Mykotisches Aneurysma: Abklärung und Behandlung
Übersicht
Ein Aneurysma ist eine Ausbuchtung in einer Schlagader – also in einer großen Blutbahn. Die Wand der Ader ist dabei geschwächt und gibt nach, ähnlich wie eine Beule in einem alten Fahrradschlauch. Das Wort „mykotisch“ klingt nach Pilz, bedeutet in der Medizin aber einfach „durch Keime verursacht“. Bei einem mykotischen Aneurysma haben Bakterien – viel seltener Pilze – die Gefäßwand befallen und entzündet. Dadurch wird die Wand mürbe und kann sich ausbeulen. Eine solche Ausbuchtung kann einreißen (platzen) oder Blutgerinnsel abschicken. Deshalb muss sie zügig abgeklärt und behandelt werden. „Abklärung“ heißt: Das Behandlungsteam sammelt mit Untersuchungen Belege dafür, ob wirklich eine Infektion der Gefäßwand vorliegt, wo sie sitzt und wie dringend gehandelt werden muss.
Wichtige Fakten
- Ein mykotisches Aneurysma ist eine durch Keime entzündete, ausgebeulte Schlagader – trotz des Namens meist durch Bakterien, nur selten durch Pilze.
- Die Erkrankung ist selten, aber ernst: Unbehandelt kann die Ader reißen. Deshalb wird im Krankenhaus meist schnell abgeklärt.
- Die Behandlung besteht in der Regel aus einer längeren Behandlung gegen die Keime und einem Eingriff an der betroffenen Ader.
Nein, mykotische Aneurysmen sind selten. Sie machen nur einen kleinen Teil aller Aneurysmen aus. Weil sie aber gefährlich werden können, sind sie trotzdem ein wichtiges medizinisches Thema.
Häufiger betroffen sind ältere Menschen mit Arterienverkalkung (Atherosklerose, also Ablagerungen in den Gefäßen). Ein höheres Risiko haben auch Menschen mit geschwächtem Immunsystem, mit einer Herzklappenentzündung, nach Gefäßoperationen oder Katheter-Untersuchungen sowie Menschen, die Drogen spritzen. Männer sind etwas häufiger betroffen als Frauen. Bei Kindern ist die Erkrankung sehr selten.
Symptome
- Plötzlich einsetzender, sehr starker Bauch-, Rücken- oder Brustschmerz
- Kollaps, Bewusstlosigkeit oder Zeichen eines Schocks: blasse, kalte, schweißige Haut, schneller Puls, Verwirrtheit
- Plötzliche starke Kopfschmerzen mit Nackensteifheit oder Sehstörungen
- Starke innere Blutung oder sichtbarer größerer Blutverlust
- Hohes Fieber zusammen mit sehr niedrigem Blutdruck oder Verwirrtheit
- ⚠Anhaltendes Fieber unklarer Ursache, besonders zusammen mit Rücken- oder Bauchschmerzen
- ⚠Eine neu tastbare, pochende Schwellung im Bauch
- ⚠Fieber oder Schmerzen nach einer Gefäßoperation oder einem Kathetereingriff
- ⚠Zunehmende Schmerzen und Schwellung in einem Bein oder Arm
- ⚠Eine Operationswunde, die gerötet ist, nässst oder eitert
Häufige Symptome
- Fieber, oft über längere Zeit und ohne klaren Grund
- Schüttelfrost und Nachtschweiß
- Allgemeine Schwäche, Müdigkeit und Leistungsknick
- Appetitlosigkeit und ungewollter Gewichtsverlust
- Schmerzen im Bauch, im Rücken oder in der Flanke
- Schmerzen, Schwellung oder Schwäche in einem Bein oder Arm
- Eine tastbare, pochende Schwellung im Bauch
- Möglich ist auch ein Verlauf ohne Fieber – deshalb ist die Erkrankung so schwer zu erkennen
Ursachen
Hauptursachen
- Keime im Blut (Bakteriämie): Bakterien gelangen über den Blutkreislauf in die Gefäßwand und entzünden sie.
- Herzklappenentzündung (Endokarditis): Von der Herzklappe aus streuen Keime laufend in die Blutbahn.
- Infizierte Katheter, Stents oder Gefäßprothesen können Keime direkt an die Aderwand bringen.
- Übergreifen einer Entzündung aus der Umgebung, zum Beispiel von einem Abszess (Eiteransammlung).
- Selten Pilze – vor allem bei Menschen mit stark geschwächtem Immunsystem.
Risikofaktoren
- Arterienverkalkung (Atherosklerose)
- Diabetes (Zuckerkrankheit), besonders mit schlecht eingestellten Blutzuckerwerten
- Geschwächtes Immunsystem, etwa durch Chemotherapie, Immunmedikamente, HIV oder eine Organtransplantation
- Herzklappenentzündung oder andere schwere Infektionen
- Kürzliche Gefäßoperation, Gefäßprothese oder Kathetereingriff
- Drogenkonsum mit Spritzen
- Höheres Lebensalter
- Chronische Nierenerkrankung und lange Krankenhausaufenthalte mit zentralen Zugängen
- In manchen Fällen gibt es keine erkennbare Ursache
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Anhaltendes Fieber ohne erkennbare Ursache, das nicht besser wird
- Fieber zusammen mit Rückenschmerzen, Bauchschmerzen oder einem allgemeinen Krankheitsgefühl
- Neu aufgetretene pochende Schwellung im Bauch
- Beschwerden nach einer Gefäßoperation oder einem Kathetereingriff
- Zunehmende Schwellung und Schmerzen in einem Bein oder Arm
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wiederkehrende Fieberepisoden oder Nachtschweiß, die Sie beunruhigen
- Unklarer Gewichtsverlust und anhaltende Müdigkeit
- Fragen zu Ihrem Gefäßrisiko, etwa bei Diabetes oder nach einer Gefäßoperation
- Der Wunsch, Ihre Impfungen und Ihre Vorsorgeuntersuchungen zu besprechen
Diagnose
Die Abklärung stützt sich auf drei Säulen: Blutuntersuchungen, Blutkulturen (Blutproben, in denen Keime gezüchtet werden) und Bildgebung. Mit der Bildgebung wird sichtbar gemacht, wo die Ausbuchtung sitzt, wie die Gefäßwand aussieht und ob Entzündungszeichen vorhanden sind. In unklaren Fällen können weitere Verfahren oder eine Gewebeprobe nötig sein. Meist arbeiten mehrere Fachrichtungen zusammen.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchungen, zum Beispiel Entzündungswerte wie die Blutsenkung oder das C-reaktive Protein (CRP)
- Blutkulturen: mehrere Blutproben, um den Keim zu bestimmen – möglichst bevor eine Behandlung gegen die Keime beginnt
- Ultraschall: gut geeignet, um eine Ausbuchtung und die Fließrichtung des Blutes zu beurteilen
- Computertomografie mit Kontrastmittel (CT-Angiografie): zeigt Gefäßwand, Ausbuchtung und Entzündungszeichen sehr genau
- Magnetresonanztomografie (MRT), wenn Kontrastmittel nicht infrage kommt
- Positronen-Emissions-Tomografie in Kombination mit CT in unklaren Fällen, um Entzündungen sichtbar zu machen
- Herzultraschall (Echokardiografie), um eine Herzklappenentzündung als Ursache auszuschließen
- Manchmal eine Gewebeprobe oder ein Abstrich während eines Eingriffs
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Bei Verdacht werden Sie meist zügig im Krankenhaus aufgenommen. Dort kümmern sich mehrere Fachrichtungen gemeinsam um Sie – zum Beispiel Gefäßchirurgie, Innere Medizin, Radiologie und Infektiologie. Blut wird häufig mehrfach abgenommen. Die Ergebnisse der Blutkulturen dauern oft mehrere Tage, weil die Keime erst wachsen müssen; bis dahin kann die Behandlung bereits beginnen. Fragen Sie ruhig nach, was gerade untersucht wird und warum – eine gute Aufklärung gehört dazu.
Behandlung
Mykotische Aneurysmen werden fast immer im Krankenhaus behandelt. Zwei Bausteine greifen ineinander: eine Behandlung gegen die Keime und ein Eingriff, der die geschädigte Stelle der Ader versorgt. Beides zusammen gibt die besten Chancen, die Infektion zu beherrschen und ein Reißen der Ader zu verhindern.
Selbsthilfe zu Hause
- Nehmen Sie verordnete Medikamente genau nach Anweisung und brechen Sie sie nicht eigenmächtig ab – auch wenn es Ihnen besser geht.
- Notieren Sie Fieber und Beschwerden, damit Ihr Behandlungsteam den Verlauf besser einschätzen kann.
- Halten Sie alle Nachsorgetermine ein, auch wenn Sie sich gesund fühlen.
- Achten Sie auf Wundhygiene und melden Sie Rötung, Schwellung oder Nässen an der Operationsstelle sofort.
- Sprechen Sie über einen Rauchstopp – Unterstützung gibt es bei Ihrer Hausarztpraxis oder Ihrer Krankenkasse.
- Gönnen Sie sich ausreichend Schlaf und steigern Sie Ihre Aktivität langsam.
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung richtet sich zum einen gegen die Keime, zum anderen gegen die geschädigte Ader. Gegen die Infektion kommen Antibiotika zum Einsatz – also Medikamente, die Bakterien abtöten oder am Wachstum hindern. Sie werden zunächst meist über eine Vene im Krankenhaus gegeben und später oft als Tabletten. Die Behandlung dauert häufig mehrere Wochen bis Monate. Welches Mittel geeignet ist, entscheidet sich nach dem Ergebnis der Blutkulturen. Zusätzlich muss die betroffene Gefäßstelle versorgt werden: Entzündetes Gewebe wird entfernt und die Ader repariert oder überbrückt – entweder in einer offenen Operation oder, in ausgewählten Fällen, mit einem Stent (einer kleinen Röhre, die von innen in die Ader gesetzt wird). Manchmal wird auch eine Eiteransammlung entlastet. Sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam über alle Medikamente, die Sie einnehmen, und über bekannte Allergien.
Wann kommt eine Operation infrage?
Ein Eingriff ist bei dieser Erkrankung fast immer nötig, weil die entzündete Aderwand ohne Versorgung zu reißen droht. Wann er stattfindet, hängt davon ab, wie dringend die Situation ist, wo die Ausbuchtung sitzt und wie es Ihnen insgesamt geht. Bei einer drohenden Ruptur wird sofort gehandelt. Ihr Team erklärt Ihnen vorher Nutzen und Risiken und bespricht mit Ihnen die Möglichkeiten.
Leben mit der Erkrankung
Die Erholung dauert Wochen bis Monate. Viele Menschen fühlen sich lange müde und geschwächt – das ist normal. Planen Sie Pausen ein und steigern Sie Ihre Aktivität in kleinen Schritten. Regelmäßige Kontrollen sind wichtig, damit Ihr Team den Heilungsverlauf und die Ader im Blick behält. Es hilft, Fieber und Beschwerden in einem kleinen Tagebuch festzuhalten und Fragen vor jedem Arzttermin aufzuschreiben.
Tipps für den Alltag
- Nicht rauchen – das ist der wichtigste Schritt für gesunde Gefäße.
- Alkohol möglichst in Maßen.
- Bei Diabetes: Blutzuckerwerte gut im Zielbereich halten.
- Auf gute Mund- und Zahngesundheit achten und Zahnarzttermine wahrnehmen.
- Händehygiene und sorgfältiger Umgang mit Wunden und Kathetern.
- Ausreichend schlafen und Stress möglichst reduzieren.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene, abwechslungsreiche Ernährung mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten und wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln unterstützt die Heilung. Bei Diabetes ist ein gut eingestellter Blutzucker besonders wichtig. Bewegung ist erwünscht, aber bitte langsam: Spaziergänge und leichte Gymnastik sind ein guter Anfang. Anstrengender Sport oder schweres Heben erst nach Rücksprache mit Ihrem Behandlungsteam.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine so ernste Erkrankung macht Angst. Sorgen, Schlafprobleme und Grübeln sind in dieser Zeit normal und kein Zeichen von Schwäche. Sprechen Sie darüber – mit Ihrem Behandlungsteam, mit Vertrauenspersonen oder mit einer psychosozialen Beratungsstelle. Wenn Sie Gedanken haben, die Ihnen große Angst machen, oder Sie nicht mehr weiterwissen, suchen Sie sich bitte sofort Unterstützung. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr erreichbar, und in einem akuten Notfall gilt die 112.
Vorbeugung
Ganz verhindern lässt sich ein mykotisches Aneurysma nicht. Sie können das Risiko aber senken: Infektionen früh behandeln lassen, auf gute Mund- und Zahngesundheit achten, bei Diabetes den Blutzucker gut einstellen, nicht rauchen und auf Hygiene bei Kathetern und Wunden achten.
Impfungen
Sprechen Sie mit Ihrer Hausarztpraxis über die für Sie empfohlenen Impfungen. Ein guter Impfschutz gegen häufige Infektionen kann helfen, schwere Infektionen zu vermeiden.
Früherkennungsprogramme
Ein spezielles Screening auf mykotische Aneurysmen gibt es nicht, weil die Erkrankung selten ist. Bei bestimmten Menschen wird jedoch eine Ultraschalluntersuchung der Bauchaorta angeboten, um Ausbuchtungen früh zu erkennen. Fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, ob das für Sie sinnvoll ist.
Komplikationen
Unbehandelt
- Ruptur (Einreißen) der Ader mit starker innerer Blutung – lebensgefährlich
- Blutvergiftung (Sepsis), also eine lebensbedrohliche Reaktion des Körpers auf die Infektion
- Blutgerinnsel, die ein Gefäß verstopfen; im Bein droht dann ein Gewebeschaden
- Bei Befall von Hirngefäßen: Schlaganfall oder Hirnblutung
- Eiteransammlung (Abszess) rund um die Ader
Langzeitprognose
Mykotische Aneurysmen sind ernst, aber behandelbar. Wer früh in gute Hände kommt und die Behandlung konsequent durchhält, hat gute Chancen auf Heilung. Die Behandlung ist aufwendig und braucht Geduld – mit einem guten Team, regelmäßigen Kontrollen und Unterstützung im Alltag ist dieser Weg gut zu schaffen.
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Quellen und Leitlinien
Keine Leitlinie nennt dieses Thema
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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