Sehnerventzündung (Optikusneuritis)
Übersicht
Bei einer Sehnerventzündung ist der Sehnerv entzündet. Der Sehnerv ist so etwas wie das Kabel, das die Bilder vom Auge zum Gehirn weiterleitet. Durch die Entzündung kommen die Signale nur noch schlechter an. Typisch ist, dass das Sehen auf einem Auge innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen schlechter wird und das Auge beim Bewegen weh tut. Meist bessert sich das Sehen wieder, aber das kann Wochen dauern.
Wichtige Fakten
- Am häufigsten ist ein Auge betroffen, und das Sehen verschlechtert sich schnell – oft innerhalb von Stunden bis Tagen.
- Viele Betroffene haben Schmerzen im Auge oder dahinter, vor allem beim Bewegen des Auges.
- In den meisten Fällen erholt sich das Sehen innerhalb von Wochen bis Monaten ganz oder teilweise.
Sie ist nicht häufig, aber auch nicht sehr selten. Schätzungen zufolge erkranken in Deutschland etwa 1 bis 5 von 100.000 Menschen pro Jahr daran. Am häufigsten sind Menschen zwischen 20 und 40 Jahren betroffen, Frauen deutlich häufiger als Männer.
Vor allem Erwachsene zwischen etwa 20 und 40 Jahren, Frauen häufiger als Männer. Bei Kindern verläuft sie oft anders, und es sind häufiger beide Augen betroffen. Bei Menschen über 50 muss besonders sorgfältig nach anderen Ursachen für die Sehstörung gesucht werden.
Symptome
- Plötzlicher Verlust oder starke Verschlechterung des Sehvermögens auf einem oder beiden Augen – sofort den Rettungsdienst unter 112 rufen oder den augenärztlichen Notdienst aufsuchen.
- Sehverlust zusammen mit starken Kopfschmerzen, Schmerzen beim Kauen, schmerzhafter Kopfhaut oder Fieber – das kann auf eine Gefäßentzündung hindeuten und ist ein Notfall.
- Sehstörungen zusammen mit Schwäche, Taubheitsgefühl, Gangunsicherheit, hängendem Mundwinkel oder Sprachstörungen – mögliche Zeichen eines Schlaganfalls, sofort 112.
- ⚠Das Sehen wird innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen deutlich schlechter.
- ⚠Schmerzen beim Bewegen des Auges.
- ⚠Farben wirken verändert, oder das Gesichtsfeld ist eingeschränkt.
- ⚠Doppelbilder oder ein hängendes Augenlid.
Häufige Symptome
- Plötzlich schlechteres Sehen auf einem Auge – oft wie durch Milchglas, Nebel oder einen Schleier
- Schmerzen im Auge oder hinter dem Auge, die beim Bewegen des Auges stärker werden
- Farben wirken blasser oder ausgewaschen
- Ein grauer Fleck oder ein dunkler Bereich im Gesichtsfeld
- Blendempfindlichkeit oder Lichtblitze, besonders beim Bewegen des Auges
- Das Sehen wird bei Wärme, Anstrengung oder nach dem Duschen kurzzeitig schlechter und erholt sich danach wieder. Das ist ein bekanntes Zeichen und meist kein Grund zur Sorge.
Symptome bei Kindern
- Häufiger sind beide Augen betroffen als bei Erwachsenen.
- Kleine Kinder können nicht sagen, dass sie schlecht sehen. Sie stolpern öfter, halten Dinge sehr nah ans Gesicht, reiben sich die Augen oder wirken unkonzentriert.
- Manchmal ging kurz vorher eine Infektion voraus, zum Beispiel mit Fieber oder Erkältung.
- Kinder brauchen zügig eine augenärztliche Untersuchung, damit nichts übersehen wird.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Bei Menschen über 50 muss die Ärztin oder der Arzt auch andere Ursachen ausschließen, zum Beispiel eine Durchblutungsstörung des Sehnervs.
- Eine entzündliche Erkrankung der Blutgefäße kann hinter einer plötzlichen Sehstörung stecken. Sie muss sofort behandelt werden und geht oft mit Kopfschmerzen, Schmerzen beim Kauen oder schmerzhafter Kopfhaut einher.
- Wechselwirkungen mit Medikamenten und andere Vorerkrankungen werden mitgeprüft.
Ursachen
Hauptursachen
- Eine Fehlreaktion des Immunsystems, das körpereigenes Gewebe angreift (Autoimmunreaktion) – das ist die häufigste Ursache.
- Ein Zusammenhang mit Multipler Sklerose (MS), einer Erkrankung des Nervensystems. Nicht alle Menschen mit Sehnerventzündung haben MS, und nicht alle mit MS bekommen eine Sehnerventzündung.
- Antikörperbedingte Erkrankungen wie MOGAD oder Erkrankungen aus dem Neuromyelitis-optica-Spektrum, bei denen sich das Immunsystem gegen Nervengewebe richtet.
- Manchmal nach einer Virusinfektion.
- Seltener andere Ursachen wie bestimmte Medikamente, andere Autoimmunerkrankungen (zum Beispiel Sarkoidose oder Lupus) oder ein Mangel an Vitamin B12.
Risikofaktoren
- Alter zwischen etwa 20 und 40 Jahren
- Weibliches Geschlecht
- Eine bekannte MS oder eine andere Autoimmunerkrankung
- Rauchen
- Familiäre Veranlagung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie plötzlich schlechter sehen: sofort zur Augenärztin oder zum Augenarzt oder in die Notaufnahme.
- Wenn Augenbewegungen schmerzhaft sind.
- Wenn Farben blasser erscheinen oder ein Fleck im Gesichtsfeld auftaucht.
- Wenn Sie bereits MS haben und neue Sehprobleme bemerken.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Kontrolltermine nach einer Sehnerventzündung wahrnehmen, auch wenn das Sehen wieder gut ist.
- Wenn Sie unsicher sind, wie sich Ihr Sehen entwickelt, oder Fragen zur Behandlung haben.
- Wenn Erschöpfung, Unsicherheit oder Sorgen im Alltag zunehmen.
Diagnose
Die Diagnose stellt meist eine Augenärztin oder ein Augenarzt, oft zusammen mit einer neurologischen Klinik. Zuerst werden Sehschärfe, Farbsehen, Gesichtsfeld und die Reaktion der Pupillen geprüft. Danach folgen meist eine Bildgebung des Kopfes und der Augenhöhlen sowie Bluttests, um die Ursache einzugrenzen.
Mögliche Untersuchungen
- Sehtest mit Bestimmung der Sehschärfe
- Farbsehtest
- Gesichtsfeldmessung
- Prüfung der Pupillenreaktion
- Untersuchung mit der Spaltlampe und Blick auf den Augenhintergrund
- Magnetresonanztomografie (MRT) von Gehirn und Augenhöhlen – ein Bild des Inneren, das ohne Strahlung auskommt
- Messung der Weiterleitung im Sehnerv (visuell evozierte Potenziale, kurz VEP)
- Blutuntersuchung auf Antikörper und auf andere mögliche Ursachen
- Selten eine Untersuchung des Nervenwassers (Lumbalpunktion)
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie werden wahrscheinlich an einem Tag mehrere Untersuchungen hinter sich bringen. Keine davon tut weh; das MRT ist laut, aber harmlos. Bis alle Ergebnisse vorliegen, können einige Tage vergehen. Fragen Sie ruhig nach, wenn Sie etwas nicht verstehen, und nehmen Sie wenn möglich eine Begleitung mit – zu zweit behält man mehr.
Behandlung
Das Ziel der Behandlung ist, die Entzündung zu bremsen, das Sehen zu schützen und eine mögliche Grunderkrankung wie MS zu erkennen und zu behandeln. Wie vorgegangen wird, hängt davon ab, wie stark die Beschwerden sind und welche Ursache gefunden wird.
Selbsthilfe zu Hause
- Gönnen Sie sich Ruhe. Müdigkeit und Anstrengung können das Sehen vorübergehend schlechter machen.
- Setzen Sie sich nicht ans Steuer, wenn Sie unsicher sehen. Fragen Sie im Zweifel Ihr Behandlungsteam.
- Beobachten Sie Ihr Sehen bewusst, zum Beispiel einmal täglich beim Lesen oder mit einem Farbtest. Notieren Sie Veränderungen – das hilft bei der Einschätzung.
- Halten Sie Ihre Kontrolltermine ein, auch wenn es Ihnen besser geht.
- Sprechen Sie offen über Ihre Sorgen – mit Familie, Freunden oder dem Behandlungsteam.
Medizinische Behandlungen
Bei einer akuten Sehnerventzündung werden häufig entzündungshemmende Medikamente eingesetzt, meist über einige Tage als Tablette oder als Infusion. Sie können die Entzündung schneller abklingen lassen. Ob das im Einzelfall sinnvoll ist und in welcher Form, entscheidet das Behandlungsteam gemeinsam mit Ihnen. Bei sehr schweren Verläufen gibt es weitere Verfahren, zum Beispiel eine Blutwäsche (Plasmapherese). Dabei wird das Blut außerhalb des Körpers gereinigt. Steckt eine MS oder eine verwandte Erkrankung dahinter, wird zusätzlich eine langfristige Behandlung besprochen. Medikamentennamen nenne ich hier bewusst nicht – Ihr Behandlungsteam wird die passende Option mit Ihnen durchgehen.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei einer Sehnerventzündung in der Regel nicht nötig. Nur wenn sich herausstellt, dass etwas anderes die Ursache ist – etwa eine Raumforderung, die auf den Sehnerv drückt –, kann ein Eingriff besprochen werden.
Leben mit der Erkrankung
In den ersten Wochen ist das Sehen oft unsicher, und vieles dauert länger. Das ist belastend, aber meist vorübergehend. Praktische Hilfen: Schrift auf dem Handy oder Computer größer stellen, gut beleuchten, wichtige Dinge auf dem gesunden Auge betrachten, im Alltag Pausen einplanen. Sagen Sie im Job und in der Familie offen, dass Sie gerade nicht so gut sehen – die meisten Menschen sind verständnisvoll und helfen gern.
Tipps für den Alltag
- Rauchen aufgeben – das ist einer der wichtigsten Schritte für die Gesundheit von Nerven und Gefäßen.
- Ausreichend schlafen und Stress nach Möglichkeit reduzieren.
- Bei Hitze kann das Sehen kurzzeitig schwächer werden – das ist bekannt und kein Zeichen, dass etwas kaputtgeht.
- Sonnenschutz und eine gute Sonnenbrille können bei Blendempfindlichkeit helfen.
- Regelmäßige Bewegung einplanen, angepasst an Ihr Befinden.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten und regelmäßige Bewegung sind gut für Körper und Nerven. Es gibt kein Lebensmittel, das eine Sehnerventzündung heilt – aber ein gesunder Lebensstil unterstützt die Regeneration und beugt Begleiterkrankungen vor. Bei einer bekannten MS raten Fachleute zusätzlich zu einer guten Vitamin-D-Versorgung; sprechen Sie darüber mit Ihrem Behandlungsteam.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine plötzliche Sehstörung trifft viele Menschen hart. Angst, Unsicherheit, Traurigkeit oder Wut sind völlig normale Reaktionen. Sprechen Sie darüber – mit Menschen, denen Sie vertrauen, oder mit psychologischem Fachpersonal. Wenn die Belastung über Wochen anhält, suchen Sie Unterstützung. In akuten seelischen Krisen erreichen Sie in Deutschland rund um die Uhr die Telefonseelsorge; im Notfall gilt die 112.
Vorbeugung
Eine Sehnerventzündung selbst lässt sich nicht gezielt verhindern. Wichtig ist, eine bestehende Grunderkrankung wie MS gut behandeln zu lassen und Risikofaktoren wie Rauchen zu meiden. Wer bereits eine Sehnerventzündung hatte und neue Sehveränderungen bemerkt, sollte früh ärztlichen Rat suchen, damit schnell gehandelt werden kann.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf Sehnerventzündung gibt es nicht. Bei einer bekannten MS werden Sehfunktion und MRT regelmäßig kontrolliert. Bei Menschen über 50 mit plötzlicher Sehstörung wird gezielt nach anderen Ursachen gesucht.
Komplikationen
Unbehandelt
- Das Sehen kann dauerhaft eingeschränkt bleiben – bei den meisten Menschen erholt es sich aber.
- Farbsehen und Kontrastsehen können langfristig schwächer bleiben.
- Wiederholte Entzündungen können den Sehnerven auf Dauer schädigen.
- Eine dahintersteckende MS oder eine verwandte Erkrankung kann unentdeckt bleiben und fortschreiten.
- Bei älteren Menschen kann eine andere Ursache wie eine Gefäßentzündung übersehen werden – mit ernsten Folgen.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind meist gut. Bei den meisten Menschen bessert sich das Sehen innerhalb von Wochen bis Monaten, oft fast vollständig. Manchmal bleiben Farben etwas blasser, oder das Sehen ist bei Anstrengung kurzzeitig schwächer. Ein Teil der Betroffenen erlebt später erneut eine Entzündung. Wichtig ist eine gute Nachsorge, damit eine mögliche Grunderkrankung früh erkannt und behandelt werden kann.
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Zuletzt aktualisiert: 23. Oktober 2026
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