Marfan-Syndrom: verstehen und sicher leben
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Das Marfan-Syndrom ist eine seltene, angeborene Erkrankung des Bindegewebes. Bindegewebe ist die ‚Stützsubstanz‘ des Körpers, die Organe, Knochen und Muskeln zusammenhält. Beim Marfan-Syndrom ist dieses Gewebe schwächer als normal. Das kann Herz und Blutgefäße, Knochen, Augen und Lunge betreffen.
Wichtige Fakten
- Es ist eine Erbkrankheit, die von den Eltern weitergegeben werden kann.
- Viele Betroffene sind sehr groß und haben lange Arme, Beine und Finger.
- Der wichtigste Punkt ist die regelmäßige Untersuchung von Herz und großer Körperschlagader (Aorta).
- Ohne Kontrolle können schwere Komplikationen auftreten, mit Kontrolle ist die Lebenserwartung aber oft normal.
Das Marfan-Syndrom ist selten. Etwa 1 von 5.000 Menschen ist betroffen.
Es betrifft Männer und Frauen gleich häufig und ist von Geburt an vorhanden. Manchmal wird es aber erst im Jugend- oder Erwachsenenalter entdeckt.
Symptome
- Plötzlich auftretende, sehr starke Schmerzen in der Brust oder im Rücken – das kann ein Riss der Hauptschlagader sein.
- Plötzliche Atemnot
- Plötzlicher Sehverlust auf einem Auge
- Bewusstlosigkeit oder Kollaps
- ⚠Neue oder zunehmende Brustschmerzen
- ⚠Herzrasen oder unregelmäßiger Herzschlag
- ⚠Anschwellen der Beine oder Knöchel
- ⚠Fieber oder starke Kopfschmerzen (wenn behandlungsbedürftige Infektion möglich ist)
Häufige Symptome
- Sehr schlanke, große Erscheinung mit langen Armen, Beinen und Fingern
- Übermäßig bewegliche Gelenke
- Verkrümmte Wirbelsäule (Skoliose)
- Trichterbrust oder Krähenbrust (Brustbein ist nach innen bzw. nach außen gewölbt)
- Plattfüße
- Kurzsichtigkeit
- Schwaches Bindegewebe macht sich oft durch kleine Risse in der Haut (Dehnungsstreifen) bemerkbar
- Erweiterung der Körperschlagader (Aorta) – oft ohne Beschwerden
Symptome bei Kindern
- Bereits im Kindesalter kann eine Verlagerung der Augenlinse auffallen.
- Herzgeräusche durch undichte Herzklappen
- Schnelles Wachstum der Gliedmaßen in der Pubertät
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Im höheren Alter können Herz- und Gefäßbeschwerden wie Atemnot oder Herzschmerzen hinzukommen.
- Augenprobleme wie Grauer Star können früher auftreten.
Ursachen
Hauptursachen
- Veränderung (Mutation) im FBN1-Gen, das die Anleitung für ein Bindegewebs-Eiweiß bildet
- Etwa 3 Viertel der Fälle erben sie von einem Elternteil. In jedem 4. Fall entsteht die Veränderung neu bei der betroffenen Person.
Risikofaktoren
- Ein Elternteil mit Marfan-Syndrom
- Geschwister oder andere Verwandte mit der Erkrankung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie plötzliche starke Brust- oder Rückenschmerzen haben, zögern Sie nicht und rufen Sie die 112 an.
- Bei plötzlicher Atemnot oder Sehverlust ebenfalls sofort den Notruf wählen.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie sehr groß sind, lange Gliedmaßen und andere genannte Merkmale haben, sprechen Sie in der Hausarztpraxis vor.
- Wenn in der Familie bereits ein Fall bekannt ist, lassen Sie sich im Rahmen einer Vorsorgeuntersuchung ärztlich untersuchen.
Diagnose
Die Ärztin oder der Arzt untersucht den Körper, fragt nach Beschwerden in der Familie und ordnet ein Röntgenbild oder Ultraschall des Herzens an. Der Befund wird mit internationalen Kriterien abgeglichen. Ärztinnen und Ärzte orientieren sich dabei auch an medizinischen Leitlinien, zum Beispiel der AWMF.
Mögliche Untersuchungen
- Ultraschall des Herzens (Echokardiografie) – damit lässt sich die Breite der Aorta messen.
- Augenärztliche Untersuchung mit Spaltlampe – um die Linsenstellung zu prüfen.
- Genetischer Bluttest – sucht nach der Veränderung im FBN1-Gen.
- Elektrokardiogramm (EKG) – zeichnet die Herzströme auf.
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Diagnose kann Sie beschäftigen. Die Ärzte werden dann einen Untersuchungsplan aufstellen. Die Kontrollen finden meist 1-mal im Jahr statt, manchmal öfter. Wichtig: Teilen Sie alle neuen Symptome mit.
Behandlung
Das Marfan-Syndrom ist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Ziel ist, Komplikationen wie einen Aortariss zu verhindern. Das gelingt am besten durch enge ärztliche Überwachung und – wenn nötig – Medikamente oder Operationen.
Selbsthilfe zu Hause
- Gehen Sie regelmäßig zu den geplanten Kontrollen – das ist der wichtigste Schutz.
- Vermeiden Sie Sportarten, bei denen es zu Stößen oder Übertreibung kommt, z.B. Boxen, Judo oder Gewichtheben.
- Bei jedem Eingriff (auch beim Zahnarzt) die Ärzteschaft über das Marfan-Syndrom informieren.
- Melden Sie neue Symptome sofort – keine Sorge, dies ist Teil eines gesunden Umgangs.
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung umfasst in erster Linie Medikamente, die den Blutdruck senken. Das entlastet die Aorta und verringert das Risiko eines Risses. Je nach Befund werden auch begleitende Therapien wie eine Brille oder eine Einlagen zur Fußunterstützung verordnet. Die Medikamente werden individuell von Ihrem ärztlichen Team gewählt.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation wird notwendig, wenn die Aorta eine bestimmte Weite erreicht hat oder eine Herzklappe so undicht ist, dass sie das Herz belastet. Dies entscheidet die Herzchirurgie anhand von regelmäßigen Kontrollen.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag können Sie viel selbst tun. Die wichtigste Regel ist: Hören Sie auf Ihren Körper. Vermeiden Sie schwere körperliche Belastungen und alles, was den Körper stark anstößt. Planen Sie regelmäßige Pausen ein.
Tipps für den Alltag
- Nur Sport treiben, den Ihr medizinisches Team erlaubt hat – gut geeignet sind meist leichte Ausdauerübungen wie Spazierengehen oder Schwimmen.
- Auf das Rauchen verzichten, da es die Gefäße schädigt.
- Gesund schlafen und Stress reduzieren – das hilft dem Kreislauf.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten unterstützt den Herz-Kreislauf. Salz und Fertigprodukte – die den Blutdruck erhöhen können – sollten Sie einschränken. Bei Bewegung gilt: maßvoll und in Absprache mit dem Arzt, keine maximalen Kraftanstrengungen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine chronische Erkrankung kann Verunsicherung und Ängste auslösen. Sprechen Sie offen mit Ihrem medizinischen Team. Wer Angst vor Herzkomplikationen hat, kann auch eine psychologische Beratung oder eine Selbsthilfegruppe nutzen.
Vorbeugung
Das Marfan-Syndrom selbst lässt sich nicht verhindern, weil es auf den Genen beruht. Aber es lassen sich viele Komplikationen verhindern: mit früher Diagnose, Kontrollen und einer angepassten Lebensweise.
Impfungen
Gegen das Marfan-Syndrom selbst gibt es keine Impfung. Die allgemeinen Schutzimpfungen, wie zum Beispiel gegen Grippe und Coronaviren, werden empfohlen – sie schützen das Herz und die Lunge.
Früherkennungsprogramme
Wenn bei einem Familienmitglied ein Marfan-Syndrom festgestellt wurde, sollten auch enge Verwandte (Eltern, Geschwister, Kinder) medizinisch untersucht werden. Das ist eine wichtige Vorbeugung.
Komplikationen
Unbehandelt
- Riss (Dissektion) der Körperschlagader – ein lebensbedrohlicher Notfall
- Herzklappenfehler, die das Herz schwächen
- Starke Sehverschlechterung bis hin zur Netzhautablösung
- Lungenkollaps (Pneumothorax)
Langzeitprognose
Die Aussichten sind heute deutlich besser als früher. Mit regelmäßigen Kontrollen, einer angepassten Behandlung und einem gesunden Lebensstil erreichen die meisten Menschen ein normales, erfülltes Leben. Die Diagnose ist der erste Schritt, um gut für sich zu sorgen.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2026
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