Endokarditis – Entzündung der Herzinnenhaut
Übersicht
Die Endokarditis (gesprochen: En-do-kar-di-tis) ist eine Entzündung der Herzinnenhaut. Damit ist die dünne Haut gemeint, die das Innere des Herzens auskleidet – also die Herzklappen und die Innenwände der Herzkammern. In den allermeisten Fällen wird sie durch Bakterien ausgelöst, die in den Blutkreislauf gelangt sind und sich an der Herzinnenhaut festsetzen. Dort können sie kleine Entzündungsherde bilden, die man „Vegetationen“ nennt. Diese können die Herzklappen schädigen und die Funktion des Herzens beeinträchtigen. Weil eine Endokarditis ernst werden kann, ist eine frühe Erkennung wichtig – sie wird im Krankenhaus behandelt.
Wichtige Fakten
- Endokarditis ist eine Entzündung der Herzinnenhaut, meist durch Bakterien verursacht.
- Sie ist selten, kann aber ohne Behandlung Herzklappen und andere Organe schädigen.
- Typische Zeichen sind länger anhaltendes Fieber, Abgeschlagenheit und manchmal ein neues Herzgeräusch.
- Die Behandlung findet fast immer im Krankenhaus statt und dauert mehrere Wochen.
Endokarditis gehört zu den seltenen Herzerkrankungen. In Deutschland erkranken schätzungsweise nur wenige Menschen pro 100.000 Einwohnern pro Jahr daran. Selten heißt aber nicht harmlos: Weil die Erkrankung ernst verlaufen kann, sollte man die Warnzeichen kennen.
Grundsätzlich kann jede und jeder erkranken. Besonders betroffen sind jedoch Menschen mit einer künstlichen Herzklappe oder einem anderen implantierten Herzmaterial, Menschen mit angeborenen oder erworbenen Herzklappenfehlern, Menschen, die schon einmal eine Endokarditis hatten, sowie Menschen mit einem geschwächten Immunsystem. Auch ältere Menschen, Dialysepatientinnen und -patienten, Menschen mit einem dauerhaften Venenzugang (Katheter) und Menschen, die Drogen injizieren, haben ein höheres Risiko. Bei Kindern ist eine Endokarditis sehr selten und tritt fast nur bei bestimmten Herzfehlern auf.
Symptome
- Starke Atemnot, auch in Ruhe
- Brustschmerz oder Druckgefühl in der Brust
- Plötzliche Bewusstlosigkeit oder Ohnmacht
- Zeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, plötzliche Lähmung oder Schwäche einer Körperseite, Sprachstörung, plötzliche Sehstörung
- Verwirrtheit oder plötzliche Wesensveränderung, besonders bei älteren Menschen
- Hohes Fieber mit Schüttelfrost und sehr schnellem Herzschlag, kalter, blasser oder marmorierter Haut – Zeichen einer möglichen Blutvergiftung
- Wenn Sie sich akut sehr krank fühlen und nicht sicher sind: lieber den Notruf 112 wählen
- ⚠Fieber, das über mehrere Tage anhält und für das keine Ursache gefunden wurde
- ⚠Fieber nach einem Zahnarztbesuch, einer Operation oder einem Eingriff an Haut oder Schleimhaut
- ⚠Fieber bei einer künstlichen Herzklappe oder einem bekannten Herzfehler – hier besonders früh ärztlichen Rat suchen
- ⚠Neu aufgetretenes Herzklopfen, Herzrasen oder ein vom Arzt gehörtes neues Herzgeräusch
- ⚠Zunehmende Kurzatmigkeit oder geschwollene Beine innerhalb weniger Tage
Häufige Symptome
- Fieber, oft über mehrere Tage oder Wochen, manchmal mit Schüttelfrost
- Nächtliches Schwitzen und Frösteln
- Starke Müdigkeit, Abgeschlagenheit und allgemeines Krankheitsgefühl
- Gewichtsverlust ohne erkennbaren Grund
- Kurzatmigkeit, besonders bei Anstrengung
- Gelenk- oder Muskelschmerzen
- Neu aufgetretenes Herzgeräusch (hört die Ärztin oder der Arzt beim Abhören)
- Kleine rote oder violette Punkte an Haut, Schleimhaut, Fingern oder Zehen
- Blasse Haut, manchmal kleine Blutungen unter den Nägeln
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern ist eine Endokarditis sehr selten und betrifft meist Kinder mit einem bekannten Herzfehler oder einer künstlichen Herzklappe
- Anhaltendes Fieber ohne klaren Grund
- Trinkunlust und schlechtes Gedeihen bei Säuglingen
- Ungewöhnliche Müdigkeit und Spielunlust
- Schneller Herzschlag oder schnelle Atmung
- Bei Fieber ohne erkennbare Ursache sollte bei einem bekannten Herzfehler immer auch an eine Endokarditis gedacht werden
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Fieber kann fehlen oder nur leicht ausgeprägt sein – die Erkrankung zeigt sich dann oft unauffälliger
- Neu aufgetretene Verwirrtheit oder plötzliche Schwäche
- Zunehmende Müdigkeit, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust
- Verschlechterung einer bestehenden Herzschwäche, zum Beispiel stärkere Kurzatmigkeit oder geschwollene Beine
- Manchmal nur ein allgemeines „Nicht-mehr-auf-die-Beine-Kommen“
Ursachen
Hauptursachen
- Bakterien gelangen in die Blutbahn und setzen sich an der Herzinnenhaut oder an Herzklappen fest. Am häufigsten sind bestimmte Streptokokken- und Staphylokokken-Arten.
- Eintrittspforten sind oft der Mund- und Zahnbereich (zum Beispiel bei einer Zahnfleischentzündung oder nach einem zahnärztlichen Eingriff), die Haut (bei Wunden, Abszessen oder Infektionen), der Darm oder die Harnwege.
- Auch medizinische Maßnahmen können eine Rolle spielen, etwa Katheter, Infusionen, Dialyse oder Operationen.
- Bei Menschen, die Drogen injizieren, können Keime über die Haut und die Venen direkt ins Herz gelangen.
- Nur selten sind Pilze oder andere Erreger die Ursache.
Risikofaktoren
- Künstliche Herzklappe oder anderer Herzimplantat-Werkstoff (zum Beispiel ein Schrittmacher oder Defibrillator mit Elektroden im Herzen)
- Angeborene oder erworbene Herzklappenfehler
- Eine frühere Endokarditis
- Ein geschwächtes Immunsystem, zum Beispiel durch bestimmte Erkrankungen oder Therapien
- Dauerhafter Venenzugang (Katheter), Dialysebehandlung
- Hohes Alter
- Schlechte Mund- und Zahngesundheit, Zahnfleischentzündungen
- Drogenkonsum durch Injektionen
- Unbehandelte Hautinfektionen oder offene Wunden
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Fieber über mehrere Tage ohne erkennbare Ursache, besonders wenn Sie zusätzlich sehr abgeschlagen sind
- Fieber bei einer künstlichen Herzklappe oder einem bekannten Herzfehler
- Fieber nach einem zahnärztlichen oder anderen Eingriff
- Plötzlich neue Kurzatmigkeit, Herzrasen oder ein neu bemerktes Herzgeräusch
- Bei Säuglingen und kleinen Kindern: Fieber mit Trinkunlust und ungewöhnlicher Müdigkeit zeitnah abklären lassen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Sie hatten früher eine Endokarditis oder haben eine künstliche Herzklappe und möchten wissen, worauf Sie im Alltag achten sollten
- Sie planen einen zahnärztlichen oder anderen Eingriff und haben ein Herzimplantat – sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt
- Sie haben häufige Zahnfleischentzündungen oder Fragen zur Mundhygiene
- Sie fühlen sich seit Wochen müde und abgeschlagen, ohne dass eine Ursache gefunden wurde
Diagnose
Die Diagnose ist manchmal nicht ganz einfach, weil die Beschwerden zunächst unspezifisch wirken. Ärztinnen und Ärzte kombinieren deshalb verschiedene Bausteine: das Gespräch über Beschwerden und Vorgeschichte, die körperliche Untersuchung, Blutuntersuchungen und vor allem Blutkulturen sowie eine Ultraschalluntersuchung des Herzens. Blutkulturen sind wichtig, um den Erreger zu finden und die Behandlung gezielt auszurichten. In Deutschland gibt es eine medizinische Leitlinie der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften) zur infektiösen Endokarditis, an der sich die Behandlung orientiert.
Mögliche Untersuchungen
- Blutkulturen: Mehrere Blutproben werden im Labor auf Bakterien untersucht – das ist entscheidend für die Behandlung
- Blutbild und Entzündungswerte im Blut
- Echokardiografie: Ultraschall des Herzens über die Brustwand
- Transösophageale Echokardiografie (TEE): Ultraschall über die Speiseröhre, dabei liegt die Sonde näher am Herzen und kleine Vegetationen sind besser sichtbar
- Elektrokardiogramm (EKG) zur Prüfung des Herzrhythmus
- Röntgen oder Computertomografie der Lunge, wenn Beschwerden oder mögliche Streuherde abgeklärt werden müssen
- Manchmal weitere bildgebende Verfahren wie eine Kernspin- oder Computertomografie
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Meist beginnt die Abklärung im Krankenhaus. Dort werden Ihnen mehrfach Blutproben abgenommen, bevor eine Behandlung startet – so lässt sich der Erreger besser bestimmen. Die Ultraschalluntersuchung ist schmerzlos; bei der Untersuchung über die Speiseröhre wird die Schleimhaut meist betäubt und Sie bekommen ein beruhigendes Mittel. Bis ein Ergebnis vorliegt, kann es einige Tage dauern. In dieser Zeit kann bereits eine Behandlung begonnen werden, die später an das Ergebnis angepasst wird.
Behandlung
Eine Endokarditis wird fast immer im Krankenhaus behandelt. Ziel ist es, die Entzündung zu beseitigen, die Herzklappen zu schützen und Komplikationen zu verhindern. Die Behandlung besteht in der Regel aus einer keimtötenden Therapie über mehrere Wochen und einer engmaschigen Überwachung des Herzens. Bei manchen Menschen ist zusätzlich eine Operation nötig.
Selbsthilfe zu Hause
- Ruhe gönnen Sie sich bewusst – die Erkrankung und die Behandlung zehren an den Kräften
- Nehmen Sie verordnete Medikamente genau nach Anweisung ein und brechen Sie die Behandlung nicht vorzeitig ab, auch wenn es Ihnen besser geht
- Melden Sie Nebenwirkungen, neue Beschwerden oder erneutes Fieber sofort dem behandelnden Team
- Halten Sie alle Kontrolltermine ein, auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus
- Achten Sie auf sorgfältige Mund- und Zahnpflege
- Sprechen Sie vor der Einnahme von rezeptfreien Mitteln mit Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder Ihrer Apotheke
- Fragen Sie nach, wenn Sie etwas nicht verstanden haben – niemand muss alles beim ersten Mal behalten
Medizinische Behandlungen
Im Mittelpunkt steht eine Behandlung, die Bakterien abtötet. Sie wird meist über einen venösen Zugang direkt in die Blutbahn gegeben und dauert über mehrere Wochen – oft zwei bis sechs Wochen, je nach Erreger und Verlauf. Welche Mittel gewählt werden, richtet sich nach dem nachgewiesenen Erreger und nach individuellen Faktoren. Ergänzend werden die Herzfunktion und der Kreislauf überwacht, und bei Beschwerden wie Fieber oder Herzschwäche wird unterstützend behandelt. Die genaue Auswahl und Dosierung trifft ausschließlich das behandelnde medizinische Team.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation kann nötig werden, wenn eine Herzklappe durch die Entzündung stark geschädigt ist und das Herz dadurch belastet wird, wenn sich die Entzündung trotz Behandlung nicht bessert, wenn größere Vegetationen abzurutschen drohen oder wenn ein Abszess am Herzen entsteht. Ob operiert wird, entscheidet ein interdisziplinäres Team aus Kardiologie, Herzchirurgie und weiteren Fachrichtungen – gemeinsam mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Nach einer Endokarditis braucht der Körper Zeit. Viele Menschen fühlen sich noch Wochen nach der Behandlung müde und weniger leistungsfähig – das ist normal. Bauen Sie Belastung langsam wieder auf, statt zu viel auf einmal zu wollen. Regelmäßige Kontrollen beim Kardiologen oder bei der Kardiologin helfen, den Verlauf im Blick zu behalten. Wenn Sie eine künstliche Herzklappe haben, bekommen Sie zusätzlich Hinweise zum Umgang damit und zur Gerinnungshemmung.
Tipps für den Alltag
- Achten Sie auf gute Mund- und Zahngesundheit und gehen Sie regelmäßig zur Zahnkontrolle
- Behandeln Sie Hautwunden sorgfältig und lassen Sie Infektionen abklären
- Informieren Sie bei jedem Arztbesuch und vor Eingriffen über Ihre Herzerkrankung oder Ihr Herzimplantat
- Vermeiden Sie Rauchen – das entlastet Herz und Gefäße
- Sprechen Sie offen über Alkohol- und Drogenkonsum; medizinische Hilfe ist vertraulich und ohne Vorwurf
- Tragen Sie bei Bedarf einen Ausweis mit Angaben zu Ihrer Herzerkrankung bei sich
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und möglichst wenig stark verarbeiteten Lebensmitteln unterstützt Ihr Herz. Fragen Sie im Krankenhaus oder bei Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt nach einer Ernährungsberatung, wenn Sie unsicher sind. Bewegung ist nach der Genesung ausdrücklich erwünscht – beginnen Sie mit Spaziergängen und steigern Sie sich allmählich. Wie viel Belastung sinnvoll ist, hängt vom Zustand Ihres Herzens ab und sollte individuell besprochen werden. Wichtig: Bei Fieber oder akuter Erkrankung pausieren Sie mit dem Sport.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Endokarditis ist ein einschneidendes Erlebnis. Viele Menschen fühlen sich nach der Krankenhauszeit verunsichert, ängstlich oder niedergeschlagen, manche schlafen schlecht oder sorgen sich bei jedem Fieber. Das ist verständlich und nichts, wofür Sie sich schämen müssen. Sprechen Sie darüber – mit Ihren Angehörigen, in der Arztpraxis oder mit einer psychologischen Fachkraft. Wenn Sie das Gefühl haben, nicht mehr weiterzuwissen, wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt oder an eine Krisenberatungsstelle in Ihrer Nähe; auch die ärztliche Notfallnummer außerhalb der Sprechzeiten kann Ihnen weiterhelfen. Bei akuter Gefahr für sich selbst gilt der Notruf 112.
Vorbeugung
Vollständig verhindern lässt sich eine Endokarditis nicht. Aber man kann das Risiko senken. Am wichtigsten sind eine gute Mund- und Zahngesundheit und der sorgsame Umgang mit Hautwunden und Infektionen. Wer ein besonders hohes Risiko hat – etwa mit künstlicher Herzklappe oder nach einer früheren Endokarditis – spricht am besten vor zahnärztlichen oder anderen Eingriffen mit dem behandelnden Team. Ob in Ihrer persönlichen Situation vorbeugend etwas gegeben werden soll, entscheidet die Ärztin oder der Arzt individuell nach den aktuellen Leitlinien. Menschen, die Drogen injizieren, sollten wissen, dass es Hilfsangebote gibt – ein Ausstieg oder sichere Konsumhilfen senken das Risiko deutlich.
Impfungen
Eine Impfung speziell gegen Endokarditis gibt es nicht. Sinnvoll sind aber die allgemein empfohlenen Impfungen, weil sie andere Infektionen verhindern, die den Körper belasten können. Lassen Sie Ihren Impfstatus bei der nächsten Gelegenheit in der Arztpraxis prüfen und besprechen Sie, was für Sie passt.
Früherkennungsprogramme
Ein eigenes Früherkennungsprogramm für Endokarditis gibt es nicht. Wer ein Herzimplantat oder einen bekannten Herzklappenfehler hat, sollte aber die regelmäßigen kardiologischen Kontrolltermine wahrnehmen und bei Fieber besonders aufmerksam sein.
Komplikationen
Unbehandelt
- Schäden an den Herzklappen bis hin zu einem Herzklappenfehler
- Herzschwäche mit Atemnot und Wassereinlagerungen
- Abszesse oder eitrige Ansammlungen am Herzen
- Abgelöste kleine Entzündungsstücke, die Gefäße verschließen – zum Beispiel im Gehirn (Schlaganfall), in der Niere, in der Milz oder in den Beinen
- Störungen des Herzrhythmus oder der Herzleitung
- Nierenbeteiligung oder eine Blutvergiftung (Sepsis), die lebensbedrohlich werden kann
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Eine Endokarditis ist behandelbar. Wer früh zum Arzt oder zur Ärztin geht und die Behandlung konsequent durchführt, hat gute Chancen auf eine vollständige Ausheilung. Viele Menschen erholen sich ganz oder weitgehend – manche brauchen danach etwas länger, um wieder Kraft zu finden, und gelegentlich bleibt eine Herzklappenschädigung zurück, die weiter betreut wird. Sie müssen den Weg nicht allein gehen: Mit einem aufmerksamen Blick auf Ihren Körper und guter medizinischer Begleitung lässt sich viel erreichen.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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