Schilddrüsenentzündung nach der Geburt (Postpartale Thyreoiditis)
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Die postpartale Thyreoiditis ist eine vorübergehende Entzündung der Schilddrüse, die nach einer Geburt auftreten kann. Bei dieser Entzündung greift das eigene Immunsystem die Schilddrüse an, was zu einem schwankenden Hormonspiegel führen kann. Bei vielen Frauen heilt die Entzündung von selbst aus, manchmal kann sie aber auch dauerhafte Schilddrüsenprobleme hinterlassen.
Wichtige Fakten
- Tritt meist in den ersten 6 bis 12 Monaten nach der Geburt auf.
- Verläuft oft in zwei Phasen: erst zu viele Schilddrüsenhormone (Überfunktion), später zu wenige (Unterfunktion).
- Die Beschwerden können Wochen bis Monate anhalten, oft verschwinden sie wieder von selbst.
- Nach einer postpartalen Thyreoiditis besteht ein erhöhtes Risiko, später eine dauerhafte Schilddrüsenunterfunktion zu entwickeln.
Sie ist eine der häufigsten Schilddrüsenerkrankungen nach der Schwangerschaft. Schätzungsweise 5 von 100 Frauen sind nach der Geburt betroffen.
Nur Frauen, die gerade ein Kind bekommen haben. Besonders betroffen sind Frauen, die bereits Antikörper gegen die eigene Schilddrüse haben, an Typ-1-Diabetes leiden oder in der Familie Schilddrüsenerkrankungen kennen.
Symptome
- Sehr schneller oder unregelmäßiger Herzschlag, der mit Atemnot oder Brustschmerzen einhergeht
- Verwirrtheit, Ohnmacht oder Krampfanfälle
- Fieber über 39 °C mit starkem Krankheitsgefühl
- ⚠Anhaltendes Herzrasen auch in Ruhe
- ⚠Dauerhafte starke Erschöpfung, die den Alltag unmöglich macht
- ⚠Schwere depressive Verstimmungen, besonders mit Gedanken an Selbstverletzung oder Suizid
- ⚠Sichtbare Vergrößerung der Schilddrüse mit Schluckbeschwerden
Häufige Symptome
- Starke Müdigkeit und Erschöpfung trotz ausreichend Schlaf
- Herzrasen oder Herzklopfen
- Unruhe, Nervosität oder Gereiztheit
- Wärmeunverträglichkeit und vermehrtes Schwitzen
- Gewichtsverlust ohne Diät (in der Überfunktionsphase)
- Später: Kältegefühl, trockene Haut, Gewichtszunahme, Verstopfung und depressive Verstimmung (in der Unterfunktionsphase)
- Halsbeschwerden oder ein Druckgefühl am Hals
Symptome bei Kindern
- Nicht zutreffend – diese Erkrankung betrifft nur Mütter nach der Geburt, nicht Kinder.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Nicht zutreffend – die postpartale Thyreoiditis tritt ausschließlich im ersten Jahr nach einer Geburt auf, also nicht bei älteren Menschen.
Ursachen
Hauptursachen
- Nach der Geburt verändert sich das Immunsystem stark. Es kann dabei die Schilddrüse angreifen und eine Entzündung auslösen.
- Bei vielen Frauen sind bereits vor der Schwangerschaft sogenannte Schilddrüsen-Antikörper im Blut vorhanden – das sind Eiweiße, die fälschlicherweise das eigene Schilddrüsengewebe angreifen.
- Die Entzündung führt erst zu einem Austreten von gespeicherten Schilddrüsenhormonen (Überfunktion), später oft zu einer verminderten Hormonproduktion (Unterfunktion).
Risikofaktoren
- Vorbekannte Schilddrüsen-Antikörper (TPO-Antikörper)
- Typ-1-Diabetes mellitus
- Andere Autoimmunerkrankungen, z. B. Hashimoto-Thyreoiditis oder Basedow-Krankheit in der Vorgeschichte
- Schilddrüsenerkrankungen in der Familie
- Frühere postpartale Thyreoiditis bei einer früheren Geburt
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Bei Herzrasen mit Atemnot oder Schmerzen im Brustkorb sollten Sie sofort den Notruf 112 wählen.
- Bei schweren Depressionen, besonders bei Gedanken an Selbstverletzung, suchen Sie noch am selben Tag ärztliche Hilfe auf oder wählen die Telefonseelsorge.
- Bei anhaltendem Herzrasen oder sehr starkem Unwohlsein suchen Sie noch am selben Tag eine Ärztin oder einen Arzt auf.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie nach der Geburt anhaltend müde sind, an Gewicht zunehmen oder abnehmen, starke Stimmungsschwankungen haben oder einen druckenden Hals spüren, sollten Sie einen Termin bei Ihrer Hausärztin, Ihrem Hausarzt oder in der gynäkologischen Praxis vereinbaren.
- Auch wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Beschwerden normal sind: Ein ärztliches Gespräch hilft weiter.
Diagnose
Die Diagnose wird von der Ärztin oder dem Arzt gestellt. Sie fragen nach Ihren Beschwerden und der Zeit nach der Geburt und nehmen Blut ab. Die Blutwerte zeigen, ob die Schilddrüse zu viel oder zu wenig Hormone produziert und ob Antikörper gegen die Schilddrüse vorhanden sind. In Deutschland orientieren sich Ärztinnen und Ärzte dabei an den Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften).
Mögliche Untersuchungen
- Bluttest auf die Schilddrüsenhormone TSH, fT3 und fT4
- Bluttest auf Schilddrüsen-Antikörper (TPO-Antikörper)
- In manchen Fällen: Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse, um Größe und Gewebe zu beurteilen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Beim Arztbesuch werden zuerst die Beschwerden besprochen. Danach erfolgt die Blutentnahme. Je nach Befund kann es nötig sein, die Blutwerte über mehrere Wochen oder Monate erneut zu kontrollieren, da sich der Hormonspiegel verändern kann. Die Untersuchung ist ungefährlich und die Ergebnisse liegen meist nach wenigen Tagen vor.
Behandlung
In vielen Fällen ist keine Behandlung nötig, weil die Entzündung von selbst abklingt. Nur wenn die Beschwerden stark sind oder die Schilddrüsenwerte längere Zeit deutlich zu niedrig sind, gibt es eine Behandlung. Wichtig ist, die Schilddrüsenwerte regelmäßig zu kontrollieren, bis sie sich normalisiert haben.
Selbsthilfe zu Hause
- Gönnen Sie sich ausreichend Ruhe und Schlaf – auch wenn der Alltag mit Baby anstrengend ist.
- Planen Sie Entlastung ein: Bitten Sie Partner, Familie oder Freunde um Unterstützung.
- Reduzieren Sie Stress, zum Beispiel durch kurze Spaziergänge, Atemübungen oder Entspannungsverfahren.
- Achten Sie auf ausreichend Flüssigkeit und eine ausgewogene Ernährung.
- Besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, ob Sie Jod in Form von Nahrungsergänzungen meiden sollten – das ist nicht in allen Phasen der Erkrankung ratsam.
Medizinische Behandlungen
Je nach Phase der Entzündung kann die Ärztin oder der Arzt Medikamente verschreiben. In der Phase mit Überfunktion helfen manchmal Mittel, die Herzrasen und Nervosität lindern – diese werden aber nur vorübergehend eingesetzt. In der Phase mit Unterfunktion kann ein Schilddrüsenhormon verschrieben werden, das die fehlenden Hormone ersetzt. Welche Behandlung für Sie geeignet ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit Ihnen. Nehmen Sie keine Schilddrüsenmedikamente auf eigene Faust ein.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei der postpartalen Thyreoiditis nicht erforderlich.
Leben mit der Erkrankung
Die Erkrankung kann Wochen bis Monate andauern. Planen Sie Ihren Alltag so, dass Sie genügend Pausen einlegen können. Lassen Sie sich von Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt regelmäßig Blutwerte kontrollieren, damit eventuelle Veränderungen früh erkannt werden. Viele Frauen fühlen sich nach einigen Monaten wieder völlig gesund.
Tipps für den Alltag
- Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst – ein ruhiger Spaziergang oder ein warmes Bad können wohltun.
- Sprechen Sie offen mit Ihrem Partner oder Ihrer Partnerin über Ihre Beschwerden und Gefühle.
- Akzeptieren Sie, dass Ihr Körper Zeit braucht, um sich zu erholen.
- Vermeiden Sie übermäßigen Koffeinkonsum, da dieser Herzrasen verstärken kann.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Obst, Gemüse und Vollkornprodukten unterstützt die Erholung. Bewegung in Maßen – zum Beispiel Spazierengehen oder sanftes Yoga – hilft, den Kreislauf zu stabilisieren und die Stimmung zu heben. Bei starken Beschwerden sollten Sie anstrengenden Sport vermeiden. Fragen Sie im Zweifel Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die schwankenden Hormonwerte können Stimmungsschwankungen, Traurigkeit oder Angst auslösen. Das ist nicht Ihre Schuld und nicht nur „Kopfkino“ – es hat eine körperliche Ursache. Wenn sich eine depressive Verstimmung festsetzt oder Sie keinen Antrieb mehr spüren, suchen Sie ärztliche Hilfe. Auch eine psychologische Beratung kann sehr unterstützend sein.
Vorbeugung
Die postpartale Thyreoiditis lässt sich nicht sicher verhindern, weil sie eine immunologische Reaktion ist. Bei Frauen mit bekannten Risikofaktoren kann die Schilddrüsenfunktion jedoch schon in der Schwangerschaft und nach der Geburt besonders gut überwacht werden, damit Probleme früh erkannt werden.
Impfungen
Für diese Erkrankung gibt es keine Impfung.
Früherkennungsprogramme
Wenn Sie ein erhöhtes Risiko haben, zum Beispiel durch Antikörper oder Diabetes, kann Ihre Frauenärztin oder Ihr Frauenarzt die Schilddrüsenwerte nach der Geburt im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen kontrollieren. Sprechen Sie Ihre Wünsche und Sorgen aktiv an.
Komplikationen
Unbehandelt
- Längere Phasen mit zu vielen oder zu wenigen Schilddrüsenhormonen können das Herz belasten, zum Beispiel durch Herzrhythmusstörungen.
- Eine unbehandelte Unterfunktion kann zu starker Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und depressiven Verstimmungen führen.
- In seltenen Fällen kann die Entzündung zu einer dauerhaften Unterfunktion führen, die langfristig behandelt werden muss.
Langzeitprognose
Die Prognose ist insgesamt gut. Bei den meisten Frauen klingt die Entzündung innerhalb von 6 bis 12 Monaten von selbst ab. Nur ein Teil der Betroffenen entwickelt später eine dauerhafte Unterfunktion, die sich dann gut mit Medikamenten behandeln lässt. Mit regelmäßigen Kontrollen und der richtigen Unterstützung ist die Erkrankung gut in den Griff zu bekommen. Sie haben also guten Grund, zuversichtlich zu sein.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2026
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