Epidermolysis bullosa – wenn die Haut besonders verletzlich ist
Übersicht
Epidermolysis bullosa (kurz EB) ist eine Gruppe seltener, angeborener Hauterkrankungen. Bei EB ist die Haut so empfindlich wie feuchtes Seidenpapier: Schon leichte Reibung oder Druck kann Blasen und offene Stellen entstehen lassen. Der Grund dafür liegt in den Genen. Gene sind Baupläne im Körper. Bei EB sind Baupläne für bestimmte Eiweiße verändert, die die Hautschichten normalerweise zusammenhalten – so ähnlich wie ein Klebstoff. Fehlt dieser Klebstoff oder funktioniert er nicht richtig, lösen sich die Hautschichten bei Belastung voneinander. EB ist nicht ansteckend und entsteht nicht durch mangelnde Hygiene oder durch etwas, das jemand falsch gemacht hat.
Wichtige Fakten
- EB ist nicht ansteckend – man kann sich nicht bei jemandem anstecken.
- EB ist meist angeboren, also von Geburt an vorhanden. Erste Anzeichen zeigen sich oft schon in den ersten Lebensmonaten.
- Es gibt leichte und sehr schwere Formen. Viele Betroffene können mit guter Versorgung ein selbstständiges Leben führen.
- Eine allgemeine Heilung gibt es noch nicht, aber es gibt viele gute Möglichkeiten, Wunden zu versorgen, Schmerzen zu lindern und Komplikationen vorzubeugen.
EB gehört zu den seltenen Erkrankungen. Genaue Zahlen sind nicht sicher bekannt, weil die Erkrankung sehr unterschiedlich ausgeprägt ist und nicht überall erfasst wird. In Spezialzentren wird die Diagnose gestellt, und dort bekommen Betroffene auch Unterstützung.
EB kann Menschen jeden Alters und jeden Geschlechts betreffen, in allen Weltregionen. Weil die meisten Formen angeboren sind, sind vor allem Babys, Kinder und Jugendliche betroffen – die Erkrankung bleibt aber ein Leben lang bestehen. Manche, sehr seltene Formen entstehen erst im Erwachsenenalter, wenn das Immunsystem die eigene Haut angreift.
Symptome
- Große, stark blutende Wunden oder Zeichen eines Schocks: blasse, kalte Haut, Verwirrtheit, schneller Puls, Ohnmacht – rufen Sie sofort 112 an
- Plötzliche Atemnot oder starke Schwellung im Mund- und Halsbereich
- Ausgedehnte Wundinfektion mit Fieber und rasch schlechter werdendem Allgemeinzustand (Verdacht auf Blutvergiftung) – sofort 112 anrufen
- Plötzlich einsetzendes Unvermögen zu schlucken, auch nicht den eigenen Speichel, mit Erstickungsgefühl
- Starke Bauchschmerzen mit schwarzem oder blutigem Stuhl
- ⚠Fieber oder eine Wunde, die zunehmend rot, warm und geschwollen ist oder riecht
- ⚠Wunden, die trotz guter Versorgung nicht heilen und größer werden
- ⚠Starke Schmerzen, die mit der verordneten Behandlung nicht besser werden
- ⚠Deutlicher Gewichtsverlust oder dauerhaftes Meiden von Essen und Trinken
- ⚠Ein neuer, wachsender Knoten oder eine Veränderung in einer Narbe
- ⚠Anhaltende Blutarmut mit Müdigkeit, Blässe und Schwäche
Häufige Symptome
- Blasen und offene, nässende Stellen, die nach leichter Reibung oder Druck entstehen
- Sehr empfindliche Haut, die schon beim Anziehen, Tragen oder Sitzen reagiert
- Wundsein an Stellen mit viel Reibung, zum Beispiel an Füßen, Händen, Knien oder im Windelbereich
- Schmerzen und Juckreiz, oft auch nachts
- Narbenbildung, je nach Form der Erkrankung
- Veränderte Nägel: verdickt, verfärbt oder fehlend
- Probleme im Mund: Blasen an der Mundschleimhaut, Zahnprobleme, Schwierigkeiten beim Kauen
- Bei einigen Formen: Schluckbeschwerden, weil die Speiseröhre eng werden kann
Symptome bei Kindern
- Blasen schon beim Wickeln, Anziehen oder beim Krabbeln auf dem Boden
- Besonders betroffen sind der Windelbereich, Knie, Ellenbogen und Hände
- Blasen im Mund können das Saugen und Trinken erschweren
- Bei schweren Formen kann das Wachstum langsamer verlaufen
- Kinder brauchen oft mehr Schutz und Hilfen im Alltag, zum Beispiel gepolsterte Kleidung oder weiche Unterlagen
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Narben und Verengungen können über die Jahre zunehmen, zum Beispiel an den Händen oder in der Speiseröhre
- Bei bestimmten Formen ist das Risiko für Hautkrebs erhöht – deshalb sind regelmäßige Hautkontrollen wichtig
- Gelenke können steifer werden, die Beweglichkeit nimmt ab
- Weitere gesundheitliche Themen wie Knochengesundheit oder Blutarmut kommen häufiger dazu
- Der Übergang von der Kinder- zur Erwachsenenmedizin sollte gut geplant werden, damit die Versorgung nicht abbricht
Ursachen
Hauptursachen
- Veränderungen (Mutationen) in Genen, die Baupläne für Eiweiße enthalten, welche die Hautschichten zusammenhalten. Diese Eiweiße heißen zum Beispiel Kollagen, Keratin oder Laminin.
- Die Genveränderung wird vererbt – je nach Form entweder, wenn nur ein Elternteil die Veränderung weitergibt, oder wenn beide Elternteile sie in sich tragen
- Manchmal entsteht die Genveränderung auch neu, ganz ohne dass die Eltern betroffen sind. Das ist niemandes Schuld.
- Sehr selten: eine erworbene Form, bei der das Immunsystem fälschlich die eigene Haut angreift. Sie heißt Epidermolysis bullosa acquisita.
Risikofaktoren
- Eine bekannte Genveränderung in der Familie – dann kann eine genetische Beratung sinnvoll sein
- Verwandtschaft der Eltern untereinander erhöht bei manchen rezessiven Formen die Wahrscheinlichkeit
- Wichtig: Es gibt keine Risikofaktoren, die Sie selbst beeinflussen können. EB entsteht nicht durch Stress, Ernährung, Hygiene oder einen Unfall.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Fieber zusammen mit einer geröteten, geschwollenen oder eiternden Wunde
- Ein Baby oder Kind, das plötzlich deutlich weniger trinkt, teilnahmslos wirkt oder nicht richtig gedeiht
- Schluckbeschwerden, die dazu führen, dass jemand nicht mehr genug essen oder trinken kann
- Starke, nicht nachlassende Schmerzen
- Eine neue Verhärtung, ein Knoten oder eine Wunde in einer alten Narbe
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Bei einem Baby, das ohne klare Ursache Blasen entwickelt – das sollte zeitnah hautärztlich abgeklärt werden
- Wenn in der Familie eine EB-Genveränderung bekannt ist: genetische Beratung, auch schon vor einer Schwangerschaft
- Regelmäßige Kontrollen der Haut, auch zur Hautkrebsvorsorge bei entsprechenden Formen
- Zahnkontrollen und Kontrollen von Mund und Speiseröhre
- Wenn der Alltag schwer wird: Physiotherapie, Ernährungsberatung oder psychosoziale Unterstützung ansprechen
Diagnose
Die Diagnose wird in der Regel von einer Hautärztin oder einem Hautarzt gestellt, am besten in einem Zentrum, das sich mit EB auskennt. Zuerst gibt es ein ausführliches Gespräch: Wann sind die ersten Blasen aufgetreten, wo, und was war der Auslöser? Danach folgt eine gründliche Untersuchung der Haut, der Schleimhäute, der Nägel und der Zähne. Weil EB sehr selten ist, kann es manchmal etwas dauern, bis die richtige Anlaufstelle gefunden ist.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung der Haut und der Schleimhäute
- Eine kleine Hautprobe (Biopsie), die unter örtlicher Betäubung entnommen und im Labor besonders genau untersucht wird
- Eine Blutprobe für einen Gentest – damit lässt sich die genaue Form bestimmen
- Blutuntersuchungen, zum Beispiel um eine Blutarmut oder einen Eisenmangel zu erkennen
- Bei Schluckbeschwerden eine Spiegelung der Speiseröhre
- Zahnärztliche Untersuchung, weil Zähne und Zahnfleisch oft mitbetroffen sind
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Bis das Ergebnis des Gentests da ist, können einige Wochen vergehen. Diese Wartezeit ist belastend – sprechen Sie in der Praxis an, wenn Sie Unterstützung brauchen. Das genaue Ergebnis ist wichtig, weil sich die verschiedenen Formen von EB sehr unterschiedlich entwickeln und unterschiedlich versorgt werden. Wenn eine Genveränderung gefunden wird, können sich auch andere Familienmitglieder beraten lassen.
Behandlung
EB ist bisher nicht heilbar. Die Behandlung zielt darauf ab, die Haut zu schützen, Wunden gut zu versorgen, Schmerzen zu lindern, Komplikationen früh zu erkennen und die Lebensqualität so hoch wie möglich zu halten. Am besten klappt das in einem Team aus Hautärztinnen und Hautärzten, spezialisierten Pflegekräften, Schmerztherapie, Ernährungsberatung, Physiotherapie und psychosozialer Begleitung.
Selbsthilfe zu Hause
- Haut möglichst wenig reiben und drücken – auch beim Waschen, Abtrocknen und Anziehen. Tupfen statt reiben.
- Kleidung locker, weich und ohne harte Nähte wählen; Etiketten entfernen. Schuhe gut einlaufen und polstern.
- Wunden vorsichtig mit lauwarmem Wasser reinigen. Keine desinfizierenden Mittel verwenden, ohne es vorher mit dem Behandlungsteam zu besprechen.
- Wundauflagen verwenden, die nicht festkleben. Lassen Sie sich zeigen, wie Sie sie richtig anwenden und wie Sie sie ohne Verletzung wieder lösen.
- Reibungsstellen vorbeugend polstern, zum Beispiel mit weichen Verbänden oder gepolsterten Unterlagen.
- Bei Juckreiz helfen kühle Umschläge, kühle Räume, luftige Baumwollkleidung und Ablenkung.
- Auf gutes Essen und Trinken achten. Bei Schluckproblemen weiche, gut befeuchtete Speisen ausprobieren.
- Nägel kurz und rund feilen, nicht schneiden, um Verletzungen zu vermeiden.
Medizinische Behandlungen
Die ärztliche Behandlung umfasst eine gute Wundversorgung mit passenden Wundauflagen und Salben, eine individuell abgestimmte Schmerztherapie sowie die Behandlung von Infektionen. Dazu kommen Maßnahmen gegen Blutarmut und Ernährungsprobleme, Physiotherapie zur Beweglichkeit und – je nach Form – regelmäßige Kontrollen der Haut, der Zähne, der Augen und der Speiseröhre. Welche Behandlung im Einzelfall sinnvoll ist, entscheidet das Behandlungsteam gemeinsam mit Ihnen. Bitte ändern Sie nichts an einer verordneten Behandlung, ohne vorher zu fragen.
Wann kommt eine Operation infrage?
Operative Eingriffe können bei bestimmten Problemen helfen: wenn die Speiseröhre verengt ist und das Schlucken behindert, wenn Finger durch Narben zusammengewachsen sind, bei Zahnproblemen oder wenn ein Hauttumor entfernt werden muss. Solche Eingriffe werden in spezialisierten Zentren geplant, weil die Haut besonders vorsichtig behandelt werden muss.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit EB braucht viel Aufmerksamkeit, aber er ist gestaltbar. Viele Betroffene und Familien entwickeln mit der Zeit feste Abläufe für das Wickeln, Baden, Anziehen und die Wundversorgung. Planen Sie für diese Dinge großzügig Zeit ein und machen Sie sie so angenehm wie möglich. Hilfreich sind weiche Böden, abgerundete Möbelkanten und Kleidung, die leicht über die Haut gleitet. In der Schule, im Kindergarten oder am Arbeitsplatz hilft es, offen über EB zu informieren – die meisten Menschen wissen nichts darüber und sind froh, wenn sie verstehen, wie sie Rücksicht nehmen können.
Tipps für den Alltag
- Reibung vermeiden, wo es geht – beim Spielen, beim Sport und im Haushalt
- Sanfte Hautpflege ohne scharfe Seifen, Peelings oder feste Bürsten
- Sonnenschutz mit Kleidung und Schatten; die Haut nie ungeschützt der Sonne aussetzen
- Rauchen vermeiden – es belastet die Haut und die Wundheilung zusätzlich
- Ausreichend schlafen, denn Schlafmangel verstärkt Schmerzen und Anspannung
- Hilfsmittel und Anpassungen am Arbeitsplatz oder in der Schule offen ansprechen
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit genug Eiweiß, Vitaminen und Mineralstoffen unterstützt die Wundheilung. Bei Schluckproblemen oder Blasen im Mund helfen weiche, feuchte Speisen, kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt und Getränke mit einem Strohhalm. Eine Ernährungsberatung kann sehr entlasten. Bewegung ist wichtig, damit Gelenke und Muskeln beweglich bleiben – aber Bewegung, die reibt oder Druck erzeugt, sollte vermieden werden. Schwimmen, Spazierengehen und Übungen aus der Physiotherapie sind oft gut geeignet. Besprechen Sie mit dem Behandlungsteam, was zu Ihnen oder Ihrem Kind passt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
EB kann emotional sehr belastend sein. Schmerzen, ständige Wundversorgung, Blicke anderer Menschen und die Sorge um die Zukunft machen müde und traurig. Eltern von betroffenen Kindern fühlen sich oft hilflos oder schuldig – obwohl sie keine Schuld trifft. Solche Gefühle sind normal und dürfen Platz haben. Sprechen Sie darüber, im Behandlungsteam oder mit Menschen, denen Sie vertrauen. Wenn Traurigkeit, Angst oder Hoffnungslosigkeit über Wochen anhalten oder Gedanken aufkommen, sich selbst zu schaden, holen Sie sich bitte sofort Unterstützung – zum Beispiel bei der Telefonseelsorge oder über den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Sie müssen damit nicht allein bleiben.
Vorbeugung
Die angeborenen Formen von EB lassen sich nicht verhindern – sie entstehen durch Genveränderungen, die schon vor der Geburt festgelegt sind. Niemand trägt daran Schuld. Wenn in einer Familie eine EB-Genveränderung bekannt ist, kann eine genetische Beratung vor einer Schwangerschaft helfen, die Wahrscheinlichkeiten zu verstehen und gemeinsam Entscheidungen zu treffen. Sehr wichtig ist die Vorbeugung von Komplikationen: gute Hautpflege, Schutz vor Reibung, frühzeitige Wundversorgung und regelmäßige Kontrolluntersuchungen können viel bewirken.
Impfungen
Menschen mit EB sollten die üblichen empfohlenen Impfungen erhalten – Infektionen würden die Haut zusätzlich belasten. Sprechen Sie mit dem Behandlungsteam, damit Impfungen möglichst in gesunde Haut gegeben werden und die Nachsorge zu den Bedürfnissen der Haut passt.
Früherkennungsprogramme
Regelmäßige Kontrollen sind ein wichtiger Teil der Versorgung: Hautkontrollen – bei bestimmten Formen auch zur Krebsvorsorge –, Zahnarzttermine, Kontrollen der Augen und bei Schluckbeschwerden eine Untersuchung der Speiseröhre. Wie oft diese Termine sinnvoll sind, legt das EB-Zentrum gemeinsam mit Ihnen fest.
Komplikationen
Unbehandelt
- Wunden können sich infizieren und nur langsam heilen
- Dauerhafte Narben und Verengungen, zum Beispiel in der Speiseröhre, können das Schlucken erschweren
- Narben an den Händen können dazu führen, dass Finger zusammenwachsen und die Beweglichkeit verloren geht
- Anhaltende Schmerzen und Schlafprobleme belasten Körper und Psyche
- Blutarmut durch den ständigen Verlust von Wundflüssigkeit und Blut
- Mangelernährung und Gewichtsverlust, wenn Essen und Trinken schwerfallen
- Bei bestimmten Formen ein erhöhtes Risiko für Hautkrebs in chronischen Wunden und Narben
Langzeitprognose
EB ist eine Erkrankung, mit der man ein Leben lang lebt – und die sich von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich zeigt. Manche Betroffene haben nur wenige Beschwerden, andere brauchen viel Unterstützung. Die Versorgung hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert: Spezialisierte Zentren, bessere Wundauflagen und eine gut abgestimmte Schmerztherapie machen den Alltag für viele leichter. Forschung zu neuen Behandlungsansätzen läuft weltweit. Es lohnt sich, die eigene Versorgung aktiv mitzugestalten und Fragen zu stellen – Sie dürfen gute Versorgung einfordern.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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