Epiglottitis (Kehldeckelentzündung)
Übersicht
Der Kehldeckel ist ein kleiner, beweglicher Gewebelappen am Eingang zur Luftröhre. Beim Schlucken legt er sich wie ein Deckel über die Luftröhre, damit nichts in die Atemwege gelangt. Bei einer Epiglottitis ist dieser Kehldeckel entzündet und stark geschwollen. Durch die Schwellung wird der Weg für die Luft eng – im schlimmsten Fall kann er sich ganz verschließen. Deshalb gilt die Epiglottitis als Notfall, bei dem sofort der Rettungsdienst gerufen werden muss. Sie verläuft nicht wie eine gewöhnliche Halsentzündung, sondern kann sich innerhalb von Stunden zuspitzen.
Wichtige Fakten
- Epiglottitis ist ein medizinischer Notfall: Die Atemwege können sich schnell gefährlich verengen. Bei Atemnot, lautem pfeifendem Atemgeräusch oder starkem Speicheln sofort 112 anrufen.
- Seit die Impfung gegen Haemophilus influenzae Typ b (Hib) in Deutschland zur Regelimpfung gehört, ist die Erkrankung bei Kindern deutlich seltener geworden.
- Heute erkranken häufiger Erwachsene, und die Zeichen sind dort oft weniger typisch – das macht die Erkennung manchmal schwieriger.
Epiglottitis ist selten. In Ländern mit guter Hib-Impfquote tritt sie nur noch bei wenigen Menschen pro Jahr auf. Selten bedeutet aber nicht harmlos: Weil die Erkrankung schnell lebensbedrohlich werden kann, muss sie ernst genommen werden.
Früher waren vor allem Kinder zwischen etwa zwei und sechs Jahren betroffen. Heute sind es häufiger Erwachsene, besonders Menschen mit geschwächtem Immunsystem. Auch ungeimpfte Kinder und Menschen, die eng mit Erkrankten zusammenleben, haben ein höheres Risiko. Bei Erwachsenen wird die Erkrankung oft zunächst für eine schwere Mandelentzündung gehalten.
Symptome
- Lautes, pfeifendes Atemgeräusch in Ruhe (Stridor)
- Starkes Speicheln und die Unfähigkeit, den eigenen Speichel zu schlucken
- Sitzen in vorgebeugter Haltung mit gestrecktem Hals, weil Liegen nicht mehr geht
- Blaue oder graue Lippen, blasse Haut, kalter Schweiß
- Zunehmende Schläfrigkeit, Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit
- Atemstillstand oder sichtbare Einziehungen am Hals und zwischen den Rippen
- Bei Kindern: schnelle Verschlechterung, Unruhe, Angst, leises Wimmern statt kräftigem Schreien
- ⚠Hohes Fieber zusammen mit starken Halsschmerzen und gedämpfter Stimme
- ⚠Plötzlich nicht mehr mögliches Schlucken von Speichel
- ⚠Halsschmerzen, die innerhalb von Stunden sehr viel schlimmer werden
- ⚠Heisere, kloßige Stimme ohne erkältungstypischen Verlauf
Häufige Symptome
- Plötzlich starke Halsschmerzen, oft viel schlimmer als bei einer normalen Halsentzündung
- Hohes Fieber und ein schnell schlechter werdendes Allgemeinbefinden
- Gedämpfte, 'kloßige' Stimme – sie klingt, als hätte man etwas im Hals
- Starke Schmerzen beim Schlucken, oft bis hin zum Verweigern von Essen und Trinken
- Speicheln oder Sabbern, weil das Schlucken von Speichel nicht mehr gelingt
- Lautes, pfeifendes oder rasselndes Atemgeräusch (Stridor)
- Das Gefühl, keine Luft zu bekommen, und Unruhe oder Angst
Symptome bei Kindern
- Das Kind sitzt aufrecht, lehnt sich nach vorn und streckt den Hals – diese Haltung erleichtert das Atmen
- Das Kind will nicht liegen und wehrt sich gegen das Hinlegen
- Starkes Speicheln, oft zusammen mit hohem Fieber
- Leise, gedämpfte Stimme oder ein gedämpftes Schreien
- Sehr schnelle Verschlechterung innerhalb weniger Stunden
- Blasse oder bläuliche Lippen, Teilnahmslosigkeit – dann ist es höchste Zeit für den Notruf
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Halsschmerzen und Fieber, die zunächst wie eine gewöhnliche Halsentzündung wirken
- Heisere oder gedämpfte Stimme undSchluckbeschwerden
- Oft fehlt das laute Atemgeräusch, das man bei Kindern sieht – die Erkrankung kann deshalb unterschätzt werden
- Mögliche Verwirrtheit oder auffällige Schläfrigkeit bei Sauerstoffmangel
- Bei Menschen mit geschwächtem Immunsystem können die Zeichen milder wirken, obwohl die Erkrankung schwer ist
Ursachen
Hauptursachen
- Meistens eine bakterielle Infektion – am bekanntesten ist Haemophilus influenzae Typ b (Hib), daneben kommen auch andere Bakterien wie Pneumokokken oder Streptokokken infrage
- Seltener Viren oder eine Mischung aus Viren und Bakterien
- In seltenen Fällen eine Verletzung, eine Verbrühung oder das Einatmen von Reizstoffen, die den Kehldeckel anschwellen lassen
Risikofaktoren
- Fehlende oder unvollständige Hib-Impfung
- Enger Kontakt zu einer erkrankten Person, zum Beispiel in der Familie oder in einer Betreuungseinrichtung
- Ein geschwächtes Immunsystem, etwa durch bestimmte Erkrankungen oder Behandlungen, die die Abwehr dämpfen
- Rauchbelastung, zum Beispiel durch Passivrauchen bei Kindern
- Bestimmte Grunderkrankungen der Atemwege oder ein geschwächtes Abwehrsystem bei Erwachsenen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn das Atmen schwerfällt, ein pfeifendes Geräusch zu hören ist oder das Kind nicht mehr liegen will: sofort 112 anrufen – nicht selbst in die Praxis fahren
- Wenn Speichel nicht mehr geschluckt werden kann und vermehrt Speichel aus dem Mund läuft
- Wenn Halsschmerzen und Fieber sich innerhalb weniger Stunden deutlich verschlechtern
- Wenn die Stimme plötzlich gedämpft oder heiser klingt und gleichzeitig hohes Fieber besteht
- Wenn Lippen oder Haut blass, bläulich oder grau aussehen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn nach einer überstandenen Epiglottitis die Stimme oder das Schlucken länger auffällig bleiben
- Wenn Sie unsicher sind, ob Ihr Kind alle empfohlenen Impfungen erhalten hat – das lässt sich in der Praxis klären
- Wenn in der Familie oder im nahen Umfeld jemand an einer Hib-Infektion erkrankt ist – dann sollte der Kontakt mit einer Ärztin oder einem Arzt besprochen werden
Diagnose
Bei Verdacht auf eine Epiglottitis geht es zuerst nicht um Untersuchungen, sondern um Sicherheit: Die Ärztin oder der Arzt beurteilt den Zustand oft schon aus einiger Entfernung und achtet auf Atmung, Haltung, Stimme und Speichelfluss. Wichtig ist, die erkrankte Person ruhig zu halten. Niemand sollte mit einem Spatel oder Löffel in den Mund schauen, um den Hals zu betrachten – das kann die Schwellung reizen und die Atmung plötzlich verschlechtern. Die genauere Untersuchung erfolgt in der Klinik unter kontrollierten Bedingungen, wo die Atemwege notfalls sofort gesichert werden können. In Deutschland orientieren sich Ärztinnen und Ärzte dabei an fachärztlichen Leitlinien (AWMF), in denen das Vorgehen bei Infektionen der oberen Atemwege beschrieben ist.
Mögliche Untersuchungen
- Beobachtung von Atmung, Stimme und Haltung – oft der wichtigste erste Schritt
- Vorsichtige Untersuchung durch eine Fachärztin oder einen Facharzt für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, meist in der Klinik
- Betrachtung des Kehldeckels mit einer dünnen, flexiblen Kamera, wenn dies gefahrlos möglich ist
- Blutuntersuchung zur Einschätzung der Entzündung
- Bildgebende Verfahren wie Röntgen oder Computertomografie, wenn der Befund unklar ist und die Person stabil genug ist
- Abstrich oder Blutkultur, um den Erreger zu bestimmen, wenn die Atmung gesichert ist
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Bei Verdacht wird die Person in der Regel in eine Klinik gebracht und dort eng überwacht, oft auf einer Intensivstation. Es kann sein, dass Sauerstoff gegeben wird und die Atmung beobachtet wird, bis die Schwellung zurückgeht. In den ersten Stunden steht die Sicherheit der Atemwege im Vordergrund; andere Untersuchungen folgen erst, wenn das gefahrlos möglich ist.
Behandlung
Eine Epiglottitis wird im Krankenhaus behandelt. Das Wichtigste ist, die Atemwege offen zu halten und die Person eng zu überwachen. Die Behandlung richtet sich gegen die Infektion und die Schwellung und wird von Ärztinnen und Ärzten individuell festgelegt.
Selbsthilfe zu Hause
- Bei Verdacht auf Epiglottitis gibt es keine Selbstbehandlung zu Hause – sofort 112 anrufen
- Die erkrankte Person ruhig halten, aufrecht sitzen lassen und nicht hinlegen
- Nicht versuchen, in den Mund zu schauen oder den Hals zu untersuchen
- Nichts zu trinken oder zu essen geben, solange das Schlucken nicht sicher klappt
- Nach der Klinikbehandlung: Stimme und Schlucken schonen, ausreichend trinken und die Nachsorgetermine wahrnehmen
Medizinische Behandlungen
Im Krankenhaus steht zuerst die Sicherheit der Atmung im Mittelpunkt: enge Überwachung, oft Sauerstoffgabe und Bereitschaft, die Atemwege jederzeit zu sichern. Gegen die Infektion werden vom Behandlungsteam Medikamente verordnet, die Bakterien bekämpfen (Antibiotika), wenn eine bakterielle Ursache wahrscheinlich ist. Zusätzlich können Mittel gegen die Schwellung und gegen Schmerzen eingesetzt werden. Die genaue Auswahl und Dosierung liegt ausschließlich beim behandelnden Team.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei einer Epiglottitis meist nicht nötig. Wenn die Atmung bedrohlich wird, kann ein dünner Schlauch (Tubus) durch den Mund in die Luftröhre eingeführt werden, damit die Luft sicher fließen kann – das ist ein medizinischer Eingriff, keine klassische Operation. Selten, etwa bei einem Abszess (einer abgekapselten Eiteransammlung) im Bereich des Kehldeckels, kann eine Entlastung durch Fachärztinnen und Fachärzte erforderlich werden.
Leben mit der Erkrankung
Wer eine Epiglottitis überstanden hat, ist meist nach wenigen Tagen über den Berg, braucht aber oft noch ein bis zwei Wochen, bis Stimme, Schlucken und Kraft wieder ganz normal sind. In dieser Zeit hilft es, den Alltag ruhiger zu gestalten und auf den Körper zu hören. Die meisten Menschen erholen sich vollständig.
Tipps für den Alltag
- In den ersten Tagen Stimme schonen und nicht unnötig laut sprechen
- Ausreichend trinken und weiche, gut schluckbare Kost wählen, solange der Hals noch empfindlich ist
- Rauchen meiden und auf rauchfreie Umgebung achten, besonders bei Kindern
- Ausreichend schlafen und körperliche Anstrengung langsam wieder steigern
- Impfstatus prüfen lassen – besonders bei Kindern und bei Menschen mit engem Kontakt zu Erkrankten
Ernährung und Bewegung
Solange der Hals noch wehtut, sind weiche Speisen und lauwarme Getränke meist angenehmer als scharfe, sehr heiße oder hartkörnige Lebensmittel. Wichtig ist vor allem, genug zu trinken. Mit Sport lässt sich nach überstandener Erkrankung meist nach ein bis zwei beschwerdefreien Wochen wieder beginnen – langsam und nach eigenem Gefühl. Bei Kindern sollte die Rückkehr in Kita oder Schule mit der behandelnden Praxis abgesprochen werden.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Epiglottitis ist ein erschreckendes Erlebnis – für Betroffene und für Eltern oft mehr als für alle anderen. Angst beim Atmen, Unruhe beim Schlucken oder Schlafprobleme danach sind verständliche Reaktionen. Meist verlieren sich diese Gefühle in den Wochen nach der Erkrankung. Wenn Ängste bleiben, der Schlaf dauerhaft gestört ist oder das Kind sich verändert, ist es sinnvoll, das mit der Kinderärztin, dem Hausarzt oder einer psychologischen Beratungsstelle zu besprechen. Hilfe zu suchen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche.
Vorbeugung
Ganz verhindern lässt sich eine Epiglottitis nicht, aber man kann das Risiko deutlich senken. Der wichtigste Baustein ist die Impfung gegen Haemophilus influenzae Typ b (Hib), die in Deutschland zur empfohlenen Grundimmunisierung im Kindesalter gehört. Daneben helfen allgemeine Hygieneregeln wie regelmäßiges Händewaschen, und es ist sinnvoll, bei einer Hib-Infektion im Umfeld mit der ärztlichen Praxis über Schutzmaßnahmen für enge Kontaktpersonen zu sprechen.
Impfungen
Die Hib-Impfung schützt vor dem Erreger, der früher die meisten Fälle verursacht hat. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) sie als Teil der regulären Kinderimpfungen; auch für Erwachsene mit bestimmten Grunderkrankungen kann eine Hib-Impfung sinnvoll sein. Ob und wann eine Auffrischung nötig ist, klärt die behandelnde Praxis. Andere Impfungen, etwa gegen Pneumokokken oder Grippe, verhindern keine Epiglottitis, können aber andere Atemwegsinfektionen verhindern.
Früherkennungsprogramme
Ein eigenes Früherkennungs- oder Screening-Programm für Epiglottitis gibt es nicht. Die Erkrankung beginnt meist plötzlich und wird durch aufmerksames Beobachten erkannt – nicht durch Reihenuntersuchungen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Starke Verengung bis hin zum Verschluss der Atemwege
- Sauerstoffmangel mit Auswirkungen auf Gehirn und Herz
- Atemstillstand und Herz-Kreislauf-Stillstand
- Ausbreitung der Infektion, etwa als Abszess (abgekapselte Eiteransammlung) oder in tiefere Halsbereiche
- Selten eine Hirnhautentzündung (Meningitis) oder eine Lungenentzündung, besonders bei Hib-Infektionen
Langzeitprognose
Mit einer schnellen Behandlung sind die Aussichten sehr gut: Die meisten Menschen erholen sich vollständig. Die Schwellung geht unter der Behandlung meist innerhalb weniger Tage zurück, und die Atmung wird schnell stabiler. Entscheidend ist, dass die Erkrankung früh erkannt und rasch gehandelt wird. Danach bleibt oft vor allem Erleichterung – und die Gewissheit, dass ein gutes Hinschauen und schnelles Handeln den Unterschied macht.
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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