gefühl, im eigenen Körper wieder etwas spüren zu können, wenn man sich emotional taub oder wie erstarrt fühlt.
- Bewältigung belastender Erinnerungen, oft nach traumatischen Erlebnissen.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie sich selbst verletzen und den Drang kaum noch beherrschen können oder Angst vor den Konsequenzen haben.
- Wenn Sie bemerken, dass Ihre Selbstverletzungen häufiger oder schwerwiegender werden.
- Wenn Ihr Umfeld Ihnen spiegelt, dass es sich große Sorgen macht, Sie sich aber nicht öffnen können.
- Wenn neben Selbstverletzung auch Suizidgedanken oder das Gefühl auftreten, nicht mehr leben zu wollen.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Bereits bei ersten Gedanken, sich selbst zu verletzen, sollten Sie ärztliche oder psychologische Hilfe in Anspruch nehmen – auch wenn Sie es noch nie getan haben.
- Wenn Sie sich gelegentlich verletzen, aber das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren oder sich zunehmend schämen.
- Ein Gespräch mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt ist ein guter erster Schritt. Sie können Ihnen eine erste Orientierung geben und bei Bedarf an eine Fachperson überweisen.
Diagnose
Eine Diagnose im eigentlichen Sinne wird nur gestellt, wenn eine zugrundeliegende psychische Erkrankung vorliegt. Für das selbstverletzende Verhalten selbst erfolgt die Einschätzung in einem offenen Gespräch mit einer psychiatrisch oder psychologisch geschulten Fachkraft. Dabei erfragt sie einfühlsam, wann, wie häufig und in welchen Situationen die Selbstverletzung auftritt, welche Gefühle vorausgehen und welche Erleichterung sie kurzfristig bringt. Auch Ihre Lebensgeschichte und seelische Gesundheit werden betrachtet, um das ganze Bild zu verstehen.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung, um Wunden zu begutachten, eine mögliche Infektion auszuschließen und die Schwere der Verletzungen einzuschätzen.
- Fragebögen zur seelischen Verfassung, die helfen können, begleitende Erkrankungen wie eine Depression zu erkennen. Dabei geht es nie um ein einfaches „Punktesammeln“, sondern um eine erste Einordnung.
- Gelegentlich werden Blutuntersuchungen durchgeführt, zum Beispiel um einen Eisenmangel nach größeren Blutverlusten oder eine Entzündung festzustellen.
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie dürfen ein wertschätzendes, nicht verurteilendes Gespräch erwarten. Niemand wird Sie zwingen, etwas zu tun, was Sie nicht wollen. Ziel ist es, Ihre persönliche Not zu verstehen und mit Ihnen gemeinsam nächste Schritte zu besprechen. Alles, was Sie sagen, unterliegt der Schweigepflicht, sofern keine akute Lebensgefahr besteht.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich nicht nur auf das Beenden der Selbstverletzung, sondern vor allem auf die seelische Not dahinter. In der Regel ist eine Psychotherapie hilfreich, die Ihnen hilft, neue Wege zu finden, mit starken Gefühlen umzugehen, und alte Muster zu verändern. Bei zugrundeliegenden psychischen Erkrankungen können ergänzend Medikamente sinnvoll sein – die Entscheidung trifft immer eine Ärztin oder ein Arzt mit Ihnen gemeinsam.
Selbsthilfe zu Hause
- Spüren Sie frühzeitig in sich hinein: Was geht dem Drang voraus – ein bestimmtes Gefühl, ein Gedanke, eine Situation? Ein Tagebuch kann helfen, Muster zu erkennen.
- Wenn der Impuls kommt, versuchen Sie, ihn bewusst hinauszuzögern: Legen Sie eine Zeit von 15 Minuten fest, in der Sie etwas anderes tun – malen, duschen, Eiswürfel in der Hand halten, laut Musik hören.
- Suchen Sie nach milderen körperlichen Reizen als Ersatz, z.B. mit einer Bürste über die Haut streichen, in eine Chili-Beißnuss beißen oder sehr kaltes Wasser über die Unterarme laufen lassen.
- Bauen Sie eine persönliche Liste von Menschen auf, denen Sie vertrauen und die Sie im Ernstfall anrufen oder anschreiben können – das kann eine Freundin, ein Familienmitglied oder eine telefonische Beratungsstelle sein.
- Achten Sie darauf, Ihre Wunden sachgerecht zu versorgen, um Infektionen zu vermeiden. Ihr Hausarzt kann Ihnen dabei helfen, ohne zu verurteilen.
Medizinische Behandlungen
Im Zentrum stehen psychotherapeutische Verfahren. Besonders wirksam ist die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die gezielt dabei unterstützt, belastende Gefühle besser zu regulieren und Fertigkeiten zur Spannungsbewältigung einzuüben. Auch die kognitive Verhaltenstherapie (KVT) oder tiefenpsychologisch fundierte Ansätze können hilfreich sein. Je nach Leidensdruck und Begleiterkrankungen können ärztliche Gespräche über eine medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein – immer eingebettet in eine umfassende Begleitung. In schweren Fällen kann ein stationärer Aufenthalt helfen, um in einem geschützten Rahmen neue Stabilität zu finden.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit dem Thema Selbstverletzung ist oft von starkem Wechsel geprägt: manche Tage fühlen sich stabil an, an anderen ist der Drang sehr präsent. Wichtig ist, dass Sie sich erlauben, diesen Weg in Ihrem eigenen Tempo zu gehen. Rückschläge sind keine Niederlage, sondern Teil des Lernprozesses. Mit der Zeit werden Sie wahrscheinlich merken, dass die belastenden Gefühle besser handhabbar werden und Sie neue, gesündere Handlungsoptionen entwickeln.
Tipps für den Alltag
- Pflegen Sie soziale Kontakte, auch wenn es anfangs schwerfällt. Häufig hilft es, mit einer Person zu beginnen, der Sie vertrauen.
- Lernen Sie eine Entspannungstechnik wie progressive Muskelentspannung, achtsames Atmen oder Yoga, um innere Anspannung vorzubeugen.
- Sorgen Sie für ausreichend Schlaf. Erschöpfung macht verletzlicher für starke Gefühlsschwankungen.
- Setzen Sie sich kleine, realistische Ziele für den Tag, um Überforderung zu vermeiden.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung trägt zur allgemeinen Stabilität bei. Regelmäßige Bewegung – sei es ein Spaziergang, Tanzen zu Hause oder eine Sportart, die Ihnen Freude bereitet – kann helfen, Stress abzubauen und die Stimmung positiv zu beeinflussen. Es geht nicht um Leistung, sondern um einen Ausgleich.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Selbstverletzung geht oft mit Scham, Schuldgefühlen und dem Gefühl, „anders“ zu sein, einher. Das kann das Selbstvertrauen und Beziehungen belasten. Indem Sie sich Ihrer Gefühle annehmen und lernen, sie auszuhalten, wächst oft auch das Vertrauen in sich selbst und in andere. Professionelle Begleitung kann diesen Prozess unterstützen.
Vorbeugung
Es gibt keine sichere Methode, um Selbstverletzung bei jedem zu verhindern. Ein offener, wertfreier Umgang mit Gefühlen in Familien, Schulen und Freundeskreisen kann jedoch schützen. Frühzeitig zu lernen, wie man mit belastenden Situationen umgehen kann, ohne sich zu verletzen, ist eine wichtige Prävention. Auch wenn eine Behandlung psychischer Erkrankungen oftmals das Risiko senkt.
Früherkennungsprogramme
In der hausärztlichen oder pädiatrischen Praxis können kurze Fragen zum seelischen Wohlbefinden Teil der Vorsorge sein. Gezielte Screenings, zum Beispiel mit einfachen Fragebögen, helfen, versteckte Belastungen zu erkennen, bevor Selbstverletzung auftritt. Sprechen Sie Ihr Gegenüber ruhig an, wenn Sie sich Sorgen machen – das ist kein harmloses Nachfragen, sondern kann Türen öffnen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Zunehmende Schwere der Verletzungen, die lebensgefährliche Blutungen oder bleibende Narben zur Folge haben können.
- Wundinfektionen oder Blutvergiftung (Sepsis), wenn Wunden nicht ausreichend versorgt werden.
- Chronische Scham- und Schuldgefühle, die soziale Isolation verstärken und weitere psychische Erkrankungen begünstigen.
- Erhöhtes Risiko für Suizidgedanken und Suizidversuche, besonders wenn die Selbstverletzung mit einem Kreislauf aus Hoffnungslosigkeit einhergeht.
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Viele Menschen lernen mit der richtigen Unterstützung, ihre Krisen ohne Selbstverletzung zu überstehen. Der Weg kann anstrengend sein und Rückschläge beinhalten, aber dauerhafte Verbesserung ist realistisch. Entscheidend ist, dass Sie sich Hilfe suchen – niemand sollte diese Last allein tragen.
Unterstützung finden
Internationale Organisationen
Lokale Organisationen
- Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS) ↗ · Deutschland
- Nummer gegen Kummer e.V. – Kinder- und Jugendtelefon ↗ · Deutschland
Hilfetelefone
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 27. Juli 2026
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