Orthoptistinnen und Orthoptisten: Hilfe bei Schielen, Sehschwäche und Doppelbildern
Übersicht
Eine Orthoptistin oder ein Orthoptist ist eine Fachkraft für das Zusammenspiel der Augen. Sie untersucht, wie gerade die Augen stehen, wie sie sich bewegen und ob das Gehirn die Bilder beider Augen richtig zu einem Bild zusammenfügt. Man kann sich das wie Physiotherapie für die Augen vorstellen – nur ohne Operation und ohne Medikamente. Orthoptistinnen und Orthoptisten arbeiten eng mit Augenarztpraxen und Augenkliniken zusammen und betreuen vor allem Kinder mit Schielen oder Schwachsichtigkeit sowie Erwachsene mit Doppelbildern.
Wichtige Fakten
- Orthoptik ist keine Krankheit, sondern ein medizinischer Fachbereich – ähnlich wie Physiotherapie, nur für das Sehen mit beiden Augen.
- Typische Themen sind Schielen, Schwachsichtigkeit (Amblyopie, also ein Auge sieht dauerhaft schlechter, obwohl es gesund ist), Doppelbilder und Probleme beim Zusammenlesen.
- Die Behandlung ist meist übend oder erfolgt über eine Brille mit Prismen; eine Operation ist nur in bestimmten Fällen nötig.
- Kinder profitieren besonders von einer frühen Behandlung, weil sich das räumliche Sehen bis etwa zum zehnten Lebensjahr entwickelt.
Ja, solche Sehprobleme sind häufig. Etwa jedes zwanzigste Kind schielt oder entwickelt eine Schwachsichtigkeit. Auch bei Erwachsenen kommen Doppelbilder und Beschwerden beim Nahsehen oft vor, besonders bei viel Bildschirmarbeit.
Vor allem Kinder im Vorschul- und Grundschulalter, deren Sehen sich noch entwickelt. Außerdem Erwachsene mit Doppelbildern, zum Beispiel nach einer neurologischen Erkrankung, bei Schilddrüsenerkrankungen oder nach einer Augenverletzung. Auch Menschen mit viel konzentrierter Naharbeit sind betroffen.
Symptome
- Plötzlicher Sehverlust auf einem Auge – sofort augenärztliche Notfallhilfe, im Zweifel 112
- Plötzliche Doppelbilder zusammen mit Schwäche, Sprachstörung, hängendem Lid oder Unsicherheit beim Gehen – Verdacht auf Schlaganfall, sofort 112
- Doppelbilder nach einer Kopfverletzung
- Starke Augenschmerzen mit Übelkeit und Verschlechterung des Sehens
- Plötzlich auftretendes Schielen bei Erwachsenen zusammen mit neurologischen Beschwerden
- ⚠Neu aufgetretene Doppelbilder ohne weitere Beschwerden – zeitnah in einer Augenarztpraxis abklären lassen
- ⚠Plötzliches Schielen bei einem Kind
- ⚠Ein Kind hält den Kopf plötzlich dauerhaft schief
- ⚠Sehverschlechterung, die innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen auftritt
- ⚠Rotes, schmerzendes Auge mit schlechterem Sehen
Häufige Symptome
- Doppelbilder, besonders beim Lesen oder beim Blick zur Seite
- Das Gefühl, dass die Augen nicht zusammenarbeiten oder auseinanderlaufen
- Schnelle Ermüdung, Kopfschmerzen oder Spannungsgefühl nach Naharbeit
- Verschwommenes Sehen, das mit der Brille nicht besser wird
- Ein Auge weicht sichtbar nach innen oder außen ab
- Schwindel oder Unwohlsein beim Sehen in bestimmte Richtungen
- Häufiges Zukneifen eines Auges oder Blinzeln bei hellem Licht
Symptome bei Kindern
- Ein Auge weicht nach innen oder außen ab, manchmal nur bei Müdigkeit
- Das Kind hält den Kopf schief oder dreht ihn, um besser zu sehen
- Gegenstände und Bücher werden sehr nah ans Gesicht gehalten
- Häufiges Stolpern, ungeschickt wirken, oft irgendwo anstoßen
- Augenreiben, Blinzeln, Empfindlichkeit gegen Licht
- Unsicheres Fangen, Schwierigkeiten beim Treppensteigen – Hinweis auf fehlendes räumliches Sehen
- Das Kind wehrt sich, wenn ein Auge abgedeckt wird – ein Zeichen dafür, dass es mit dem anderen Auge schlechter sieht
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Doppelbilder, die langsam zunehmen oder bei Müdigkeit stärker werden
- Doppelbilder nach längerem Lesen oder bei Bildschirmarbeit
- Ein hängendes Lid oder ungleich stehende Lider
- Beim Lesen geht die Zeile verloren oder Buchstaben verschwimmen
- Doppelbilder zusammen mit einer Schilddrüsenerkrankung oder nach einem Schlaganfall
Ursachen
Hauptursachen
- Angeborene Fehlsichtigkeit oder ein Ungleichgewicht der Augenmuskeln
- Schielen in der Kindheit – das Gehirn lernt dann, ein Auge zu unterdrücken, daraus kann eine Schwachsichtigkeit entstehen
- Störungen der Nerven, die die Augenmuskeln steuern, zum Beispiel nach Entzündungen, bei Diabetes oder nach einem Schlaganfall
- Erkrankungen der Schilddrüse, die die Augenmuskeln und das Gewebe hinter dem Auge verändern
- Verletzungen oder Operationen am Auge
- Lange, konzentrierte Naharbeit an Bildschirm oder Buch – sie kann eine Konvergenzschwäche begünstigen, also Probleme, die Augen nah zusammenzustellen
- Angeborenes oder erworbenes Augenzittern (Nystagmus, ein unwillkürliches Zittern der Augen)
Risikofaktoren
- Schielen oder eine Brille bei Eltern und Geschwistern
- Frühgeburt oder geringes Geburtsgewicht
- Entwicklungsauffälligkeiten oder neurologische Erkrankungen im Kindesalter
- Diabetes, Schilddrüsenerkrankungen oder hoher Blutdruck bei Erwachsenen
- Viel Bildschirmarbeit ohne Pausen
- Eine frühere Augenoperation oder eine Augenverletzung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Plötzlich auftretende Doppelbilder
- Plötzlicher Sehverlust oder ein Schleier vor dem Auge
- Neu aufgetretenes Schielen bei einem Erwachsenen
- Doppelbilder nach einem Sturz oder Schlag auf den Kopf – dann sofort 112
- Ein Kind, das plötzlich den Kopf schief hält oder ein Auge zukneift
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Ein Kind schielt, oder ein Auge wandert manchmal nach innen oder außen
- Bei einer Vorsorgeuntersuchung fiel etwas auf, oder es besteht Verdacht auf Schwachsichtigkeit
- Kopfschmerzen, Augenermüdung oder Verschwimmen bei Naharbeit
- Ein Kind liest sehr nah, hält den Kopf schief oder reibt sich oft die Augen
- Anhaltende Doppelbilder bei Müdigkeit oder nach langem Lesen
- Der Wunsch nach einer Einschätzung, ob Sehtraining helfen könnte
Diagnose
Die orthoptische Untersuchung ist schmerzfrei und dauert meist zwischen 20 und 45 Minuten. Die Fachkraft schaut, wie die Augen stehen, wie sie sich bewegen und wie gut beide Augen zusammenarbeiten. Bei Kindern läuft die Untersuchung spielerisch ab, oft mit Bildern und kleinen Aufgaben.
Mögliche Untersuchungen
- Sehschärfetest mit Symbolen oder Bildern – auch für Kinder, die noch nicht lesen können
- Abdecktest: Ein Auge wird kurz abgedeckt, um eine verborgene Schielstellung zu erkennen
- Prismenmessung: Mit kleinen Glasprismen wird gemessen, wie stark das Schielen ausgeprägt ist
- Raumsehtest: Mit einer Spezialbrille und Testbildern wird geprüft, ob beide Augen räumlich zusammenarbeiten
- Prüfung der Augenbewegungen in alle Blickrichtungen
- Bestimmung des Punktes, an dem beide Augen nah am besten zusammenarbeiten
- Bei Erwachsenen mit Doppelbildern: spezielle Tests, bei denen beide Augen gleichzeitig sehen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie setzen eine Messbrille auf oder schauen durch ein Gerät und werden gebeten, in verschiedene Richtungen zu blicken oder einen Punkt zu fixieren. Bei Kindern darf ein Elternteil dabei sein. Manchmal dauert es, bis ein Kind mitmacht – das ist völlig normal. Am Ende erklärt die Fachkraft, was sie gesehen hat, und bespricht mit Ihnen, ob eine Behandlung sinnvoll ist.
Behandlung
Die orthoptische Behandlung ist fast immer übend und kommt ohne Medikamente aus. Ziel ist, dass beide Augen möglichst gleich gut sehen und gut zusammenarbeiten. Je nach Befund kommen eine Brille, Prismen in der Brille, gezielte Sehübungen, ein zeitweises Abkleben eines Auges oder – in bestimmten Fällen – eine Operation in Frage. Alles wird gemeinsam mit der Augenärztin oder dem Augenarzt entschieden.
Selbsthilfe zu Hause
- Eine verordnete Brille konsequent tragen – auch wenn ein Kind sie anfangs nicht mag
- Bei Bildschirmarbeit alle 20 Minuten für etwa 20 Sekunden in die Ferne schauen
- Für gutes Licht beim Lesen sorgen und ausreichend Abstand zum Buch halten
- Notieren, wann und in welchen Situationen Doppelbilder auftreten – das hilft bei der Diagnose
- Genug Schlaf und Pausen einplanen, denn Müdigkeit verstärkt Doppelbilder oft
- Kontrolltermine wahrnehmen, auch wenn alles gut erscheint
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung richtet sich nach dem Befund. Häufig wird zuerst eine passende Brille verordnet, weil viele Sehprobleme damit deutlich besser werden. Bei Schielen im Kindesalter kann das zeitweise Abkleben des stärkeren Auges oder eine spezielle augenärztliche Tropftherapie zum Einsatz kommen – immer in enger Absprache und unter Kontrolle der Augenarztpraxis. Bei Doppelbildern im Erwachsenenalter helfen oft Prismen in der Brille oder gezielte Sehübungen. Beim Sehtraining werden Übungen gezeigt, die zu Hause weitergeführt werden. Wichtig: Nichts davon sollten Sie allein ausprobieren – die Anleitung gehört in fachliche Hände.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist nur bei bestimmten Formen des Schielens sinnvoll, etwa wenn Brille und Übungen nicht ausreichen oder die Augenstellung sehr ausgeprägt ist. Dabei werden die Augenmuskeln angepasst. Der Eingriff wird vorher ausführlich besprochen, und auch danach kann eine orthoptische Betreuung sinnvoll sein.
Leben mit der Erkrankung
Für Kinder ist der Alltag mit Brille oder Pflaster manchmal anstrengend – in der Schule, beim Sport, beim Spielen. Erwachsene mit Doppelbildern müssen Situationen oft anpassen, zum Beispiel beim Autofahren oder bei der Arbeit am Bildschirm. Mit der Zeit finden die meisten gute Wege, und die Beschwerden werden oft besser.
Tipps für den Alltag
- Regelmäßige Pausen bei Naharbeit: alle 20 Minuten kurz in die Ferne schauen
- Den Bildschirm etwas tiefer stellen und blendfrei arbeiten
- Viel Zeit im Freien – Tageslicht und Fernsehen entlasten die Augen
- Auf gute Beleuchtung und kräftige Kontraste achten
- Bei Kindern die Zeit vor Bildschirmen begrenzen
- Feste Kontrolltermine einplanen, auch bei Beschwerdefreiheit
Ernährung und Bewegung
Es gibt kein bestimmtes Lebensmittel, das Schielen oder Schwachsichtigkeit heilt. Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst unterstützt aber die allgemeine Gesundheit – auch der Augen. Ausreichend zu trinken ist wichtig. Bewegung im Freien ist besonders für Kinder wertvoll, weil Tageslicht und das Schauen in die Ferne die Augen entlasten. Bei Erwachsenen mit Diabetes oder hohem Blutdruck ist eine gute medizinische Einstellung auch für die Augen wichtig.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Sehprobleme können belasten. Kinder mit Brille oder Pflaster werden manchmal gehänselt, Erwachsene mit Doppelbildern fühlen sich im Beruf oder im Straßenverkehr unsicher. Solche Sorgen sind ernst zu nehmen und dürfen angesprochen werden. Wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen oder große Angst haben, wenden Sie sich an Ihre Hausarztpraxis oder an eine Beratungsstelle vor Ort. In einer akuten Krise ist der Notruf 112 rund um die Uhr erreichbar.
Vorbeugung
Nicht alles lässt sich verhindern – angeborenes Schielen oder eine erbliche Fehlsichtigkeit kann man nicht vermeiden. Man kann aber viel tun, damit keine Folgen entstehen: frühe Untersuchungen wahrnehmen, eine Brille konsequent tragen und bei Naharbeit Pausen machen. Wird eine Schwachsichtigkeit früh erkannt, lässt sie sich meist gut behandeln.
Impfungen
Für die Orthoptik spielen Impfungen keine Rolle. Ein regulärer Impfschutz ist trotzdem sinnvoll und wird in der Hausarztpraxis besprochen.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland gehören Sehtests zu den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen; bei Auffälligkeiten wird an eine Augenarztpraxis überwiesen. Die AWMF-Leitlinien zu Schielen und Schwachsichtigkeit empfehlen eine frühe Abklärung durch Fachleute. Bei Erwachsenen lohnt sich eine augenärztliche Kontrolle, sobald Beschwerden auftreten. Was für Sie oder Ihr Kind sinnvoll ist, bespricht Ihre Praxis mit Ihnen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Eine Schwachsichtigkeit kann dauerhaft bestehen bleiben, wenn sie zu spät behandelt wird
- Das räumliche Sehen kann dauerhaft eingeschränkt sein – das erschwert Sport, Autofahren und sicheres Greifen
- Bei Kindern können Schulleistungen leiden, weil Lesen und Schreiben sehr anstrengen
- Doppelbilder werden als stark belastend erlebt und schränken Alltag und Beruf ein
- Sichtbares Schielen kann sozial belasten und das Selbstvertrauen beeinträchtigen
Langzeitprognose
Die Aussichten sind insgesamt gut. Je früher eine Auffälligkeit erkannt wird, desto besser sind die Chancen – besonders bei Kindern. Aber auch im Erwachsenenalter gibt es wirksame Wege, mit Sehproblemen umzugehen. Viele Menschen sehen mit Brille, Sehtraining oder einer Operation deutlich besser und fühlen sich im Alltag sicherer.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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