Cholesteatom – die „Perlgeschwulst“ im Ohr
Übersicht
Ein Cholesteatom ist eine kleine, langsam wachsende Ansammlung von Hautzellen, die an einer Stelle im Ohr entsteht, an der sie nicht hingehört – meist im Mittelohr, also hinter dem Trommelfell. Normalerweise schuppt sich Haut nach außen ab. Beim Cholesteatom kann dieser Hautabfall nicht abfließen und sammelt sich in einem kleinen Säckchen an. Trotz des Namens, der nach „Geschwulst“ klingt, handelt es sich nicht um Krebs. Das Problem ist aber, dass das Säckchen mit der Zeit größer wird und dabei Knochen und feine Strukturen im Ohr schädigen kann, wenn es nicht behandelt wird.
Wichtige Fakten
- Ein Cholesteatom ist kein Krebs, kann aber unbehandelt das Gehör und benachbarte Knochen schädigen.
- Es wächst meist langsam über Monate oder Jahre und verursacht oft zuerst einen übelriechenden Ohrenausfluss.
- Die wirksamste Behandlung ist in der Regel eine Operation durch eine HNO-Ärztin oder einen HNO-Arzt.
- Auch nach einer Operation sind regelmäßige Kontrolltermine wichtig, weil ein Cholesteatom manchmal wiederkommt.
Ein Cholesteatom ist eher selten. Wie häufig es genau auftritt, ist schwer zu sagen, weil Zahlen je nach Region und Erfassung schwanken. In der HNO-Praxis ist es aber ein bekanntes und gut untersuchtes Krankheitsbild.
Es kann Kinder und Erwachsene treffen, am häufigsten zeigt es sich im Kindesalter und bei jüngeren bis mittelalten Erwachsenen. Häufiger betroffen sind Menschen mit immer wiederkehrenden Mittelohrentzündungen, mit einer eingezogenen oder „ eingedellten“ Trommelfellmembran, mit einem operierten Ohr oder mit einer Gaumenspalte. Auch wer als Kind Paukenröhrchen hatte, kann ein etwas höheres Risiko haben.
Symptome
- Starker Kopfschmerz zusammen mit Fieber und steifem Nacken – das können Zeichen einer Hirnhautentzündung sein. Rufen Sie sofort 112 an.
- Schwellung, Rötung und starke Schmerzen hinter dem Ohr, das Ohr steht ab, dazu Fieber – hier muss sofort gehandelt werden.
- Plötzliche Verwirrtheit, Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder Lähmungserscheinungen – rufen Sie sofort 112 an.
- ⚠Plötzliche Schwäche oder Lähmung im Gesicht, zum Beispiel ein hängender Mundwinkel oder ein nicht mehr schließbares Auge
- ⚠Sehr starker Drehschwindel mit Erbrechen
- ⚠Plötzlich auftretende, deutliche Hörminderung
- ⚠Starke Ohrenschmerzen mit Fieber, die nicht nachlassen
- ⚠Schwellung oder Rötung hinter dem Ohr ohne Fieber – zeitnah ärztlich abklären lassen
Häufige Symptome
- Ausfluss aus dem Ohr, der oft unangenehm riecht und manchmal über Wochen oder Monate immer wieder auftritt
- Schwerhörigkeit auf dem betroffenen Ohr, oft schleichend
- Druck- oder Völlegefühl im Ohr
- Ohrenschmerzen, häufig dumpf und ziehend
- Ohrgeräusche (Tinnitus), etwa ein Pfeifen oder Rauschen
- Schwindel oder ein unsicheres Gefühl beim Gehen
- Manchmal gar keine Beschwerden – das Cholesteatom wird dann zufällig entdeckt
Symptome bei Kindern
- Ein übelriechender Fleck auf dem Kopfkissen oder ein feuchtes Ohr, das nicht recht abheilt
- Das Kind hört schlechter und reagiert manchmal nicht, wenn es angesprochen wird
- Verzögerte Sprachentwicklung oder Schwierigkeiten in der Schule durch das schlechtere Hören
- Häufige Mittelohrentzündungen
- Kinder klagen oft weniger über Schmerzen als Erwachsene – deshalb lohnt sich ein genauer Blick bei wiederkehrendem Ausfluss
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Schwerhörigkeit, die zunächst als „normale Altersschwerhörigkeit“ eingeordnet wird
- Wiederkehrender, oft übelriechender Ohrenausfluss
- Schwindel oder Unsicherheit beim Gehen, die auch andere Ursachen haben können
- Bei Menschen mit eingeschränkter Immunabwehr oder nach vielen Ohrinfektionen können Beschwerden weniger deutlich ausfallen
Ursachen
Hauptursachen
- Eine eingezogene Trommelfellmembran: Das Trommelfell zieht sich durch Unterdruck nach innen, es bildet sich eine kleine Hauttasche, in der sich Hautschüppchen sammeln.
- Immer wiederkehrende oder nicht ausgeheilte Mittelohrentzündungen, die das Trommelfell und die Belüftung des Mittelohrs dauerhaft stören.
- Eingewanderte Haut durch einen Trommelfelldefekt, etwa nach einer Verletzung oder nach Ohr-Operationen.
- Angeborene Formen, bei denen sich Hautgewebe schon früh im Mittelohr bildet – diese zeigen sich manchmal ohne vorherige Infektionen.
Risikofaktoren
- Wiederholte Mittelohrentzündungen, besonders in der Kindheit
- Dauerhaft eingezogenes Trommelfell oder eine tiefe Hauttasche am Trommelfell
- Frühere Ohr-Operationen oder Paukenröhrchen
- Gaumenspalte und andere angeborene Besonderheiten im Kopf-Hals-Bereich
- Vergrößerte Rachenmandeln oder Probleme mit der Belüftung der Ohrtrompete (die Verbindung zwischen Nasenrachen und Mittelohr)
- Eine geschwächte Immunabwehr kann den Verlauf begünstigen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Ausfluss aus dem Ohr, der unangenehm riecht und länger als einige Tage anhält
- Plötzliche Hörminderung oder neu aufgetretener Schwindel
- Schwäche im Gesicht auf der Seite des betroffenen Ohrs
- Starke Ohrenschmerzen mit Fieber
- Schwellung oder Rötung hinter dem Ohr
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Schleichend schlechteres Hören auf einem Ohr
- Wiederkehrendes Druckgefühl oder Ohrenschmerzen ohne Fieber
- Ohrgeräusche, die neu auftreten
- Eine bekannte Trommelfell-Einziehung, die kontrolliert werden sollte
- Als Kind häufig Ohrinfektionen gehabt und jetzt Beschwerden – einmal HNO-ärztlich abklären lassen
Diagnose
Die Diagnose stellt in der Regel eine HNO-Ärztin oder ein HNO-Arzt. Zuerst wird über die Beschwerden gesprochen, dann wird das Ohr mit einem Ohrtrichter und meist zusätzlich mit einem Mikroskop oder einer feinen Kamera (Otoendoskop) genau angeschaut. Dabei lässt sich eine Hauttasche oder eine Verdickung hinter dem Trommelfell oft gut erkennen. Ein Hörtest und eine Messung des Trommelfell-Drucks gehören fast immer dazu. Bei Verdacht auf eine Ausbreitung in Knochen oder Umgebung kann eine Bildgebung nötig sein.
Mögliche Untersuchungen
- Ohrenspiegelung mit dem Ohrtrichter und dem Mikroskop
- Hörtest (Tonaudiometrie), um das Ausmaß der Hörminderung zu erfassen
- Tympanometrie – eine Messung, die zeigt, wie beweglich das Trommelfell ist
- Manchmal eine Computer- oder Kernspintomografie, um Ausdehnung und mögliche Knochenschäden zu sehen
- In einigen Fällen eine kleine Gewebeprobe während einer Operation
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Untersuchung beim HNO-Arzt tut in der Regel nicht weh und dauert nicht lange. Falls eine Bildgebung nötig ist, wird ein Termin vereinbart – das ist kein Notfall. Sie können Fragen stellen und sich alles in Ruhe erklären lassen. Wenn eine Operation empfohlen wird, gehört ein ausführliches Aufklärungsgespräch dazu, in dem Nutzen, Risiken und Alternativen besprochen werden.
Behandlung
Ein Cholesteatom verschwindet nicht von selbst und heilt auch nicht mit Salben oder Tabletten aus. Die Behandlung zielt darauf ab, das Hautsäckchen vollständig zu entfernen, das Ohr zu belüften und – wenn möglich – das Gehör zu verbessern. In den meisten Fällen ist dafür eine Operation nötig. Vor und nach der Operation sind regelmäßige Kontrollen wichtig, weil ein Cholesteatom in einem Teil der Fälle wiederkommt.
Selbsthilfe zu Hause
- Halten Sie das betroffene Ohr trocken – beim Duschen und Haarewaschen hilft ein wasserdichter Wattebausch mit etwas Vaseline oder ein Ohrschutz.
- Stecken Sie nichts ins Ohr, keine Wattestäbchen, keine Öle und keine selbst gekauften Tropfen.
- Beim Schwimmen kann eine gut sitzende Ohrkappe oder ein angepasster Gehörschutz sinnvoll sein – fragen Sie Ihre HNO-Praxis.
- Nehmen Sie Kontrolltermine wahr, auch wenn Sie keine Beschwerden haben.
- Achten Sie bei Kindern darauf, ob das Ohr wieder feucht wird oder unangenehm riecht, und melden Sie das der Praxis.
- Rauchen Sie möglichst nicht – das kann die Heilung und die Belüftung der Schleimhäute ungünstig beeinflussen.
Medizinische Behandlungen
Medikamente können ein Cholesteatom nicht beseitigen. In der HNO-Praxis wird das Ohr bei Bedarf gründlich gereinigt und von Hautschüppchen befreit. Wenn sich eine Entzündung dazugesellt hat, kann die Ärztin oder der Arzt eine passende Behandlung verordnen – zum Beispiel Antibiotika oder Ohrentropfen. Solche Mittel werden immer individuell verordnet; bitte verwenden Sie nichts auf eigene Faust und keine Mittel aus dem Internet. Regelmäßige Ohrenreinigung in der Praxis kann außerdem dabei helfen, den Bereich sauber und überschaubar zu halten, bis eine Operation erfolgt.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist der Standard, um ein Cholesteatom zu entfernen. Sie findet meist unter Vollnarkose statt, manchmal ist auch eine örtliche Betäubung möglich. Über einen Zugang hinter dem Ohr oder durch den Gehörgang wird das Hautsäckchen entfernt und das Mittelohr wieder belüftet. Häufig wird gleichzeitig versucht, das Trommelfell oder die kleinen Gehörknöchelchen wieder aufzubauen, um das Hören zu verbessern. Je nach Befund kann ein Eingriff in einer Sitzung ausreichen oder in zwei Schritten geplant werden. Danach sind Nachkontrollen in festen Abständen üblich.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag dreht sich vieles darum, das Ohr trocken und sauber zu halten und Termine wahrzunehmen. Viele Menschen kommen mit einem gut kontrollierten Ohr sehr gut zurecht. Wenn das Hören eingeschränkt ist, kann ein Hörgerät oder eine andere Hörhilfe den Alltag deutlich erleichtern – sprechen Sie Ihre HNO-Praxis darauf an.
Tipps für den Alltag
- Ohrenschutz beim Schwimmen und beim Haarewaschen einplanen
- Laute Geräusche meiden, um das Gehör nicht zusätzlich zu belasten
- Bei Flugreisen oder Tauchgängen vorher ärztlich Rücksprache halten
- Nicht rauchen und möglichst wenig Alkohol – das unterstützt die Heilung
- Ausreichend Schlaf und Pausen, besonders in der Zeit nach einer Operation
- Kontrolltermine in den Kalender eintragen und nicht „verfallen“ lassen
Ernährung und Bewegung
Eine besondere Diät ist bei einem Cholesteatom nicht nötig. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten unterstützt die allgemeine Gesundheit und die Wundheilung. Bewegung ist ausdrücklich erlaubt und sinnvoll. Nach einer Operation sollten Sie zunächst auf Schwimmen und auf Sport mit Druck auf das Ohr, etwa Tauchen oder Ringkämpfe, verzichten, bis die Praxis grünes Licht gibt. Fragen Sie am besten konkret nach, wann Sie wieder Sport machen dürfen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Wiederkehrender Ohrenausfluss, Hörminderung und die Aussicht auf eine Operation können belasten. Manche Menschen schämen sich für den Geruch oder ziehen sich zurück. Auch Sorgen um das Hören und um die Zukunft sind verständlich. Sprechen Sie darüber – mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, in der Familie oder mit einer Beratungsstelle. In einer seelischen Krise können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge oder an Ihren Hausarzt wenden; im Notfall gilt die 112.
Vorbeugung
Nicht jedes Cholesteatom lässt sich verhindern. Aber man kann das Risiko senken, indem Ohrinfektionen gut ausheilen und Probleme mit dem Trommelfell früh erkannt werden. Wichtig sind: Mittelohrentzündungen konsequent behandeln und Nachkontrollen wahrnehmen, bei einer eingezogenen Trommelfellmembran regelmäßig zur Kontrolle gehen und bei wiederkehrendem, übelriechendem Ohrenausfluss nicht lange abwarten.
Impfungen
Es gibt keine Impfung gegen ein Cholesteatom. Die üblichen Impfungen, etwa gegen Pneumokokken und Grippe, können aber dabei helfen, Mittelohrentzündungen und deren Komplikationen seltener zu machen – sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt auf den für Sie passenden Impfschutz an.
Früherkennungsprogramme
Ein eigenes Früherkennungsprogramm für Cholesteatome gibt es nicht. Sinnvoll sind regelmäßige HNO-Kontrollen bei Menschen mit bekannten Trommelfellveränderungen, nach Ohr-Operationen oder bei Kindern mit häufigen Ohrinfektionen. Auch Hörtests im Kindesalter helfen, eine Hörminderung früh zu erkennen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Dauerhafte Hörminderung, weil Trommelfell und Gehörknöchelchen geschädigt werden
- Zerstörung von Knochen im Ohr und in der Umgebung
- Störungen des Gleichgewichtsorgans mit Schwindel
- Schädigung des Gesichtsnervs mit Schwäche im Gesicht
- Seltene, aber ernste Ausbreitung in Richtung Hirnhaut oder Gehirn, mit Kopfschmerzen, Fieber und Nackensteife – dann sofort 112
- Wiederkehrende Entzündungen mit Ausfluss und Geruch
Langzeitprognose
Die Aussichten sind gut, wenn ein Cholesteatom erkannt und behandelt wird. Bei den meisten Menschen gelingt es, das Hautsäckchen vollständig zu entfernen. Das Hören kann sich bessern, muss es aber nicht in jedem Fall – manchmal bleibt eine Hörminderung, die sich mit einem Hörgerät ausgleichen lässt. Wichtig sind Geduld und die regelmäßigen Kontrollen, denn in einem Teil der Fälle kommt ein Cholesteatom zurück und muss erneut behandelt werden. Mit einem verlässlichen Behandlungsteam lässt sich das gut im Blick behalten.
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Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2026
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