Diabetisches Koma
Übersicht
Ein diabetisches Koma ist ein lebensbedrohlicher Notfall, bei dem der Blutzucker (die Zuckermenge im Blut) völlig aus dem Gleichgewicht gerät – entweder extrem hoch oder extrem niedrig. Der Körper kann dann nicht mehr richtig arbeiten, die betroffene Person wird zunehmend schläfrig, verwirrt und schließlich bewusstlos. Wichtig zu wissen: Ein diabetisches Koma ist immer ein Notfall. Zögern Sie nicht und rufen Sie sofort 112 an – auch nachts und am Wochenende.
Wichtige Fakten
- Ein diabetisches Koma ist ein Notfall: sofort 112 anrufen, nicht selbst herumprobieren.
- Es kann durch starken Unterzucker oder durch starken Überzucker entstehen – die Anzeichen sind unterschiedlich.
- Wer schnell Hilfe bekommt, erholt sich in den allermeisten Fällen vollständig.
Ein echtes Koma ist selten. Schwere Entgleisungen des Blutzuckers kommen aber häufiger vor, als viele denken – und sie kündigen sich meist mit Warnzeichen an. Am häufigsten treten sie bei Menschen mit Typ-1-Diabetes auf, außerdem bei älteren Menschen mit Typ-2-Diabetes.
Betroffen sind Menschen mit Diabetes. Bei Typ-1-Diabetes kann eine schwere Übersäuerung des Blutes (Ketoazidose) sogar das erste Anzeichen sein, besonders bei Kindern und Jugendlichen. Bei Typ-2-Diabetes sind eher ältere, pflegebedürftige Menschen gefährdet, oft ausgelöst durch einen Infekt oder starken Flüssigkeitsmangel. Auch Menschen, die ihre Medikamente vergessen, allein leben oder wenig über ihren Diabetes wissen, haben ein höheres Risiko.
Symptome
- Die Person ist bewusstlos oder kaum noch wach zu bekommen
- Krampfanfall
- Tiefe, schnelle Atmung oder fruchtiger Geruch der Atemluft
- Starke Verwirrtheit, Sprechstörungen oder auffällige Wesensveränderung
- Die Person kann nicht mehr schlucken oder trinken
- Unterzucker, der sich nach Zucker nicht bessert, oder Unterzucker bei jemandem, der nicht schlucken kann
- ⚠Anhaltendes Erbrechen – dann kommen Medikamente und Flüssigkeit nicht mehr an
- ⚠Sehr hohe Zuckerwerte, die trotz Behandlung nicht sinken
- ⚠Fieber oder ein Infekt bei Diabetes
- ⚠Wiederholte Unterzuckerungen ohne erkennbaren Grund
- ⚠Durchfall oder Erbrechen mit Anzeichen von Austrocknung (trockener Mund, wenig Urin, Schwindel beim Aufstehen)
Häufige Symptome
- Starker Durst und häufiges Wasserlassen
- Übelkeit, Erbrechen und Bauchschmerzen
- Tiefe, schnelle Atmung, manchmal mit fruchtigem Geruch der Atemluft (riecht etwas wie Nagellackentferner)
- Große Schwäche, Schwindel und verschwommenes Sehen
- Müdigkeit, Verwirrtheit, Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit
- Bei Unterzucker: Zittern, Schwitzen, Heißhunger, Herzrasen, Blässe und Unruhe
- Mögliche Krampfanfälle
Symptome bei Kindern
- Kleinkinder zeigen oft Bauchschmerzen, Erbrechen und tiefe Atmung – das wird leicht mit einem Magen-Darm-Infekt verwechselt.
- Wieder nächtliches Einnässen, sehr viel Trinken und häufiges Wasserlassen können Hinweise sein.
- Kinder wirken ungewöhnlich müde, gereizt oder teilnahmslos und wollen nicht mehr trinken.
- Bei Unterzucker: plötzliche Wutausbrüche, Weinen, Blässe, Zittern oder Rückzug – Kinder können oft nicht sagen, was los ist.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Frühe Warnzeichen werden oft nicht gespürt, weil das Körpergefühl im Alter nachlässt.
- Verwirrtheit oder Sprachstörungen werden manchmal fälschlich als Demenz oder Schlaganfall gedeutet.
- Austrocknung (Flüssigkeitsmangel) spielt eine große Rolle, häufig ausgelöst durch einen Infekt.
- Durst wird im Alter schwächer empfunden – deshalb wird zu wenig getrunken.
Ursachen
Hauptursachen
- Starker Unterzucker: zum Beispiel zu viel Diabetesmedizin, zu wenig gegessen, viel ungewohnte Bewegung oder Alkohol
- Ketoazidose: Es fehlt Insulin (ein körpereigenes Hormon). Der Körper verbrennt stattdessen Fett, dabei entstehen Säuren, die das Blut übersäuern.
- Hyperosmolares Syndrom: sehr hoher Blutzucker mit starker Austrocknung, vor allem bei Typ-2-Diabetes
- Auslöser von außen: Infekte, Fieber, Stress, Operationen, vergessene Medikamente oder ein Problem mit der Pumpe beziehungsweise dem Katheter
Risikofaktoren
- Typ-1-Diabetes, besonders bei Kindern und Jugendlichen
- Typ-2-Diabetes im höheren Alter, vor allem bei Pflegebedürftigkeit
- Infekte, Fieber und Operationen
- Alkohol
- Vergessene oder eigenmächtig veränderte Medikamente
- Wenig Wissen über Warnzeichen oder eine lange zurückliegende Schulung
- Einsamkeit, Depression oder eine Erkrankung, die die Selbstfürsorge erschwert
- Schwierige Lebensumstände mit wenig Zugang zur medizinischen Versorgung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Erbrechen nicht aufhört und nichts im Magen bleibt
- Wenn der Blutzucker trotz Behandlung stark erhöht bleibt oder immer wieder stark abfällt
- Wenn Fieber oder ein Infekt hinzukommt
- Wenn Ketonkörper im Blut oder Urin nachweisbar sind – das kann auf eine beginnende Übersäuerung hinweisen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Regelmäßige Termine beim Diabetes-Team, um Zuckerwerte und Behandlungsplan zu besprechen
- Die Schulung auffrischen, wenn die letzte schon länger zurückliegt
- Impfschutz prüfen lassen
- Bei Typ-1-Diabetes: gemeinsam einen schriftlichen Notfallplan erstellen
Diagnose
Im Notfall geht alles schnell: Das Rettungsteam misst den Blutzucker, prüft Atmung und Kreislauf und bringt die Person ins Krankenhaus. Dort wird in der Regel Blut abgenommen, um zu sehen, wie stark der Zucker entgleist ist, ob das Blut übersäuert ist und ob die Salze (Elektrolyte) im Blut verschoben sind. Danach suchen die Ärztinnen und Ärzte nach dem Auslöser.
Mögliche Untersuchungen
- Blutzuckermessung, zuerst oft am Finger, im Labor genauer
- Keton-Test in Blut oder Urin – Ketonkörper sind Säuren, die beim Fettabbau entstehen
- Blutgasanalyse: Sie zeigt, wie sauer das Blut ist
- Elektrolyte wie Kalium und Natrium, die bei Entgleisungen durcheinandergeraten
- Nierenwerte und Blutbild
- EKG (Herzschrift), um Herzrhythmusstörungen zu erkennen
- Suche nach dem Auslöser, zum Beispiel Urin- und Blutuntersuchungen oder eine Röntgenaufnahme der Lunge
- Später im Verlauf: der Langzeit-Zuckerwert HbA1c und die Auswertung der gespeicherten Zuckerwerte
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Meist beginnt die Behandlung sofort, noch während die Ergebnisse kommen. Viele Betroffene werden zunächst auf einer Überwachungsstation betreut. Sobald sich der Zustand stabilisiert, sprechen Sie mit dem Team über die Ursache, über eine Anpassung Ihres Behandlungsplans und über eine Auffrischung der Schulung. Fragen Sie auch, ob Angehörige beim Notfalltraining dabei sein können – das gibt vielen Sicherheit.
Behandlung
Ein diabetisches Koma wird immer im Krankenhaus behandelt, oft auf einer Überwachungsstation. Das Ziel ist dreifach: den Kreislauf stabilisieren, den Blutzucker langsam in einen sicheren Bereich bringen und den Auslöser behandeln – etwa einen Infekt. Nach der akuten Phase geht es darum, dass so etwas nicht wieder passiert.
Selbsthilfe zu Hause
- Bei Verdacht auf Koma sofort 112 anrufen.
- Ist die Person bewusstlos, aber atmet normal: stabile Seitenlage, Atmung beobachten, nichts in den Mund geben.
- Einer bewusstlosen Person niemals etwas zu trinken oder zu essen geben – Erstickungsgefahr.
- Ist die Person wach, kann schlucken und zeigt Zeichen von Unterzucker: schnelle Kohlenhydrate wie Traubenzucker oder Saft helfen, danach etwas Langsames wie Brot.
- Dem Rettungsteam sagen: Diabetes, welche Medikamente genommen werden und ob schon Zucker gemessen wurde.
- Nach dem Krankenhaus: Notfallplan sichtbar aufhängen, Notfallausweis mitführen und Familie, Freunde und Kolleginnen und Kollegen einweisen.
- Keton-Teststreifen für zu Hause bereitlegen und lernen, sie richtig zu benutzen.
Medizinische Behandlungen
Im Krankenhaus bekommen Betroffene über eine Venenleitung Flüssigkeit und Medikamente, die den Zucker- und Salzhaushalt wieder ins Gleichgewicht bringen. Atmung, Herz und Kreislauf werden laufend überwacht, und die Werte werden engmaschig kontrolliert. Ist eine Infektion der Auslöser, wird diese zusätzlich behandelt. Sobald es besser geht, passt das Behandlungsteam den langfristigen Plan an und frischt die Schulung auf. Was im Einzelfall gemacht wird, bespricht Ihr Behandlungsteam ausführlich mit Ihnen.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist beim diabetischen Koma selbst nicht nötig. Sie kann aber eine Rolle spielen, wenn eine schwere Infektion der eigentliche Auslöser ist und behandelt werden muss.
Leben mit der Erkrankung
Nach einem Koma fühlen sich viele Menschen zunächst verunsichert. Das legt sich meist, wenn der Alltag wieder Struktur bekommt: feste Zeiten für Mahlzeiten und Zucker messen, ein Plan für Krankheitstage und ein Notfallplan, den auch Angehörige kennen. Sprechen Sie offen mit Ihrem Diabetes-Team über Ängste und Unsicherheiten.
Tipps für den Alltag
- Feste Routinen für Messen, Essen und Medikamente aufbauen
- Immer einen Notfallausweis bei sich tragen
- Einen Vorrat an schnell verfügbaren Kohlenhydraten dabeihaben
- Bei Krankheit frühzeitig den Kontakt zum Behandlungsteam suchen
- Angehörige und enge Freunde über Warnzeichen informieren
- Regelmäßig an Schulungen teilnehmen
- Impfschutz im Blick behalten
- Füße und Haut regelmäßig kontrollieren
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit regelmäßigen Mahlzeiten hilft, den Blutzucker stabil zu halten. Bei Bewegung verbraucht der Körper mehr Zucker – wer Sport plant, sollte den Plan mit dem Diabetes-Team besprechen und eine Kleinigkeit für den Notfall dabeihaben. Ausreichend zu trinken ist besonders wichtig, weil Flüssigkeitsmangel Entgleisungen begünstigt. Alkohol kann den Blutzucker stark beeinflussen und Warnzeichen überdecken – sprechen Sie mit Ihrem Team darüber, was für Sie passt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Nach einem lebensbedrohlichen Erlebnis sind Angst, Schlafprobleme oder ständiges Grübeln häufig – das ist verständlich und darf Raum haben. Manche Menschen entwickeln eine belastende Dauerangst vor einer weiteren Entgleisung und kontrollieren den Zucker sehr oft. Depressionen kommen bei Diabetes häufiger vor als bei Menschen ohne Diabetes. Wenn Niedergeschlagenheit oder Ängste Sie über längere Zeit im Alltag einschränken, sprechen Sie Ihr Behandlungsteam darauf an – es kann Ihnen helfen oder Sie weitervermitteln. In akuten seelischen Krisen gibt es psychosoziale Notdienste und die Telefonseelsorge; die Kontaktdaten finden Sie online oder erhalten sie über Ihre Hausarztpraxis. Bei Lebensgefahr gilt immer: 112.
Vorbeugung
Zum großen Teil ja. Die wichtigsten Bausteine sind eine gute Schulung, ein schriftlicher Plan für Krankheitstage ("Was tun bei Fieber, Erbrechen, Durchfall?"), regelmäßige Kontrollen und das frühzeitige Messen von Zucker und Ketonen, wenn es Ihnen schlecht geht. Behandeln Sie Infekte ernst und wenden Sie sich früh an Ihr Team. Ändern Sie Ihre Medikamente nie eigenmächtig – sprechen Sie vorher mit der Praxis.
Impfungen
Menschen mit Diabetes sollten Ihren Impfschutz regelmäßig prüfen lassen – zum Beispiel gegen Grippe und Lungenentzündung. Was für Sie persönlich sinnvoll ist, sagt Ihnen Ihre Hausarztpraxis.
Früherkennungsprogramme
Regelmäßige Kontrolluntersuchungen helfen, Entgleisungen früh zu erkennen: der Langzeit-Zuckerwert HbA1c, Blutdruck, Nieren- und Augen-Check sowie die jährliche Fußuntersuchung. Die AWMF-Leitlinien – das sind die medizinischen Fachleitlinien in Deutschland – empfehlen außerdem, Diabetes-Schulungen regelmäßig aufzufrischen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Schäden am Gehirn durch starke Austrocknung und gestörten Salz- und Zuckerhaushalt
- Herzrhythmusstörungen durch verschobene Salze im Blut
- Nierenversagen als Folge von Flüssigkeitsmangel
- Einatmen von Erbrochenem mit anschließender Lungenentzündung
- Blutgerinnsel durch dickflüssiges Blut
- Im schlimmsten Fall Versterben
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Die allermeisten Menschen erholen sich vollständig, wenn schnell geholfen wird. Je früher jemand ins Krankenhaus kommt, desto besser die Aussichten. Viele Betroffene sagen hinterher, dass sie sich sicherer fühlen, weil sie ihre Warnzeichen jetzt kennen und einen Notfallplan haben. Sprechen Sie nach einem solchen Ereignis unbedingt mit Ihrem Behandlungsteam – gemeinsam lässt sich viel tun, damit es nicht wieder passiert.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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