Legg-Calvé-Perthes-Krankheit – Hüftkopfstörung im Kindesalter
Übersicht
Die Legg-Calvé-Perthes-Krankheit ist eine Erkrankung der Hüfte, die nur im Kindesalter auftritt. Der Hüftkopf – das ist der kugelförmige obere Teil des Oberschenkelknochens, der in der Gelenkpfanne des Beckens sitzt – bekommt vorübergehend zu wenig Blut. Dadurch wird der Knochen an dieser Stelle weich und kann seine runde Form verlieren. Der Körper baut den geschädigten Knochen danach wieder auf. Dieser Umbau dauert oft viele Monate bis zu einige Jahre. Wichtig zu wissen: Es handelt sich nicht um eine Entzündung und nicht um einen Unfall, und Ihr Kind hat nichts falsch gemacht.
Wichtige Fakten
- Die Erkrankung betrifft nur Kinder, am häufigsten zwischen etwa 4 und 8 Jahren.
- Der Hüftkopf wird vorübergehend schlechter durchblutet, weicht auf und formt sich danach wieder neu.
- Der Verlauf ist sehr unterschiedlich: Viele Kinder heilen ohne bleibende Schäden, manche brauchen mehr Unterstützung und Geduld.
- Wichtig ist eine frühe Abklärung, damit die Hüfte während der Heilungsphase möglichst gut geführt wird.
Die Legg-Calvé-Perthes-Krankheit ist selten. Man schätzt, dass etwa eines von 10.000 bis 12.000 Kindern sie bekommt. In der Kinderarztpraxis ist sie damit eine eher ungewöhnliche, aber wichtige Ursache für Hinken.
Betroffen sind Kinder, meist im Alter von 4 bis 8 Jahren. Jungen erkranken etwa vier- bis fünfmal häufiger als Mädchen. In etwa jedem zehnten bis siebten Fall sind beide Hüften betroffen, oft zeitlich versetzt. Bei älteren Kindern und bei Mädchen verläuft die Erkrankung im Durchschnitt etwas hartnäckiger als bei jungen Kindern.
Symptome
- Fieber zusammen mit starken Hüft- oder Gelenkschmerzen und der Unfähigkeit, das Bein zu belasten – hier kann eine akute Gelenkinfektion dahinterstecken. Rufen Sie umgehend den Notruf 112 an.
- Plötzlich auftretende, sehr starke Schmerzen im Bein oder in der Hüfte nach einem Sturz oder Unfall, wenn das Kind nicht mehr auftreten kann
- Schwellung, Rötung und Überwärmung des Gelenks mit Fieber oder allgemeiner Schwäche beim Kind
- Ihr Kind wirkt plötzlich sehr krank, trinkt nicht mehr oder ist schwer erreichbar
- ⚠Neues Hinken, das nicht innerhalb von ein bis zwei Tagen verschwindet
- ⚠Hüft-, Leisten- oder Knieschmerzen, die nachts oder in Ruhe auftreten
- ⚠Ihr Kind verweigert das Gehen oder kann ein Bein nicht mehr richtig belasten
- ⚠Zunehmende Steifheit der Hüfte oder ein Bein, das plötzlich kürzer zu sein scheint
Häufige Symptome
- Hinken, das schleichend beginnt und über Wochen stärker werden kann
- Schmerzen in der Hüfte, im Oberschenkel oder im Knie – besonders beim Gehen, Laufen oder Toben
- Schmerzen, die nach Ruhe besser werden und bei Belastung wiederkommen
- Die Hüfte lässt sich schlechter drehen und spreizen, zum Beispiel beim Sitzen mit überschlagenen Beinen
- Manchmal wirkt der Oberschenkel der betroffenen Seite etwas dünner, weil das Kind die Beinmuskeln schont
- Steifheit nach längerem Sitzen oder morgens nach dem Aufstehen
Symptome bei Kindern
- Kinder zeigen Hüftprobleme oft nicht direkt an der Hüfte. Sehr häufig klagen sie über Knieschmerzen – das liegt daran, dass der Nerv, der die Hüfte versorgt, auch das Knie erreicht.
- Kleine Kinder können nicht gut beschreiben, was weh tut. Achten Sie auf Veränderungen: Ihr Kind will plötzlich nicht mehr laufen, wird beim Spielen schneller müde oder lässt sich tragen.
- Ein hinkendes Gangbild fällt oft zuerst Eltern, Erziehern oder Lehrkräften auf.
- Manche Kinder haben kaum Schmerzen, hinken aber deutlich – auch dann ist eine Abklärung sinnvoll.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Diese Erkrankung tritt nur im Kindesalter auf. Erwachsene erkranken nicht neu daran.
- Erwachsene, die als Kind betroffen waren, können im späteren Leben eher einen vorzeitigen Gelenkverschleiß der Hüfte entwickeln. Das ist ein Grund, warum regelmäßige Kontrollen auch nach der Kindheit sinnvoll sein können.
- Bei Erwachsenen mit Hüftschmerzen haben andere Ursachen wie Gelenkverschleiß oder Entzündungen eine viel größere Bedeutung. Wenden Sie sich damit an Ihre Hausarztpraxis oder an eine orthopädische Praxis.
Ursachen
Hauptursachen
- Die genaue Ursache ist bis heute nicht vollständig geklärt.
- Man weiß, dass die Durchblutung des Hüftkopfs zeitweise gestört ist. Warum das passiert, ist noch nicht sicher bekannt.
- Der Körper reagiert darauf mit einem Umbau: Der geschädigte Knochen wird abgebaut und anschließend durch neuen Knochen ersetzt. In dieser Phase ist der Hüftkopf empfindlicher als sonst.
- Vererbung, Hormone, Umwelteinflüsse und kleine Gefäßbesonderheiten werden als mögliche Mitursachen diskutiert, ohne dass es dafür einen endgültigen Beweis gibt.
Risikofaktoren
- Alter zwischen etwa 4 und 8 Jahren
- Männliches Geschlecht – Jungen sind deutlich häufiger betroffen
- Familiäre Häufung: Wenn ein Familienmitglied betroffen war, ist das Risiko etwas erhöht
- Sehr niedriges Geburtsgewicht oder Frühgeburtlichkeit
- Rauchen in der Umgebung des Kindes (Passivrauchen) wird mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht
- Manche Kinder haben zusätzlich eine Störung der Blutgerinnung oder ein anderes Grundleiden – das wird ärztlich abgeklärt
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Ihr Kind hinkt neu und die Beschwerden halten länger als ein bis zwei Tage an
- Starke Schmerzen, die das Kind am Gehen hindern
- Fieber zusammen mit Gelenkschmerzen – dann sofort notfallmäßig abklären lassen
- Schwellung, Rötung oder Überwärmung der Hüfte oder des Oberschenkels
- Beschwerden nach einem Sturz oder Unfall
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Ihr Kind klagt wiederholt über Knie- oder Oberschenkelschmerzen, ohne dass eine Verletzung erkennbar ist
- Ein hinkendes Gangbild fällt über Wochen auf, ist aber nicht schmerzhaft
- Die Beweglichkeit der Hüfte wirkt eingeschränkt, zum Beispiel beim Spreizen der Beine oder beim Sitzen im Schneidersitz
- Es besteht bereits die Diagnose und Sie haben Fragen zum Verlauf, zu Sport oder zur Schule
- In der Familie war jemand von der Legg-Calvé-Perthes-Krankheit betroffen und Sie machen sich Sorgen
Diagnose
Die Diagnose beginnt mit einem Gespräch über die Beschwerden und einer körperlichen Untersuchung. Dabei schaut die Ärztin oder der Arzt auf das Gangbild und prüft, wie weit sich die Hüfte drehen und spreizen lässt. Oft fällt dabei eine schmerzhafte Einschränkung auf. Anschließend wird in der Regel eine Röntgenaufnahme der Hüfte gemacht. In frühen Stadien kann das Röntgenbild noch unauffällig sein. Dann können eine Magnetresonanztomografie (MRT, eine Aufnahme mit Magnetfeldern statt Röntgenstrahlen) oder eine Ultraschalluntersuchung weiterhelfen.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung mit Prüfung von Gangbild und Beweglichkeit
- Röntgenaufnahme des Beckens und der Hüfte, meist von beiden Seiten
- Ultraschall der Hüfte, besonders bei jüngeren Kindern
- Magnetresonanztomografie (MRT) bei unklaren Befunden oder frühen Stadien
- Blutuntersuchung, wenn entzündliche Ursachen oder andere Erkrankungen ausgeschlossen werden sollen
- Bei auffälliger Familienanamnese oder wiederholten Befunden manchmal zusätzliche Gerinnungsuntersuchungen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Rechnen Sie mit mehreren Terminen. Die Erkrankung durchläuft Stadien, und der Verlauf wird über Monate bis Jahre mit regelmäßigen Untersuchungen begleitet. Das ist kein Zeichen dafür, dass etwas schiefgelaufen ist, sondern Teil einer sorgfältigen Betreuung. Fragen Sie ruhig nach, was die Befunde bedeuten und was der nächste Schritt ist. Es hilft, sich Notizen zu machen und beim nächsten Termin jemanden mitzunehmen.
Behandlung
Das Hauptziel der Behandlung ist, die Hüfte während der Heilungsphase so zu führen, dass der Hüftkopf möglichst rund bleibt und gut in der Gelenkpfanne sitzt. Wie viel Behandlung nötig ist, hängt vom Alter des Kindes, vom Stadium und davon ab, wie stark der Hüftkopf betroffen ist. Es gibt kein Medikament, das die Erkrankung heilt – der Körper baut den Knochen selbst wieder auf. Die Behandlung unterstützt ihn dabei.
Selbsthilfe zu Hause
- Belastung anpassen: Stoßen, Springen und Leistungssport sind in der aktiven Phase oft ungünstig – fragen Sie, was Ihr Kind darf und was nicht.
- Bewegung bleibt wichtig: Sanfte Bewegung hält die Hüfte geschmeidig. Schwimmen und Radfahren werden häufig gut vertragen.
- Physiotherapie zu Hause weiterführen: Übungen zur Beweglichkeit und Kräftigung regelmäßig und mit Geduld machen.
- Auf das Kind hören: Wenn es Schmerzen hat, ist das ein Signal für eine Pause, nicht für Durchhalten.
- Hilfsmittel nutzen, wenn sie verordnet wurden, zum Beispiel Unterarmgehstützen – auch wenn sie unbequem erscheinen.
- Bei Schul- und Kindergartenbesuch das Personal informieren, damit das Kind nicht zum Toben gedrängt wird.
- Schmerzlindernde Maßnahmen mit der behandelnden Praxis besprechen; geben Sie Kindern keine Schmerzmittel auf eigene Faust.
Medizinische Behandlungen
Die ärztliche Begleitung besteht vor allem aus regelmäßigen Kontrolluntersuchungen, in denen Verlauf und Hüftform beobachtet werden. Je nach Befund können Physiotherapie, vorübergehende Entlastung an Gehhilfen, spezielle Vorrichtungen zur Führung der Beine oder eine zeitweise Begrenzung der Belastung empfohlen werden. Schmerzen werden in Absprache mit der Praxis behandelt; welche Mittel geeignet sind, entscheidet die Ärztin oder der Arzt individuell. Lassen Sie sich alle Maßnahmen in Ruhe erklären, und fragen Sie, welches Ziel damit verfolgt wird.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist nicht bei allen Kindern nötig. Sie kann ins Gespräch kommen, wenn der Hüftkopf trotz Behandlung seine Form verliert, wenn die Hüfte nicht gut in der Pfanne sitzt oder wenn der Verlauf trotz Ausschöpfung der anderen Möglichkeiten ungünstig bleibt. Auch das Alter des Kindes spielt eine Rolle. Ein solcher Schritt wird ausführlich mit einer kinderorthopädischen Spezialpraxis oder Klinik besprochen. Holen Sie sich bei Bedarf eine zweite Meinung ein – das ist Ihr gutes Recht.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit einem betroffenen Kind braucht oft mehr Organisation, als man denkt. Manche Kinder müssen zeitweise Gehhilfen nutzen oder dürfen beim Sport nicht mitmachen. Das kann für das Kind und für die ganze Familie anstrengend sein. Hilfreich ist ein klarer, aber freundlicher Rahmen: feste Zeiten für Übungen, Absprachen mit Schule und Kindergarten und kleine Erfolge, die bewusst gefeiert werden. Versuchen Sie, dem Kind Alternativen anzubieten – Schwimmen, Basteln, Brettspiele, Radfahren mit Erlaubnis der Praxis – damit es sich nicht als Außenseiter erlebt.
Tipps für den Alltag
- Bewegung mit Bedacht: Schwimmen, Radfahren und sanfte Gymnastik sind meist gut geeignet; fragen Sie vorher nach.
- Gewicht im Blick behalten, ohne Diäten: Eine ausgewogene Ernährung und viel Alltagsbewegung unterstützen die Hüfte.
- Rauchen Sie nicht in der Nähe Ihres Kindes – Passivrauchen gilt als zusätzlicher Risikofaktor.
- Ausreichend Schlaf und Pausen einplanen, denn Heilung braucht Energie.
- Regelmäßige Termine bei Physiotherapie und in der Praxis einhalten, auch wenn es dem Kind gut geht.
- Gemeinsame Aktivitäten planen, die nicht von der Hüfte abhängen – so bleibt das Familienleben im Gleichgewicht.
Ernährung und Bewegung
Eine spezielle Diät ist bei dieser Erkrankung nicht nötig. Achten Sie auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Milchprodukten und ausreichend Flüssigkeit, damit Knochen und Muskeln gut versorgt sind. Kalzium und Vitamin D sind für den Knochenaufbau wichtig; ob eine Ergänzung sinnvoll ist, besprechen Sie bitte mit der Kinderarztpraxis, statt selbst etwas zu geben. Bei der Bewegung gilt: gleichmäßig und sanft statt Stoßbelastung. Schwimmen, Radfahren und Übungen aus der Physiotherapie sind meist gut geeignet, solange die Praxis zustimmt.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Kinder spüren, wenn sie anders sind als ihre Freunde. Rückzug, Wut, Traurigkeit oder Angst können auftreten – das ist normal und darf sein. Nehmen Sie die Gefühle ernst, ohne alles zu einer großen Sache zu machen. Erklären Sie in einfachen Worten, was in der Hüfte passiert und dass es besser werden kann. Auch Eltern leiden mit: Sorgen, Erschöpfung und das Gefühl, ständig kämpfen zu müssen, sind verständlich. Wenn die Belastung groß wird, sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber – psychologische Unterstützung ist kein Zeichen von Schwäche. Wenn Sie oder Ihr Kind Gedanken an Selbstverletzung haben oder sich alles hoffnungslos anfühlt, holen Sie sich sofort Hilfe: In Deutschland erreichen Sie den Notruf unter 112, und es gibt anonyme Telefonseelsorge-Angebote, die Sie über Ihre örtliche Gesundheitsversorgung oder die Notrufzentrale erfragen können.
Vorbeugung
Die Legg-Calvé-Perthes-Krankheit lässt sich nicht gezielt verhindern, weil die genaue Ursache unbekannt ist. Was Sie beeinflussen können: eine gesunde Umgebung ohne Passivrauchen, ausreichend Bewegung und eine frühe Abklärung, wenn Ihr Kind hinkt oder über Hüft- oder Knieschmerzen klagt. Frühes Erkennen hilft, den Verlauf günstig zu begleiten.
Impfungen
Es gibt keine Impfung gegen diese Erkrankung. Halten Sie dennoch den regulären Impfplan Ihres Kindes ein – das schützt vor anderen Infektionen, die eine Hüftabklärung zusätzlich erschweren können.
Früherkennungsprogramme
Ein flächendeckendes Vorsorgeprogramm speziell für diese Erkrankung gibt es in Deutschland nicht. Die Hüfte wird im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen mitbeurteilt. Achten Sie im Alltag auf Hinken und unklare Beinschmerzen und sprechen Sie Ihre Kinderarztpraxis darauf an.
Komplikationen
Unbehandelt
- Der Hüftkopf kann dauerhaft seine runde Form verlieren und nicht mehr gut in die Gelenkpfanne passen.
- Die Beweglichkeit der Hüfte kann eingeschränkt bleiben, besonders beim Drehen und Spreizen.
- Ein vorzeitiger Gelenkverschleiß der Hüfte kann später im Leben auftreten.
- Manchmal bleibt ein Bein etwas kürzer oder die Hüfte steht leicht schief – das kann Gang und Haltung beeinflussen.
- Seltene, aber ernste Verläufe können zu dauerhaften Beschwerden führen, die eine spezialisierte Behandlung brauchen.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind insgesamt gut, besonders bei Kindern, die jung erkranken und früh begleitet werden. Viele Kinder heilen mit einer gut geformten Hüfte und können später ganz normal laufen, spielen und Sport treiben. Der Weg dorthin braucht Zeit – oft Monate, manchmal Jahre. Es kann Rückschritte geben, und das ist kein Scheitern, sondern Teil des Verlaufs. Mit einer verlässlichen Begleitung durch Kinderarzt- und Orthopädenpraxis, Physiotherapie und ein unterstützendes Umfeld lassen sich die meisten Kinder gut durch diese Phase bringen.
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Zuletzt aktualisiert: 24. Oktober 2026
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