Cutis Laxa – wenn die Haut ihre Spannkraft verliert
Übersicht
Cutis laxa bedeutet übersetzt „schlaffe Haut“. Es handelt sich um eine seltene Erkrankung des Bindegewebes. Das Bindegewebe ist das Stützgewebe, das Haut, Gefäße und innere Organe zusammenhält. Bei Cutis laxa ist vor allem das Elastin betroffen – ein Eiweiß, das der Haut ihre Spannkraft gibt, ähnlich wie ein Gummiband. Ist Elastin nicht vorhanden oder gestört, wird die Haut locker, hängt in Falten und federt nach dem Ziehen nicht mehr richtig zurück. Bei manchen Formen sind auch Lunge, Herz, Blutgefäße oder der Magen-Darm-Trakt betroffen, weil dort ebenfalls elastische Fasern vorkommen. Wichtig zu wissen: Cutis laxa ist nicht dasselbe wie eine „normale“ schlaffe Haut im Alter oder nach starkem Abnehmen.
Wichtige Fakten
- Cutis laxa ist eine sehr seltene Bindegewebserkrankung, bei der die Haut ihre Elastizität verliert und in Falten hängt.
- Es gibt angeborene (vererbte) Formen, die oft schon im Baby- oder Kindesalter auffallen, und erworbene Formen, die später im Leben auftreten.
- Je nach Form können neben der Haut auch Lunge, Herz, Gefäße oder der Verdauungstrakt betroffen sein – deshalb ist eine regelmäßige ärztliche Begleitung wichtig.
Nein, Cutis laxa ist sehr selten. Nur wenige Menschen weltweit haben diese Diagnose. Deshalb kennen viele Ärztinnen und Ärzte die Erkrankung vor allem aus Fachbüchern und überweisen bei Verdacht an spezialisierte Zentren.
Betroffen sein können Menschen jeden Alters. Die vererbten Formen zeigen sich häufig schon im Säuglings- oder Kindesalter. Die erworbene Form tritt meist bei Erwachsenen auf, oft nach einer stärkeren Hautentzündung oder im Zusammenhang mit anderen Erkrankungen. Männer und Frauen sind gleichermaßen betroffen.
Symptome
- Plötzliche, sehr starke Brustschmerzen, die in den Rücken oder Arm ausstrahlen – hier besteht der Verdacht auf eine gefährliche Erweiterung der Hauptschlagader. Sofort den Notruf 112 wählen.
- Plötzliche schwere Atemnot oder bläuliche Lippen.
- Bewusstlosigkeit, Verwirrtheit oder ein plötzlich einsetzendes Krampfanfall-Geschehen.
- Plötzliche Lähmungserscheinungen, Sprachstörungen oder Sehverlust – mögliche Anzeichen eines Schlaganfalls.
- Starke, unstillbare Blutung oder Blut im Erbrochenen bzw. im Stuhl mit Kreislaufschwäche.
- ⚠Neu aufgetretene oder rasch größer werdende, schmerzhafte Schwellung, zum Beispiel in der Leiste.
- ⚠Zunehmende Atemnot bei Belastung oder im Liegen.
- ⚠Wiederkehrende Lungenentzündungen oder länger anhaltender Husten.
- ⚠Plötzlich auftretende, ungewöhnlich schlaffe Haut nach einer Hautentzündung.
- ⚠Starke Bauchschmerzen oder anhaltende Verdauungsprobleme.
Häufige Symptome
- Locker gewordene, erschlaffte Haut, die in Falten hängt – besonders im Gesicht, am Hals, an den Armen und Beinen.
- Hängende Wangen und Augenlider, wodurch das Gesicht älter wirkt als es ist.
- Die Haut federt nach dem Ziehen nicht mehr zurück (verlorene Elastizität).
- Trockene, manchmal papierartig dünne Haut.
- Vorgewölbte Hautpartien am Bauch oder in der Leistengegend durch schwaches Bindegewebe (zum Beispiel Brüche/Leistenhernien).
- Überstreckbare Gelenke bei manchen Formen.
- Bei Formen mit Organbeteiligung: Kurzatmigkeit, wiederkehrende Atemwegsinfekte oder Verdauungsprobleme.
Symptome bei Kindern
- Auffällig schlaffe Haut schon bei der Geburt oder im ersten Lebensjahr.
- Hängende Wangen, herabhängende Augenlider oder ein „traurig“ wirkender Gesichtsausdruck.
- Bei einigen Formen: verzögerte Entwicklung, Schwierigkeiten beim Füttern oder Gedeihen.
- Häufigere Atemwegsinfekte oder pfeifende Atmung.
- Nabel- oder Leistenbrüche.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Plötzlich oder über Monate zunehmend schlaffe Haut, oft nach einer abgeklungenen Hautentzündung.
- Schlaffe Hautfalten, die nicht zum übrigen Alterungsbild passen.
- Vermehrt Kurzatmigkeit oder Leistungsabfall, wenn Lunge oder Herz betroffen sind.
- Wiederkehrende Brüche oder ein Druckgefühl im Bauch.
- Hinweis: Normale Alterserscheinungen der Haut sind kein Zeichen von Cutis laxa – bei schnellen Veränderungen lohnt sich ein ärztliches Gespräch.
Ursachen
Hauptursachen
- Vererbte Formen: Veränderungen (Mutationen) in Genen, die für den Aufbau und die Vernetzung elastischer Fasern zuständig sind. Diese Veränderungen können von einem oder von beiden Elternteilen weitergegeben werden.
- Erworbene Form: Die Haut wird im Laufe des Lebens schlaff, oft nach einer schweren Hautentzündung, im Zusammenhang mit bestimmten anderen Erkrankungen oder – selten – als Reaktion auf eine Behandlung oder einen Infekt.
- Bei vielen Betroffenen lässt sich die genaue Ursache nicht eindeutig klären. Das ist keine Seltenheit bei seltenen Erkrankungen.
Risikofaktoren
- Eine Familienanamnese: Wenn in der Familie bereits Cutis laxa oder eine ähnliche Bindegewebserkrankung bekannt ist.
- Verwandtschaftliche Ehen in der Familie können das Risiko für vererbte Formen erhöhen.
- Vorausgegangene schwere Hautentzündungen oder Hautreaktionen.
- Bestimmte Grunderkrankungen oder Behandlungen, die das Bindegewebe beeinflussen können – hierzu berät Sie Ihre Ärztin oder Ihr Arzt im Einzelfall.
- Wichtig: Aus Risikofaktoren allein lässt sich keine Diagnose stellen.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie plötzlich starke Brustschmerzen, schwere Atemnot oder Lähmungserscheinungen bemerken: sofort den Notruf 112 wählen.
- Wenn die Haut innerhalb von Tagen deutlich schlaff wird oder sich nach einer Entzündung nicht erholt.
- Wenn ein Bruch (Hernie) plötzlich schmerzt, hart wird oder sich nicht mehr zurückschieben lässt.
- Wenn ein Kind nicht richtig trinkt, nicht gedeiht oder auffällig oft Atemwegsinfekte hat.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Ihnen Ihre Haut zunehmend zu locker erscheint und Sie sich Sorgen machen.
- Wenn in Ihrer Familie eine Bindegewebserkrankung bekannt ist und Sie Kinder planen oder Fragen zur Vererbung haben.
- Wenn bei Ihnen bereits Cutis laxa festgestellt wurde und Sie eine regelmäßige Begleitung durch Fachärztinnen und Fachärzte wünschen.
- Wenn Sie sich durch Ihr Aussehen im Alltag oder im Kontakt mit anderen belastet fühlen.
Diagnose
Der erste Schritt ist immer ein ausführliches Gespräch und eine körperliche Untersuchung. Die Ärztin oder der Arzt schaut sich die Haut genau an, prüft ihre Dehnbarkeit und fragt nach Beschwerden, Vorerkrankungen und Erkrankungen in der Familie. Bestätigt sich der Verdacht, überweisen die meisten Praxen an eine spezialisierte Hautklinik, eine humangenetische Beratung oder ein Zentrum für seltene Erkrankungen.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung der Haut, auch mit vorsichtigem Ziehen und Prüfen der Rückfederung.
- Gewebeprobe der Haut (Hautbiopsie): Ein winziges Stück Haut wird unter örtlicher Betäubung entnommen und im Labor untersucht, um den Aufbau der elastischen Fasern zu beurteilen.
- Humangenetische Untersuchung (Blutprobe), um Veränderungen in den betroffenen Genen zu finden.
- Lungenfunktionstest und gegebenenfalls Bildgebung der Lunge, wenn Atemprobleme bestehen.
- Ultraschall und weitere Bildgebung von Herz und Gefäßen, um die Weite der Hauptschlagader zu prüfen.
- Untersuchungen des Bauchraums bei Verdauungsbeschwerden.
- Augenärztliche Untersuchung, da bei einigen Formen auch die Augen betroffen sein können.
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Diagnose kann einige Wochen dauern, weil mehrere Untersuchungen zusammenkommen. Das kann sich lang anziehen und belastend sein – das ist ganz normal. Hilfreich ist es, Fragen vorher aufzuschreiben und bei Terminen um eine Begleitung zu bitten. Wenn eine vererbte Form bestätigt wird, wird in der Regel auch eine humangenetische Beratung angeboten, in der es um Vererbung und Familienplanung geht.
Behandlung
Cutis laxa selbst lässt sich derzeit nicht heilen. Das Ziel der Behandlung ist es, Beschwerden zu lindern, Folgeprobleme früh zu erkennen und die Lebensqualität zu erhalten. Dafür arbeitet in der Regel ein Team aus Hausärztin oder Hausarzt, Hautärztinnen und Hautärzten sowie – je nach Beschwerden – Lungen-, Herz-, Gefäß- oder Kinderfachärztinnen und -fachärzten zusammen.
Selbsthilfe zu Hause
- Die Haut sanft pflegen: lauwarm duschen, milde, parfümfreie Reinigung verwenden und die Haut regelmäßig eincremen, um sie vor dem Austrocknen zu schützen.
- Sonnenschutz mit hohem Lichtschutzfaktor, denn die Haut ist oft empfindlicher.
- Auf ausreichend Flüssigkeit und eine ausgewogene Ernährung achten.
- Nicht rauchen und Rauch in der Umgebung meiden – das schützt Lunge und Gefäße zusätzlich.
- Regelmäßige, angepasste Bewegung, um Muskeln und Kreislauf zu stärken.
- Hautfalten trocken und sauber halten, um Hautentzündungen in Falten vorzubeugen.
- Bei einer erworbenen Form: Auslöser wie eine Hautentzündung frühzeitig ärztlich behandeln lassen.
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung richtet sich nach den Beschwerden. Im Mittelpunkt stehen eine gute Hautpflege und der Schutz der Haut. Sind Lunge, Herz oder Gefäße betroffen, übernehmen entsprechende Fachrichtungen die Betreuung – zum Beispiel mit Atemtherapie, Physiotherapie und regelmäßigen Kontrolluntersuchungen. Bei Beschwerden durch erschlaffte Haut oder Brüche kann eine plastisch-chirurgische oder chirurgische Behandlung sinnvoll sein. Ihr Behandlungsteam bespricht mit Ihnen, welche Maßnahmen in Ihrer Situation passen. Bitte sprechen Sie vor jeder Anwendung – auch vor rezeptfreien Mitteln – mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt oder fragen Sie in Ihrer Apotheke.
Wann kommt eine Operation infrage?
Operative Eingriffe kommen vor allem dann infrage, wenn überschüssige Haut deutlich stört, ein Bruch (Hernie) Beschwerden macht oder ein Gefäß problematisch erweitert ist. Solche Eingriffe werden individuell geplant und von spezialisierten Kliniken durchgeführt. Ob und wann eine Operation sinnvoll ist, hängt von der Form der Erkrankung, dem Alter und dem allgemeinen Gesundheitszustand ab.
Leben mit der Erkrankung
Viele Menschen mit einer leichten Form von Cutis laxa können gut und weitgehend unabhängig leben. Wichtig ist ein verlässlicher Rhythmus aus Hautpflege, Bewegung und regelmäßigen Kontrollterminen. Manche Betroffene empfinden die Veränderungen im Aussehen als belastend – offen darüber zu sprechen und sich Unterstützung zu holen, ist ein guter Schritt.
Tipps für den Alltag
- Feste Ansprechpersonen im Behandlungsteam suchen und Termine in einem Kalender festhalten.
- Auf Warnzeichen wie zunehmende Atemnot oder neue Schmerzen achten und frühzeitig melden.
- Bei einem Kinderwunsch rechtzeitig eine humangenetische Beratung in Anspruch nehmen.
- Den Alltag an die eigenen Kräfte anpassen und Pausen einplanen.
- Austausch mit anderen Betroffenen kann entlasten – fragen Sie Ihr Behandlungsteam nach geeigneten Selbsthilfeangeboten.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse, Obst und ausreichend Flüssigkeit unterstützt das allgemeine Wohlbefinden. Bewegung ist ausdrücklich erwünscht – aber angepasst: Sanfte Ausdauerbewegung wie Spazierengehen, Schwimmen oder Radfahren stärkt Herz und Kreislauf. Bei überstreckbaren Gelenken sind Übungen zur Kräftigung sinnvoll; eine Physiotherapie kann einen passenden Plan erstellen. Bei Lungenbeteiligung hilft eine Atem- oder Lungensportgruppe. Besprechen Sie Ihr Trainingsprogramm bitte vorab mit Ihrem Behandlungsteam.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine seltene Erkrankung kann belasten: Sorgen um die Zukunft, Fragen zur Vererbung, Blicke anderer Menschen oder das Gefühl, nicht verstanden zu werden. Solche Gefühle sind ernst zu nehmen und völlig normal. Psychologische Begleitung, Beratungsstellen und Selbsthilfegruppen können spürbar entlasten. Wenn Sie Gedanken haben, die Ihnen Angst machen, oder sich in einer seelischen Krise befinden, suchen Sie bitte sofort Hilfe: In Deutschland erreichen Sie in akuten Notfällen den Notruf 112, und es gibt die Telefonseelsorge sowie psychiatrische Notfallambulanzen. Sie müssen da nicht allein durch.
Vorbeugung
Die vererbten Formen von Cutis laxa lassen sich nicht vorbeugen, weil die genetische Veranlagung von Geburt an besteht. Bei der erworbenen Form kann es helfen, Hautentzündungen frühzeitig behandeln zu lassen und belastende Hautreaktionen zu vermeiden. Bei bekanntem familiärem Risiko ist eine humangenetische Beratung sinnvoll – am besten schon vor einer Schwangerschaft.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf Cutis laxa gibt es nicht. Wenn in Ihrer Familie die Erkrankung bekannt ist, sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt auf eine humangenetische Beratung an. Bei bereits gestellter Diagnose sind regelmäßige Kontrollen von Lunge, Herz und Gefäßen wichtig, damit Veränderungen früh erkannt werden.
Komplikationen
Unbehandelt
- Bei Formen mit Lungenbeteiligung kann eine Lungenüberblähung (Emphysem) entstehen – Betroffene werden zunehmend kurzatmig.
- Eine Erweiterung der Hauptschlagader (Aortenaneurysma) kann sich entwickeln und im ungünstigen Fall lebensbedrohlich werden.
- Wiederkehrende Brüche (Hernien) durch schwaches Bindegewebe.
- Ausbuchtungen (Divertikel) im Verdauungstrakt mit möglichen Beschwerden.
- Hautentzündungen in Falten und schlechtere Wundheilung.
- Bei Kindern mit bestimmten Formen können Wachstum und Entwicklung beeinträchtigt sein.
- Seelische Belastung durch das veränderte Aussehen und die Unsicherheit im Alltag.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind je nach Form sehr unterschiedlich – und oft besser, als es auf den ersten Blick scheint. Menschen mit einer leichten, überwiegend die Haut betreffenden Form können meist gut leben, wenn sie ihre Haut pflegen und zu Kontrollterminen gehen. Bei Formen mit Organbeteiligung ist eine enge medizinische Begleitung wichtig; dank regelmäßiger Kontrollen lassen sich viele Probleme früh erkennen und gut behandeln. Neue Erkenntnisse aus der Forschung fließen laufend in die Betreuung ein. Ihr Behandlungsteam kann Ihnen am besten sagen, was in Ihrer persönlichen Situation zu erwarten ist.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 22. Oktober 2026
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