Charles-Bonnet-Syndrom: Bilder sehen, obwohl die Augen wenig sehen
Übersicht
Beim Charles-Bonnet-Syndrom sehen Menschen Dinge, die in Wirklichkeit nicht da sind – zum Beispiel Muster, Gesichter, Tiere oder ganze Szenen. Das Besondere daran: Diese Bilder entstehen, weil das Gehirn weniger Signale von den Augen bekommt. Es versucht dann sozusagen, die fehlenden Informationen zu ergänzen – und dabei entstehen Bilder, die wie echt wirken. Die Betroffenen wissen in der Regel, dass diese Bilder nicht real sind. Das Charles-Bonnet-Syndrom ist keine Geisteskrankheit und kein Zeichen von Demenz. Es gehört zu den sogenannten visuellen Halluzinationen, also Halluzinationen, die nur das Sehen betreffen.
Wichtige Fakten
- Die Bilder sind meist nur visuell: Man hört, riecht oder spürt dabei nichts Ungewöhnliches.
- Die Erscheinungen dauern oft nur Sekunden bis Minuten und verschwinden von selbst.
- Viele Betroffene wissen, dass die Bilder nicht echt sind, trauen sich aber aus Scham nicht, darüber zu sprechen.
Das Charles-Bonnet-Syndrom ist bei Menschen mit deutlichem Sehverlust vermutlich recht häufig, wird aber oft nicht erkannt. Viele Betroffene schweigen, weil sie Angst haben, für verrückt gehalten zu werden. Deshalb gehen Fachleute davon aus, dass es viel öfter vorkommt, als gemeldet wird.
Am häufigsten tritt es bei älteren Menschen auf, deren Sehvermögen nachgelassen hat – etwa durch eine Makuladegeneration, einen grünen Star (Glaukom) oder eine diabetische Augenerkrankung. Grundsätzlich kann es aber bei jedem Menschen mit deutlichem Sehverlust vorkommen, auch bei jüngeren Erwachsenen oder Kindern.
Symptome
- Plötzlicher Verlust des Sehvermögens, ganz oder teilweise – sofort den Notruf 112 wählen.
- Bilder sehen zusammen mit Verwirrtheit, Fieber, starken Kopfschmerzen oder Nackensteife – Notruf 112.
- Bilder sehen zusammen mit Lähmung, Sprachstörung, Taubheitsgefühl oder hängendem Mundwinkel – Verdacht auf Schlaganfall, sofort 112.
- ⚠Wenn solche Bilder zum ersten Mal auftreten.
- ⚠Wenn die Bilder sehr Angst machen oder der Alltag darunter leidet.
- ⚠Wenn sich das Sehen plötzlich oder deutlich verändert.
- ⚠Wenn zusätzlich eine neue Verwirrtheit oder Gedächtnisprobleme auffallen.
Häufige Symptome
- Man sieht Muster, Linien, Gitter oder farbige Flächen, die nicht da sind.
- Es erscheinen Gesichter, Personen, Tiere oder Gegenstände, die plötzlich auftauchen und wieder verschwinden.
- Manche sehen ganze Szenen oder Landschaften, oft wie ein kurzer Film.
- Die Bilder können klein oder riesig wirken, sich bewegen oder stillstehen.
- Die Erscheinungen treten häufig in Ruhe auf, bei schlechtem Licht, beim Einschlafen oder wenn man allein ist.
- Die Bilder sind meist durchsichtig oder wirken wie eine Einblendung über der echten Umgebung.
- Die Betroffenen wissen normalerweise, dass die Bilder nicht echt sind.
- Es gibt keine weiteren Sinnestäuschungen – man hört oder riecht nichts Ungewöhnliches.
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern ist das Charles-Bonnet-Syndrom selten und noch wenig erforscht.
- Kinder beschreiben die Bilder vielleicht als „wie im Kopf“ oder „wie ein Film“ und können Angst bekommen.
- Wichtig ist eine ruhige Erklärung, dass die Bilder harmlos sind und mit dem Sehen zusammenhängen.
- Kinder mit Sehbehinderung sollten bei solchen Erlebnissen augenärztlich vorgestellt werden.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Das Syndrom tritt am häufigsten bei älteren Menschen mit nachlassendem Sehvermögen auf.
- Viele Betroffene fürchten, verrückt zu werden oder eine Demenz zu haben – das ist beim Charles-Bonnet-Syndrom nicht der Fall.
- Die Bilder zeigen sich oft in Ruhe, bei schlechtem Licht oder wenn niemand da ist.
- Manche ziehen sich aus Scham zurück, statt Hilfe zu suchen.
- Eine gute Aufklärung nimmt Betroffenen oft viel Angst.
Ursachen
Hauptursachen
- Grundlage ist ein deutlicher Verlust des Sehvermögens – egal, wodurch er entsteht.
- Häufige Augenerkrankungen dahinter sind die altersbedingte Makuladegeneration, der grüne Star (Glaukom), die diabetische Netzhauterkrankung und der graue Star (Katarakt).
- Auch Verletzungen der Augen oder Schäden an den Sehbahnen im Gehirn können eine Rolle spielen.
- Vereinfacht gesagt: Wenn dem Gehirn Bildinformationen fehlen, füllt es die Lücke mit eigenen Bildern auf.
Risikofaktoren
- Höheres Lebensalter
- Deutlicher Sehverlust, besonders wenn beide Augen betroffen sind
- Eine Sehverschlechterung, die neu aufgetreten oder plötzlich schlimmer geworden ist
- Schlechtes Licht und dunkle Umgebung
- Ruhe und Reizarmut, zum Beispiel wenn man lange allein in einem stillen Raum ist
- Müdigkeit, Stress und Schlafmangel
- Soziale Isolation
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie plötzlich schlechter oder gar nichts mehr sehen.
- Wenn die Bilder zum ersten Mal auftreten.
- Wenn die Bilder zusammen mit Verwirrtheit, Fieber, starken Kopfschmerzen oder neurologischen Ausfällen wie Lähmung oder Sprachstörung auftreten – dann sofort den Notruf 112 wählen.
- Wenn Sie große Angst bekommen oder nicht mehr schlafen können.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie wiederholt Dinge sehen, die andere nicht sehen.
- Wenn Sie unsicher sind, ob mit Ihren Augen oder Ihrem Gehirn etwas nicht stimmt.
- Wenn sich Ihr Sehvermögen verändert hat und Ihre Brille nicht mehr passt.
- Wenn Sie sich wegen der Bilder zurückziehen oder traurig werden.
Diagnose
Die Diagnose stellt eine Ärztin oder ein Arzt vor allem durch ein ausführliches Gespräch und eine augenärztliche Untersuchung. Wichtig ist dabei, andere Ursachen für die Bilder auszuschließen – zum Beispiel eine Augenerkrankung, Nebenwirkungen von Medikamenten, eine Erkrankung des Gehirns oder eine Verwirrtheit. Beim Charles-Bonnet-Syndrom sind die Betroffenen wach und klar im Kopf und wissen, dass die Bilder nicht echt sind. Genau das hilft bei der Einordnung.
Mögliche Untersuchungen
- Ausführliches Gespräch über die Bilder: Was sehen Sie, wann, wie lange, wie oft?
- Augenärztliche Untersuchung mit Sehtest und Untersuchung des Augenhintergrunds
- Gesichtsfeldmessung, um Sehverluste zu erkennen
- Durchsicht der eingenommenen Medikamente
- Je nach Situation Blutuntersuchungen
- In manchen Fällen Überweisung an die Neurologie oder eine Bildgebung des Kopfes, um andere Ursachen auszuschließen
- Bei Bedarf ein kurzer Gedächtnis- und Aufmerksamkeitstest, um eine Demenz oder Verwirrtheit abzugrenzen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie werden gebeten, die Bilder genau zu beschreiben. Das kann zunächst unangenehm sein, hilft aber sehr bei der Einordnung. Meist folgen ein Sehtest und eine Untersuchung der Augen. Oft können Ärztin oder Arzt danach erklären, dass die Bilder mit dem Sehverlust zusammenhängen und harmlos sind. Manchmal sind weitere Untersuchungen nötig, um andere Ursachen sicher auszuschließen.
Behandlung
Eine eigene Behandlung, die das Charles-Bonnet-Syndrom direkt heilt, gibt es nicht. Der wichtigste Schritt ist die Aufklärung: Zu verstehen, dass die Bilder harmlos sind und vom Sehverlust kommen, nimmt vielen Betroffenen die Angst. Zusätzlich wird versucht, das Sehen so gut wie möglich zu verbessern – denn je mehr Bildinformationen das Gehirn bekommt, desto seltener werden die Erscheinungen oft.
Selbsthilfe zu Hause
- Für gutes Licht sorgen, besonders abends und in dunklen Räumen.
- Die Brille regelmäßig überprüfen lassen und tragen.
- Sich beschäftigen und in Bewegung bleiben – zum Beispiel spazieren gehen, lesen mit Hilfsmitteln, Musik hören oder Radio laufen lassen.
- Bei auftretenden Bildern bewusst wegschauen, blinzeln oder die Augen hin und her bewegen – das kann die Bilder unterbrechen.
- Soziale Kontakte pflegen und nicht allein mit der Angst bleiben.
- Über die Bilder sprechen, zum Beispiel mit Angehörigen oder der Hausarztpraxis.
- Auf ausreichend Schlaf und Pausen achten.
Medizinische Behandlungen
Behandelt wird vor allem die zugrunde liegende Augenerkrankung, damit das Sehen erhalten bleibt oder sich verbessert. Dazu kommen Angebote der Sehbehindertenversorgung, etwa vergrößernde Sehhilfen oder eine Beratung zur besseren Nutzung des vorhandenen Sehens. Wenn die Bilder trotz Aufklärung sehr belastend bleiben, kann die Ärztin oder der Arzt im Einzelfall weitere Möglichkeiten besprechen. Wichtig: Sprechen Sie über jede Behandlung mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt und ändern Sie keine Medikamente auf eigene Faust.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist nur sinnvoll, wenn eine behandelbare Augenerkrankung dahintersteckt – etwa ein grauer Star. Ob ein Eingriff infrage kommt, entscheidet die Augenärztin oder der Augenarzt.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag hilft es, die Bilder als das zu nehmen, was sie sind: ein harmloses Nebenprodukt des nachlassenden Sehens. Viele Betroffene lernen mit der Zeit, gelassen zu reagieren. Es kann helfen, die Umgebung heller zu gestalten, sich bewusst abzulenken und offen mit Menschen zu sprechen, denen man vertraut.
Tipps für den Alltag
- Regelmäßige Bewegung und Tageslicht tun Augen und Stimmung gut.
- Feste Tagesstrukturen und Kontakte zu anderen Menschen helfen gegen Isolation.
- Gute Beleuchtung zu Hause, besonders auf Treppen und in Fluren.
- Ausreichend Schlaf und Pausen für die Augen.
- Regelmäßige Kontrollen beim Augenarzt oder bei der Augenärztin.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung und regelmäßige Bewegung sind gut für die allgemeine Gesundheit und können helfen, Augenerkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck besser im Griff zu haben. Beides ersetzt aber nicht die augenärztliche Behandlung. Bei Unsicherheit fragen Sie Ihre Hausarztpraxis nach passenden Angeboten.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Bilder können Angst, Scham und Unsicherheit auslösen. Manche Betroffene fürchten, verrückt zu werden, und ziehen sich zurück. Das kann auf Dauer zu Traurigkeit, Schlafproblemen oder einer Depression führen. Wichtig zu wissen: Solche Gefühle sind verständlich und es gibt Unterstützung. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber – psychotherapeutische Begleitung kann helfen. Wenn Sie Gedanken haben, sich selbst zu schaden, holen Sie sich bitte sofort Hilfe – zum Beispiel über den Notruf 112 oder den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116117.
Vorbeugung
Sicher verhindern lässt sich das Charles-Bonnet-Syndrom nicht, weil es an einem bestehenden Sehverlust hängt. Es kann aber helfen, Augenerkrankungen früh zu erkennen und zu behandeln und das Sehen möglichst lange gut zu erhalten.
Früherkennungsprogramme
Regelmäßige augenärztliche Kontrollen sind sinnvoll – besonders ab etwa 60 Jahren sowie bei Diabetes, grünem Star in der Familie oder anderen Augenerkrankungen. Wer plötzlich schlechter sieht, sollte zeitnah einen Termin vereinbaren.
Komplikationen
Unbehandelt
- Die Bilder selbst sind harmlos, können aber starke Angst auslösen.
- Betroffene können sich schämen und sich zurückziehen, was zu Einsamkeit führt.
- Angst und Belastung können zu Schlafproblemen, Traurigkeit oder einer Depression führen.
- Ohne Einordnung werden die Bilder manchmal fälschlich als Demenz oder Psychose gedeutet.
- Ein bestehender Sehverlust bleibt ohne Behandlung möglicherweise unbemerkt oder verschlimmert sich.
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Das Charles-Bonnet-Syndrom ist nicht gefährlich und kein Zeichen von Wahnsinn. Viele Betroffene erleben die Bilder mit der Zeit seltener, vor allem wenn sie sich weniger fürchten und ihr Sehen verbessert wird. Mit Aufklärung, guter augenärztlicher Betreuung und Unterstützung im Alltag lässt sich meist gut damit leben.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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