Paukenerguss („Leimohr“)
Übersicht
Bei einem Paukenerguss sammelt sich Flüssigkeit im Mittelohr – also hinter dem Trommelfell. Das Ohr ist dann wie mit Watte verschlossen: Töne kommen nur gedämpft an. Umgangssprachlich heißt das auch „Leimohr“, weil die Flüssigkeit manchmal zäh wie Kleber ist. Wichtig zu wissen: Ein Paukenerguss ist meist keine eitrige Entzündung und tut oft nicht weh. Er entsteht, weil die kleine Verbindungsröhre zwischen Mittelohr und Rachen – die Ohrtrompete – schlecht belüftet ist und die Flüssigkeit nicht abfließen kann.
Wichtige Fakten
- Ein Paukenerguss ist meist keine Entzündung und selten schmerzhaft – das Hören ist vor allem gedämpft.
- Bei den meisten Kindern verschwindet die Flüssigkeit innerhalb von Wochen bis etwa drei Monaten von selbst.
- Ein Paukenerguss ist der häufigste Grund für eine Hörminderung bei Kindern im Vorschulalter.
- Medikamente beseitigen den Paukenerguss nicht zuverlässig – beobachtet wird meist zuerst.
Sehr häufig. Fast jedes Kind hat in den ersten Lebensjahren mindestens einmal einen Paukenerguss, meist nach einer Erkältung. Bei vielen Kindern bleibt die Flüssigkeit einige Wochen unbemerkt, weil sie keine Schmerzen macht.
Vor allem Kinder zwischen etwa einem und sechs Jahren, besonders wenn sie in die Kita gehen oder Geschwister haben. Auch Säuglinge können betroffen sein. Bei Erwachsenen kommt ein Paukenerguss seltener vor – tritt er nur auf einem Ohr auf, sollte er ärztlich abgeklärt werden.
Symptome
- Bewusstseinstrübung, Verwirrtheit oder hohes Fieber mit Nackensteife
- Starke Ohrenschmerzen mit Rötung oder Schwellung hinter dem Ohr
- Plötzlicher Hörverlust auf einem Ohr, besonders zusammen mit Schwindel
- Starker Schwindel mit Erbrechen und Gangunsicherheit
- Lähmung im Gesicht oder herabhängender Mundwinkel
- Ein Kind, das nicht mehr richtig ansprechbar ist oder Krampfanfälle hat
- ⚠Starke Ohrenschmerzen oder Fieber
- ⚠Flüssigkeit oder Eiter läuft aus dem Ohr
- ⚠Plötzlich deutlich schlechteres Hören
- ⚠Beschwerden, die länger als drei Monate anhalten
- ⚠Ein Kind, das plötzlich nicht mehr auf Geräusche reagiert
Häufige Symptome
- Druckgefühl im Ohr, als stecke Watte darin
- Gedämpftes Hören: Töne klingen leise, dumpf oder weit weg
- Das Gefühl, das Ohr sei „zu“
- Manchmal ein leises Rauschen oder Klingen im Ohr
- Meist keine oder nur leichte Ohrenschmerzen
- Beim Schlucken oder Gähnen knackt oder ploppt es manchmal
Symptome bei Kindern
- Das Kind reagiert nicht auf Zurufe oder dreht sich nicht zur Geräuschquelle
- Fernseher, Tablet oder Musik werden deutlich lauter gestellt
- Das Kind spricht undeutlich, nuschelt oder lernt neue Wörter langsamer
- Es ist unruhig, müde oder schnell genervt, weil Zuhören anstrengt
- In Gruppen oder bei Lärm versteht es schlechter und wirkt unaufmerksam
- Kleinkinder ziehen am Ohr oder reiben es sich
- Manchmal Schwindel oder Unsicherheit beim Laufen
- In der Kita oder Schule fällt auf, dass das Kind „nicht richtig zuhört“
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Einseitig gedämpftes Hören oder ein Druckgefühl im Ohr
- Gespräche in Gruppen oder bei Hintergrundlärm werden anstrengend
- Völlegefühl im Ohr, das beim Schlucken oder Gähnen kurz besser wird
- Manchmal ein leichtes Rauschen im betroffenen Ohr
- Ein Paukenerguss bei Erwachsenen sollte immer ärztlich abgeklärt werden, besonders wenn er nur auf einer Seite auftritt
Ursachen
Hauptursachen
- Erkältung oder Schnupfen: Die Schleimhaut in der Ohrtrompete schwillt an und der Weg zum Ohr ist verstopft
- Vergrößerte Rachenmandeln (umgangssprachlich „Polypen“), die den Übergang zum Ohr verengen
- Allergien, durch die die Schleimhäute dauerhaft geschwollen sind
- Nach einer Mittelohrentzündung bleibt manchmal Flüssigkeit zurück
- Bei Säuglingen: Flasche geben in flacher Liegeposition
- Angeborene Besonderheiten, zum Beispiel eine Gaumenspalte
- Bei Erwachsenen: häufig eine gestörte Belüftung nach Infekten, manchmal auch andere Ursachen, die ärztlich geklärt werden sollten
Risikofaktoren
- Alter unter sechs Jahren – die Ohrtrompete ist noch kurz und verläuft flacher
- Kita oder Krippe und ältere Geschwister, also viele Infekte
- Tabakrauch in der Wohnung oder in der Umgebung des Kindes
- Häufige Erkältungen oder ein geschwächtes Immunsystem
- Allergien, zum Beispiel Heuschnupfen
- Vergrößerte Rachenmandeln
- Besondere anatomische Gegebenheiten wie eine Gaumenspalte oder ein Down-Syndrom
- Säuglinge, die nicht oder nur kurz gestillt werden, haben etwas häufiger Infekte
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Ihr Kind hat starke Ohrenschmerzen oder hohes Fieber
- Aus dem Ohr läuft Flüssigkeit oder Eiter
- Ihr Kind hört plötzlich deutlich schlechter oder reagiert nicht mehr auf Geräusche
- Schwindel, Erbrechen oder Gangunsicherheit treten auf
- Rötung oder Schwellung hinter dem Ohr
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Die Beschwerden halten länger als zwei bis drei Wochen an
- Ihr Kind spricht undeutlich oder lernt neue Wörter langsamer als Gleichaltrige
- In der Kita oder Schule fällt auf, dass Ihr Kind schlechter versteht
- Ihr Kind stellt den Fernseher immer lauter oder reagiert oft nicht auf Zurufe
- Sie selbst haben seit Wochen ein dumpfes Gefühl oder Druck im Ohr
- Ein Erwachsener hat einen Paukenerguss nur auf einer Seite
Diagnose
Die Ärztin oder der Arzt schaut in das Ohr, prüft die Beweglichkeit des Trommelfells und misst, wie gut Ihr Kind hört. Das ist schmerzfrei und dauert meist nur wenige Minuten. Oft wird auch der Nasenrachenraum angesehen, weil vergrößerte Rachenmandeln eine Rolle spielen können.
Mögliche Untersuchungen
- Ohrenspiegelung (Otoskopie): Ein kleiner Trichter wird ins Ohr gehalten, sodass das Trommelfell sichtbar wird
- Pneumatische Ohrenspiegelung: Mit leichtem Luftdruck wird geprüft, ob das Trommelfell noch schwingt
- Tympanometrie: Ein kleiner Stöpsel im Ohr misst, wie beweglich das Trommelfell ist – dabei entsteht ein leises Piepen und ein leichter Druck
- Hörtest (Audiometrie): Töne in verschiedenen Lautstärken; bei kleinen Kindern auch als Spielform oder mit Messung der Reflexe
- Untersuchung des Nasenrachens, manchmal mit einer dünnen Kamera, um vergrößerte Rachenmandeln zu erkennen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Alle Untersuchungen sind harmlos und tun nicht weh. Für kleine Kinder hilft es, vorher ruhig zu erklären, dass am Ohr nur „geschaut und gehört“ wird. Manchmal wird nach einigen Wochen erneut gemessen, um zu sehen, ob die Flüssigkeit von allein verschwunden ist. Bringen Sie gerne Notizen mit, wann die Beschwerden begonnen haben und ob es schon früher Ohrenprobleme gab.
Behandlung
Bei den meisten Kindern heißt die beste Behandlung zunächst: abwarten und beobachten – etwa drei Monate lang, solange das Hören nicht stark beeinträchtigt ist und keine Entzündungen dazukommen. Gleichzeitig werden Ursachen behandelt, zum Beispiel eine Allergie oder Tabakrauch in der Wohnung. Bei Erwachsenen richtet sich die Behandlung nach der gefundenen Ursache.
Selbsthilfe zu Hause
- Viel trinken und bei Schnupfen für eine freie Nase sorgen, zum Beispiel mit Kochsalzlösung als Spray oder Spülung
- Kaugummi kauen, schlucken und gähnen können helfen, die Ohrtrompete zu öffnen
- Säuglinge beim Flaschegeben mit erhöhtem Kopf halten, nicht flach liegend füttern
- Nicht rauchen und niemanden in der Wohnung rauchen lassen
- Beim Sprechen ins Gesicht schauen, langsam und deutlich sprechen, Fernseher und Radio leiser stellen
- In der Kita oder Schule vorne sitzen lassen und die Lehrkräfte informieren
- Regelmäßige Kontrolltermine wahrnehmen, auch wenn es besser zu werden scheint
Medizinische Behandlungen
Ein Medikament, das den Paukenerguss zuverlässig beseitigt, gibt es nicht. Antibiotische Mittel helfen nicht, weil meist keine bakterielle Entzündung vorliegt – sie sind nur bei einer echten Mittelohrentzündung sinnvoll. Manchmal wird eine Zeit lang ein abschwellendes oder entzündungshemmendes Nasenspray versucht; der Nutzen ist aber nicht sicher belegt. Bei einer Allergie kann eine passende Behandlung die Schleimhäute dauerhaft beruhigen. Wichtig: Geben Sie Kindern keine Mittel auf eigene Faust, sondern besprechen Sie Nutzen und Risiken mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist nur bei einem Teil der Kinder sinnvoll, zum Beispiel wenn die Flüssigkeit länger als drei Monate bleibt, das Hören deutlich eingeschränkt ist, die Sprachentwicklung leidet oder immer wieder Mittelohrentzündungen auftreten. Übliche Verfahren sind ein kleiner Schnitt ins Trommelfell, um die Flüssigkeit abzulassen, ein Paukenröhrchen – eine winzige Röhre, die das Ohr von außen belüftet – und das Entfernen vergrößerter Rachenmandeln. Solche Eingriffe werden meist ambulant und in Vollnarkose durchgeführt. Besprechen Sie in Ruhe, ob und wann eine Operation für Ihr Kind oder Sie sinnvoll ist.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag hilft es, ruhig und deutlich zu sprechen, das Gesicht zuzuwenden und Lärm im Hintergrund zu reduzieren. Wiederholen Sie Geduld statt zu rufen, und vereinbaren Sie mit Kita oder Schule, dass Ihr Kind vorne sitzt und die Lehrkräfte Bescheid wissen. Mit einem Paukenröhrchen ist normales Duschen und Haarewaschen meist kein Problem – fragen Sie bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt nach, ob beim Schwimmen Ohrenstöpsel oder eine Badekappe empfohlen werden.
Tipps für den Alltag
- Rauchfreie Wohnung und rauchfreie Umgebung für Ihr Kind
- Säuglinge möglichst stillen, wenn es Ihnen möglich ist
- Allergien behandeln lassen, damit die Schleimhäute ruhiger bleiben
- Erkältungen auskurieren und bei Schnupfen die Nase freihalten
- Regelmäßige Vorsorgetermine für Ihr Kind wahrnehmen
- Beim Schwimmen nach einem Paukenröhrchen die Empfehlungen der Praxis beachten
Ernährung und Bewegung
Eine besondere Diät ist nicht nötig – ausgewogene Ernährung und genug Trinken unterstützen aber die Schleimhäute. Bewegung an der frischen Luft ist gut und stärkt das Immunsystem. Beim Sport und Spielen gibt es keine Einschränkungen; beim Schwimmen fragen Sie bitte nach, ob nach einem Paukenröhrchen Ohrenschutz sinnvoll ist.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Schlecht zu hören ist anstrengend. Kinder werden dadurch oft müde, reagieren gereizt, ziehen sich zurück oder gelten fälschlich als unaufmerksam. Auch Eltern machen sich Sorgen und sind manchmal genervt, wenn sie alles dreimal sagen müssen – das ist verständlich und geht vielen so. Sprechen Sie offen darüber und holen Sie sich Unterstützung, wenn die Belastung groß wird. In einer akuten seelischen Krise erreichen Sie den Notruf jederzeit unter 112.
Vorbeugung
Ganz verhindern lässt sich ein Paukenerguss nicht, denn Erkältungen gehören zum Aufwachsen dazu. Man kann das Risiko aber senken: rauchfreie Umgebung, Stillen wenn möglich, Flasche geben mit erhöhtem Kopf, Allergien behandeln lassen und Infekte auskurieren.
Impfungen
Die empfohlenen Impfungen für Kinder können helfen, bestimmte Infekte zu vermeiden, die auch Ohrenprobleme begünstigen. In Deutschland orientieren sich die Empfehlungen an der Ständigen Impfkommission (STIKO). Welche Impfungen für Ihr Kind oder für Sie sinnvoll sind, besprechen Sie am besten in Ihrer Arztpraxis.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland gehört das Hören zu den Vorsorgeuntersuchungen für Kinder (den U-Untersuchungen). Außerdem gibt es ein Hörscreening für Neugeborene und eine Hörprüfung vor der Einschulung. So werden Hörprobleme oft früh entdeckt, auch wenn sie noch keine Beschwerden machen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Die Sprachentwicklung kann sich verzögern, wenn ein Kind über längere Zeit schlechter hört
- In Kita und Schule kann das Kind schlechter folgen und dadurch frustriert werden
- Das Trommelfell kann sich dauerhaft einziehen, und die Flüssigkeit kann zäh und hartnäckig werden
- Es können wiederholt Mittelohrentzündungen auftreten
- Selten entstehen dauerhafte Veränderungen am Ohr, die eine Operation nötig machen
- Manchmal treten Gleichgewichtsprobleme oder Schwindel auf
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Bei den meisten Kindern verschwindet ein Paukenerguss innerhalb von Wochen bis etwa drei Monaten von selbst, und das Hören wird wieder normal. Nur ein kleiner Teil braucht ein Paukenröhrchen oder eine andere Behandlung. Auch dann ist die Aussicht gut – Hören und Sprache entwickeln sich in aller Regel gut weiter, wenn man regelmäßig nachschauen lässt und Termine wahrnimmt.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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