Gicht: Wie sie erkannt wird
Übersicht
Gicht ist eine Erkrankung des Stoffwechsels. Dabei sammelt sich zu viel Harnsäure im Blut an. Harnsäure entsteht, wenn der Körper Bausteine aus der Nahrung – sogenannte Purine – abbaut. Ist zu viel Harnsäure da, können sich winzige Kristalle in Gelenken ablagern. Der Körper erkennt diese Kristalle als Fremdkörper und reagiert mit einer Entzündung. Das tut meist sehr weh: Das Gelenk schwillt an, wird rot, heiß und lässt sich kaum bewegen. Am häufigsten trifft es das Gelenk an der Basis der großen Zehe – viele kennen das als „Podagra“. Gicht ist gut behandelbar. Wichtig ist, sie früh zu erkennen, damit Gelenke und Nieren keinen Schaden nehmen.
Wichtige Fakten
- Gicht entsteht durch zu viel Harnsäure im Blut, die sich als winzige Kristalle in Gelenken ablagert und dort eine Entzündung auslöst.
- Ein akuter Gichtanfall kommt oft plötzlich, häufig nachts, und betrifft am häufigsten das Grundgelenk der großen Zehe.
- Am sichersten ist die Diagnose, wenn in der Gelenkflüssigkeit die typischen Harnsäurekristalle nachgewiesen werden.
Gicht ist eine der häufigsten entzündlichen Gelenkerkrankungen. In Deutschland sind schätzungsweise ein bis zwei von hundert Erwachsenen betroffen, Männer deutlich häufiger als Frauen. Mit dem Alter nimmt die Zahl der Erkrankten zu.
Am häufigsten bekommen Männer ab etwa 40 Jahren Gicht. Bei Frauen steigt das Risiko nach den Wechseljahren, weil dann das schützende Östrogen fehlt. Auch Menschen mit Übergewicht, Nierenschwäche, hohem Alkoholkonsum oder einer erblichen Veranlagung sind öfter betroffen. Bei Kindern ist Gicht sehr selten.
Symptome
- Hohes Fieber, Schüttelfrost und ein stark gerötetes, heißes, sehr schmerzhaftes Gelenk – hier muss sofort eine bakterielle Gelenkentzündung ausgeschlossen werden. Rufen Sie den Notruf 112 an oder lassen Sie sich umgehend in die Notaufnahme bringen.
- Starke, wellenartige Schmerzen in der Flanke oder im Rücken zusammen mit rötlichem Urin, Fieber oder Schüttelfrost (möglicher Harnstein mit Harnstau oder Infektion)
- Verwirrtheit, Kreislaufprobleme oder ein sehr schlechter Allgemeinzustand zusammen mit einer Gelenkentzündung
- ⚠Erster Verdacht auf einen Gichtanfall – je früher behandelt wird, desto schneller geht der Schmerz zurück
- ⚠Ein Anfall, der nach zwei bis drei Tagen Behandlung nicht besser wird
- ⚠Fieber über 38 Grad zusammen mit einer Gelenkentzündung
- ⚠Sehr starke Schmerzen, die sich mit den verordneten Mitteln nicht beherrschen lassen
Häufige Symptome
- Plötzlich einsetzende, sehr starke Schmerzen in einem Gelenk – oft innerhalb weniger Stunden
- Das Gelenk ist rot, heiß, geschwollen und berührungsempfindlich
- Häufig betroffen: das Grundgelenk der großen Zehe, außerdem Sprung-, Knie-, Hand- und Ellbogengelenke
- Der Anfall beginnt oft nachts oder in den frühen Morgenstunden
- Manchmal leichtes Fieber und allgemeines Krankheitsgefühl während eines Anfalls
- Nach einem Anfall beschwerdefreie Phasen, die Wochen bis Jahre dauern können
- Bei längerer Erkrankung kleine Knötchen unter der Haut, zum Beispiel an Fingern, Ohren oder Ellenbogen (sogenannte Tophi)
Ursachen
Hauptursachen
- Zu viel Harnsäure im Blut (Hyperurikämie) – meist, weil die Nieren zu wenig Harnsäure ausscheiden
- Purinreiche Ernährung und Alkohol erhöhen den Harnsäurespiegel zusätzlich
- Erbliche Veranlagung: Bei manchen Menschen arbeitet die Harnsäureausscheidung von Natur aus schwächer
- Erkrankungen, die den Harnsäurehaushalt stören, zum Beispiel eine Nierenschwäche oder Bluterkrankungen mit vermehrtem Zellabbau
Risikofaktoren
- Übergewicht, besonders viel Bauchfett
- Regelmäßiger Alkoholkonsum, vor allem Bier und Spirituosen
- Viel Fleisch, Innereien, Wurst und Meeresfrüchte sowie zuckerreiche Getränke mit Fruchtzucker
- Nierenschwäche
- Bestimmte ärztlich verordnete Medikamente, etwa manche entwässernde Mittel – sprechen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt darauf an
- Männliches Geschlecht und höheres Alter
- Gicht oder Nierensteine in der Familie
- Auslöser für einen Anfall können sein: große Mahlzeiten, Fasten oder plötzlicher starker Gewichtsverlust, ungewohnt harte körperliche Anstrengung, ein Infekt, eine Operation, Flüssigkeitsmangel oder eine Verletzung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn ein Gelenk plötzlich stark anschwillt, rot und heiß wird – besonders beim ersten Mal
- Wenn zusätzlich Fieber, Schüttelfrost oder ein deutliches Krankheitsgefühl auftreten
- Wenn die Schmerzen trotz Behandlung rasch stärker werden
- Wenn Sie nicht mehr auftreten können oder das Gelenk völlig unbeweglich ist
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie schon einmal einen Gichtanfall hatten und wissen möchten, wie es weitergeht
- Wenn abgeklärt werden soll, ob Ihre Harnsäurewerte dauerhaft behandelt werden sollten
- Wenn in der Familie Gicht oder Nierensteine vorkommen
- Wenn Sie ein Medikament einnehmen und unsicher sind, ob es den Harnsäurespiegel beeinflusst
- Wenn Sie Unterstützung bei Ernährung, Gewicht oder Alkohol möchten
Diagnose
Die Diagnose setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen: dem Gespräch über Ihre Beschwerden, der Untersuchung des Gelenks sowie Blut- und Bildgebungsbefunden. In Deutschland orientieren sich Ärztinnen und Ärzte dabei an der Leitlinie der medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) zur Gicht. Der sicherste Beweis sind Harnsäurekristalle in der Gelenkflüssigkeit. Eine Gelenkpunktion ist aber nicht immer nötig – oft reichen die typischen Beschwerden, der Verlauf und die Laborwerte.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung: Harnsäurewert, dazu Nierenwerte, Blutzucker und Blutfette
- Gelenkpunktion: Mit einer feinen Nadel wird etwas Gelenkflüssigkeit entnommen und unter dem Mikroskop untersucht. Finden sich die typischen nadelförmigen Harnsäurekristalle, gilt die Diagnose als gesichert. Gleichzeitig lässt sich eine bakterielle Infektion ausschließen.
- Ultraschall des Gelenks: zeigt Entzündung, Gelenkerguss und manchmal Ablagerungen
- Röntgen: meist im Verlauf, um dauerhafte Gelenkschäden zu erkennen
- Dual-Energy-Computertomografie: ein spezielles CT, das Harnsäurekristalle sichtbar machen kann – es wird nicht routinemäßig eingesetzt
- Urinuntersuchung und Prüfung der Nierenfunktion, um Harnsteine oder eine Nierenschwäche zu erkennen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Rechnen Sie mit einem kurzen Gespräch und einer gründlichen Untersuchung des betroffenen Gelenks. Meist wird Blut abgenommen. Wichtig zu wissen: Während eines akuten Anfalls kann der Harnsäurewert im Blut überraschend normal sein – das schließt Gicht nicht aus. Deshalb wird der Wert oft einige Wochen nach Abklingen des Anfalls erneut gemessen. Eine Gelenkpunktion ist kurz unangenehm, aber gut zu ertragen; selten kommt es danach zu einem kleinen Bluterguss oder einer vorübergehenden Schwellung. Bis zum Ergebnis sollten Sie das Gelenk schonen und kühlen. Besprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, welche schmerzlindernden Mittel für Sie in Frage kommen.
Behandlung
Die Behandlung hat zwei Ziele: den akuten Anfall schnell und gut zu lindern und langfristig zu verhindern, dass neue Anfälle und Gelenkschäden entstehen. Im Anfall stehen Ruhe, Kühlung und entzündungshemmende Mittel im Vordergrund. Langfristig wird der Harnsäurespiegel gesenkt – meist mit Medikamenten, die die Harnsäurebildung bremsen oder die Ausscheidung über die Nieren fördern. Dazu kommen Bewegung, eine schrittweise Gewichtsabnahme und eine angepasste Ernährung. Wie die Behandlung in Ihrem Fall aussieht, entscheidet Ihre Ärztin oder Ihr Arzt.
Selbsthilfe zu Hause
- Das betroffene Gelenk hochlegen, schonen und kühlen – zum Beispiel mit einem Kühlpack, das in ein Tuch gewickelt ist, nie direkt auf die Haut
- Ausreichend Wasser trinken, damit die Nieren Harnsäure besser ausscheiden
- Alkohol und zuckersüße Getränke während eines Anfalls weglassen
- Keine strengen Diäten oder Fastenkuren während eines Anfalls
- Das Bein entlasten, zum Beispiel mit Gehhilfen, wenn das Bein betroffen ist
- Auf enge Schuhe verzichten, solange das Gelenk geschwollen ist
- Schmerzmittel nur nach Rücksprache mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke einnehmen
Medizinische Behandlungen
Bei Gicht kommen zwei Gruppen von Medikamenten zum Einsatz: Mittel, die die Entzündung im akuten Anfall dämpfen, und Mittel, die den Harnsäurespiegel dauerhaft senken. Entzündungshemmende Medikamente wirken am besten, wenn sie früh im Anfall beginnen. Harnsäuresenkende Medikamente werden meist erst nach dem Abklingen des Anfalls begonnen und dann dauerhaft eingenommen; in den ersten Monaten kann zusätzlich ein vorübergehender Schutz vor neuen Anfällen nötig sein. Welcher Wirkstoff passt, wie er dosiert wird und wie oft kontrolliert werden muss, gehört in ärztliche Hand. Nehmen Sie Gichtmittel nie eigenmächtig ein, absetzen oder verändern. Lassen Sie außerdem regelmäßig Ihre Nierenwerte kontrollieren.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei Gicht nur selten nötig. Sie kann erwogen werden, wenn große Knoten (Tophi) Gelenke blockieren, die Haut durchbrechen oder Nerven und Gefäße einengen, oder wenn ein Gelenk bereits stark geschädigt ist. Auch dann gilt: Zuerst wird der Harnsäurespiegel medikamentös gut eingestellt.
Leben mit der Erkrankung
Mit gut eingestelltem Harnsäurespiegel können die meisten Menschen ganz normal leben. Wichtig ist, die verordneten Mittel regelmäßig zu nehmen – auch wenn gerade keine Beschwerden da sind. Ein einzelner Anfall trotz Behandlung heißt nicht, dass die Behandlung nicht wirkt. Notieren Sie sich, was einen Anfall ausgelöst haben könnte, zum Beispiel Alkohol, große Mahlzeiten, Stress oder ein Infekt, und sprechen Sie darüber in Ihrer Praxis.
Tipps für den Alltag
- Schrittweise abnehmen, wenn Sie Übergewicht haben – keine Crashdiäten
- Regelmäßig bewegen, zum Beispiel an den meisten Tagen etwa 30 Minuten zügig spazieren
- Alkohol begrenzen, besonders Bier und Spirituosen
- Ausreichend und über den Tag verteilt trinken, vor allem Wasser
- Keine sehr großen Portionen und keine ausgelassenen Mahlzeiten
- Bei Infekten oder vor einer Operation das Behandlungsteam über die Gicht informieren
- Kontrolltermine regelmäßig wahrnehmen
Ernährung und Bewegung
Es gibt keine „Gicht-Diät“, die allein heilt – aber die Ernährung kann unterstützen. Günstig sind Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, Milchprodukte, Eier, Nüsse und reichlich Wasser. Reich an Purinen und damit ungünstig sind Innereien, bestimmte Fleisch- und Wurstsorten, Meeresfrüchte sowie Hefeextrakte. Fruchtzucker in Limonaden und Säften kann den Harnsäurespiegel erhöhen. Kaffee müssen Sie in der Regel nicht einschränken. Bei der Bewegung gilt: moderat und regelmäßig ist besser als selten und extrem, denn plötzliche sehr harte Belastung kann einen Anfall begünstigen. Bei akuten Schmerzen das Gelenk schonen und danach langsam wieder belasten.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Gicht kann belasten. Die Anfälle kommen oft plötzlich, sind sehr schmerzhaft und treten manchmal nachts auf – das kann verunsichern, den Schlaf stören und Angst vor dem nächsten Anfall machen. Manche Betroffene schämen sich, weil Gicht oft vorschnell mit Alkohol oder Übergewicht in Verbindung gebracht wird. Das ist nicht fair: Gicht hat viel mit Veranlagung und Nierenfunktion zu tun. Sprechen Sie offen über Sorgen und Belastungen. Wenn die Erkrankung Sie niederdrückt oder Sie Hilfe im Umgang mit Alkohol brauchen, gibt es Unterstützung. In einer seelischen Krise können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge oder an eine psychosoziale Beratungsstelle in Ihrer Nähe wenden.
Vorbeugung
Eine erbliche Veranlagung lässt sich nicht abschalten. Aber mit dem richtigen Umgang lässt sich das Risiko für Anfälle stark senken. Am wirksamsten ist es, den Harnsäurespiegel dauerhaft im Zielbereich zu halten – bei wiederholten Anfällen meist mit Medikamenten. Dazu kommen ein gesundes Gewicht, wenig Alkohol, ausreichend Wasser und regelmäßige Bewegung. Wichtig: Wenn Ihnen harnsäuresenkende Mittel verordnet wurden, nehmen Sie sie auch in beschwerdefreien Zeiten regelmäßig ein.
Impfungen
Für Gicht selbst gibt es keine Impfung. Empfohlen sind die üblichen Schutzimpfungen für Erwachsene, zum Beispiel gegen Grippe und Pneumokokken – fragen Sie Ihre Hausarztpraxis nach Ihrem Impfstatus.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf Gicht gibt es nicht. Bei erhöhtem Risiko – etwa Übergewicht, Nierenschwäche, Harnsteine in der Vorgeschichte oder Gicht in der Familie – kann es sinnvoll sein, den Harnsäurewert einmal messen zu lassen. Ob und wie oft das sinnvoll ist, besprechen Sie am besten mit Ihrer Hausarztpraxis.
Komplikationen
Unbehandelt
- Wiederkehrende, teils sehr schmerzhafte Anfälle
- Ablagerungen von Harnsäurekristallen als kleine Knötchen unter der Haut (Tophi), die Gelenke schädigen und die Haut durchbrechen können
- Dauerhafte Gelenkschäden mit Bewegungseinschränkung
- Harnsteine und Schäden an den Nieren
- Gicht tritt oft zusammen mit Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen auf – das erhöht das Risiko für Herz und Gefäße
Langzeitprognose
Die Aussichten sind gut. Gicht gehört zu den Erkrankungen, die sich sehr zuverlässig behandeln lassen. Wird der Harnsäurespiegel dauerhaft gesenkt, kommen Anfälle bei den meisten Menschen zum Stillstand, und neue Gelenkschäden lassen sich verhindern. Wichtig ist, dranzubleiben: regelmäßige Termine, verordnete Mittel konsequent einnehmen und den Lebensstil Schritt für Schritt anpassen. Viele Betroffene leben nach einer Eingewöhnungszeit völlig beschwerdefrei.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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