Nebenschilddrüsenüberfunktion (Hyperparathyreoidismus)
Übersicht
Bei einer Nebenschilddrüsenüberfunktion – Fachleute nennen sie Hyperparathyreoidismus – bilden die Nebenschilddrüsen zu viel Parathormon. Die Nebenschilddrüsen sind vier kleine Drüsen, die direkt hinter der Schilddrüse am Hals liegen. Das Parathormon steuert den Kalziumhaushalt: Es sorgt dafür, dass der Kalziumspiegel im Blut im richtigen Bereich bleibt. Ist zu viel Parathormon im Blut, steigt oft auch das Kalzium an. Kalzium braucht der Körper für Knochen, Muskeln und Nerven – zu viel davon kann aber belasten, vor allem die Knochen, die Nieren und das Herz-Kreislauf-System.
Wichtige Fakten
- Es gibt vier Nebenschilddrüsen, jede etwa so groß wie ein Reiskorn – sie haben nichts mit den Geschlechtsorganen zu tun.
- Meist steckt eine gutartige Veränderung in einer der Drüsen dahinter – nicht Krebs.
- Viele Betroffene haben keine Beschwerden; die Erkrankung fällt oft zufällig bei einer Blutuntersuchung auf.
Die häufigste Form, die primäre Nebenschilddrüsenüberfunktion, gehört zu den häufigeren Hormonerkrankungen. Sie wird meist im Erwachsenenalter entdeckt, oft zufällig. Bei Kindern ist sie sehr selten.
Vor allem Frauen nach den Wechseljahren sind betroffen, etwa zwei- bis dreimal so häufig wie Männer. Bei jüngeren Menschen und Kindern ist die primäre Form selten. Eine andere Form, die sekundäre Nebenschilddrüsenüberfunktion, tritt häufig bei Menschen mit fortgeschrittener Nierenerkrankung auf.
Symptome
- Bewusstseinstrübung, starke Verwirrtheit, Schläfrigkeit bis zur Bewusstlosigkeit
- Sehr starke Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen
- Sehr schneller, sehr langsamer oder unregelmäßiger Herzschlag mit Schwindel oder Ohnmacht
- Nicht aufhörbares Erbrechen mit Zeichen von Austrocknung
- Wählen Sie in diesen Fällen sofort den Notruf 112.
- ⚠Starkes, wiederholtes Erbrechen, das nicht nachlässt
- ⚠Verstopfung mit starken Bauchschmerzen, die nicht besser werden
- ⚠Plötzlich einsetzende Verwirrtheit oder Wesensveränderung
- ⚠Sehr starker Durst mit häufiger Harnflut und Schwächegefühl
- ⚠Nierensteinkolik mit Blut im Urin oder Fieber
Häufige Symptome
- Oft gar keine Beschwerden – besonders bei milder Form
- Müdigkeit, allgemeine Schwäche, Antriebslosigkeit
- Knochenschmerzen, besonders an Rücken, Hüfte oder Beinen
- Nierensteine, manchmal mit wellenartigen Schmerzen in der Flanke
- Verstopfung, Übelkeit, Appetitlosigkeit oder Bauchschmerzen
- Viel Durst und häufiges Wasserlassen
- Vergesslichkeit, Konzentrationsprobleme, gedrückte Stimmung
- Gelenk- und Muskelschmerzen
- Herzklopfen oder unregelmäßiger Herzschlag
Ursachen
Hauptursachen
- Primäre Form: meist eine gutartige Geschwulst (Adenom) in einer der vier Drüsen
- Primäre Form: seltener eine Vergrößerung mehrerer Drüsen oder, sehr selten, eine bösartige Veränderung
- Sekundäre Form: der Körper reagiert auf einen Kalzium- oder Vitamin-D-Mangel, oft bei chronischer Nierenerkrankung
- Sekundäre Form: auch bei Erkrankungen, bei denen der Darm Kalzium schlecht aufnimmt
- Tertiäre Form: bei langjähriger Nierenerkrankung, wenn sich die Drüsen dauerhaft verselbstständigen
Risikofaktoren
- Weibliches Geschlecht und Alter nach den Wechseljahren
- Familiäre Häufigkeit von Nebenschilddrüsenerkrankungen
- Erbliche Syndrome, bei denen mehrere Hormondrüsen betroffen sind
- Chronische Nierenerkrankung
- Dauerhafter Vitamin-D-Mangel
- Bestimmte langfristig eingenommene Medikamente – fragen Sie Ihre Ärztin, Ihren Arzt oder Ihre Apotheke
- Sehr wenig Sonnenlicht und eine einseitige Ernährung
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Sofort den Notruf 112 wählen bei Bewusstseinsstörung, Krampfanfall oder Herzrhythmusstörungen mit Ohnmacht
- Noch am selben Tag ärztlichen Rat suchen bei starkem Erbrechen, Austrocknung, plötzlicher Verwirrtheit oder starken Bauchschmerzen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Anhaltende Müdigkeit und Kraftlosigkeit ohne erkennbaren Grund
- Knochenschmerzen oder häufige Knochenbrüche
- Nierensteine oder Blut im Urin
- Viel Durst und häufiges Wasserlassen über Wochen
- Ein erhöhter Kalziumwert im Blut – auch ohne Beschwerden
- Neu auftretende Vergesslichkeit, Reizbarkeit oder ein Stimmungstief
- Familienangehörige mit Nebenschilddrüsenüberfunktion oder erblichen Hormonerkrankungen
Diagnose
Der erste Hinweis ist meist ein zu hoher Kalziumwert im Blut, oft bei einer Routineuntersuchung. Danach wird das Parathormon gemessen. Sind die Werte zusammen auffällig, spricht das für eine primäre Überfunktion. Zusätzlich wird nach der Ursache und nach möglichen Folgen an Nieren und Knochen gesucht.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung: Kalzium, Parathormon, Vitamin D, Nierenwerte und Phosphat
- Sammelurin über 24 Stunden, um die Kalziumausscheidung zu messen
- Ultraschall des Halses
- Szintigrafie der Nebenschilddrüsen – eine Aufnahme mit einer schwach radioaktiven Substanz
- Knochendichtemessung (DXA), um den Zustand der Knochen zu beurteilen
- Ultraschall der Nieren, um Nierensteine zu erkennen
- Bei jungen Betroffenen oder familiärer Häufung manchmal eine genetische Untersuchung
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Diagnose stützt sich meist auf zwei Blutuntersuchungen mit etwas Abstand. Danach folgt die Bildgebung, um die überaktive Drüse zu finden – das ist wichtig für eine mögliche Operation. Bis alle Ergebnisse da sind, können einige Wochen vergehen. Bringen Sie zu den Terminen eine Liste Ihrer Beschwerden und Ihrer Medikamente mit.
Behandlung
Wie behandelt wird, hängt von Form, Ursache und Beschwerden ab. Bei der primären Form ist eine Operation die einzige dauerhafte Lösung; bei milder Form ohne Beschwerden kann man zunächst abwarten und regelmäßig kontrollieren. Bei der sekundären Form behandelt man zuerst die Grunderkrankung, zum Beispiel eine Nierenerkrankung oder einen Vitamin-D-Mangel.
Selbsthilfe zu Hause
- Ausreichend trinken – Wasser über den Tag verteilt, besonders bei Hitze oder Anstrengung
- Regelmäßige Kontrolltermine wahrnehmen und die Blutwerte dokumentieren lassen
- Kalzium- oder Vitamin-D-Präparate nicht ohne Rücksprache einnehmen
- Beschwerden notieren (Müdigkeit, Durst, Knochenschmerzen), um sie im Arztgespräch zu schildern
- Regelmäßig in Bewegung bleiben, um Knochen und Muskeln zu stärken
- Nicht rauchen und Alkohol nur in Maßen
Medizinische Behandlungen
Je nach Situation kommen verschiedene ärztlich verordnete Behandlungen in Frage: Medikamente, die die Wirkung des Parathormons abschwächen oder die Knochen schützen, eine Behandlung bei nachgewiesenem Vitamin-D-Mangel sowie eine bessere Einstellung der Grunderkrankung, etwa bei Nierenerkrankungen. Welche Behandlung passt, entscheidet die Ärztin oder der Arzt anhand der Werte, des Alters und der Beschwerden. Medikamente können den Verlauf günstig beeinflussen, ersetzen aber eine Operation bei der primären Form nicht dauerhaft.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation – die Entfernung der überaktiven Drüse, Parathyreoidektomie genannt – wird empfohlen, wenn der Kalziumwert deutlich erhöht ist, Beschwerden bestehen, Nierensteine oder eine verminderte Knochendichte vorliegen oder die Betroffenen jung sind. Der Eingriff ist meist klein und wird oft in örtlicher Betäubung oder kurzer Vollnarkose durchgeführt. Häufig normalisieren sich die Werte danach dauerhaft. Nach der Operation werden die Kalziumwerte kontrolliert, weil sie kurzfristig abfallen können.
Leben mit der Erkrankung
Für viele Betroffene ändert sich der Alltag kaum. Wichtig sind regelmäßige Kontrollen, ein gutes Gespür für den eigenen Körper und ein offener Austausch mit dem Behandlungsteam. Nach einer Operation brauchen Sie einige Wochen Erholung; danach kehrt meist schnell Normalität ein.
Tipps für den Alltag
- Bewegung, die die Knochen belastet: Spazieren, Wandern, Tanzen oder Krafttraining
- Ausreichend trinken, auch wenn Sie keinen Durst verspüren
- Nicht rauchen
- Alkohol nur in Maßen
- Auf ausreichend Schlaf und Pausen bei Erschöpfung achten
- Sonnenlicht in Maßen, damit der Körper Vitamin D bilden kann
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit normalem Kalziumgehalt ist sinnvoll. Kalziumreiche Lebensmittel wie Milchprodukte, grünes Gemüse oder Nüsse sollten Sie nicht aus Angst weglassen – der Körper braucht Kalzium für die Knochen. Wie viel Kalzium und Vitamin D für Sie passend sind, besprechen Sie am besten mit Ihrem Behandlungsteam. Bewegung an der frischen Luft tut Knochen und Stimmung gut; nach einer Operation oder bei sehr ausgeprägter Erkrankung klären Sie die Belastung kurz mit der Ärztin oder dem Arzt ab.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Müdigkeit, Vergesslichkeit und Stimmungsschwankungen können sehr belastend sein – manchmal gehören sie zur Erkrankung selbst. Nehmen Sie sich ernst und sprechen Sie darüber. Wenn Sie sich niedergeschlagen, ängstlich oder überfordert fühlen, holen Sie sich Unterstützung. In einer akuten Krise erreichen Sie rund um die Uhr den Notruf 112; auch die Telefonseelsorge bietet anonyme Gespräche an – die aktuelle Nummer finden Sie auf deren offizieller Internetseite.
Vorbeugung
Die primäre Nebenschilddrüsenüberfunktion entsteht durch eine gutartige Veränderung der Drüsen und lässt sich nicht gezielt verhindern. Bei der sekundären Form können Sie das Risiko senken, indem eine Nierenerkrankung gut behandelt und ein Vitamin-D-Mangel ausgeglichen wird.
Impfungen
Bei der Nebenschilddrüsenüberfunktion spielen Impfungen keine Rolle. Es gibt keine Schutzimpfung gegen diese Erkrankung.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf Nebenschilddrüsenüberfunktion gibt es nicht. Der Kalziumwert wird aber oft bei Routine-Blutuntersuchungen mitgemessen. Bei familiärer Häufigkeit oder erblichen Syndromen kann eine gezielte Kontrolle sinnvoll sein – sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam.
Komplikationen
Unbehandelt
- Knochenschwund (Osteoporose) mit erhöhtem Risiko für Knochenbrüche
- Nierensteine und wiederkehrende Nierenkoliken
- Nierenschäden bei dauerhaft hohem Kalziumspiegel
- Herz-Kreislauf-Probleme, etwa Bluthochdruck oder Gefäßverkalkung
- Vergesslichkeit, Stimmungstiefs und Muskelschwäche
- Sehr selten eine schwere Kalziumkrise mit Verwirrtheit und Herzrhythmusstörungen
Langzeitprognose
Die Aussichten sind meist gut. Im milden Verlauf bleibt oft alles stabil, und bei Beschwerden oder deutlichen Werten führt eine Operation häufig zu einer dauerhaften Normalisierung. Mit regelmäßigen Kontrollen lassen sich Folgen früh erkennen und behandeln. Viele Betroffene führen ein ganz normales Leben.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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