Herzinfarkt und Schlaganfall: Ihren persönlichen Risikowert verstehen
Übersicht
Herz und Gehirn brauchen ständig frisches Blut. Sind die Gefäße, die sie versorgen, verengt oder geschädigt, kann daraus ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall entstehen. Ein Risikoscore ist im Grunde eine Rechnung: Ihre Hausarztpraxis trägt einige Angaben ein – zum Beispiel Alter, Geschlecht, Blutdruck, Cholesterinwerte, Blutzucker und ob Sie rauchen – und ein Rechenmodell schätzt daraus, wie wahrscheinlich in den nächsten zehn Jahren ein Herzinfarkt oder Schlaganfall wäre. Der Score ist keine Prophezeiung und keine Diagnose. Er ist eine Orientierungshilfe, damit man früh genug etwas ändern kann.
Wichtige Fakten
- Ein Risikoscore schätzt eine Wahrscheinlichkeit, keine Gewissheit. Ein hoher Wert heißt nicht, dass etwas passieren muss – und ein niedriger Wert bedeutet nicht, dass man gar nichts tun muss.
- Die stärksten Stellschrauben sind Rauchen, Blutdruck, Cholesterin, Blutzucker, Bewegung und Gewicht.
- Auch kleine Veränderungen lohnen sich noch – der Nutzen zeigt sich oft schon nach Monaten, nicht erst nach Jahren.
Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind in Deutschland die häufigste Todesursache. Ein erhöhtes Risiko zu haben, ist also sehr verbreitet und kein Grund, sich zu schämen. Viele Menschen erfahren zum ersten Mal bei einem Check-up davon.
Grundsätzlich kann es jeden treffen. Das Risiko steigt mit dem Alter, und Männer zeigen es oft einige Jahre früher als Frauen. Bei Frauen steigt das Risiko nach den Wechseljahren deutlich an. Auch eine familiäre Veranlagung, Diabetes, starkes Übergewicht oder ein dauerhaft hoher Blutdruck spielen eine große Rolle. Menschen mit niedrigem Einkommen oder starkem Stress im Alltag tragen häufig ein höheres Risiko, weil gesunde Lebensweisen dort schwerer umzusetzen sind.
Symptome
- Druck, Enge oder Schmerz in der Brust, der länger als wenige Minuten anhält oder in Arm, Rücken, Hals, Kiefer oder Oberbauch ausstrahlt – sofort die 112 anrufen.
- Plötzlich hängender Mundwinkel, Lähmung oder Schwäche einer Körperseite, verwaschene Sprache, plötzliche Blindheit auf einem Auge – sofort die 112 anrufen. Bei Schlaganfall zählt jede Minute.
- Plötzlich einsetzende, stärkste Kopfschmerzen, Bewusstlosigkeit oder ein Krampfanfall – sofort die 112 anrufen.
- Bei Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall nicht selbst mit dem Auto fahren und nicht erst abwarten, ob es von allein besser wird.
- ⚠Neu aufgetretenes Herzrasen oder ein unregelmäßiger Puls, der anhält.
- ⚠Zunehmende Luftnot oder Wassereinlagerungen in den Beinen, etwa geschwollene Knöchel und eine plötzliche Gewichtszunahme über wenige Tage.
- ⚠Blutdruckwerte, die trotz Behandlung deutlich zu hoch bleiben, oder ein sehr niedriger Blutdruck mit Schwindel beim Aufstehen.
- ⚠Ein Wert im Risikoscore, der Sie beunruhigt – dann zeitnah einen Termin in der Hausarztpraxis vereinbaren, um ihn einordnen zu lassen.
Häufige Symptome
- Der Risikowert selbst verursacht keine Beschwerden – viele Menschen mit erhöhtem Risiko fühlen sich völlig gesund.
- Enge, Druck oder Brennen in der Brust bei Belastung, das in Ruhe wieder nachlässt (Angina pectoris, also ein Sauerstoffmangel des Herzmuskels bei verengten Gefäßen).
- Luftnot oder Leistungsabfall bei Anstrengungen, die früher leichtfielen, etwa Treppensteigen oder ein flotter Spaziergang.
- Ungewöhnliche Müdigkeit, Beschwerden im Oberbauch, im Hals oder im linken Arm – besonders bei Frauen und bei älteren Menschen.
- Warnzeichen eines Schlaganfalls: ein hängender Mundwinkel, plötzliche Schwäche oder Taubheit in Arm oder Bein, verwaschene Sprache, plötzliche Sehstörung.
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern wird ein Herz-Kreislauf-Risikoscore nur selten berechnet. Ausnahmen sind angeborene Herzfehler oder eine erblich bedingte, sehr starke Cholesterinerhöhung (familiäre Hypercholesterinämie, also eine angeborene Fettstoffwechselstörung).
- Bei Kindern mit starkem Übergewicht, Diabetes oder Bluthochdruck spricht die Kinderarztpraxis das Thema in der Regel von sich aus an.
- Wenn in der Familie schon früh Herzinfarkte oder Schlaganfälle vorkamen, lohnt es sich, das in der Kinderarztpraxis zu erwähnen.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Menschen spüren eine Durchblutungsstörung oft weniger deutlich. Statt Brustschmerz zeigen sich dann eher Luftnot, Schwäche, Verwirrtheit, Übelkeit oder plötzliche Stürze.
- Ein Schlaganfall äußert sich im Alter manchmal nur als plötzliche Verwirrtheit oder Gangunsicherheit – das wird leicht übersehen.
- Bei hochbetagten Menschen ist der Prozentwert allein wenig aussagekräftig. Wichtig ist auch, wie selbstständig jemand ist und welche anderen Erkrankungen bestehen.
Ursachen
Hauptursachen
- Die häufigste Grundlage ist die Arterienverkalkung (Atherosklerose). Dabei lagern sich Fett- und Entzündungsbestandteile in der Gefäßwand ab und verengen die Arterien.
- Reißt eine solche Ablagerung auf, bildet sich an dieser Stelle ein Blutgerinnsel. Es kann ein Gefäß im Herzen verschließen (Herzinfarkt) oder im Gehirn (Schlaganfall).
- Ein Schlaganfall kann auch durch eine Herzrhythmusstörung entstehen, meist Vorhofflimmern: Im Herzen bilden sich kleine Gerinnsel, die mit dem Blut ins Gehirn wandern.
- Seltener sind Gefäßentzündungen, angeborene Gefäßveränderungen oder eine Gerinnungsstörung die Ursache.
Risikofaktoren
- Rauchen und Passivrauchen
- Dauerhaft hoher Blutdruck
- Erhöhtes Cholesterin, besonders das LDL-Cholesterin (das „schlechte“ Blutfett)
- Diabetes Typ 2 oder ein Vorstadium mit erhöhtem Blutzucker
- Übergewicht, besonders Fett am Bauch
- Bewegungsmangel
- Herzinfarkte oder Schlaganfälle in der Familie, vor allem in jungem Alter
- Zunehmendes Alter
- Dauerstress, Schlafmangel und Depressionen
- Chronische Nierenerkrankungen
- Schlafapnoe (Atemaussetzer im Schlaf, oft mit lautem Schnarchen und Tagesmüdigkeit)
- Regelmäßiger Alkoholkonsum
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie die oben genannten Notfallzeichen bemerken: sofort 112, nicht in die Praxis fahren.
- Wenn Beschwerden wie Luftnot, Herzrasen oder Leistungsabfall neu sind und über Tage zunehmen.
- Wenn bei Ihnen ein Vorhofflimmern bekannt ist und der Puls dauerhaft unregelmäßig und schnell bleibt.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Ab 35 Jahren alle drei Jahre zum Check-up in die Hausarztpraxis – die gesetzliche Krankenkasse übernimmt das.
- Wenn Sie Ihren Risikowert einmal berechnen lassen und verstehen möchten, was er bedeutet.
- Wenn in der Familie früh Herzinfarkte oder Schlaganfälle vorkamen.
- Wenn Sie mit dem Rauchen aufhören möchten – dabei gibt es wirksame Unterstützung.
- Wenn Sie unsicher sind, ob Ihre Blutdruck- oder Blutfettwerte im Zielbereich liegen.
Diagnose
In der Hausarztpraxis werden zunächst einfache Werte erhoben: Blutdruck, Blutfette, Blutzucker, Gewicht und Bauchumfang. Dazu kommen Fragen zu Rauchen, Bewegung, Ernährung, Alkohol, Stress und zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen in der Familie. Aus diesen Angaben berechnet die Praxis einen Risikowert, zum Beispiel mit dem in Deutschland verbreiteten ARRIBA-Herz-Rechner oder dem europäischen SCORE2-Modell. Das Ergebnis ist eine Prozentzahl für die nächsten zehn Jahre. Sie wird gemeinsam eingeordnet: Was bedeutet diese Zahl für Sie persönlich, und was würde sie am stärksten senken?
Mögliche Untersuchungen
- Blutdruckmessung, meist mehrfach und in Ruhe, manchmal zusätzlich als 24-Stunden-Messung
- Blutuntersuchung mit Gesamt-, LDL- und HDL-Cholesterin sowie Triglyceriden (Blutfetten)
- Blutzucker und Langzeitblutzucker (HbA1c) zum Ausschluss eines Diabetes
- Nierenwerte und Leberwerte als Zusatzinformation
- Gewicht, Körpergröße und Bauchumfang
- Ruhe-EKG (Aufzeichnung der Herzströme)
- Bei Bedarf: Belastungs-EKG, Herzultraschall oder eine Ultraschalluntersuchung der Halsschlagader
- Bei besonderen Fragestellungen: eine Aufnahme der Herzkranzgefäße mit Computertomografie oder eine Messung des Lipoproteins (a), eines zusätzlichen Fettwerts im Blut
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Das Gespräch dauert meist 15 bis 30 Minuten. Sie erfahren Ihren Prozentwert und vor allem, welche Faktoren ihn bei Ihnen am stärksten beeinflussen. Gute Nachricht: Meist lassen sich zwei oder drei Stellschrauben finden, die besonders viel bringen. Fragen Sie ruhig nach, wenn Ihnen eine Zahl oder ein Fachwort unklar ist – dafür ist das Gespräch da. Sie müssen nichts unterschreiben und nichts sofort entscheiden.
Behandlung
Bei einem erhöhten Risiko geht es nicht um ein einzelnes Mittel, sondern um einen Plan aus mehreren Bausteinen: Bewegung, Ernährung, Rauchstopp, gut eingestellter Blutdruck und Blutzucker – und je nach Wert auch Medikamente. Ziel ist es, die Wahrscheinlichkeit für Herzinfarkt und Schlaganfall zu senken und dabei gut zu leben, nicht nur Zahlen zu verbessern.
Selbsthilfe zu Hause
- Rauchen aufgeben – das ist der wirksamste einzelne Schritt. Unterstützung dabei ist kein Zeichen von Schwäche.
- Regelmäßig den Blutdruck messen, am besten zur gleichen Tageszeit und in Ruhe, und die Werte notieren.
- Bewegung in den Alltag einbauen: zügiges Gehen, Treppen, Radfahren – auch kurze Einheiten zählen.
- Die eigene Ernährung Schritt für Schritt umstellen, statt alles auf einmal zu ändern.
- Ausreichend schlafen und auf Erholungsphasen achten.
- Medikamente zuverlässig und in Absprache mit der Praxis einnehmen.
- Zu Terminen zur Kontrolle gehen, auch wenn es Ihnen gut geht.
Medizinische Behandlungen
Je nach Risikowert und Begleiterkrankungen kommen verschiedene Gruppen von Medikamenten in Frage: Mittel, die den Blutdruck senken, Mittel, die das Cholesterin senken, Mittel, die den Blutzucker verbessern, und bei bestimmten Herzrhythmusstörungen gerinnungshemmende Mittel zum Schutz vor Schlaganfall. Diese Medikamente wirken unterschiedlich und werden individuell ausgewählt. Welche Behandlung zu Ihnen passt, welche Zielwerte sinnvoll sind und wie oft kontrolliert werden sollte, bespricht Ihre Hausarztpraxis ausführlich mit Ihnen. Bitte nehmen Sie keine Medikamente auf eigene Faust ein, setzen Sie nichts ab und ändern Sie keine Dosis ohne Rücksprache.
Wann kommt eine Operation infrage?
Ein Risikoscore allein führt nie zu einer Operation. Wird bei weiteren Untersuchungen eine deutliche Verengung an den Herzkranzgefäßen oder an den Halsschlagadern gefunden, kann in spezialisierten Zentren ein Eingriff infrage kommen – zum Beispiel eine Gefäßstütze (Stent) oder eine Umleitung (Bypass). Ob das sinnvoll ist, hängt von Beschwerden, Befunden, Begleiterkrankungen und Ihrem eigenen Wunsch ab. Diese Entscheidung wird immer gemeinsam und ausführlich besprochen.
Leben mit der Erkrankung
Ein erhöhter Risikowert begleitet Sie, bestimmt aber nicht Ihren Alltag. Sinnvoll ist eine kleine feste Routine: Blutdruck messen, Bewegung einplanen, Medikamente an einem festen Platz aufbewahren, Termine im Kalender notieren. Viele Menschen profitieren davon, die Werte in einer einfachen Tabelle oder App zu sammeln – das erleichtert das Gespräch in der Praxis und zeigt Fortschritte, die man sonst leicht übersieht.
Tipps für den Alltag
- Nichtraucher werden – und Rauchpausen durch etwas anderes ersetzen, etwa einen kurzen Spaziergang
- Mindestens 150 Minuten moderate Bewegung pro Woche anstreben, aufgeteilt auf mehrere Tage
- Längeres Sitzen regelmäßig unterbrechen, mindestens einmal pro Stunde kurz aufstehen
- Alkohol möglichst selten und in kleinen Mengen
- Auf ausreichend Schlaf achten, möglichst zu festen Zeiten
- Stress abbauen, zum Beispiel durch Entspannungsübungen, Musik oder Zeit in der Natur
- Soziale Kontakte pflegen – sie tun nachweislich auch dem Herzen gut
Ernährung und Bewegung
Bei der Ernährung hilft eine einfache Grundrichtung: viel Gemüse, Hülsenfrüchte und Obst, Vollkorn statt Weißmehl, Nüsse und Samen, pflanzliche Öle, Fisch, weniger Wurst und fettes Fleisch, weniger Salz und weniger stark verarbeitete Fertigprodukte. Es geht nicht um Verbote, sondern um Häufigkeit – die Ausnahme ist erlaubt. Bei der Bewegung gilt: Wenig ist besser als nichts, und mehr ist besser als wenig. Zügiges Gehen ist unterschätzt und für fast alle geeignet. Wer lange nicht sportlich aktiv war oder Beschwerden hat, sollte den Einstieg kurz in der Praxis absprechen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Zahlen können belasten. Manche Menschen erschrecken über ihren Prozentwert und denken danach ständig darüber nach, andere schieben das Thema komplett weg – beides ist verständlich. Sprechen Sie offen in Ihrer Praxis an, wenn der Wert Ihnen Angst macht; oft lässt sich die Zahl im Gespräch gut einordnen. Wenn Unruhe, Schlafprobleme oder gedrückte Stimmung länger als zwei Wochen anhalten, suchen Sie bitte Unterstützung. In Deutschland gibt es dafür anonyme Telefonangebote, die rund um die Uhr erreichbar sind – die wichtigsten finden Sie unten im Abschnitt „Unterstützung finden“. Bei akuter seelischer Not gilt ebenfalls die 112.
Vorbeugung
Zum großen Teil ja. Herzinfarkt und Schlaganfall entstehen meist über viele Jahre. Wer nicht raucht, den Blutdruck im Blick behält, sich regelmäßig bewegt und auf eine ausgewogene Ernährung achtet, senkt das Risiko deutlich. Selbst wer schon lange ungünstige Werte hat, profitiert noch von Veränderungen.
Impfungen
Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt bestimmten Gruppen Schutzimpfungen, zum Beispiel gegen Grippe und gegen Pneumokokken (Bakterien, die Lungenentzündung auslösen können) – etwa Menschen ab 60 Jahren und Menschen mit chronischen Herz-, Lungen- oder Stoffwechselerkrankungen. Was für Sie konkret gilt, erfahren Sie in Ihrer Hausarztpraxis.
Früherkennungsprogramme
Ab 35 Jahren übernimmt die gesetzliche Krankenkasse alle drei Jahre einen Check-up in der Hausarztpraxis. Dabei werden unter anderem Blutdruck, Blutfette und Blutzucker geprüft und das Herz-Kreislauf-Risiko eingeschätzt. Bei familiärer Vorbelastung oder anderen Erkrankungen kann eine häufigere Kontrolle sinnvoll sein – das besprechen Sie am besten direkt in der Praxis.
Komplikationen
Unbehandelt
- Herzinfarkt durch einen plötzlichen Verschluss eines Herzkranzgefäßes
- Schlaganfall mit bleibenden Einschränkungen in Bewegung, Sprache oder Sehen
- Herzschwäche (Herzinsuffizienz), bei der das Herz nicht mehr genug Blut pumpt
- Durchblutungsstörungen der Beine (periphere arterielle Verschlusskrankheit) mit Schmerzen beim Gehen
- Schäden an Nieren und Augen durch dauerhaft hohen Blutdruck und hohen Blutzucker
- Vaskuläre Demenz, also eine Gedächtnisstörung durch geschädigte Hirngefäße
Langzeitprognose
Die Aussichten sind gut, wenn das Risiko früh erkannt und angegangen wird. Ein großer Teil der Herzinfarkte und Schlaganfälle ließe sich verhindern – das ist eine der besten Nachrichten in der Medizin. Rückschläge gehören dazu; ein schlechter Tag oder eine Woche ohne Sport hebt keinen Plan auf. Wichtig ist, dranzubleiben und sich Unterstützung zu holen, statt alles allein zu schaffen.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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