Trichotillomanie (Haareausreißen)
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Trichotillomanie (ausgesprochen: Tri-cho-til-lo-ma-nie) ist eine psychische Störung, bei der Menschen den wiederkehrenden Drang verspüren, sich die eigenen Haare auszureißen – zum Beispiel auf dem Kopf, an den Augenbrauen oder Wimpern. Es ist keine schlechte Angewohnheit, sondern ein ernstzunehmendes Verhalten, das sich mit einer Therapie gut behandeln lässt. Die Betroffenen spüren oft eine Anspannung, die das Ausreißen kurzfristig löst, aber danach kommen Scham und Schuldgefühle.
Wichtige Fakten
- Es gehört zu den sogenannten körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen (BFRB).
- Die meisten Menschen können das Verhalten mit Verhaltenstherapie deutlich reduzieren.
- Es betrifft Männer und Frauen, beginnt meist im Jugend- oder jungen Erwachsenenalter.
Etwa ein bis zwei von 100 Menschen erleben im Laufe ihres Lebens eine Phase, in der sie zwanghaft Haare ausreißen. Das bedeutet: Viele Menschen sind betroffen, aber nur wenige sprechen darüber.
Trichotillomanie kann in jedem Alter auftreten, fängt aber am häufigsten in der Pubertät an. Mädchen und Frauen suchen öfter ärztliche Hilfe, aber auch Jungen und Männer sind betroffen.
Symptome
- Wenn Sie das dringende Gefühl haben, sich selbst ernsthaft verletzen zu wollen oder starke Gedanken an Tod oder Selbstmord haben – rufen Sie sofort die 112 oder lassen Sie sich von einer anderen Person dorthin begleiten.
- Wenn Sie durch das Haareausreißen eine schwer blutende Wunde verursacht haben, die nicht aufhört zu bluten.
- ⚠Wenn sich die Haut an den betroffenen Stellen entzündet, eitert oder stark schmerzt – das kann ein Zeichen einer Infektion sein und sollte noch am selben Tag ärztlich untersucht werden.
- ⚠Wenn Sie eine plötzliche, sehr starke Zunahme des Haareausreißens erleben, die Sie im Alltag völlig einnimmt.
Häufige Symptome
- Wiederholtes Ausreißen von Haaren an Kopf, Augenbrauen, Wimpern oder anderen Körperstellen
- Ein Gefühl von Anspannung oder Unruhe vor dem Ausreißen, gefolgt von Erleichterung oder Zufriedenheit danach
- Kahle Stellen oder lichte Areale, die sich nicht durch natürlichen Haarausfall erklären lassen
- Mit den ausgerissenen Haaren spielen, daran riechen oder sie in den Mund nehmen
- Das Verhalten wird versteckt, zum Beispiel durch Perücken, Haarteile oder Kopfbedeckungen
Symptome bei Kindern
- Auszupfen von Haaren, oft unbewusst beim Fernsehen oder bei Langeweile
- Eltern bemerken kahle Stellen am Kopf oder ausgerissene Wimpern
- Kinder haben oft Schwierigkeiten, das Verhalten einzugestehen, und sagen manchmal, dass sie es nicht bemerkt haben
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Erwachsene können mit Trichotillomanie auch neu beginnen, zum Beispiel bei Stress oder Einsamkeit
- Das Verhalten kann mit anderen Gesundheitsproblemen verwechselt werden, daher ist eine genaue Abklärung wichtig
Ursachen
Hauptursachen
- Die genaue Ursache ist noch nicht vollständig geklärt – Fachleute gehen von einem Zusammenspiel aus erblichen und psychologischen Faktoren aus.
- Das Ausreißen von Haaren wird oft als ein Weg beschrieben, mit Stress oder negativen Gefühlen umzugehen – es wirkt vorübergehend wie eine Spannungsentlastung, macht aber auf Dauer nicht glücklich.
Risikofaktoren
- Chronischer Stress oder Überforderung
- Langeweile oder Phasen, in denen man viel allein ist
- Angst, Anspannung oder Wut
- Eine familiäre Vorbelastung mit psychischen Erkrankungen oder körperbezogenen repetitiven Verhaltensweisen
- Perfektionismus und das Bedürfnis, starke Gefühle zu kontrollieren
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie offene Wunden oder Infektionszeichen an der Kopfhaut sehen
- Wenn das Haareausreißen den Alltag stark beeinträchtigt und Sie sich nicht mehr selbst helfen können
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder Ihr Kind unter Trichotillomanie leiden
- Wenn Sie sich schämen oder eine große Anspannung erleben, ohne zu wissen warum
- Wenn Sie schon länger über das Verhalten sprechen möchten, aber nicht wissen, wie
Diagnose
Die Diagnose wird in einem ausführlichen Gespräch gestellt. Meist ist eine Hausärztin, ein Hausarzt oder eine psychiatrische Fachperson die richtige Anlaufstelle. Die Ärztin oder der Arzt fragt genau nach dem Verhalten, den Gedanken und Gefühlen dazu. Wichtig ist, auch andere Ursachen für Haarausfall wie Schilddrüsen- oder Hauterkrankungen auszuschließen.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung der betroffenen Hautstellen
- Blutentnahme, wenn der Arzt oder die Ärztin eine andere Ursache für den Haarausfall vermutet
- Ein ausführliches Gespräch (Anamnese) – das ist das wichtigste „Testverfahren“
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie müssen keine Angst vor der Untersuchung haben. Es ist ein normales Gespräch, ähnlich wie beim ersten Besuch bei einer neuen Ärztin. Sie können sagen, dass Sie unsicher sind – und die Fachperson wird Ihnen helfen, das Thema offen anzusprechen. In Deutschland orientieren sich Ärztinnen und Ärzte an den AWMF-Leitlinien, die eine gründliche Diagnostik empfehlen.
Behandlung
Eine Trichotillomanie ist gut behandelbar. Die wirksamste Behandlung ist eine Verhaltenstherapie, bei der Sie lernen, die Auslöser zu erkennen und alternative Handlungen einzusetzen. Es gibt verschiedene Methoden, etwa das Training zur Gewohnheitsumkehr (englisch: Habit Reversal Therapy). Manche Menschen profitieren zusätzlich von Entspannungsverfahren, Achtsamkeit und dem Austausch in Selbsthilfegruppen.
Selbsthilfe zu Hause
- Führen Sie ein kleines Tagebuch, um herauszufinden, in welchen Situationen Sie zu den Haaren greifen (z. B. beim Lesen, Nachdenken, Fernsehen).
- Suchen Sie sich eine Ersatzhandlung, die die Hände beschäftigt, zum Beispiel das Kneten eines Stressballs, Zeichnen oder das Drehen eines Rings.
- Entfernen Sie Werkzeuge, die das Ausreißen erleichtern (z. B. Spiegel in bestimmten Räumen) – das ist kein Wegschauen, sondern ein Schutzrahmen für sich selbst.
- Sprechen Sie mit einer vertrauten Person über Ihr Verhalten – das nimmt Druck und Scham.
Medizinische Behandlungen
Medikamente sind nicht die erste Wahl. In manchen Fällen kann eine Ärztin oder ein Arzt eine medikamentöse Begleittherapie vorschlagen, zum Beispiel wenn zusätzlich eine Depression oder eine Angststörung vorliegt. Die Entscheidung wird immer individuell getroffen. Es gibt aktuell kein Medikament, das ausdrücklich für Trichotillomanie zugelassen ist – verordnet wird nur in Einzelfällen, immer unter strenger ärztlicher Kontrolle. Eine Psychotherapie bleibt die Basis.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit Trichotillomanie kann herausfordernd sein, gerade weil das Verhalten oft automatisch abläuft. Gehen Sie mitfühlend mit sich selbst um: Rückfälle sind oft Teil des Weges. Nutzen Sie Strategien, die Sie in der Therapie gelernt haben, und bauen Sie sich ein Umfeld auf, das Sie unterstützt – zum Beispiel indem Sie nahestehenden Menschen erklären, was Ihnen hilft.
Tipps für den Alltag
- Sorgen Sie für einen regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus.
- Bauen Sie regelmäßige Bewegung in den Tag ein – das hilft, Spannung abzubauen.
- Planen Sie bewusste Pausen für sich ein, ohne Reizüberflutung.
- Reduzieren Sie Stress, wo es möglich ist, zum Beispiel durch Achtsamkeitsübungen.
Ernährung und Bewegung
Eine gesunde, ausgewogene Ernährung hält Haut und Haar in gutem Zustand – das ist unterstützend, aber kein „Heilmittel“ für das Ausreißen. Bewegung ist besonders hilfreich, weil sie auf natürliche Weise Anspannung und innere Unruhe abbaut.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Trichotillomanie geht oft mit Scham, Schuldgefühlen und einem verringerten Selbstwertgefühl einher. Es ist wichtig zu wissen, dass Sie keine Charakterschwäche haben, sondern eine medizinisch anerkannte Störung. Im Austausch mit anderen Betroffenen oder in einer Therapie können Sie lernen, sich selbst wieder wertzuschätzen.
Vorbeugung
Man kann nicht verhindern, dass eine Trichotillomanie entsteht. Aber man kann frühzeitig reagieren: Wenn Sie bemerken, dass Sie regelmäßig Haare ausreißen oder dass es einem Kind passiert, ist es wichtig, schnell mit einer fachkundigen Person zu sprechen. Eine frühe Verhaltenstherapie kann verhindern, dass sich das Verhalten verfestigt.
Komplikationen
Unbehandelt
- Anhaltende kahle Stellen, die nur schwer zurückwachsen
- Hautentzündungen oder Infektionen an den betroffenen Stellen
- Zunehmende Scham und sozialer Rückzug, manchmal bis hin zu Angst und Depression
- Schwierigkeiten in Schule, Beruf oder Beziehung wegen des versteckten Verhaltens
Langzeitprognose
Die Prognose ist sehr gut, wenn Sie Unterstützung bekommen. Viele Menschen schaffen es, mit einer geeigneten Verhaltenstherapie das Haareausreißen stark zu reduzieren oder ganz aufzuhören. Auch nach Rückschlägen ist eine Besserung möglich – der Weg ist oft nicht geradlinig, aber er führt nach vorne.
Unterstützung finden
Internationale Organisationen
Hilfetelefone
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 2. August 2026
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