Atonischer Anfall: Was Sie wissen sollten
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Ein atonischer Anfall ist eine kurze Störung des Gehirns, bei der die Spannung der Muskulatur plötzlich und kurzzeitig verloren geht. Das kann dazu führen, dass Sie oder Ihr Kind schlaff werden, der Kopf nach vorn fällt oder der ganze Körper zusammenbricht wie ein zusammenklappbares Taschenmesser. Der Anfall dauert meist nur wenige Sekunden bis zu einer Minute. Die betroffene Person erholt sich danach oft schnell, kann sich aber beim Sturz verletzen.
Wichtige Fakten
- Ein atonischer Anfall ist eine Form von epileptischem Anfall, bei dem die Muskeln plötzlich erschlaffen.
- Die Betroffenen können stürzen und sich verletzen, weil die Beine plötzlich nachgeben.
- Atonische Anfälle treten häufig im Kindesalter auf, können aber auch Erwachsene betreffen.
Atonische Anfälle sind im Vergleich zu anderen Anfallsarten wie zum Beispiel dem generalisierten tonisch-klonischen Anfall (früher „großer Anfall“ genannt) eher selten. Sie kommen oft im Rahmen bestimmter Epilepsie-Syndromen vor, die im Kindesalter beginnen.
Atonische Anfälle können in jedem Alter auftreten, am häufigsten beginnen sie jedoch im Kindesalter, zum Beispiel bei einem sogenannten Lennox-Gastaut-Syndrom. Auch Menschen mit einer Verletzung oder Erkrankung des Gehirns können atonische Anfälle entwickeln.
Symptome
- Wenn der Anfall länger als fünf Minuten dauert
- Wenn sich Anfälle in kurzen Abständen wiederholen
- Wenn sich der Betroffene beim Sturz den Kopf oder andere Körperteile schwer verletzt hat
- Wenn der Betroffene nach dem Anfall nicht zu sich kommt oder nicht normal atmet
- Wenn der Anfall zum ersten Mal auftritt
- ⚠Wenn sich im Alltag neue Anfallsarten zeigen
- ⚠Wenn Verletzungen etwa durch Stürze entstanden sind, die nicht sofort notfallmäßig behandelt werden müssen
- ⚠Wenn die Häufigkeit der Anfälle deutlich zunimmt
Häufige Symptome
- Plötzlicher Verlust der Muskelspannung in einzelnen Körperteilen
- Der Kopf fällt nach vorn oder zur Seite
- Ein kurzes Einknicken der Knie oder ein kompletter Zusammenbruch
- Der Betroffene stürzt ohne Vorwarnung zu Boden
- Häufig keine Bewusstlosigkeit, aber kurzzeitiges Nichtreagieren
Symptome bei Kindern
- Kinder können plötzlich im Stehen oder Laufen zu Boden sinken
- Der Kopf kann beim Sitzen nach vorn sacken
- Es kann aussehen, als ob das Kind stolpert oder kurz wegkippt
- Manchmal rutscht das Kind vom Stuhl oder lässt Gegenstände fallen, weil die Hand schlaff wird
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Atonische Anfälle können als Stürze fehlgedeutet werden, besonders wenn keine weitere Beobachtung vorliegt
- Die Sturzneigung kann zu Knochenbrüchen führen
- Betroffene berichten oft von einem plötzlichen Gefühl der Schwäche in den Beinen
Ursachen
Hauptursachen
- Eine kurzzeitige Fehlfunktion von Nervenzellen im Gehirn, die die Muskelspannung steuern
- Epilepsie-Syndrome, die oft vererbt sind, wie das Lennox-Gastaut-Syndrom
- Schädigungen des Gehirns etwa durch Unfälle, Schlaganfall oder Sauerstoffmangel bei der Geburt
- Stoffwechselerkrankungen oder Infektionen des Gehirns, die die Nervenzellen reizen
Risikofaktoren
- Bekannte Epilepsie in der Familie
- Frühere Hirnverletzungen oder Hirnoperationen
- Entwicklungsstörungen des Gehirns
- Bestimmte angeborene Stoffwechselstörungen
- Schlafmangel, Stress oder Alkohol, die Anfälle begünstigen können
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Nach dem ersten Anfall sollten Sie sich noch am selben Tag ärztlich vorstellen
- Wenn sich die Anfallsmuster verändern oder häufigere Anfälle auftreten
- Wenn Sie oder Ihr Kind sich bei einem Sturz verletzt haben und Schmerzen auftreten
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie den Verdacht haben, dass es sich um einen Anfall handelt, auch wenn er nur kurz war
- Wenn ein Kind häufig stürzt oder ungewöhnliche kurze Aussetzer hat
- Wenn bereits eine Epilepsie bekannt ist, aber neue, ungewöhnliche Anfälle auftreten
Diagnose
Die Diagnose stellt in der Regel ein Facharzt für Neurologie oder ein spezielles Epilepsiezentrum. Entscheidend sind eine genaue Beschreibung des Anfalls durch Beobachter, die Krankengeschichte und ein Elektroenzephalogramm (EEG), das die Hirnströme misst. Der Arzt wird versuchen, andere Ursachen für die Sturzanfälle auszuschließen.
Mögliche Untersuchungen
- Ein EEG (Messung der Hirnströme) kann typische Veränderungen während oder zwischen den Anfällen zeigen
- Eine Magnetresonanztomographie (MRT) des Kopfes erstellt ein Bild vom Gehirn und kann Ursachen wie Narben oder Fehlbildungen aufdecken
- Blutuntersuchungen können zum Beispiel Stoffwechselerkrankungen oder Elektrolytstörungen ausschließen
- Bei Kindern kann eine genetische Untersuchung sinnvoll sein, wenn ein angeborenes Syndrom vermutet wird
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Zuerst wird der Hausarzt oder Kinderarzt eine erste Einschätzung geben und Sie an einen Neurologen überweisen. Der Facharzt wird sich viel Zeit für Ihr Gespräch nehmen. Es kann sein, dass Sie mehrere Untersuchungstermine wahrnehmen müssen. Nehmen Sie am besten eine Person als Beobachter mit, die den Anfall beschreiben kann – das hilft dem Arzt sehr.
Behandlung
Die Behandlung zielt darauf ab, die Zahl der Anfälle zu verringern und besonders die Verletzungsgefahr durch Stürze zu senken. Es gibt verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Welche für Sie infrage kommen, hängt von der Ursache, dem Alter und der Anfallshäufigkeit ab. Oft gelingt es, die Anfälle gut zu kontrollieren.
Selbsthilfe zu Hause
- Vermeiden Sie auslösende Faktoren wie Schlafmangel, Stress oder übermäßigen Alkoholkonsum
- Tragen Sie bei bekannter Sturzneigung einen Schutzhelm, um Kopfverletzungen zu vermeiden
- Sichern Sie die Wohnung: Ecken abpolstern, rutschfeste Teppiche, mit dem Hausarzt über Hilfsmittel sprechen
- Informieren Sie Familienangehörige und enge Freunde, was bei einem Anfall zu tun ist
- Führen Sie einen Anfallkalender, um Häufigkeit und Auslöser zu dokumentieren
Medizinische Behandlungen
Es gibt verschiedene Medikamente zur Behandlung von Epilepsie, die die Erregbarkeit der Nervenzellen im Gehirn vermindern. Diese werden individuell ausgewählt und langsam auf eine geeignete Dosis eingestellt. Bei manchen Patienten hilft auch eine spezielle ketogene Ernährung, die kohlenhydratarm und fettreich ist. Wenn Medikamente nicht ausreichend wirken, kann ein Operieren oder eine Nervenstimulation (zum Beispiel über einen implantierten Gerät zur Stimulation des Vagusnervs) eine Option sein. Sprechen Sie immer mit Ihrem Arzt über die für Sie geeignete Behandlung.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation im Gehirn kommt nur in seltenen Fällen infrage, zum Beispiel wenn sich die Anfallsquelle eindeutig im Gehirn lokalisieren lässt und die Anfälle durch Medikamente nicht kontrollierbar sind. Ob eine Operation möglich ist, klärt ein spezialisiertes Epilepsiezentrum.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag ist es wichtig, die Verletzungsgefahr zu reduzieren. Dazu gehören ein Helm bei sportlichen Aktivitäten, eine sichere Umgebung und das Meiden von Situationen, in denen ein Sturz besonders gefährlich wäre, wie Klettern, Schwimmen allein oder das Führen von Fahrzeugen. Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob Sie oder Ihr Kind am Straßenverkehr teilnehmen dürfen.
Tipps für den Alltag
- Regelmäßiger und ausreichender Schlaf
- Stressabbau zum Beispiel durch Entspannungsverfahren oder leichte Bewegung
- Vorsicht mit Alkohol und Drogen, da diese die Anfallsbereitschaft erhöhen können
- Tragen Sie gegebenenfalls eine medizinische Notfallkarte oder einen Hinweis auf Ihre Epilepsie bei sich
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung ist grundsätzlich gesund und kann das Wohlbefinden fördern. Bei bestimmten Epilepsieformen kann eine ketogene Diät zum Einsatz kommen – diese sollte aber nur unter ärztlicher Begleitung durchgeführt werden. Bewegung und Sport sind erlaubt und wertvoll, solange Sie Sicherheitsmaßnahmen wie das Tragen eines Helms oder das Training mit einer Begleitperson beachten.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Diagnose einer Epilepsie kann Angst und Verunsicherung auslösen. Viele Betroffene sorgen sich davor, in der Öffentlichkeit zu stürzen. Es ist völlig verständlich, dass Sie sich belastet fühlen. Holen Sie sich Unterstützung, sprechen Sie offen über Ihre Gefühle und wenden Sie sich bei anhaltender Belastung an einen Arzt oder eine psychologische Beratungsstelle.
Vorbeugung
Atonische Anfälle lassen sich nicht immer verhindern, besonders wenn eine angeborene Störung vorliegt. Sie können aber die Anfallshäufigkeit beeinflussen, indem Sie bekannte Auslöser meiden und die verordnete Behandlung zuverlässig durchführen.
Impfungen
Gegen atonische Anfälle selbst gibt es keinen Impfstoff. Aber Sie sollten den allgemeinen Impfschutz nutzen, um Infektionen zu vermeiden, die das Gehirn reizen und möglicherweise Anfälle begünstigen können – sprechen Sie dazu mit Ihrer Hausärztin oder Ihrem Hausarzt.
Früherkennungsprogramme
Wenn in Ihrer Familie eine Epilepsie bekannt ist, kann eine genetische Beratung dabei helfen, das Risiko für Kinder einzuschätzen. Ein allgemeines Screening gibt es nicht. Wenn ein Kind häufig stürzt oder ungewöhnliche kurze Aussetzer hat, sollte es frühzeitig ärztlich untersucht werden.
Komplikationen
Unbehandelt
- Sturzverletzungen wie Knochenbrüche oder Kopfverletzungen sind die häufigste Komplikation
- Wiederholte Stürze können im Alltag zu starker Einschränkung und Angst vor Bewegung führen
- In seltenen Fällen kann ein Anfall länger dauern oder in eine Serie von Anfällen übergehen, die ärztlich behandelt werden muss
Langzeitprognose
Die Aussichten sind heute oft deutlich besser als früher. Viele Menschen mit atonischen Anfällen finden mit der richtigen Behandlung eine gute Kontrolle der Anfälle und können ein aktives und erfülltes Leben führen. Auch wenn eine Heilung nicht immer möglich ist, lässt sich mit Unterstützung und Sicherheitstipps gut leben.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 2. August 2026
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