Angeborenes Glaukom – Grüner Star bei Babys
Übersicht
Beim angeborenen Glaukom ist der Druck im Auge schon bei der Geburt oder in den ersten Lebensmonaten zu hoch. Die Ursache ist meist eine kleine Fehlbildung im Kammerwinkel. Das ist die „Abflussöffnung“ im Auge, über die die klare Flüssigkeit abläuft, die das Auge von innen füllt (Kammerwasser). Kann die Flüssigkeit nicht gut abfließen, staut sie sich und der Druck steigt. Dieser Druck schädigt mit der Zeit den Sehnerv – den Nerv, der die Bilder vom Auge zum Gehirn weiterleitet. Weil die Hülle des Auges bei Babys noch weich und dehnbar ist, kann das Auge außerdem größer werden als normal.
Wichtige Fakten
- Angeborenes Glaukom ist selten: Etwa 1 von 10.000 bis 1 von 20.000 Kindern ist betroffen.
- Meist sind beide Augen betroffen, manchmal nur eines.
- In den meisten Fällen ist eine Operation der wichtigste Behandlungsschritt. Je früher sie erfolgt, desto besser sind die Chancen für ein gutes Sehen.
- Die Betreuung begleitet das Kind in der Regel ein Leben lang, mit regelmäßigen Kontrollen beim Augenarzt oder in der Augenklinik.
Angeborenes Glaukom ist selten. In Europa kommt es bei etwa einem von 10.000 bis 20.000 Neugeborenen vor. Damit gehört es zu den seltenen Augenerkrankungen des Kindesalters – die weit häufigere Glaukomform betrifft Menschen erst im höheren Lebensalter.
Es zeigt sich meist in den ersten Lebensmonaten, oft schon kurz nach der Geburt. Jungen sind etwas häufiger betroffen als Mädchen. Bei einem Teil der Kinder gibt es eine erbliche Veranlagung in der Familie. Manchmal tritt das Glaukom zusammen mit anderen angeborenen Besonderheiten auf, also als Teil eines übergeordneten Syndroms.
Symptome
- Plötzlicher Sehverlust oder ein Auge, das plötzlich nicht mehr zu sehen scheint
- Sehr heftige Augenschmerzen mit Übelkeit oder Erbrechen und einem harten, stark geröteten Auge
- Nach einem Unfall: Verletzung am Auge, Blut im Auge oder plötzlich trübe Hornhaut
- Ein Kind, das plötzlich bewusstseinsgetrübt, teilnahmslos oder nicht ansprechbar ist
- ⚠Ein Baby mit trüber Hornhaut, auffallend großem Auge, starkem Tränen oder ausgeprägter Lichtscheu – bitte noch am selben Tag augenärztlich vorstellen
- ⚠Bei bekanntem Glaukom: plötzlich mehr Unruhe, häufiges Schreien, ein rotes oder geschwollenes Auge
- ⚠Nach einer Augenoperation: zunehmende Rötung, Schwellung, Schmerzen oder Fieber
- ⚠Ein Kind mit Kopfschmerzen und gleichzeitigem Erbrechen, wenn ein Glaukom bekannt ist
Häufige Symptome
- Trübe, milchig wirkende Hornhaut – das ist die klare „Frontscheibe“ des Auges
- Ein Auge, das ungewöhnlich groß oder vorgewölbt wirkt
- Starkes Tränen, obwohl das Kind nicht weint
- Lichtempfindlichkeit: Das Kind kneift die Augen zu oder dreht den Kopf vom Licht weg
- Gerötete Augen und häufiges Blinzeln
- Unruhe und Schreien, besonders bei hellem Licht
Symptome bei Kindern
- Babys schauen oft auffällig wenig, fixieren Gesichter nur kurz oder folgen Gegenständen nicht mit den Augen
- Das Kind reibt sich häufig am Auge oder hält die Augen fest zugekniffen
- Später können ein Schielen oder ein unwillkürliches Augenzittern (Nystagmus) dazukommen
- Manche Kinder reagieren beim Wickeln oder bei Berührung in der Augenumgebung empfindlich
- Bei einseitigem Glaukom fällt auf, dass ein Auge größer ist als das andere
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Erwachsene, die mit einem angeborenen Glaukom aufwachsen, spüren einen erhöhten Augendruck oft gar nicht – Kontrollen bleiben deshalb wichtig
- Mögliche Zeichen sind langsam zunehmende Sehverschlechterung, Kopfschmerzen oder häufiger wechselnde Brillenwerte
- Ein Glaukom, das erst im höheren Alter neu auftritt, ist fast immer eine andere, erworbene Form – nicht das angeborene Glaukom
- Bei Menschen mit angeborenem Glaukom können auch Jahre später noch Druckentgleisungen auftreten, manchmal mit Augenschmerzen oder gerötetem Auge
Ursachen
Hauptursachen
- Eine Fehlbildung im Kammerwinkel, also in der Abflussregion des Auges – sie ist oft schon vor der Geburt angelegt
- Erbliche Veränderungen in bestimmten Genen, die den Aufbau des Auges beeinflussen
- Ein Glaukom als Begleiterscheinung anderer angeborener Syndrome oder Fehlbildungen
- Seltener: ein Glaukom als Folge einer Augenentzündung, eines Tumors oder einer Verletzung (sekundäres Glaukom)
Risikofaktoren
- Ein Elternteil oder ein Geschwisterkind mit angeborenem Glaukom
- Blutsverwandtschaft der Eltern – in manchen Familien tritt die Erkrankung gehäuft auf
- Andere angeborene Fehlbildungen oder ein bekanntes Syndrom
- Männliches Geschlecht (Jungen sind etwas häufiger betroffen)
- Sehr selten bestimmte Infektionen oder Medikamente in der Schwangerschaft – sprechen Sie dazu mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Ihnen an den Augen Ihres Babys eine trübe Stelle, eine ungewöhnliche Größe oder eine starke Lichtscheu auffällt
- Wenn ein Kind mit bekanntem Glaukom plötzlich Schmerzen, eine Rötung oder eine Sehverschlechterung zeigt
- Wenn nach einer Augenoperation Beschwerden zunehmen oder Fieber auftritt
- Wenn ein Auge nach einem Unfall verletzt ist oder sich verändert
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Zu den Vorsorgeuntersuchungen für Babys und Kleinkinder (U1 bis U6) – dort werden auch die Augen betrachtet
- Wenn ein Geschwisterkind oder ein Elternteil ein angeborenes Glaukom hat: das Kind früh augenärztlich untersuchen lassen, auch ohne Beschwerden
- Bei allen vereinbarten Kontrollterminen, auch wenn alles unauffällig erscheint
- Wenn Ihnen etwas „komisch“ vorkommt – zum Beispiel ein Auge, das anders aussieht als das andere
Diagnose
Die Untersuchung übernimmt am besten eine augenärztliche Praxis mit Schwerpunkt Kinder-Augenheilkunde oder eine Augenklinik. Bei Säuglingen ist eine gründliche Untersuchung oft nur im kurzen Schlaf oder in einer kurzen Narkose möglich, weil die Kinder stillhalten müssen. Dabei werden unter anderem der Augendruck, die Größe und Durchsichtigkeit der Hornhaut und der Zustand des Sehnervs beurteilt.
Mögliche Untersuchungen
- Augendruckmessung (Tonometrie) – mit einem kleinen, sanften Messgerät
- Beurteilung von Hornhautgröße und Hornhautdurchsichtigkeit mit der Spaltlampe, einem speziellen Mikroskop für das Auge
- Gonioskopie: der Kammerwinkel wird mit einer Linse und einem Licht betrachtet
- Untersuchung des Augenhintergrunds, besonders des Sehnervs
- Ultraschall des Auges, zum Beispiel zur Messung der Augenlänge
- Prüfung der Sehschärfe, altersgerecht mit Bildern, Spielzeug oder speziellen Tests
- Bei Bedarf eine genetische Beratung oder Untersuchung, vor allem bei familiärer Häufung
- Bei Verdacht auf ein Syndrom weitere Untersuchungen, manchmal auch eine Bildgebung des Kopfes
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Rechnen Sie mit mehreren Terminen. Für viele Untersuchungen werden die Pupillen mit Tropfen weit gestellt – danach ist das Sehen für einige Stunden verschwommen und das Kind vielleicht lichtempfindlich und müde. Bei kleinen Kindern wird die Untersuchung oft in Narkose geplant; das klingt beunruhigend, ist aber ein routinemäßiges und gut überwachtes Verfahren. Häufig gibt es schon am selben Tag eine erste Einschätzung, manchmal sind aber Wiederholungen nötig, um den Verlauf sicher zu beurteilen.
Behandlung
Ziel der Behandlung ist es, den Druck im Auge zu senken, den Sehnerv zu schützen und dem Kind bestmögliches Sehen zu ermöglichen. Beim angeborenen Glaukom ist eine Operation meist der entscheidende Schritt. Augentropfen und andere Maßnahmen ergänzen die Behandlung, ersetzen die Operation aber in der Regel nicht. Wichtig ist eine langfristige Begleitung durch ein Augenärzteteam, das mit Kindern Erfahrung hat.
Selbsthilfe zu Hause
- Alle Kontrolltermine wahrnehmen – auch dann, wenn das Kind keine Beschwerden hat
- Vom Augenarzt verordnete Augentropfen regelmäßig geben; lassen Sie sich das Vorgehen einmal in der Praxis zeigen
- Das Kind davon abhalten, sich fest in die Augen zu reiben; Fingernägel kurz halten
- Augen vor grellem Licht und starker Sonne schützen – Sonnenhut, Sonnenbrille, notfalls eine Kappe mit Schirm
- Auf Veränderungen achten: trübe Stellen, Rötung, mehr Tränen, Schielen, Kopfschmerzen und dies beim nächsten Termin ansprechen
- Eine verordnete Brille und, falls empfohlen, das Abkleben eines Auges zum Sehtraining konsequent umsetzen
- Befunde sammeln und bei jedem Arztwechsel mitbringen – so bleibt der Verlauf nachvollziehbar
- Kindergarten, Schule und betreuende Personen informieren, damit auch dort auf die Augen geachtet wird
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung ruht auf zwei Säulen. Die erste ist die Operation: Sie schafft einen besseren Abfluss für das Kammerwasser, damit der Druck sinkt. Je nach Befund kommen unterschiedliche Verfahren infrage, zum Beispiel ein kleiner Eingriff am Kammerwinkel oder, wenn nötig, ein Implantat, das die Flüssigkeit ableitet. Manchmal sind mehrere Eingriffe nötig. Die zweite Säule sind augendrucksenkende Augentropfen und andere ärztlich verordnete Maßnahmen. Sie werden vor allem eingesetzt, um die Zeit bis zur Operation zu überbrücken oder das Ergebnis danach zu unterstützen. Zusätzlich wird das Sehen gefördert – mit einer passenden Brille, mit Abkleben eines Auges (Okklusionstherapie) bei Schwachsichtigkeit und mit Angeboten der Sehfrühförderung. Alle Entscheidungen trifft das behandelnde Augenärzteteam gemeinsam mit Ihnen.
Wann kommt eine Operation infrage?
Beim angeborenen Glaukom ist die Operation meist die erste und wichtigste Behandlung. Sie wird in der Regel so bald wie möglich nach der Diagnose geplant, weil frühes Handeln die Chancen auf gutes Sehen deutlich verbessert. Manchmal reicht ein Eingriff aus, manchmal sind weitere Operationen im Laufe der Kindheit oder später nötig. Ob und wann operiert wird, hängt vom Augendruck, vom Sehnerv und vom Verlauf ab – das bespricht das Behandlungsteam ausführlich mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit einem Kind mit angeborenem Glaukom ist von regelmäßigen Terminen geprägt – beim Augenarzt, in der Klinik, bei der Sehfrühförderung und manchmal bei der Orthoptik, also der Fachrichtung für Schielen und Sehschwäche. Mit der Zeit entsteht Routine. Viele Familien führen einen Ordner mit Befunden und legen die Termine gebündelt, um Wege zu sparen. Wichtig ist, dass das Kind so normal wie möglich aufwächst: spielen, toben, in den Kindergarten und zur Schule gehen – all das ist in der Regel möglich.
Tipps für den Alltag
- Beim Toben und Sport auf Augenschutz achten, zum Beispiel bei Ballsport oder Radfahren
- Brille regelmäßig tragen lassen und aufpassen, dass sie gut sitzt
- Pausen von Bildschirmen einplanen – das entlastet die Augen, ersetzt aber keine Kontrolltermine
- Auf ausreichend Schlaf und Ruhephasen achten
- Nicht in der Nähe des Kindes rauchen
- Bei Reisen genug Augentropfen und Befunde mitnehmen und im Handgepäck verstauen
- Sonnenbrille und Kopfbedeckung bei hellem Licht dabeihaben
Ernährung und Bewegung
Eine besondere Diät ist beim angeborenen Glaukom nicht nötig. Eine ausgewogene, kindgerechte Ernährung und ausreichend Bewegung tun wie bei jedem Kind gut. Das Kind muss auf Sport meist nicht verzichten – bei manchen Aktivitäten ist ein Augenschutz sinnvoll. Sprechen Sie mit dem Augenärzteteam, wenn Sie unsicher sind, ob eine bestimmte Sportart geeignet ist.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Diagnose trifft viele Eltern unvorbereitet. Sorgen um das Sehen des Kindes, häufige Termine und die Frage „Haben wir etwas übersehen?“ können sehr belasten. Solche Gefühle sind normal und brauchen Platz. Auch Geschwisterkinder und später das Kind selbst können Fragen haben oder sich „anders“ fühlen – offene Gespräche und Informationen in kindgerechter Sprache helfen. Wenn die Belastung groß wird, sprechen Sie mit Ihrer Kinderärztin oder Ihrem Kinderarzt, dem Behandlungsteam oder einer Beratungsstelle. In einer seelischen Krise können Sie sich jederzeit an den Notruf 112 wenden oder an eine regionale Krisenberatung.
Vorbeugung
Angeborenes Glaukom lässt sich nicht verhindern, weil die Fehlbildung meist schon vor der Geburt entsteht. Was sich beeinflussen lässt, sind die Folgen: Wird der erhöhte Augendruck früh erkannt und behandelt, können Sehnerv und Sehen besser geschützt werden. Wenn in der Familie ein angeborenes Glaukom bekannt ist, kann eine humangenetische Beratung helfen, das Risiko für weitere Kinder einzuschätzen.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland werden die Augen bei den Vorsorgeuntersuchungen für Babys und Kleinkinder (U1 bis U6) mitbetrachtet. Ein eigenes Reihen-Screening des Augendrucks für alle Neugeborenen gibt es nicht. Bei familiärer Häufung sollten Geschwister und Kinder deshalb früh und gezielt augenärztlich untersucht werden – auch wenn die Augen unauffällig aussehen. Die augenärztlichen Leitlinien der AWMF zur Glaukomversorgung empfehlen bei Kindern eine besonders enge und langfristige Verlaufskontrolle.
Komplikationen
Unbehandelt
- Der erhöhte Druck schädigt den Sehnerv dauerhaft – Sehverlust durch Sehnervschaden lässt sich nicht rückgängig machen
- Die Hornhaut kann trüb werden und vernarben, was das Sehen zusätzlich einschränkt
- Das Auge kann sich vergrößern und seine Form verändern
- Es kann zu einer Schwachsichtigkeit kommen, weil das Gehirn das Sehen mit dem betroffenen Auge nicht richtig lernt
- Schielen und unwillkürliches Augenzittern können sich entwickeln
- In seltenen Fällen kommt es zu starken Schmerzen am Auge oder zu einem Notfall am Auge
Langzeitprognose
Die Aussichten sind heute gut, wenn die Erkrankung früh erkannt und konsequent behandelt wird. Viele Kinder behalten ein gutes oder zumindest brauchbares Sehvermögen und können einen ganz normalen Alltag führen, zur Schule gehen und später einen Beruf ausüben. Wichtig zu wissen: Kontrollen bleiben ein Leben lang sinnvoll, weil sich der Druck auch später noch verändern kann. Für die meisten Familien bedeutet das vor allem eines – Verlässlichkeit im Alltag und ein gutes Team an ihrer Seite.
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Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2026
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