Schilddrüsenunterfunktion im höheren Alter: Anzeichen erkennen und einordnen
Übersicht
Bei einer Schilddrüsenunterfunktion (Fachwort: Hypothyreose) bildet die Schilddrüse zu wenig Schilddrüsenhormon. Die Schilddrüse ist ein kleines, schmetterlingsförmiges Organ am Hals. Ihre Hormone wirken wie ein Gaspedal für den Stoffwechsel – also für die Geschwindigkeit, mit der der Körper Energie gewinnt und verbraucht. Fehlt dieses Hormon, läuft vieles im Körper langsamer ab: Herz, Darm, Verdauung, Denken, Haut und Muskeln können betroffen sein. Bei älteren Menschen sind die Zeichen oft leiser und werden leicht mit dem Älterwerden verwechselt.
Wichtige Fakten
- Eine Schilddrüsenunterfunktion ist gut behandelbar – meist mit einer Tablette, die das fehlende Hormon ersetzt.
- Bei älteren Menschen zeigen sich oft weniger typische Zeichen: Müdigkeit, Vergesslichkeit oder Antriebslosigkeit stehen manchmal im Vordergrund.
- Die Beschwerden entwickeln sich meist langsam über Wochen bis Monate und werden deshalb oft spät erkannt.
- Ein einfacher Bluttest gibt Klarheit. Sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Ihnen Veränderungen auffallen.
Ja, eine Schilddrüsenunterfunktion ist häufig – und sie wird mit steigendem Alter wahrscheinlicher. Vor allem Frauen über 60 sind betroffen. Viele Fälle bleiben lange unbemerkt, weil die Beschwerden so unauffällig sind.
Grundsätzlich kann jede Person eine Schilddrüsenunterfunktion entwickeln. Besonders häufig ist sie bei Frauen, bei Menschen über 60 und bei Personen mit anderen Autoimmunerkrankungen – also Erkrankungen, bei denen der Körper das eigene Gewebe angreift. Auch nach einer Schilddrüsenoperation oder einer Behandlung der Schilddrüse kann sie auftreten.
Symptome
- Plötzliche tiefe Bewusstlosigkeit, kaum noch ansprechbar oder nicht weckbar
- Zunehmende Verwirrtheit bis zur Bewusstseinstrübung, besonders bei Kältegefühl und sehr niedriger Körpertemperatur
- Sehr langsame, flache Atmung
- Krampfanfälle
- Bei diesen Zeichen sofort den Notruf 112 wählen – hier kann eine seltene, aber lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung vorliegen.
- ⚠Plötzlich stark zunehmende Verwirrtheit oder Wesensveränderung
- ⚠Brustschmerz, Herzrasen, Ohnmacht oder plötzliche Atemnot
- ⚠Schnell zunehmende Schwellungen an Beinen und Gesicht
- ⚠Fieber zusammen mit Verwirrtheit und ausgeprägter Schwäche
- ⚠Starker Bauchschmerz und kein Stuhlgang über mehrere Tage
- ⚠Wenn Sie unsicher sind: lieber einmal zu viel ärztlichen Rat einholen – der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116117 erreichbar.
Häufige Symptome
- Müdigkeit und Antriebslosigkeit, oft schon morgens nach dem Aufstehen
- Ständiges Frieren, auch wenn andere im Raum warm haben
- Gewichtszunahme, obwohl man nicht mehr isst als vorher
- Verstopfung oder träger Darm
- Trockene, raue oder schuppige Haut, Haarausfall
- Geschwollene Augenlider, geschwollenes Gesicht
- Heisere, tiefe oder kratzige Stimme
- Langsames Denken, Konzentrations- und Wortfindungsstörungen
- Gedrückte Stimmung bis hin zu einer Depression
- Muskel- und Gelenkschmerzen, manchmal Muskelkrämpfe
- Geschwollene Beine oder Hände (Wassereinlagerungen)
- Langsamer Puls und Kurzatmigkeit bei Belastung
Symptome bei Kindern
- Langsameres Wachstum und geringere Körpergröße als Gleichaltrige
- Verzögerte Entwicklung von Sprache, Bewegung und Denken
- Schwierigkeiten in der Schule, wirkt oft „verträumt“ oder unkonzentriert
- Verstopfung, trockene Haut, heisere Stimme
- Verzögerte oder ausbleibende Pubertät
- Bei Kindern ist die Behandlung besonders wichtig, weil Hormone für Wachstum und Entwicklung gebraucht werden – hier gilt: früh abklären lassen.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Oft fehlen die „klassischen“ Zeichen – die Erkrankung läuft manchmal fast unbemerkt ab
- Vergesslichkeit oder Verwirrtheit, die wie eine beginnende Demenz wirkt
- Antriebslosigkeit, Rückzug, gedrückte Stimmung – manchmal als „Altersdepression“ gedeutet
- Allgemeine Schwäche, Schwächegefühl in den Beinen, unsicherer Gang, mehr Stürze
- Neue oder sich verschlechternde Herzbeschwerden, zum Beispiel Luftnot oder geschwollene Beine
- Erhöhte Cholesterinwerte, die sich schwer erklären lassen
- Verstopfung, Blähungen, Appetitlosigkeit
- Manchmal ungewollter Gewichtsverlust statt Gewichtszunahme
- Trockene Haut, brüchige Nägel, dünner werdende Haare
- Ungewöhnlich niedrige Körpertemperatur oder ständiges Frieren
- Neue Heiserkeit oder eine tiefere, „belegte“ Stimme
- Wichtig: Solche Zeichen können auch andere Ursachen haben. Ob es die Schilddrüse ist, klärt ein Bluttest.
Ursachen
Hauptursachen
- Autoimmunerkrankung der Schilddrüse (Hashimoto-Thyreoiditis): Der Körper bildet Abwehrstoffe gegen die eigene Schilddrüse und schädigt sie langsam. Das ist die häufigste Ursache bei Erwachsenen in Deutschland.
- Vorausgegangene Schilddrüsenoperation, bei der Gewebe entfernt wurde
- Bestrahlung oder eine Behandlung der Schilddrüse mit radioaktivem Jod
- Bestimmte Medikamente können die Schilddrüse beeinflussen – fragen Sie bei Ihrer Ärztin, Ihrem Arzt oder in der Apotheke nach
- Zu wenig Jod in der Nahrung – in Deutschland heute selten, kann aber vorkommen
- Störungen der Hirnanhangsdrüse, die die Schilddrüse normalerweise steuert (seltener)
- Angeborene Schilddrüsenunterfunktion bei Kindern (selten)
Risikofaktoren
- Höheres Alter, besonders über 60 Jahre
- Weibliches Geschlecht
- Andere Autoimmunerkrankungen in der eigenen Krankengeschichte oder in der Familie
- Schilddrüsenerkrankungen in der Familie
- Frühere Operation oder Bestrahlung im Bereich von Hals oder Schilddrüse
- Dauerhafte Einnahme bestimmter Medikamente
- Eine Schilddrüsenentzündung nach einer Schwangerschaft
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Bewusstseinsstörung, extreme Schwäche, sehr niedrige Körpertemperatur – hier gilt: Notruf 112
- Brustschmerz, Ohnmacht oder plötzliche Atemnot
- Plötzlich einsetzende starke Verwirrtheit bei einem älteren Menschen
- Schnell zunehmende Schwellungen oder ein Druckgefühl am Hals mit Atem- oder Schluckbeschwerden
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Anhaltende Müdigkeit, die sich nicht durch Schlaf bessert
- Vergesslichkeit oder Konzentrationsprobleme, die neu aufgetreten sind
- Verstopfung, trockene Haut, ständiges Frieren über mehrere Wochen
- Ungeklärte Gewichtsveränderung
- Gedrückte Stimmung oder Rückzug, der länger als zwei Wochen anhält
- Erhöhte Cholesterinwerte ohne erklärbare Ursache
- Sie nehmen bereits Schilddrüsenhormon ein und fühlen sich verändert – lassen Sie die Werte kontrollieren, ändern Sie die Dosis aber nicht selbst
Diagnose
Zuerst sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt über Ihre Beschwerden und Vorerkrankungen. Danach wird meist Blut abgenommen. Anschließend tastet die Ärztin oder der Arzt den Hals ab und kann eine Ultraschalluntersuchung der Schilddrüse durchführen. Aus den Ergebnissen ergibt sich, ob eine Unterfunktion vorliegt und welche Ursache wahrscheinlich ist.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung des Schilddrüsenwerts TSH – das ist der wichtigste erste Test
- Bestimmung des freien Schilddrüsenhormons (fT4) im Blut
- Antikörper-Test, wenn ein Autoimmunprozess vermutet wird
- Ultraschall der Schilddrüse, um Größe und Gewebemuster zu beurteilen
- Zusätzliche Blutwerte, zum Beispiel Cholesterin, um Begleiterkrankungen zu erkennen
- Bei auffälligen Knoten kann eine feinere Untersuchung (Gewebeprobe) nötig sein
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Blutentnahme ist eine kurze, meist schmerzarme Angelegenheit in der Arztpraxis. Meist müssen Sie dafür nicht nüchtern kommen – fragen Sie im Zweifel vorher nach. Ergebnisse liegen oft innerhalb weniger Tage vor. Wichtig: Ein einzelner auffälliger Wert wird in der Regel durch eine Kontrolluntersuchung bestätigt. Bei älteren Menschen beginnt man mit einer niedrigen Anfangsdosis, die langsam gesteigert wird – besonders wenn zusätzlich eine Herzerkrankung besteht.
Behandlung
Die Behandlung besteht darin, das fehlende Schilddrüsenhormon zu ersetzen. Das geschieht fast immer mit einer Tablette, die man einmal täglich einnimmt. Bei älteren Menschen wird bewusst vorsichtig begonnen: erst eine kleine Menge, dann langsame Steigerung, bis die Blutwerte stimmen und Sie sich wohlfühlen. Regelmäßige Blutkontrollen gehören dazu.
Selbsthilfe zu Hause
- Nehmen Sie das Präparat möglichst jeden Tag zur gleichen Zeit ein – am besten morgens nüchtern mit Wasser
- Halten Sie einen Abstand von etwa einer halben Stunde bis zum Frühstück ein
- Ändern Sie die Dosis niemals selbst, auch wenn es Ihnen besser geht
- Bestimmte Nahrungsergänzungsmittel und einige Lebensmittel können die Aufnahme beeinflussen – fragen Sie in der Apotheke nach dem richtigen Abstand
- Führen Sie einen kurzen Zettel mit Ihren Beschwerden, damit Sie bei Kontrollen nichts vergessen
- Gehen Sie regelmäßig zu den vereinbarten Kontrollterminen, auch wenn Sie beschwerdefrei sind
Medizinische Behandlungen
Die ärztliche Behandlung besteht in einer Hormonersatztherapie: Das fehlende Schilddrüsenhormon wird in Tablettenform zugeführt. Die Dosis richtet sich nach den Blutwerten, nach Alter, Gewicht und Begleiterkrankungen – besonders Herzerkrankungen werden berücksichtigt, damit das Herz nicht belastet wird. Nach einigen Wochen wird kontrolliert, ob die Werte passen; später reichen meist Kontrollen in größeren Abständen. Wenn eine andere Ursache hinter der Unterfunktion steckt (etwa ein Medikament, das die Schilddrüse beeinflusst), wird diese mitbehandelt.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei einer reinen Schilddrüsenunterfunktion selten nötig. Sie kann eine Rolle spielen, wenn zusätzlich ein verdächtiger Knoten, eine stark vergrößerte Schilddrüse mit Druckgefühl oder Atem- und Schluckbeschwerden vorliegt oder wenn eine bösartige Veränderung abgeklärt werden muss. Ob eine Operation sinnvoll ist, entscheidet die Ärztin oder der Arzt gemeinsam mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Mit gut eingestellter Behandlung führen die meisten Menschen ein ganz normales Leben. Es kann einige Wochen dauern, bis Sie die Wirkung spüren – Geduld hilft. Praktisch ist es, die Tablette an eine feste Gewohnheit zu koppeln, zum Beispiel an das Zähneputzen am Morgen. Legen Sie sich einen kleinen Vorrat an und denken Sie an Nachschub, bevor die Packung leer ist. Tragen Sie Ihre Schilddrüsenwerte und Termine in einem Heft oder in Ihrem Medikamentenplan mit.
Tipps für den Alltag
- Achten Sie auf ausreichend Schlaf und planen Sie Pausen in den Tag ein – Sie müssen nicht mehr leisten als vorher
- Ziehen Sie sich warm an; ein Schal und warme Socken helfen bei ständigem Frieren
- Bewegen Sie sich regelmäßig im Rahmen Ihrer Möglichkeiten – kurze Spaziergänge wirken oft besser als lange Pausen
- Trinken Sie genug und essen Sie ballaststoffreich, um Verstopfung vorzubeugen
- Halten Sie Ihre Wohnung im Blick, damit Stolperfallen vermieden werden – bei Müdigkeit und Schwäche steigt die Sturzgefahr
- Sprechen Sie offen über Erschöpfung und Gedächtnisprobleme, statt sich zu verstellen
Ernährung und Bewegung
Eine spezielle Diät ist bei einer Schilddrüsenunterfunktion nicht nötig. Sinnvoll ist eine ausgewogene Kost mit viel Gemüse, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten sowie ausreichend Flüssigkeit. Sehr einseitige oder extrem kalorienarme Diäten sind nicht empfehlenswert. Bewegung tut gut, sollte aber zu Ihrer Verfassung passen: Gleichmäßige Ausdauer wie Gehen, Schwimmen oder Gymnastik unterstützt Herz, Muskeln und Stimmung. Wenn Sie mit dem Sport neu anfangen und eine Herzerkrankung haben, sprechen Sie vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Schilddrüsenunterfunktion kann die Stimmung drücken, zu Gereiztheit, Ängsten oder echter Niedergeschlagenheit führen. Solche Beschwerden sprechen bei vielen Menschen mit der richtigen Behandlung deutlich an – sie sind ein Symptom, keine Charakterschwäche. Wichtig: In akuten seelischen Notlagen gilt sofort der Notruf 112. Zusätzlich gibt es kostenlose, rund um die Uhr erreichbare Telefonseelsorge – den Kontakt finden Sie über Ihre Arztpraxis, Ihre Krankenkasse oder eine lokale Beratungsstelle. Wenn Gedanken auftauchen, sich das Leben zu nehmen, sprechen Sie bitte sofort mit einer Ärztin, einem Arzt oder dem Rettungsdienst – bitte nicht allein bleiben.
Vorbeugung
Eine Schilddrüsenunterfunktion durch eine Autoimmunerkrankung lässt sich nicht sicher verhindern. Man kann aber dazu beitragen, sie früh zu erkennen: Achten Sie auf lang anhaltende Müdigkeit, Frieren, Vergesslichkeit oder Verstopfung und lassen Sie sich beraten. Eine ausreichende Jodversorgung über die Ernährung ist für die Schilddrüse sinnvoll – in Deutschland reicht dafür in der Regel normale, abwechslungsreiche Kost. Sprechen Sie vor einer Selbstmedikation mit Jodtabletten bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Apotheker.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland gibt es keine allgemeine Reihenuntersuchung der Schilddrüse für alle. Fachgesellschaften, unter anderem im Rahmen der AWMF-Leitlinien, empfehlen, bei typischen Beschwerden, bei erhöhtem Risiko oder wenn eine andere Autoimmunerkrankung bekannt ist, die Schilddrüsenwerte gezielt abzuklären. Ein Nachtest ist auch dann sinnvoll, wenn Sie bereits Schilddrüsenhormon einnehmen und sich Ihr Befinden verändert. Versuchen Sie nicht, Ihre Werte selbst bei einem großen Blutbild ohne ärztlichen Rat einordnen zu lassen – Besprechen Sie sie in der Praxis.
Komplikationen
Unbehandelt
- Beschwerden können sich über Monate verstärken und die Lebensqualität deutlich einschränken
- Herzerkrankungen können ungünstig beeinflusst werden, zum Beispiel durch einen sehr langsamen Puls oder eine Herzschwäche
- Erhöhte Cholesterinwerte können Arteriosklerose begünstigen
- Anhaltende Niedergeschlagenheit bis hin zu einer Depression
- Vergesslichkeit und Konzentrationsprobleme, die den Alltag erschweren
- Nervenschäden und Muskelschwäche
- In sehr seltenen Fällen eine lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung mit Bewusstseinsstörung und sehr niedriger Körpertemperatur – hier gilt sofort der Notruf 112
- Fruchtbarkeit und Zyklus können bei jüngeren Betroffenen beeinträchtigt sein
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: Eine Schilddrüsenunterfunktion ist eine der am besten behandelbaren hormonellen Erkrankungen. Mit der richtigen Behandlung spüren viele Menschen innerhalb weniger Wochen eine Besserung, auch wenn es im Alter manchmal etwas länger dauern kann, bis alles gut eingestellt ist. Regelmäßige Kontrollen sorgen dafür, dass Sie rasch feinjustiert werden können. Viele Betroffene leben ganz normal und merken im Alltag kaum etwas von ihrer Schilddrüse.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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