Offenes Bein (Beingeschwür)
Übersicht
Ein offenes Bein – medizinisch Beingeschwür oder „Ulcus cruris“ genannt – ist eine Wunde am Unterschenkel, die nicht richtig heilt. „Ulkus“ bedeutet Geschwür, also eine offene Stelle in der Haut. Sie sitzt meist knapp über dem Fußknöchel, häufig an der Innenseite des Beins. Anders als eine normale Schramme verschließt sie sich oft über Wochen oder Monate nicht, weil Haut und Gewebe dort schlecht durchblutet werden und zu wenig Sauerstoff bekommen. Ein offenes Bein ist keine Kleinigkeit, aber mit konsequenter Behandlung heilt es in den meisten Fällen ab.
Wichtige Fakten
- Die häufigste Ursache sind gestörte Venen: Das Blut fließt nicht richtig zum Herzen zurück und staut sich im Bein.
- Die wichtigste Behandlung ist Druck von außen (Kompressionsbehandlung) – sie unterstützt den Blutrückfluss und lässt die Wunde abheilen.
- Ein offenes Bein braucht Geduld: Die Heilung dauert oft mehrere Wochen bis Monate und muss gut begleitet werden.
Ja. Offene Beine gehören zu den häufigsten chronischen Wunden überhaupt. Schätzungen zufolge sind etwa einer von hundert Erwachsenen irgendwann betroffen – bei Menschen über 80 ist es deutlich häufiger. In Hausarztpraxen und Wundambulanzen sind sie ein sehr häufiger Behandlungsgrund.
Vor allem ältere Menschen ab etwa 60 Jahren. Besonders betroffen sind Menschen mit Krampfadern, nach einer früheren Thrombose (Blutgerinnsel in einer Vene), mit Diabetes, Übergewicht, Herzschwäche oder wenig Bewegung. Frauen erkranken etwas häufiger als Männer.
Symptome
- Starke, nicht zu stoppende Blutung aus der Wunde – rufen Sie sofort 112. Drücken Sie ein sauberes Tuch fest auf die Wunde, bis Hilfe kommt.
- Plötzlich blasses, kaltes oder bläuliches Bein mit sehr starken Schmerzen – das kann ein akuter Gefäßverschluss sein, rufen Sie sofort 112.
- Hohes Fieber zusammen mit einer sich schnell ausbreitenden Rötung und starkem Krankheitsgefühl – Verdacht auf eine schwere Infektion, sofort 112.
- ⚠Fieber oder Schüttelfrost ohne klaren Grund
- ⚠Die Rötung breitet sich schnell aus oder wandert als roter Streifen das Bein hinauf
- ⚠Die Wunde wird plötzlich deutlich größer oder tiefer
- ⚠Eitrige, stark riechende Flüssigkeit oder sich ablösendes, dunkles Gewebe
- ⚠Neue, sehr starke Schmerzen im Bein
- ⚠Die Zehen werden kalt, blass oder bläulich – noch am selben Tag ärztlich abklären
Häufige Symptome
- Eine offene, nässende Stelle am Unterschenkel, meist über dem inneren Fußknöchel
- Schwellung des Beins, vor allem am Abend und nach langem Stehen
- Braun- oder rötlich verfärbte Haut rund um die Wunde
- Derbe, harte Haut und manchmal eine Art „Holzbein“ am Unterschenkel
- Schmerzen – oft dumpf und schwer, häufig schlimmer beim Stehen und besser beim Hochlegen des Beins
- Juckreiz, Spannungsgefühl oder trockene, schuppige Haut
- Wundflüssigkeit, manchmal unangenehmer Geruch
- Die Wunde wird einfach nicht kleiner, obwohl man sie regelmäßig versorgt
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern sind offene Beine sehr selten.
- Wenn eine Wunde am Bein bei einem Kind nicht abheilt, sollte das immer ärztlich abgeklärt werden – manchmal stecken seltene Ursachen dahinter.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Menschen sind am häufigsten betroffen – oft kommen mehrere Dinge zusammen, zum Beispiel schlechte Venen, Durchblutungsstörungen oder Diabetes.
- Die Haut ist dünner und verletzt sich leichter; schon kleine Kratzer oder Stöße können eine Wunde auslösen.
- Wunden heilen langsamer, und die Behandlung braucht oft mehr Zeit und Geduld.
- Bewegung und Hautpflege sind besonders wichtig, weil sie Stauungen und neue Wunden verhindern helfen.
Ursachen
Hauptursachen
- Gestörte Venen (Venenschwäche): Die Venenklappen schließen nicht mehr richtig, das Blut staut sich, Druck und Flüssigkeit treten ins Gewebe aus – das ist die häufigste Ursache, etwa bei Krampfadern oder nach einer Thrombose.
- Gestörte Arterien (Durchblutungsstörung): Die Beine bekommen zu wenig Blut und Sauerstoff, zum Beispiel bei Arterienverkalkung. Auch hier entstehen Wunden, die schlecht heilen.
- Mischbild aus Venen- und Arterienproblem – gar nicht so selten.
- Nervenschäden, etwa durch Diabetes: Man spürt Verletzungen schlechter, die Haut heilt schlechter.
- Flüssigkeitseinlagerungen durch Herzschwäche, Nieren- oder Leberschwäche.
- Langes Sitzen oder Stehen und wenig Bewegung, wodurch der Blutfluss im Bein träge wird.
Risikofaktoren
- Höheres Alter
- Krampfadern oder eine frühere Venenthrombose
- Übergewicht
- Diabetes mellitus
- Bluthochdruck und Arterienverkalkung
- Rauchen
- Herzschwäche oder andere Erkrankungen mit Wassereinlagerungen
- Wenig Bewegung, langes Stehen oder Sitzen im Beruf
- Früher schon einmal ein offenes Bein gehabt zu haben
- Verletzungen, Insektenstiche oder Verbrennungen am Unterschenkel, die schlecht heilen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Starke Blutung – sofort 112 (Notruf).
- Fieber mit schnell zunehmender Rötung oder rotem Streifen am Bein – noch am selben Tag ärztlich vorstellen.
- Plötzlich sehr starke Schmerzen, blasses oder blaues Bein – sofort 112.
- Die Wunde vergrößert sich innerhalb weniger Tage deutlich.
- Die Wunde eitert stark oder riecht auffällig.
- Die Zehen fühlen sich kalt an oder die Haut verfärbt sich.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Jede offene Stelle am Unterschenkel, die nach ein bis zwei Wochen nicht kleiner wird
- Eine neue Wunde am Bein, auch wenn sie klein ist – besonders bei Krampfadern oder Diabetes
- Zunehmende Schwellung, Verfärbung oder Verhärtung der Haut am Unterschenkel
- Wiederkehrende Wunden an derselben Stelle
- Wenn Sie unsicher sind, wie Sie die Wunde versorgen sollen
Diagnose
Die Ärztin oder der Arzt schaut sich die Wunde und das ganze Bein genau an: Wo sitzt die Wunde, wie groß ist sie, wie sieht der Rand aus, wie ist die Haut drumherum? Danach wird geprüft, ob eher die Venen oder die Arterien das Problem sind – das entscheidet über die Behandlung. Dazu kommen meist eine Ultraschalluntersuchung der Beinvenen und ein einfacher Puls-Test an den Fußarterien. Wichtig: Die Ursache muss geklärt sein, bevor zum Beispiel eine Kompressionstherapie beginnt, weil sie bei einer reinen Arterienverkalkung schaden kann.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung: Größe, Tiefe und Aussehen der Wunde, Hautveränderungen, Schwellung, Pulse am Fuß
- Ultraschall der Beinvenen (Doppler- oder Duplexsonografie), um undichte Venenklappen oder verschlossene Venen zu erkennen
- Knöchel-Arm-Index: Ein einfacher Blutdruckvergleich an Arm und Knöchel, der zeigt, wie gut das Bein durchblutet ist
- Blutuntersuchungen, zum Beispiel auf Blutzucker, Blutbild und Entzündungswerte
- Wundabstrich, wenn eine Infektion vermutet wird
- Gewebeprobe (Biopsie), wenn eine Wunde trotz guter Behandlung über lange Zeit nicht heilt
- Bei Bedarf weitere Untersuchungen der Gefäße, etwa eine Gefäßdarstellung
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die erste Untersuchung dauert meist nicht lange und tut nicht weh – außer die Wunde selbst ist berührungsempfindlich. Häufig wird die Wunde gereinigt und neu verbunden, und Sie bekommen eine Anleitung für die Versorgung zu Hause mit. Danach folgen regelmäßige Termine, in denen gemessen wird, ob die Wunde kleiner wird. In Deutschland orientieren sich Ärztinnen und Ärzte dabei an den AWMF-Leitlinien – das sind offizielle Behandlungsempfehlungen von Fachgesellschaften. Fragen Sie gern nach, wenn Sie einen Schritt nicht verstehen.
Behandlung
Die Behandlung hat zwei Ziele: Die Wunde soll zuheilen, und die Ursache soll behandelt werden, damit sie nicht wiederkommt. Das Wichtigste ist meist Druck von außen auf das Bein (Kompressionsbehandlung), kombiniert mit einer fachgerechten Wundversorgung. Zusätzlich wird die Durchblutung gefördert – durch Bewegung, Hochlegen und, wenn nötig, durch eine Behandlung der Gefäße. Bis die Wunde zu ist, dauert es oft Wochen bis Monate. Regelmäßige Kontrollen sind dabei entscheidend.
Selbsthilfe zu Hause
- Tragen Sie die verordnete Kompression konsequent – sie ist meist der wichtigste Baustein der Heilung.
- Legen Sie das Bein mehrmals täglich für 20 bis 30 Minuten hoch, am besten über Herzhöhe.
- Bewegen Sie Füße und Beine regelmäßig, auch im Sitzen: Fußwippen und Kreisen fördern den Blutfluss.
- Wechseln Sie Verbände so, wie es Ihnen gezeigt wurde, und waschen Sie sich vorher die Hände.
- Halten Sie die Haut rund um die Wunde sauber und gut gepflegt – fragen Sie in der Apotheke nach einer passenden Pflege.
- Vermeiden Sie langes Stehen und Sitzen ohne Unterbrechung.
- Achten Sie auf Ihre Schuhe: Nichts darf drücken oder scheuern.
- Lassen Sie sich die Wundversorgung einmal richtig zeigen – viele Praxen bieten das an.
Medizinische Behandlungen
Zur Behandlung gehören mehrere Bausteine, die aufeinander abgestimmt werden: eine fachgerechte Wundreinigung und passende Wundauflagen, die Heilung und Feuchtigkeit unterstützen; eine Kompressionstherapie mit Verbänden oder Strümpfen, die den Blutrückfluss verbessert; und die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung, etwa der Venen oder der Durchblutung. Bei einer Infektion kann die Ärztin oder der Arzt eine geeignete Behandlung verordnen. Schmerzmittel werden nur nach ärztlicher Rücksprache eingenommen. Wichtig: Nennen Sie Ihrer Praxis alle Medikamente, die Sie bereits nehmen – auch rezeptfreie.
Wann kommt eine Operation infrage?
Manchmal ist ein Eingriff sinnvoll. Bei Problemen mit den Venen kann zum Beispiel eine erweiterte Vene verödet oder entfernt werden – das kann die Heilung unterstützen und Rückfällen vorbeugen. Bei einer Durchblutungsstörung der Arterien kann es nötig sein, verengte Gefäße wieder zu öffnen oder zu überbrücken, damit das Bein genug Blut bekommt. Bei sehr großen oder hartnäckigen Wunden kommen manchmal Hauttransplantationen zum Einsatz. Ob ein Eingriff für Sie infrage kommt, bespricht die Ärztin oder der Arzt individuell mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Ein offenes Bein verändert den Alltag: Verbände müssen regelmäßig gewechselt werden, Termine stehen an, und manche Dinge dauern länger als früher. Viele Betroffene brauchen eine Zeit lang mehr Pausen und legen das Bein öfter hoch. Es hilft, Abläufe zu vereinfachen – zum Beispiel Wundmaterial und Pflegeprodukte griffbereit zu haben, bequeme Schuhe zu tragen und Aufgaben im Haushalt aufzuteilen. Mit der Zeit wird die Versorgung Routine, und die Wunde wird kleiner.
Tipps für den Alltag
- Bewegung in den Alltag einbauen: Spazierengehen, Treppe statt Aufzug, kurze Fußübungen zwischendurch
- Übergewicht, falls vorhanden, mit Unterstützung langsam abbauen – das entlastet die Venen deutlich
- Nicht rauchen – Rauchen verschlechtert die Durchblutung und die Wundheilung
- Beine abends hochlegen und nachts eventuell leicht erhöht lagern
- Haut regelmäßig eincremen, damit sie geschmeidig bleibt und nicht einreißt
- Auf Verletzungen achten: Stöße, Kratzer und Insektenstiche am Unterschenkel ernst nehmen und sauber versorgen
- Kompression auch an warmen Tagen tragen – bei Hitze helfen leichtere Materialien; fragen Sie Ihre Praxis
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten und ausreichend Flüssigkeit unterstützt die Heilung. Eiweißhaltige Lebensmittel helfen dem Körper, neues Gewebe zu bilden. Bei Diabetes ist eine gute Blutzuckereinstellung besonders wichtig. Bewegung ist ein echter Heilungshelfer: Sie bringt den Blutfluss in Schwung. Schon regelmäßiges Gehen und kleine Fußübungen im Sitzen – Fußspitzen hochziehen, kreisen, wippen – machen einen Unterschied. Bei einer Durchblutungsstörung besprechen Sie Ihr Bewegungspensum am besten vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Ein offenes Bein kann belasten: Die Wunde riecht manchmal, man schämt sich, zieht sich zurück oder sorgt sich, dass es nie besser wird. Schmerzen rauben den Schlaf, und die vielen Termine kosten Kraft. Solche Gefühle sind normal und kein Zeichen von Schwäche. Sprechen Sie darüber – mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, mit Angehörigen oder mit anderen Betroffenen. Wenn Sie sich niedergeschlagen fühlen oder das Gefühl haben, nicht mehr weiterzuwissen, holen Sie sich bitte Unterstützung. In einer seelischen Krise können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge wenden – sie ist rund um die Uhr erreichbar und kostenlos.
Vorbeugung
Oft ja – vor allem, wenn die Ursache bekannt ist. Wer zu Venenproblemen neigt, kann mit Kompression, Bewegung und Gewichtskontrolle viel tun. Wichtig ist auch: Kleine Verletzungen am Unterschenkel sofort sauber versorgen und beobachten. Wenn eine Wunde nach ein bis zwei Wochen nicht heilt, früh ärztlich abklären lassen. Und wenn ein offenes Bein abgeheilt ist, lohnt es sich, konsequent dranzubleiben – denn Rückfälle sind häufig, lassen sich aber gut vorbeugen.
Impfungen
Es gibt keine Impfung, die ein offenes Bein verhindert. Empfohlen ist aber ein vollständiger Impfschutz, zum Beispiel gegen Tetanus (Wundstarrkrampf), weil Wunden am Bein leicht verschmutzen können. Fragen Sie Ihre Hausarztpraxis, ob Ihr Impfschutz aktuell ist.
Früherkennungsprogramme
Ein eigenes Früherkennungsprogramm für offene Beine gibt es nicht. Achten Sie selbst auf Warnzeichen: geschwollene Beine, Krampfadern, braune Verfärbungen über den Knöcheln, trockene juckende Haut oder ein Spannungsgefühl. Solche Veränderungen sind ein guter Grund für einen Termin in der Hausarztpraxis. Bei Diabetes gehören die regelmäßigen Fußkontrollen dazu – nehmen Sie diese Termine wahr.
Komplikationen
Unbehandelt
- Die Wunde kann größer und tiefer werden und die Heilung dauert immer länger.
- Bakterien können eindringen und eine Entzündung der Haut und des Unterhautgewebes auslösen – mit Fieber und ausbreitender Rötung.
- Bei starker Durchblutungsstörung kann Gewebe absterben; im schlimmsten Fall droht eine Amputation.
- Durch die eingeschränkte Beweglichkeit und die Schwellung können Narben und eine dauerhaft harte, verfärbte Haut entstehen.
- Die Wunde kann wiederkehren, oft an derselben Stelle.
- Bei sehr lange bestehenden Wunden sind in seltenen Fällen bösartige Hautveränderungen möglich – deshalb werden hartnäckige Wunden geweblich untersucht.
- Schmerzen, Schlafprobleme und Rückzug können die Lebensqualität deutlich beeinträchtigen.
Langzeitprognose
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen heilt ein offenes Bein mit konsequenter Behandlung ab. Es braucht Geduld – oft mehrere Wochen bis Monate. Entscheidend sind eine klare Diagnose, eine gute Wundversorgung und vor allem die regelmäßige Kompression. Rückfälle sind möglich, lassen sich aber mit Bewegung, Hautpflege und Kompression gut vorbeugen. Viele Betroffene lernen mit der Zeit gut mit ihrer Erkrankung umzugehen und gewinnen ein gutes Stück Lebensqualität zurück. Wenn es bei Ihnen nicht vorangeht, sprechen Sie Ihre Praxis darauf an – manchmal muss die Behandlung angepasst werden.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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