Autonome Nervenstörungen beim Guillain-Barré-Syndrom
Übersicht
Das Guillain-Barré-Syndrom (kurz GBS) ist eine seltene Erkrankung, bei der das eigene Abwehrsystem die Nerven angreift. Meist beginnt sie mit Kribbeln und Schwäche, die von den Beinen aufsteigen. Auch das autonome Nervensystem kann betroffen sein – das ist der Teil des Nervensystems, der ohne unser Zutun arbeitet. Es steuert zum Beispiel Herzschlag, Blutdruck, Schwitzen, Verdauung und die Blase. Sind diese Nerven gereizt oder kommen ihre Signale nicht mehr richtig an, spricht man von einer autonomen Störung (Dysautonomie). Fachleute nennen das „autonome Dysfunktion bei GBS“. Wichtig zu wissen: Das ist ein bekannter Teil der Erkrankung und wird im Krankenhaus mit überwacht.
Wichtige Fakten
- Autonome Nerven steuern Dinge, die man nicht bewusst macht: Herzschlag, Blutdruck, Schwitzen, Verdauung und Blase.
- Bei vielen Menschen mit GBS sind diese Nerven mitbetroffen – besonders in der Anfangsphase, wenn die Erkrankung am stärksten ist.
- Typisch sind schwankender Blutdruck, Herzrasen, Schwindel beim Aufstehen, Schwitzen sowie Probleme mit Blase und Darm.
- Die meisten dieser Beschwerden bessern sich wieder, während sich die Nerven erholen.
- Bei plötzlicher Ohnmacht, Atemnot oder starkem Herzstolpern gilt: sofort den Notruf 112 wählen.
Autonome Beschwerden sind beim GBS häufig. Sie treten vor allem bei schwereren Verläufen auf, also wenn auch Arme oder Atemmuskulatur betroffen sind. Wie stark sie ausfallen, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich – manche spüren kaum etwas, andere brauchen eine engmaschige Überwachung.
GBS kann Menschen jeden Alters treffen. Autonome Beschwerden kommen bei älteren Menschen und bei schwereren Verläufen etwas häufiger vor und können dort stärkere Auswirkungen haben, zum Beispiel durch Schwindel und Sturzgefahr. Auch Kinder können betroffen sein, können die Beschwerden aber oft nicht so gut beschreiben.
Symptome
- Plötzliche Ohnmacht oder Bewusstlosigkeit
- Sehr langsamer, sehr schneller oder unregelmäßiger Herzschlag, besonders mit Brustschmerz, Atemnot oder kaltem Schweiß
- Sehr hoher oder sehr niedriger Blutdruck mit Verwirrtheit, starker Schwäche oder Kaltschweiß
- Zunehmende Atemnot, flache Atmung oder Schwierigkeiten beim Schlucken und Sprechen
- Verschlucken mit Husten oder Erstickungsgefühl, heisere Stimme
- Das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen
- ⚠Wiederholter Schwindel beim Aufstehen oder Schwarzsehen vor den Augen
- ⚠Anhaltendes Herzklopfen oder Herzrasen
- ⚠Die Blase lässt sich nicht mehr richtig entleeren, oder es kommt kaum noch Urin
- ⚠Anhaltende Verstopfung mit Bauchschmerzen und Erbrechen
- ⚠Neu aufgetretenes starkes Schwitzen oder Frieren ohne Infekt
Häufige Symptome
- Blutdruck, der stark schwankt – mal zu hoch, mal zu niedrig
- Herzrasen, Herzklopfen oder ein ungewohnt langsamer, unregelmäßiger Puls
- Schwindel, Schwarzsehen vor den Augen oder Ohnmacht beim Aufstehen
- Starkes oder plötzliches Schwitzen, manchmal auch sehr trockene Haut
- Verstopfung oder Durchfall, Völlegefühl, Übelkeit
- Schwierigkeiten, die Blase zu entleeren, oder sehr häufiger Harndrang
- Trockener Mund und trockene Augen
- Frieren oder Hitzewallungen ohne erkennbaren Grund
- Innere Unruhe oder Angst, die mit den Kreislaufschwankungen zusammenhängt
Symptome bei Kindern
- Kinder können die Beschwerden oft nicht benennen – sie wirken zum Beispiel blass, schwitzig, gereizt oder schlapp.
- Bauchschmerzen, Übelkeit und Erbrechen können Zeichen einer gestörten Darmtätigkeit sein.
- Schwindel beim Aufstehen oder ein schneller Herzschlag fallen manchmal erst beim Messen auf.
- Bei Kindern verläuft das GBS oft etwas milder; autonome Zeichen sollten trotzdem genauso ernst genommen werden.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Menschen reagieren empfindlicher auf Blutdruckschwankungen – Schwindel und Stürze sind häufiger.
- Blutdruckmittel, Herzmedikamente oder Wassertabletten können die Beschwerden verstärken und sollten ärztlich überprüft werden.
- Austrocknung setzt älteren Menschen schneller zu, deshalb ist ausreichendes Trinken besonders wichtig.
- Plötzliche Verwirrtheit oder starke Schwäche kann ein Zeichen für zu niedrigen oder zu hohen Blutdruck sein.
Ursachen
Hauptursachen
- Beim GBS greift das Abwehrsystem die Hüllen oder Achsen der Nerven an. Warum das genau passiert, ist noch nicht vollständig geklärt.
- Autonome Nervenfasern verlaufen zusammen mit den übrigen Nerven und können von derselben Entzündung betroffen sein.
- Dadurch geraten die Signale für Herzschlag, Blutdruck, Schwitzen, Darm und Blase aus dem Takt.
- Häufig geht dem GBS eine Infektion voraus, zum Beispiel eine Magen-Darm- oder Atemwegsinfektion einige Wochen vorher.
Risikofaktoren
- Schwerer Verlauf mit Beteiligung von Armen und Atemmuskulatur
- Höheres Alter
- Schnelle Zunahme der Beschwerden zu Beginn der Erkrankung
- Bestehende Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Diabetes
- Medikamente, die auf Blutdruck, Herz oder Wasserhaushalt wirken
- Viel Liegen und wenig Bewegung während der Erkrankung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Ohnmacht oder Beinahe-Ohnmacht, besonders mit Sturz
- Herzrasen oder unregelmäßiger Puls, der länger anhält
- Atemnot oder Schwierigkeiten beim Schlucken
- Blase, die sich nicht entleeren lässt
- Starke Bauchschmerzen mit Erbrechen und ausbleibendem Stuhlgang
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Schwindel oder Schwitzen, das immer wieder auftritt
- Veränderte Verdauung oder Blasenentleerung, die anhält
- Herzklopfen, das Sie beunruhigt
- Fragen zu Rehabilitation, Hilfsmitteln oder zur Rückkehr in den Alltag
- Anhaltende Erschöpfung, Sorgen oder Angst
Diagnose
Die Ärztin oder der Arzt fragt nach Ihren Beschwerden und untersucht Sie gründlich. Bei einem GBS ist dem Behandlungsteam bewusst, dass das autonome Nervensystem mitbetroffen sein kann, deshalb wird besonders auf Blutdruck, Puls, Atmung, Blase und Darm geachtet. Die Diagnose GBS selbst wird meist mit einer Nervenmessung und einer Untersuchung des Nervenwassers gesichert.
Mögliche Untersuchungen
- Blutdruckmessung im Liegen und nach dem Aufstehen
- Pulsmessung und EKG (Elektrokardiogramm – eine Aufzeichnung der Herzströme)
- Blutuntersuchungen
- Nervenleitungsmessung (misst, wie schnell Signale durch die Nerven laufen)
- Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion)
- Ultraschall der Blase oder Messung des Restharns
- Lungenfunktionstest, wenn die Atmung betroffen ist
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Je nach Beschwerden sind mehrere Untersuchungen nötig, meist über einige Tage verteilt. In der Klinik werden Blutdruck und Puls oft regelmäßig gemessen, teilweise auch nachts. Das ist keine Übertreibung, sondern soll gefährliche Schwankungen früh erkennen. Sprechen Sie jederzeit an, wenn Ihnen etwas unklar ist oder Sie Angst haben.
Behandlung
Beim GBS wird zuerst die Entzündung der Nerven behandelt, damit die Erkrankung schneller zum Stillstand kommt. Die autonomen Beschwerden werden zusätzlich unterstützend behandelt: mit Überwachung, ausgeglichenem Flüssigkeitshaushalt, passender Lagerung und je nach Situation weiteren Maßnahmen. Ziel ist, den Kreislauf stabil zu halten, Stürze zu vermeiden und Blase und Darm zu unterstützen.
Selbsthilfe zu Hause
- Langsam aufstehen: erst sitzen, kurz durchatmen, dann hinstellen
- Ausreichend trinken, besonders an heißen Tagen
- Ärztlich verordnete Kompressionsstrümpfe tragen, wenn sie empfohlen wurden
- Notieren, wann Schwindel, Herzklopfen oder Schwitzen auftreten – das hilft beim Arztgespräch
- Auf regelmäßigen Stuhlgang achten und Blasenprobleme offen ansprechen
- Langes Stehen und sehr heiße Duschen oder Sauna meiden, wenn Ihnen davon schwindelig wird
- Hilfsmittel wie Gehhilfen nutzen, solange die Standsicherheit unsicher ist
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung des GBS findet im Krankenhaus statt. Üblich sind Verfahren, die fehlgeleitete Abwehrstoffe aus dem Blut entfernen oder die Immunreaktion dämpfen – das Behandlungsteam erklärt Ihnen die Möglichkeiten und deren Ablauf. Für die autonomen Beschwerden kommen je nach Situation ein Ausgleich von Flüssigkeit und Salzen, ärztlich verordnete Medikamente gegen Blutdruck- oder Herzrhythmusprobleme, Maßnahmen gegen Übelkeit oder Verstopfung sowie eine sorgfältige Blasen- und Darmpflege in Frage. Medikamente werden immer individuell verordnet: Bitte ändern Sie nie selbst eine Dosierung und sprechen Sie vorher mit Ihrem Behandlungsteam.
Wann kommt eine Operation infrage?
In der Regel ist keine Operation nötig. Ein Eingriff kann aber bei bestimmten Komplikationen sinnvoll sein, zum Beispiel wenn sich die Blase über längere Zeit nicht entleeren lässt und eine Ableitung des Urins gebraucht wird. Das entscheidet das Behandlungsteam gemeinsam mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit GBS braucht Geduld. Viele Betroffene merken, dass ihr Kreislauf empfindlich reagiert – zum Beispiel morgens beim Aufstehen oder nach dem Essen. Feste Abläufe helfen: langsam aufstehen, genug trinken, Pausen einplanen und sich Hilfe holen, wenn etwas schwerfällt. Nach der Klinik folgt oft eine Rehabilitation, die Ihnen Schritt für Schritt mehr Selbständigkeit zurückgibt.
Tipps für den Alltag
- Tagesablauf mit Ruhepausen planen, nicht alles auf einmal wollen
- Wohnung sicher machen: Stolperfallen entfernen, nachts Licht nutzen
- Bei Schwindel hinsetzen oder festhalten, nicht weitergehen
- Auf ausreichend Schlaf achten
- Stress reduzieren, weil er Kreislauf und Herzschlag beeinflussen kann
- Regelmäßige Termine bei Hausärztin oder Hausarzt und in der Neurologie wahrnehmen
Ernährung und Bewegung
Trinken Sie über den Tag verteilt ausreichend, vor allem bei Hitze oder Fieber. Mehrere kleinere Mahlzeiten sind oft bekömmlicher als wenige große, weil der Kreislauf nach dem Essen belastet wird. Bewegung ist wichtig, sollte aber langsam gesteigert werden – zum Beispiel mit Physiotherapie und leichten Übungen im Sitzen. Sehr anstrengende oder plötzliche Belastungen bitte vorher mit dem Behandlungsteam besprechen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Erkrankung wie GBS kann Angst machen und belasten – vor allem, wenn der Körper Signale sendet, die man nicht steuern kann. Solche Gefühle sind normal und kein Zeichen von Schwäche. Sprechen Sie darüber, holen Sie sich Unterstützung. Wenn Gedanken auftauchen, die Ihnen Angst machen oder Sie sich selbst verletzen könnten, wenden Sie sich sofort an den Notruf 112 oder an die Telefonseelsorge – sie ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar.
Vorbeugung
Ein GBS selbst lässt sich nicht sicher verhindern. Wichtig ist, die Folgen der autonomen Störung zu vermeiden: ausreichend trinken, langsam aufstehen, Stürze verhüten und die empfohlenen Kontrollen wahrnehmen. Wird die Erkrankung früh erkannt und behandelt, lassen sich viele Komplikationen abmildern.
Impfungen
Es gibt keinen Impfstoff gegen das GBS. Bei allgemeinen Impfungen gilt: Nutzen und mögliche Risiken mit der Ärztin oder dem Arzt besprechen. Ein Zusammenhang zwischen Impfungen und GBS ist sehr selten und wird weiter untersucht – sprechen Sie Ihre persönliche Situation einfach an.
Früherkennungsprogramme
Ein spezielles Screening auf autonome Störungen beim GBS gibt es nicht. Die wichtigste Früherkennung sind die regelmäßigen Kontrollen von Blutdruck, Puls, Atmung sowie Blase und Darm während der Behandlung und in der Rehabilitation.
Komplikationen
Unbehandelt
- Stürze und Verletzungen durch Schwindel oder Ohnmacht
- Gefährliche Blutdruckentgleisungen
- Herzrhythmusstörungen
- Blasenentleerungsstörungen mit Harnwegsinfekten
- Starke Verstopfung bis hin zu einem Darmverschluss
- Atemprobleme, wenn die Atemmuskulatur betroffen ist
- Längere Erholungszeit und mehr Pflegebedarf
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Die meisten Menschen erholen sich vom GBS, und auch die autonomen Beschwerden bessern sich in der Regel, während die Nerven heilen. Das kann Wochen bis Monate dauern und braucht Geduld. Viele Betroffene finden danach weitgehend in ihren Alltag zurück; manche behalten eine Zeit lang eine Empfindlichkeit oder Erschöpfung. Mit guter Betreuung und Rehabilitation sind die Aussichten gut – Ihr Behandlungsteam begleitet Sie dabei.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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