Atypisches Hämolytisch-Urämisches Syndrom (aHUS)
Übersicht
Das atypische hämolytisch-urämische Syndrom (kurz aHUS) ist eine sehr seltene, ernste Erkrankung, bei der winzige Blutgefäße in den Nieren geschädigt werden. Durch diese Schädigung werden rote Blutkörperchen zerstört, Blutplättchen verbraucht und die Nierenfunktion stark beeinträchtigt. aHUS gehört zu den sogenannten thrombotischen Mikroangiopathien – das bedeutet, es bilden sich kleine Blutgerinnsel in den feinsten Gefäßen.
Wichtige Fakten
- aHUS ist nicht ansteckend und wird in den meisten Fällen durch eine Fehlregulation des Immunsystems verursacht.
- Es kann zu akutem Nierenversagen, hohem Blutdruck und neurologischen Störungen kommen.
- Eine frühzeitige Behandlung kann die Nierenfunktion schützen und schwere Folgen verhindern.
Nein, aHUS ist eine sehr seltene Erkrankung. Man geht von etwa 1 bis 2 Fällen pro einer Million Menschen aus.
aHUS kann in jedem Alter auftreten, besonders häufig wird die Diagnose bei Kindern und jungen Erwachsenen gestellt. Sowohl Männer als auch Frauen können betroffen sein, und manchmal tritt die Erkrankung gehäuft in Familien auf.
Symptome
- Rufen Sie bei diesen Anzeichen sofort den Notruf 112 an: Wenn die Urinmenge innerhalb weniger Stunden stark abnimmt oder gar kein Urin mehr ausgeschieden wird.
- Wenn Krampfanfälle oder Bewusstlosigkeit auftreten.
- Wenn Zeichen eines Schlaganfalls auftreten, zum Beispiel plötzliche Lähmungen, Sprachstörungen oder einseitige Sehstörungen.
- Bei schwerer Atemnot oder Brustschmerzen.
- ⚠Wenn Blut im Urin zu sehen ist.
- ⚠Wenn ungewöhnliche blaue Flecken oder punktförmige Einblutungen in der Haut auftreten.
- ⚠Wenn Fieber und starke Bauchschmerzen bestehen.
Häufige Symptome
- anhaltende Müdigkeit und Blässe
- verminderte Urinmenge oder blutiger Urin
- geschwollene Beine, Knöchel oder Augenlider
- erhöhter Blutdruck
- Fieber
- Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen
Symptome bei Kindern
- Fieber
- Erbrechen oder Durchfall
- auffallende Blässe und Schwäche
- weniger nasse Windeln oder zu wenig Urin
- Krampfanfälle (in schweren Fällen)
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Verwirrtheit oder Desorientierung
- zunehmende Verschlechterung der Nierenfunktion
- Herzrhythmusstörungen oder Atemnot
- stark erhöhter Blutdruck
Ursachen
Hauptursachen
- Die Hauptursache ist eine nicht ausreichend regulierte Aktivität des Komplementsystems, einem Teil des Immunsystems. Dadurch entzünden und schädigen bestimmte Abwehrstoffe die eigenen Zellen.
- Auslöser können Infektionen, Schwangerschaft, körperliche Belastung oder bestimmte Medikamente sein.
Risikofaktoren
- Eine nachgewiesene Veränderung in bestimmten Genen, die das Immunsystem (Komplementsystem) steuern.
- Erkrankungen, die das Immunsystem aktivieren, wie Autoimmunerkrankungen.
- Eine Organtransplantation oder eine besondere Belastung des Gefäßsystems.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Bei einer stark verminderten Urinmenge oder Blut im Urin.
- Bei wiederholten Krampfanfällen oder Lähmungserscheinungen.
- Wenn ein Baby oder Kind ungewöhnlich teilnahmslos ist und nicht genug trinkt.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie über mehrere Tage ungewöhnlich müde sind und auffallend blass wirken.
- Bei geschwollenen Beinen, Augenlidern oder einem neu auftretenden hohen Blutdruck.
- Wenn in Ihrer Familie bereits Fälle von aHUS oder einer ähnlichen Nierenerkrankung bekannt sind.
Diagnose
Zur Diagnose untersucht der Arzt Ihre Krankengeschichte, führt eine körperliche Untersuchung durch und veranlasst Blut- und Urinuntersuchungen. Die Ärztinnen und Ärzte orientieren sich dabei an den aktuellen wissenschaftlichen Leitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). Oft wird auch ein spezieller Test gemacht, um die Aktivität des Komplementsystems zu überprüfen.
Mögliche Untersuchungen
- Blutbild mit Blutplättchenzahl und Erstellung eines Blutausstrichs
- Nierenwerte (Kreatinin, Harnstoff) und Elektrolyte
- Urinuntersuchung auf Blut und Eiweiß (Urinstatus)
- Spezielle Analysen des Komplementsystems
- Genetische Untersuchung auf krankheitsrelevante Veränderungen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Abklärung kann einige Tage dauern, da seltene Erkrankungen verschiedene Spezialuntersuchungen erfordern. Möglicherweise werden Sie in ein spezialisiertes Zentrum für Nierenerkrankungen oder ein Kompetenznetzwerk für seltene Erkrankungen überwiesen. Dort arbeiten Nierenfachärzte, Blutgerinnungsspezialisten und Humangenetiker zusammen.
Behandlung
Eine frühzeitige Behandlung von aHUS ist sehr wichtig. Die Therapie erfolgt in der Regel im Krankenhaus, da sich der Zustand schnell verschlechtern kann. Das Hauptziel ist, die Entzündung an den Gefäßen zu stoppen und die Nieren zu schützen. Dabei folgt die Behandlung den Leitlinien der AWMF.
Selbsthilfe zu Hause
- Folgen Sie den Anweisungen Ihres Behandlungsteams zu Ruhe und Aktivität.
- Achten Sie auf Ihre Trinkmenge und besprechen Sie mit dem Arzt, wie viel Flüssigkeit Sie benötigen – das ist bei Nierenerkrankungen sehr unterschiedlich.
- Kontrollieren Sie regelmäßig Ihren Blutdruck – zu Hause und beim Arzt.
Medizinische Behandlungen
Je nach Schweregrad gibt es verschiedene Ansätze. Dazu gehören Medikamente, die das Komplementsystem beruhigen. Auch eine Blutwäsche (Dialyse) kann nötig sein, wenn die Nieren das Blut nicht mehr ausreichend filtern. In bestimmten Situationen wird ein Plasmaaustausch durchgeführt, bei dem das krankhaft aktive Blutplasma durch gesundes Spendoplasmas ersetzt wird. Welche Therapie in Ihrem Fall geeignet ist, entscheidet das Behandlungsteam individuell.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation steht nicht am Anfang der Behandlung. Wenn es allerdings zu einem dauerhaften Nierenversagen kommt, kann langfristig eine Nierentransplantation erforderlich sein. Die Entscheidung hierfür besprechen Nierenfachleute mit Ihnen eingehend vorab.
Leben mit der Erkrankung
Ein Leben mit aHUS bedeutet für viele, sich regelmäßig ärztlich betreuen zu lassen, auch wenn es einem gut geht. Kontrolluntersuchungen und, falls verordnet, die Einnahme von Medikamenten bzw. die regelmäßige Infusion gehören zum Alltag. Lernen Sie, die Warnzeichen Ihres Körpers zu erkennen und im Zweifel schnell mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt zu sprechen.
Tipps für den Alltag
- Nehmen Sie vereinbarte Therapietermine und Kontrolluntersuchungen zuverlässig wahr.
- Schützen Sie sich vor Infektionen, etwa durch regelmäßiges Händewaschen und einen möglichst aktuellen Impfschutz.
- Besprechen Sie Reisen oder größere körperliche Anstrengungen vorher mit Ihrem Behandlungsteam.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung unterstützt den Körper dabei, besser mit der Erkrankung umzugehen. Je nach Nierenfunktion kann eine Anpassung von Eiweiß, Salz und Kalium sinnvoll sein – dazu berät Sie die Ernährungsberatung in Ihrer Klinik. Leichte Bewegung, zum Beispiel Spazierengehen oder sanftes Yoga, ist in vielen Fällen möglich. Hören Sie dabei auf Ihren Körper und überfordern Sie sich nicht.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine seltene Erkrankung wie aHUS kann Ängste, Unsicherheit und Erschöpfung auslösen. Das ist verständlich und kein Zeichen von Schwäche. Holen Sie sich bei Bedarf psychologische Unterstützung – viele Krankenhäuser bieten spezielle Angebote für Menschen mit seltenen chronischen Erkrankungen an. Wenn Sie sich in einer akuten seelischen Krise befinden oder Gedanken an Selbsttötung haben, suchen Sie sofort professionelle Hilfe – zum Beispiel über Ihre nächste psychiatrische Notaufnahme oder den Notruf 112.
Vorbeugung
Da aHUS meist durch eine angeborene Veranlagung im Immunsystem ausgelöst wird, lässt es sich nicht sicher vorbeugen. Manche Trigger wie Infektionen lassen sich durch einen guten Impfschutz und sorgfältige Hygiene reduzieren. Bei Menschen mit bekanntem Risiko ist es wichtig, frühzeitig auf Warnzeichen zu achten.
Impfungen
Ein möglichst vollständiger Impfschutz ist empfehlenswert, weil Infektionen einen aHUS-Schub auslösen können. Lassen Sie sich bezüglich der empfohlenen Impfungen von Ihrem Arzt beraten.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf aHUS gibt es nicht. Wenn in einer Familie bereits ein Fall aufgetreten ist, kann vor einer geplanten Schwangerschaft oder vor einer Organspende eine genetische Beratung sinnvoll sein.
Komplikationen
Unbehandelt
- Akutes oder dauerhaftes Nierenversagen
- Schlaganfall oder andere Gefäßverschlüsse im Gehirn
- Herzinfarkt oder Herzrhythmusstörungen
- Blutungen durch einen starken Mangel an Blutplättchen
- Krampfanfälle und neurologische Ausfälle
Langzeitprognose
Mit den heutigen Behandlungsmöglichkeiten lässt sich aHUS in den meisten Fällen gut kontrollieren. Viele Menschen stabilisieren sich deutlich, und die Nierenfunktion kann sich häufig erholen, wenn früh genug behandelt wird. Auch wenn einzelne Patienten langfristig eine Dialyse oder Transplantation benötigen, leben viele Betroffene heute über Jahre hinweg ein weitgehend selbstständiges Leben. Lassen Sie sich von Ihrem Ärzteteam genau erklären, wie die Prognose im Einzelfall aussieht – sie hängt von vielen Faktoren ab.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
Quellen und Leitlinien
Zu den für diesen Artikel verwendeten Quellen gehören die unten aufgeführten Referenzen.
Zuletzt aktualisiert: 20. Oktober 2026
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