Hyperemesis Gravidarum – starke Schwangerschaftsübelkeit und Erbrechen
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Hyperemesis gravidarum ist eine seltene, aber schwere Form von Übelkeit und Erbrechen in der Schwangerschaft. Dabei ist die werdende Mutter so stark betroffen, dass sie kaum etwas bei sich behalten kann. Dies kann zu Gewichtsverlust, Flüssigkeitsmangel und einem Ungleichgewicht der Salze (Elektrolyte) im Körper führen. Im Gegensatz zu gewöhnlicher Schwangerschaftsübelkeit bessert sich die Hyperemesis nicht von allein und braucht ärztliche Hilfe.
Wichtige Fakten
- Hyperemesis gravidarum ist eine ernsthafte Erkrankung, die behandelt werden muss.
- Sie tritt meist in den ersten Schwangerschaftsmonaten auf, kann aber länger anhalten.
- Die genaue Ursache ist nicht vollständig geklärt. Hormone und erbliche Faktoren spielen vermutlich eine Rolle.
- Ohne Behandlung kann Hyperemesis zu gefährlichen Komplikationen für Mutter und Kind führen.
- Es gibt wirksame Behandlungen, die Übelkeit und Erbrechen lindern und Komplikationen vorbeugen.
Nein, Hyperemesis gravidarum ist selten. Sie betrifft etwa 1 bis 3 von 100 Schwangeren. Häufigere, leichtere Schwangerschaftsübelkeit („Morgenübelkeit“) kommt dagegen bei etwa 70 bis 80 von 100 Schwangeren vor.
Hyperemesis gravidarum kann jede schwangere Frau treffen. Einige Frauen haben ein höheres Risiko, zum Beispiel wenn eine nahe Verwandte (Mutter oder Schwester) ebenfalls betroffen war oder wenn die Schwangerschaft mit Mehrlingen (Zwillinge) besteht. Auch wer bereits bei einer früheren Schwangerschaft Hyperemesis hatte, hat eine größere Wahrscheinlichkeit, erneut daran zu erkranken.
Symptome
- Rufen Sie sofort die 112 an, wenn Sie schwanger sind und zusätzlich zu starkem Erbrechen eines dieser Zeichen auftritt: Verwirrtheit oder Bewusstseinstrübung, Herzrasen, Krampfanfälle, starke Bauchschmerzen oder Blutungen.
- Wenn Sie gar nichts mehr bei sich behalten können und sich sehr schwach fühlen oder ohnmächtig werden, ist dies ein Notfall.
- ⚠Sie können über mehrere Stunden keine Flüssigkeit (Wasser, Tee, Brühe) bei sich behalten.
- ⚠Sie haben über 24 Stunden kaum Urin oder nur sehr dunklen Urin.
- ⚠Sie verlieren schnell an Gewicht (mehr als 2–3 kg in einer Woche).
- ⚠Sie fühlen sich stark schwindelig oder beim Aufstehen fast ohnmächtig.
- ⚠Sie erbrechen Blut oder bräunliches Material.
Häufige Symptome
- Anhaltende, sehr starke Übelkeit, die nicht aufhört
- Erbrechen mehrmals am Tag, oft auch nachts
- Unfähigkeit, Flüssigkeit oder Nahrung bei sich zu behalten
- Deutlicher Gewichtsverlust (mehr als 5 % des Körpergewichts)
- Zeichen von Flüssigkeitsmangel (trockene Lippen, dunkler Urin, seltenes Wasserlassen)
- Schwindelgefühl oder Ohnmachtsgefühl
- Müdigkeit und Erschöpfung
- Vermehrter Speichelfluss
- Empfindlichkeit gegenüber Gerüchen, die Übelkeit auslösen
Symptome bei Kindern
- Dieser Zustand betrifft nur schwangere Frauen, nicht Kinder. Bei Mädchen vor der Geschlechtsreife kommt sie nicht vor.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Hyperemesis gravidarum tritt nur in der Schwangerschaft auf und ist kein Zustand älterer Erwachsener.
Ursachen
Hauptursachen
- Die genaue Ursache ist nicht vollständig bekannt. Fachleute gehen davon aus, dass verschiedene Faktoren zusammenwirken.
- Eine wichtige Rolle spielt das Schwangerschaftshormon hCG (humanes Choriongonadotropin), das in der Frühschwangerschaft stark ansteigt.
- Auch das Hormon Östrogen und andere Stoffwechselveränderungen können zur Übelkeit beitragen.
- Manche Frauen haben eine erbliche Veranlagung, die sie empfindlicher für Übelkeitsreize macht.
- Psychische Belastung kann die Beschwerden verstärken, ist aber nicht die alleinige Ursache. Die Erkrankung ist körperlich und nicht „eingebildet“.
Risikofaktoren
- Erste Schwangerschaft
- Mehrlingsschwangerschaft (z. B. Zwillinge)
- Vorbestehende Tendenz zu Reiseübelkeit oder Migräne
- Übergewicht vor der Schwangerschaft
- Erkrankung der Schilddrüse
- Frühere Hyperemesis in einer vorherigen Schwangerschaft
- Häufige familiäre Fälle (Mutter, Schwester)
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie schwanger sind und wiederholt erbrechen, sodass Sie nichts bei sich behalten können, sollten Sie noch am selben Tag ärztliche Hilfe suchen.
- Bei Anzeichen von Austrocknung (trockene Zunge, eingefallene Augen, geringe Urinmenge) ist eine zeitnahe Untersuchung nötig.
- Wenn Sie mehr als 2 Kilogramm in einer Woche verlieren, kontaktieren Sie Ihre Frauenarztpraxis oder Ihre Hausarztpraxis.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie unter starker Übelkeit und Erbrechen leiden, die Sie im Alltag einschränken, sprechen Sie bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung darüber.
- Auch wenn Sie nur den Verdacht haben, dass es sich um mehr als normale Schwangerschaftsübelkeit handelt, lassen Sie es ärztlich abklären.
Diagnose
Die Diagnose stellt eine Ärztin oder ein Arzt (Frauenarzt/Frauenärztin, Hausarzt/Hausärztin oder im Krankenhaus). Sie erfolgt anhand der typischen Beschwerden, des körperlichen Untersuchungsbefunds und einigen Laboruntersuchungen. Die Ärztin oder der Arzt wird außerdem per Ultraschall prüfen, ob die Schwangerschaft unauffällig ist. In Deutschland orientiert sich die Diagnostik an der Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften).
Mögliche Untersuchungen
- Gespräch über die Beschwerden und die Krankengeschichte (Anamnese)
- Körperliche Untersuchung mit Gewichtsmessung und Blutdruckkontrolle
- Ultraschalluntersuchung zur Beurteilung der Schwangerschaft
- Blutuntersuchung zur Prüfung von Elektrolyten, Leberwerten und Schilddrüsenwerten
- Urinuntersuchung, um eine Harnwegsinfektion auszuschließen und den Flüssigkeitsstatus zu beurteilen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Untersuchung dauert meist nicht lange. Sie werden gebeten, Ihre Beschwerden zu schildern. Es kann sein, dass Sie Blut abgenommen bekommen und eine Urinprobe abgeben müssen. Die Ärztin oder der Arzt wird mit Ihnen besprechen, ob eine Behandlung zu Hause möglich ist oder ob eine vorübergehende Behandlung im Krankenhaus (zum Beispiel mit Infusionen) sinnvoll ist. Sie haben jederzeit das Recht, Fragen zu stellen und sich die Untersuchungsschritte erklären zu lassen.
Behandlung
Das Ziel der Behandlung ist, dass Sie ausreichend Flüssigkeit, Nährstoffe und Vitamine zu sich nehmen können und sich der Körper stabilisiert. Die Behandlung hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind. Bei leichteren Formen können Änderungen im Alltag und unterstützende Maßnahmen helfen. Bei schweren Formen ist eine Behandlung mit Medikamenten oder im Krankenhaus notwendig. In Deutschland gelten hierfür die Empfehlungen der AWMF-Leitlinie.
Selbsthilfe zu Hause
- Essen Sie kleine, häufige Mahlzeiten, statt große Portionen auf einmal.
- Trinken Sie über den Tag verteilt kleine Schlucke Wasser, Tee oder Brühe – am besten kühl.
- Meiden Sie stark riechende Speisen, fettiges oder scharfes Essen.
- Nehmen Sie Lebensmittel zu sich, die Sie gut vertragen, z. B. Cracker, Zwieback, Kartoffeln oder Bananen.
- Sorgen Sie für Ruhe und frische Luft; ein kurzer Spaziergang kann manchmal helfen.
- Vermeiden Sie Mahlzeiten direkt vor dem Schlafengehen.
- Stellen Sie sich morgens nicht zu schnell auf die Füße, sondern setzen Sie sich erst einen Moment hin.
Medizinische Behandlungen
Die Ärztin oder der Arzt kann verschiedene Medikamente einsetzen, die die Übelkeit lindern und das Erbrechen reduzieren. Diese Medikamente werden speziell für die Schwangerschaft ausgewählt und nach Abwägung von Nutzen und Risiko verordnet. Es werden keine bestimmten Namen genannt, weil die Auswahl individuell erfolgt. Zusätzlich können Vitamine wie Vitamin B6 (Pyridoxin) empfehlenswert sein. Bei starker Austrocknung kann eine intravenöse Flüssigkeitsgabe (Infusion) im Krankenhaus nötig sein. In manchen Fällen wird auch eine vorübergehende Ernährung über eine Magensonde erwogen, wenn eine ausreichende Nahrungsaufnahme anders nicht möglich ist.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei Hyperemesis gravidarum nicht erforderlich.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit Hyperemesis kann sehr belastend sein. Planen Sie Ruhezeiten ein und scheuen Sie sich nicht, Hilfe von Familie und Freunden anzunehmen. Es ist wichtig, dass Sie sich nicht überfordern. Hören Sie auf Ihren Körper und suchen Sie bei anhaltenden Beschwerden regelmäßig ärztlichen Rat. Die meisten Frauen erleben nach einigen Monaten eine Besserung, auch wenn die Zeit davor sehr schwer sein kann.
Tipps für den Alltag
- Viel Ruhe und Schlaf während akuter Schübe.
- Stress reduzieren durch Entspannungsübungen, Atemtechnik oder leichte Musik.
- Lüften Sie regelmäßig, um Gerüche zu vermeiden.
- Tragen Sie lockere Kleidung und vermeiden Sie enge Bündchen.
- Tauschen Sie sich mit Ihrer Frauenarztpraxis aus, wenn sich der Zustand verschlechtert.
- Nutzen Sie Unterstützung durch Partner, Familie oder Freunde im Haushalt.
Ernährung und Bewegung
Ernährung: Nehmen Sie bevorzugt trockene, kohlenhydrathaltige Lebensmittel zu sich (z. B. Zwieback, Kekse, Kartoffelpüree). Kleine Portionen über den Tag verteilt sind besser als große Mahlzeiten. Trinken Sie regelmäßig, aber in kleinen Mengen. Bewegung: Leichte Bewegung wie Spazierengehen an der frischen Luft kann die Verdauung anregen und das Wohlbefinden fördern. Verzichten Sie auf anstrengenden Sport, solange die Beschwerden stark sind. Hören Sie immer auf die Signale Ihres Körpers.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Hyperemesis gravidarum ist körperlich und seelisch sehr belastend. Viele betroffene Frauen fühlen sich erschöpft, ängstlich oder niedergeschlagen. Es ist wichtig, diese Gefühle ernst zu nehmen. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber. Wenn Sie das Gefühl haben, allein nicht zurechtzukommen, holen Sie sich professionelle Unterstützung. Psychologische Beratung kann helfen, mit der Situation umzugehen. Denken Sie daran: Diese Zeit ist nicht Ihre Schuld, und Sie sind keine Last – Sie haben ein Recht auf Hilfe.
Vorbeugung
Eine sichere Vorbeugung gibt es nicht, da die genaue Ursache nicht bekannt ist. Bei Frauen mit früherer Hyperemesis kann eine frühe ärztliche Betreuung helfen, die Beschwerden rechtzeitig zu behandeln und schweren Verläufen vorzubeugen. Es ist daher ratsam, bereits bei Schwangerschaftswunsch oder ganz zu Beginn der Schwangerschaft mit der Ärztin oder dem Arzt über das Risiko zu sprechen.
Impfungen
Für Hyperemesis gravidarum gibt es keine Schutzimpfung. Allgemeine Impfungen in der Schwangerschaft sollten Sie mit Ihrer Frauenarztpraxis besprechen.
Früherkennungsprogramme
Es gibt kein routinemäßiges Screening, das eine Hyperemesis vorhersagt. Im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge wird jedoch Gewicht, Blutdruck und Allgemeinzustand regelmäßig kontrolliert. Wenn Sie ungewöhnliche Beschwerden haben, bringen Sie diese aktiv beim Arzt oder bei der Ärztin zur Sprache.
Komplikationen
Unbehandelt
- Austrocknung und Mangel an wichtigen Salzen (Elektrolyte), was zu Herzrhythmusstörungen führen kann.
- Mangel an Vitamin B1 (Thiamin), der Nervenschäden verursachen kann.
- Mangelernährung mit Gewichtsverlust und Schwäche.
- Erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel in den Beinen (Thrombose).
- In sehr schweren Fällen kann es zu Leberschäden oder Nierenproblemen kommen.
- Die seelische Belastung kann zu Depressionen oder Angststörungen führen.
Langzeitprognose
Mit der richtigen Behandlung ist die Prognose in den allermeisten Fällen gut. Die meisten Frauen and ihre Babys kommen gesund durch die Schwangerschaft. Die Beschwerden bessern sich häufig bis zur 20. Schwangerschaftswoche, bei manchen Frauen auch später. Auch wenn die Zeit sehr herausfordernd ist: Es gibt wirksame Therapien und Unterstützung. Sie müssen diese Krankheit nicht allein durchstehen – scheuen Sie sich nicht, Hilfe zu suchen.
Unterstützung finden
Lokale Organisationen
- Frauenarzt/Frauenärztin in Ihrer Nähe · Deutschland
- Hausarzt/Hausärztin – kann Sie beraten und überweisen · Deutschland
- Hebamme in Ihrer Nähe · Deutschland
Hilfetelefone
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2026
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