Autoimmunerkrankungen: Wenn das Immunsystem sich gegen den eigenen Körper richtet
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
Bei einer Autoimmunerkrankung greift das Immunsystem – also die körpereigene Abwehr – versehentlich gesundes Gewebe an. Es verwechselt körpereigene Zellen mit Eindringlingen wie Bakterien oder Viren. Dadurch entstehen Entzündungen, die verschiedene Organe und Körperregionen schädigen können. Es gibt sehr viele verschiedene Formen, zum Beispiel entzündliches Rheuma, Schilddrüsenentzündungen oder Multiple Sklerose. Jede Form hat ihre eigenen Symptome und Verläufe.
Wichtige Fakten
- Das Immunsystem schützt normalerweise vor Infektionen. Bei Autoimmunerkrankungen richtet es sich fälschlich gegen den eigenen Körper.
- Es gibt über 80 verschiedene Autoimmunerkrankungen. Manche betreffen nur ein einziges Organ, andere wirken sich auf den ganzen Körper aus.
- Die Behandlung lindert Beschwerden und bremst die Entzündung. Heute lassen sich viele Autoimmunerkrankungen gut kontrollieren.
Autoimmunerkrankungen sind keine Seltenheit. In Deutschland sind schätzungsweise 5 bis 8 von 100 Menschen betroffen. Manche Formen kommen häufiger vor, andere sind sehr selten.
Autoimmunerkrankungen können in jedem Alter auftreten. Sie betreffen deutlich häufiger Frauen als Männer. Oft beginnen sie im jungen bis mittleren Erwachsenenalter, manche Formen entstehen auch bei Kindern oder älteren Menschen. In manchen Familien gehäuftes Vorkommen ist möglich.
Symptome
- Plötzlich starke Atemnot oder Erstickungsgefühl
- Brustschmerzen oder Druckgefühl im Brustkorb
- Plötzliche Lähmung, Sprachstörung oder hängender Mundwinkel (Schlaganfallzeichen)
- Plötzlicher Sehverlust oder starke Sehstörungen
- Krampfanfall oder Bewusstlosigkeit
- ⚠Hohes Fieber über 39 Grad Celsius, das nicht absinkt
- ⚠Starke Schmerzen in Brust oder Bauch
- ⚠Plötzlich auftretende Schwellungen im Gesicht oder an den Schleimhäuten
- ⚠Sehstörungen wie Doppelbilder oder verschwommenes Sehen
- ⚠Verwirrtheit oder ungewöhnliche Schläfrigkeit
- ⚠Schwere allergische Reaktion mit Ausschlag und Juckreiz
Häufige Symptome
- Starke Müdigkeit und Erschöpfung, die sich nicht durch Schlaf bessert
- Wiederkehrendes leichtes Fieber oder nächtliches Schwitzen
- Gelenkschmerzen, Gelenkschwellungen oder Morgensteifigkeit
- Muskelschwäche oder unerklärliche Muskelschmerzen
- Hautausschläge, Hautrötungen oder Lichtempfindlichkeit
- Ungewollter Gewichtsverlust oder Gewichtszunahme
- Konzentrationsprobleme oder Gedächtnisschwierigkeiten
Ursachen
Hauptursachen
- Genetische Veranlagung: Manche Menschen erben ein erhöhtes Risiko für Autoimmunerkrankungen von ihren Eltern.
- Umweltfaktoren: Bestimmte Virusinfektionen, Bakterien, Chemikalien oder Medikamente können eine Autoimmunreaktion auslösen.
- Hormonelle Einflüsse: Das weibliche Geschlechtshormon spielt vermutlich eine Rolle, deshalb sind Frauen häufiger betroffen.
- Störung der Immunregulation: Normalerweise werden Abwehrzellen, die körpereigenes Gewebe angreifen, im Körper aussortiert. Bei Autoimmunerkrankungen funktioniert diese Kontrolle nicht richtig.
Risikofaktoren
- Weibliches Geschlecht
- Familiengeschichte von Autoimmunerkrankungen
- Rauchen
- Übermäßiger Alkoholkonsum
- Chronischer Stress
- Bestimmte Virusinfektionen, zum Beispiel mit dem Epstein-Barr-Virus
- Starke Sonnenbelastung bei manchen Formen wie Lupus
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Suchen Sie noch am selben Tag eine Arztpraxis auf, wenn Sie starke Schwellungen an Gelenken haben.
- Hohes Fieber über mehrere Tage oder unerklärlicher Gewichtsverlust sind Abklärungsgründe.
- Neu auftretende Hautveränderungen oder Ausschläge sollten zügig untersucht werden.
- Anhaltende starke Erschöpfung oder Schwäche, die den Alltag über Wochen einschränkt.
Diagnose
Die Diagnose stellt eine Ärztin oder ein Arzt nach einer ausführlichen Krankengeschichte, körperlichen Untersuchung und gezielten Tests. Für viele Autoimmunerkrankungen gibt es offizielle Behandlungsleitlinien, die von Fachgesellschaften wie der AWMF erstellt wurden. Die Diagnose wird in der Regel von einem Facharzt für Rheumatologie oder einem anderen spezialisierten Fachgebiet bestätigt.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung auf Autoantikörper (zum Beispiel antinukleäre Antikörper, ANA)
- Entzündungswerte im Blut (C-reaktives Protein, Blutsenkungsgeschwindigkeit)
- Blutbild zur Kontrolle von roten und weißen Blutkörperchen
- Tests für Organwerte (Leber, Nieren, Schilddrüse)
- Urinuntersuchung
- Bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Magnetresonanztomographie (MRT)
- Gewebeprobe (Biopsie) aus einem betroffenen Organ
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Eine eindeutige Diagnose kann Zeit brauchen. Oft sind mehrere Arztbesuche und wiederholte Untersuchungen nötig, bevor eine Autoimmunerkrankung bestätigt ist. Lassen Sie sich erklären, welche Untersuchungen warum gemacht werden und was die Ergebnisse bedeuten. Wenn Sie unsicher sind, holen Sie gern eine zweite ärztliche Meinung ein.
Behandlung
Ziel der Behandlung ist es, Entzündungen zu verringern, Beschwerden zu lindern und Organschäden zu verhindern. Die Behandlung wird immer individuell abgestimmt – je nach Krankheitsform, Schweregrad und persönlicher Lebenssituation. Sie kombiniert medikamentöse Therapien, begleitende Maßnahmen wie Physiotherapie und einen gesunden Lebensstil.
Selbsthilfe zu Hause
- Ausreichend Schlaf und regelmäßige Erholungsphasen einplanen
- Stress reduzieren – zum Beispiel durch Entspannungsübungen, Meditation oder Spaziergänge
- Rauchen aufgeben und Alkohol nur in Maßen trinken
- Haut vor starker Sonnenstrahlung schützen
- Auf das eigene Körpergefühl hören und sich nicht überlasten
- Regelmäßige Arzttermine wahrnehmen und Medikamentenplan einhalten
Medizinische Behandlungen
Zur Behandlung stehen verschiedene Medikamentengruppen zur Verfügung. Entzündungshemmende Präparate wie Kortison werden oft kurzfristig bei akuten Schüben eingesetzt. Andere Mittel drosseln die Aktivität des Immunsystems (Immunsuppressiva), damit es den eigenen Körper weniger angreift. Dazu kommen neuere Medikamente, die gezielt einzelne Botenstoffe der Entzündung blockieren (Biologika). Welches Mittel im Einzelfall geeignet ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt. Begleitende Therapien wie Krankengymnastik, Ergotherapie oder Schmerztherapie können ebenfalls sinnvoll sein.
Wann kommt eine Operation infrage?
Operationen sind bei Autoimmunerkrankungen eher selten nötig. Sie können vorkommen, wenn ein Gelenk stark zerstört ist und ein künstliches Gelenk eingesetzt wird, oder bei schweren Komplikationen an inneren Organen. Auch eine Organtransplantation ist in ausgeweiteten Fällen möglich. Diese Entscheidungen werden immer individuell im interdisziplinären Team getroffen.
Leben mit der Erkrankung
Mit einer Autoimmunerkrankung zu leben, braucht Zeit und Geduld. Viele Betroffene führen ein aktives, erfülltes Leben. Wichtig sind eine gute ärztliche Begleitung, ein verständnisvolles Umfeld und realistische Erwartungen. Planen Sie Ihren Alltag so, dass Sie nicht ständig an Ihre Grenzen gehen. Gönnen Sie sich Pausen und lernen Sie, auf die Signale Ihres Körpers zu hören.
Tipps für den Alltag
- Bewegung im moderaten Bereich, etwa Spazierengehen, Schwimmen oder Radfahren
- Gesunde, ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten
- Auf das Idealgewicht achten und starkes Übergewicht vermeiden
- Bei akuten Krankheitsschüben dem Körper Ruhe gönnen
- Rauchen aufgeben und Alkohol einschränken
- Sich feste Ruhezeiten einrichten, besonders bei Fatigue (starke Erschöpfung)
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchten und gesunden Fetten unterstützt das Immunsystem. Es gibt keine ‚Autoimmun-Diät‘, die alle Krankheitsformen heilt. Manche Menschen profitieren davon, stark verarbeitete Lebensmittel und viel Zucker zu meiden. Bei Bewegung gilt: moderate Aktivität hält Gelenke beweglich und baut Stress ab. Bei fieberhaften Schüben sollte man jedoch körperliche Anstrengung vermeiden.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine chronische Erkrankung belastet auch die Seele. Angst vor Schüben, ständige Erschöpfung oder Einschränkungen im Alltag können zu Niedergeschlagenheit, Angststörungen oder Depressionen führen. Das ist eine normale Reaktion auf eine schwierige Situation. Psychotherapie, Entspannungsverfahren oder der Austausch in Selbsthilfegruppen können sehr helfen. Scheuen Sie sich nicht, sich Unterstützung zu suchen – das ist ein Zeichen von Stärke.
Vorbeugung
Autoimmunerkrankungen lassen sich nicht gezielt verhindern, weil die Neigung dazu teilweise in den Genen liegt. Ein gesunder Lebensstil kann jedoch das Risiko für Krankheitsschübe verringern: nicht rauchen, Alkohol nur in Maßen, ausreichend schlafen, Stress steuern und Infektionen vorbeugen.
Impfungen
Impfungen sind auch für Menschen mit Autoimmunerkrankungen wichtig, weil Infektionen Schübe auslösen können. Einige Impfstoffe können bei stark geschwächter Immunabwehr nicht angewendet werden. Lassen Sie sich von Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt beraten, welcher Impfschutz für Sie persönlich sinnvoll ist.
Früherkennungsprogramme
Für Menschen mit familiärer Vorbelastung gibt es keine allgemeine Früherkennungsuntersuchung für alle Autoimmunerkrankungen. Bei bestimmten Formen, zum Beispiel Schilddrüsenerkrankungen, sind regelmäßige Kontrollen sinnvoll. Besprechen Sie Ihre Familienanamnese bei Vorsorgeuntersuchungen und fragen Sie ganz konkret nach.
Komplikationen
Unbehandelt
- Dauerhafte Schäden an Gelenken, Organen oder Nerven
- Wiederholte schwere Entzündungsschübe
- Erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Nierenschäden, zum Beispiel bei Lupus
- Blutarmut und erhöhte Infektanfälligkeit
Langzeitprognose
Die Diagnose einer Autoimmunerkrankung ist ein einschneidender Moment, aber kein Grund zur Verzweiflung. Die Behandlungen werden ständig besser und die Aussichten sind heute viel günstiger als früher. Viele Erkrankungen lassen sich gut kontrollieren, sodass Betroffene ein langes und erfülltes Leben führen können. Geduld, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dem medizinischen Team und eine gute Selbstfürsorge sind der Schlüssel.
Unterstützung finden
Internationale Organisationen
Lokale Organisationen
- Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V. ↗ · Deutschland
Hilfetelefone
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 2. August 2026
Hinweis zur Aufklärung: Diese Informationen dienen nur der Aufklärung und sind keine Diagnose.
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Bei schweren, sich verschlechternden oder dringenden Symptomen rufen Sie die lokale Notrufnummer an oder suchen Sie Notfallversorgung auf.