Nieren, Dialyse und Nierentransplantation
Übersicht
Die Nieren sind zwei bohnenförmige Organe im unteren Rücken, etwa faustgroß. Sie filtern das Blut, holen Abfallstoffe heraus und regeln den Wasser- und Salzhaushalt. Außerdem helfen sie mit, den Blutdruck zu steuern, und sie sorgen dafür, dass genug rote Blutkörperchen gebildet werden. Bei einer chronischen Nierenerkrankung arbeiten die Nieren über Monate und Jahre hinweg immer schlechter. Wenn sie ihre Filterarbeit nicht mehr ausreichend schaffen – das nennt man Nierenversagen –, sammeln sich Abfallstoffe und Flüssigkeit im Körper an. Dann gibt es zwei bewährte Wege: die Dialyse (Blutwäsche, die die Filterarbeit der Nieren von außen ersetzt) oder eine Nierentransplantation (eine gesunde Spenderniere übernimmt die Arbeit). Beides sind keine Notlösungen, sondern gut erprobte Behandlungen, mit denen viele Menschen lange und gut leben.
Wichtige Fakten
- Chronische Nierenerkrankungen verlaufen anfangs oft ganz ohne Beschwerden – deshalb sind Blut- und Urintests bei Risikogruppen so wichtig.
- Die Dialyse ersetzt nur einen Teil der Nierenarbeit. Sie hält Menschen am Leben und ermöglicht vielen ein gutes Leben, heilt die Nieren aber nicht.
- Eine Nierentransplantation ist für viele die beste Langzeitlösung. Darauf zu warten kann dauern – in der Zeit gibt es aber Unterstützung und klare Pläne.
Nierenerkrankungen sind häufig. Sehr viele Menschen in Deutschland leben mit einer eingeschränkten Nierenfunktion, besonders im höheren Alter – oft ohne es zu wissen. Deutlich weniger Menschen brauchen tatsächlich eine dauerhafte Dialyse oder eine Transplantation. Eine frühe Erkennung kann den Verlauf deutlich günstiger machen.
Am häufigsten betroffen sind Menschen mit Diabetes (Zuckerkrankheit) oder Bluthochdruck, ältere Menschen und Menschen mit erblichen Nierenerkrankungen. Auch Kinder können eine Nierenerkrankung haben, zum Beispiel bei angeborenen Fehlbildungen der Harnwege. Rauchen, starkes Übergewicht und bestimmte Medikamente erhöhen das Risiko zusätzlich.
Symptome
- Starke Atemnot oder das Gefühl, nicht durchatmen zu können – rufen Sie sofort 112 an
- Brustschmerz, Herzrasen oder ein unregelmäßiger Puls
- Plötzlich kein Urin mehr oder nur noch wenige Tropfen, besonders bei Dialysepatientinnen und -patienten
- Zunehmende Schläfrigkeit, Verwirrtheit oder Bewusstlosigkeit
- Muskelschwäche, Kribbeln oder Gefühlsstörungen – das kann auf einen zu hohen Kaliumspiegel hinweisen und ist ein Notfall
- Fieber, Schüttelfrost und eine gerötete, eitrige oder blutende Stelle am Dialysezugang (Shunt oder Katheter)
- ⚠Fieber zusammen mit Flankenschmerzen oder Brennen beim Wasserlassen
- ⚠Blut im Urin
- ⚠Neu aufgetretene oder schnell zunehmende Wassereinlagerungen
- ⚠Erbrechen, sodass keine Flüssigkeit mehr im Körper bleibt
- ⚠Sehr hoher Blutdruck mit Kopfschmerzen, Sehstörungen oder Nasenbluten
- ⚠Durchfall oder Fieber während einer Dialysebehandlung – melden Sie sich am selben Tag im Dialysezentrum
Häufige Symptome
- In frühen Stadien oft gar keine Beschwerden
- Müdigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsprobleme
- Wassereinlagerungen (Ödeme) an Beinen, Knöcheln oder Augenlidern
- Schaumiger Urin – ein Hinweis auf Eiweiß im Urin
- Weniger Urin als sonst oder häufiges Wasserlassen in der Nacht
- Juckreiz und trockene Haut
- Übelkeit, Appetitlosigkeit, ungewollter Gewichtsverlust
- Kurzatmigkeit schon bei leichter Anstrengung
- Nächtliche Muskelkrämpfe
- Metallischer Geschmack im Mund
Symptome bei Kindern
- Gedeihstörung – das Kind wächst langsamer und nimmt wenig zu
- Vermehrtes Wasserlassen oder wieder Bettnässen, nachdem das Kind schon trocken war
- Geschwollene Augenlider, besonders am Morgen
- Blasse Haut, Müdigkeit, schlechter Appetit
- Häufige Harnwegsinfekte oder Bauchschmerzen
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Unspezifische Zeichen wie allgemeine Schwäche, Verwirrtheit oder erhöhte Sturzgefahr
- Wenig Appetit und ungewollter Gewichtsverlust
- Juckreiz und sehr trockene Haut
- Wassereinlagerungen in Beinen und Knöcheln
- Beschwerden werden oft anderen Erkrankungen zugeordnet – eine Nierenerkrankung bleibt dadurch leicht unbemerkt
Ursachen
Hauptursachen
- Diabetes (Zuckerkrankheit) – in Deutschland die häufigste Ursache für ein Nierenversagen
- Dauerhaft zu hoher Blutdruck
- Entzündungen der Nierenkörperchen (Glomerulonephritis – eine Entzündung der kleinen Filtereinheiten der Niere)
- Erbliche Nierenerkrankungen, zum Beispiel Zystennieren (viele mit Flüssigkeit gefüllte Hohlräume in den Nieren)
- Gestauter Harnabfluss, etwa durch eine vergrößerte Prostata oder durch Nierensteine
- Langjährige Einnahme bestimmter Schmerzmittel ohne ärztliche Begleitung
- Akute Schäden durch schwere Infektionen, Vergiftungen oder großen Blutverlust
Risikofaktoren
- Diabetes und Bluthochdruck
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen
- Rauchen
- Starkes Übergewicht
- Nierenerkrankungen in der Familie
- Höheres Lebensalter
- Wiederkehrende Harnwegsinfekte oder Nierenentzündungen
- Frühgeburtlichkeit oder sehr geringes Geburtsgewicht (weniger Filtereinheiten von Anfang an)
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie plötzlich kaum oder gar keinen Urin mehr lassen können
- Bei starker Atemnot, Brustschmerz oder Herzrasen – hier gilt: 112 anrufen
- Bei Fieber mit Flankenschmerz oder Blut im Urin
- Wenn Wassereinlagerungen innerhalb von Stunden oder wenigen Tagen deutlich zunehmen
- Bei Verwirrtheit, starker Schläfrigkeit oder Muskelschwäche
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Bei anhaltender Müdigkeit, Juckreiz oder Appetitlosigkeit ohne klare Ursache
- Bei geschwollenen Beinen oder Augenlidern
- Wenn der Urin dauerhaft schaumig aussieht
- Bei hohem Blutdruck oder Diabetes – hier sind regelmäßige Urin- und Bluttests Teil der Vorsorge
- Wenn in der Familie eine Nierenerkrankung bekannt ist
Diagnose
Nierenerkrankungen werden meist über Blut- und Urintests sowie eine Blutdruckmessung erkannt. In Deutschland richten sich Ärztinnen und Ärzte dabei nach den Leitlinien der medizinischen Fachgesellschaften (AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften). Bei Bedarf kommen Ultraschall und weitere Untersuchungen dazu.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchung: Kreatinin und die geschätzte Filtrationsrate (eGFR) zeigen, wie gut die Nieren filtern
- Urintest auf Eiweiß (Albumin) und Blut
- Blutdruckmessung, auch als Langzeit- oder Heimmessung
- Ultraschall von Nieren und Harnwegen
- Bei Bedarf: Nierenbiopsie (eine kleine Gewebeprobe), Schnittbilduntersuchungen oder eine genauere Messung der Nierenfunktion
- Bei fortgeschrittener Erkrankung: zusätzliche Kontrollen von Salzen, Säurehaushalt, Blutbildung und Knochenstoffwechsel
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Untersuchungen sind meist einfach und schmerzfrei – eine Blutabnahme und eine Urinprobe gehören fast immer dazu. Oft lässt sich das Ergebnis schon nach wenigen Tagen besprechen. Danach wird gemeinsam entschieden, wie häufig Kontrollen sinnvoll sind. Bei einer fortgeschrittenen Erkrankung kommt frühzeitig ein Team aus Nephrologie, Pflege und Ernährungsberatung zusammen, damit alle Behandlungswege in Ruhe besprochen werden können – Dialyse, Transplantation und eine Behandlung ohne Nierenersatz.
Behandlung
Am Anfang steht immer das Ziel, die Nieren möglichst lange zu erhalten: Grunderkrankungen wie Diabetes und Bluthochdruck gut einstellen, Nierenschädigendes vermeiden und regelmäßig kontrollieren. Wird die Nierenfunktion sehr schwach, werden die Behandlungsmöglichkeiten in Ruhe besprochen. Es gibt dann drei Wege: eine Behandlung ohne Nierenersatz (bestmöglich unterstützend und lindernd), die Dialyse oder eine Nierentransplantation. Welcher Weg passt, hängt von Alter, Gesundheit, Alltag und den eigenen Wünschen ab.
Selbsthilfe zu Hause
- Blutdruck und Blutzucker im vereinbarten Zielbereich halten und zu Hause messen
- Ausreichend trinken – außer die Ärztin oder der Arzt hat eine Flüssigkeitsbegrenzung verordnet
- Schmerzmittel nur nach Rücksprache einnehmen, besonders bei regelmäßiger Anwendung
- Nicht rauchen und Alkohol in Maßen
- Salz sparsam verwenden – das entlastet Blutdruck und Wassereinlagerungen
- Impfungen und Vorsorgetermine wahrnehmen
- Bei Fieber oder Infekten früh Kontakt aufnehmen, statt abzuwarten
- Alle Medikamente – auch frei verkäufliche und pflanzliche – einmal mit der Praxis oder Apotheke durchgehen
Medizinische Behandlungen
Medikamente werden eingesetzt, um den Blutdruck zu senken, den Zuckerstoffwechsel zu steuern, die Eiweißausscheidung im Urin zu verringern und die Nieren zu schützen. Dazu kommen je nach Bedarf Mittel gegen Wassereinlagerungen, gegen Juckreiz, zur Unterstützung der Knochengesundheit, zur Behandlung einer Blutarmut und sogenannte Phosphatbinder, die überschüssiges Phosphat aus der Nahrung binden. Eine Ernährungsberatung ist ein wichtiger Baustein. Reicht die Nierenfunktion nicht mehr aus, übernimmt die Dialyse die Filterarbeit: bei der Hämodialyse wird das Blut mehrmals pro Woche in einem Zentrum gewaschen, bei der Bauchfelldialyse (Peritonealdialyse) läuft die Reinigung zu Hause über die Bauchhöhle. Beide Verfahren werden ausführlich geschult und an den eigenen Alltag angepasst. Konkrete Medikamente und Dosierungen bespricht immer die behandelnde Praxis.
Wann kommt eine Operation infrage?
Operationen spielen an drei Stellen eine Rolle. Erstens der Gefäßzugang für die Hämodialyse (oft ein Shunt am Arm), der rechtzeitig vor dem ersten Dialysetag angelegt wird. Zweitens ein dünner Katheter für die Bauchfelldialyse. Drittens die Nierentransplantation: Eine gesunde Niere kann von verstorbenen Spenderinnen und Spendern stammen oder von einem lebenden Menschen – häufig aus der Familie oder dem engeren Umfeld. Vorher finden ausführliche Untersuchungen statt, und die Wartezeit auf ein Spenderorgan kann lange dauern.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit einer Nierenerkrankung lässt sich gut planen. Dialysetermine werden zu festen Terminen im Kalender, ähnlich wie Arbeitstage. Viele Menschen arbeiten weiter, reisen mit etwas Vorbereitung und halten ihre sozialen Kontakte. Nach einer Transplantation stehen regelmäßige Kontrollen und eine gute Abstimmung mit dem Transplantationszentrum im Mittelpunkt. Wichtig ist, dass Sie Ihre Fragen stellen und sich nicht scheuen, Unterstützung anzunehmen.
Tipps für den Alltag
- Feste Routinen für Medikamente, Trinken und Termine entwickeln
- Ausreichend schlafen und Pausen einplanen – Müdigkeit ist bei Nierenerkrankungen häufig
- Auf Hautpflege achten, da Juckreiz oft belastet
- Impfungen und Vorsorgetermine regelmäßig wahrnehmen
- Bei Dialyse: den Zugang (Shunt oder Katheter) sorgfältig pflegen und Veränderungen sofort melden
- Bei Transplantation: Sonnenschutz und konsequente Einnahme der verordneten Medikamente
Ernährung und Bewegung
Die Ernährung wird individuell angepasst. Häufig hilft es, Salz zu reduzieren und stark verarbeitete Lebensmittel zu meiden. Wie viel Eiweiß, Kalium und Phosphat sinnvoll sind, hängt von den Blutwerten und der Behandlungsform ab – eine Ernährungsberatung ist deshalb sehr wertvoll. Bewegung tut gut und ist meist ausdrücklich erwünscht: Spazierengehen, Radfahren, Schwimmen oder leichte Gymnastik, abgestimmt auf die eigene Belastbarkeit. Bei Dialyse und nach einer Transplantation gibt es ein paar zusätzliche Hinweise, zum Beispiel zum Schwimmen mit Katheter – fragen Sie Ihr Behandlungsteam.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Nierenerkrankung kann belasten: Sorgen um die Zukunft, Angst vor der Dialyse, Wut über die Wartezeit auf ein Spenderorgan oder das Gefühl, dass der Körper einen im Stich lässt. Solche Gefühle sind normal und verdienen Raum. Sprechen Sie darüber – mit Angehörigen, im Behandlungsteam oder in einer Selbsthilfegruppe. Professionelle psychologische Unterstützung ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Wenn Sie Gedanken haben, sich das Leben zu nehmen, oder sich in einer akuten seelischen Krise befinden: Holen Sie sich sofort Hilfe – bundesweit ist der Notruf 112 erreichbar, und die Telefonseelsorge bietet rund um die Uhr ein offenes Ohr. Der ärztliche Bereitschaftsdienst ist unter 116117 erreichbar. Sie sind nicht allein.
Vorbeugung
Nicht jede Nierenerkrankung lässt sich verhindern, aber viel lässt sich tun. Den größten Schutz bieten ein gut eingestellter Blutdruck und Blutzucker, Nichtrauchen, ein gesundes Gewicht und ein bewusster Umgang mit Schmerzmitteln. Wer ein erhöhtes Risiko hat, sollte seine Nierenwerte kennen und regelmäßig kontrollieren lassen.
Impfungen
Impfungen sind bei Nierenerkrankungen besonders wichtig, weil Infektionen schwerer verlaufen können. Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) sind unter anderem Grippe, Pneumokokken, Hepatitis B und COVID-19 relevant. Fragen Sie Ihre Hausarztpraxis, welche Impfungen für Sie passen – vor einer Transplantation wird der Impfstatus ohnehin überprüft.
Früherkennungsprogramme
Regelmäßige Kontrollen sind der beste Schutz: bei Diabetes und Bluthochdruck gehören Blut- und Urintests zur Standardbetreuung, und der Check-up bietet ebenfalls Anlass, Blutdruck und Nierenwerte anzusprechen. Auch Menschen mit familiärer Belastung sollten ihre Werte einmal prüfen lassen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Blutarmut (Anämie) mit Müdigkeit und Leistungsschwäche
- Störungen des Knochen- und Mineralstoffwechsels
- Nervenschäden mit Kribbeln und Taubheitsgefühlen
- Herz-Kreislauf-Erkrankungen durch dauerhaft hohen Blutdruck und Wassereinlagerungen
- Gefährlich hoher Kaliumspiegel mit Herzrhythmusstörungen
- Lungenödem (Flüssigkeit in der Lunge) mit Atemnot
- Häufige Infektionen und schlechtere Wundheilung
- Mangelernährung und Muskelschwund
Langzeitprognose
Die Aussichten sind heute deutlich besser als früher. Eine früh erkannte Nierenerkrankung lässt sich oft über viele Jahre aufhalten. Und wenn die Nieren nicht mehr ausreichen, halten Dialyse und Transplantation Menschen lange am Leben – viele gehen weiter zur Arbeit, reisen und pflegen ihre Hobbys. Eine Spenderniere kann über Jahre bis Jahrzehnte gute Arbeit leisten. Der Weg ist manchmal anstrengend, aber es gibt klare Pläne, ein erfahrenes Team und viele Menschen, die ihn mitgehen.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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