Immuntherapie: Behandlung mit dem eigenen Abwehrsystem
Übersicht
Bei einer Immuntherapie wird das körpereigene Abwehrsystem (das Immunsystem) gezielt beeinflusst. Das Immunsystem ist so etwas wie die Körperschutzpolizei: Es erkennt Krankheitserreger und Fremdstoffe und wehrt sie ab. Bei einer Immuntherapie wird diese Abwehr trainiert, gestärkt oder auch gebremst. In der Hausarztpraxis geht es am häufigsten um die Allergie-Immuntherapie, auch Hyposensibilisierung genannt. Dabei bekommt der Körper über lange Zeit kleine, langsam steigende Mengen von dem Stoff, auf den er allergisch reagiert – zum Beispiel Pollen oder Hausstaubmilben. So lernt das Immunsystem, gelassener zu reagieren. Eine andere Form ist die Immuntherapie bei Krebs. Sie wird von Fachärztinnen und Fachärzten in Kliniken oder spezialisierten Praxen durchgeführt und gehört nicht in die normale Hausarztbehandlung.
Wichtige Fakten
- Immuntherapie ist kein einzelnes Medikament, sondern ein Behandlungsprinzip: Das Abwehrsystem wird gezielt beeinflusst.
- Bei Allergien dauert die Behandlung meist etwa drei Jahre. Der Nutzen kann danach noch viele Jahre anhalten.
- Leichte Reaktionen an der Einstichstelle oder im Mund sind häufig und meist harmlos. Starke Reaktionen müssen sofort gemeldet werden.
Ja. Die Allergie-Immuntherapie wird seit über hundert Jahren angewendet und gehört bei Heuschnupfen, Hausstaubmilben-Allergie und bestimmten Asthmaformen zum üblichen Behandlungsangebot. Auch die Immuntherapie bei Krebs wird immer häufiger eingesetzt.
Vor allem Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit allergischem Schnupfen (Heuschnupfen), allergischem Asthma oder einer Allergie gegen Insektengifte. Die Immuntherapie bei Krebs betrifft Menschen mit bestimmten Tumorarten, häufig in fortgeschritteneren Stadien.
Symptome
- Schwellung von Gesicht, Lippen, Zunge oder Rachen
- Atemnot, pfeifende Atmung, Engegefühl im Hals oder plötzliche Heiserkeit
- Starker Schwindel, Kreislaufschwäche oder Ohnmacht
- Großflächiger Hautausschlag (Nesselsucht) mit starkem Juckreiz am ganzen Körper
- Übelkeit, Erbrechen oder Bauchkrämpfe zusammen mit den oben genannten Zeichen
- Diese Zeichen können auf eine schwere allergische Reaktion (anaphylaktischer Schock) hindeuten. Rufen Sie sofort die 112 an – auch wenn Sie unsicher sind.
- ⚠Starke Schwellung an der Einstichstelle, die über den Tag zunimmt oder die ganze Extremität betrifft
- ⚠Fieber über 38 °C oder deutliches Krankheitsgefühl nach einer Behandlung
- ⚠Anhaltender Durchfall, wiederholtes Erbrechen oder ein ausgedehnter Hautausschlag während einer Immuntherapie gegen Krebs
- ⚠Neu auftretender trockener Husten, Kurzatmigkeit oder auffällige Erschöpfung
- ⚠Diese Beschwerden sollten Sie noch am selben Tag ärztlich abklären lassen.
Häufige Symptome
- Beschwerden, gegen die die Allergie-Immuntherapie hilft: Niesen, laufende oder verstopfte Nase, juckende und tränende Augen, juckender Gaumen.
- Nach einer Spritze: Rötung, Schwellung, Juckreiz oder leichtes Brennen an der Einstichstelle. Das klingt meist innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen ab.
- Bei Tropfen oder Tabletten unter der Zunge: Kribbeln, Jucken oder leichtes Anschwellen im Mund- und Lippenbereich.
- Müdigkeit oder Kopfschmerzen am Behandlungstag können vorkommen.
- Bei einer Immuntherapie gegen Krebs: grippeähnliche Beschwerden, Hautausschlag, Durchfall oder Husten. Solche Zeichen sollten Sie immer in der behandelnden Praxis melden – auch wenn sie harmlos wirken.
Ursachen
Hauptursachen
- Eine Immuntherapie ist selbst keine Krankheit, sondern eine Behandlung. Der Anlass ist eine fehlgesteuerte oder überaktive Abwehrreaktion.
- Bei Allergien: Das Immunsystem stuft harmlose Stoffe wie Pollen, Milbenkot oder Insektengift fälschlich als gefährlich ein und bekämpft sie.
- Bei allergischem Asthma: Eine dauerhafte Entzündung der Atemwege macht die Bronchien empfindlich.
- Bei Krebs: Tumorzellen können sich so tarnen, dass das Immunsystem sie nicht erkennt oder nicht angreift.
- Bei manchen Tumorarten lässt sich das Abwehrsystem gezielt wieder „anschalten“ – das ist die Grundidee der Krebs-Immuntherapie.
Risikofaktoren
- Allergien in der Familie, also Eltern oder Geschwister mit Allergie oder Asthma
- Viel Zeit in Gegenden mit hoher Pollenbelastung
- Rauchen – es verschlechtert Allergien und Asthma deutlich
- Für stärkere Reaktionen während einer Allergie-Immuntherapie: schlecht eingestelltes Asthma oder eine sehr schnelle Dosissteigerung
- Bei einer Immuntherapie gegen Krebs: bestimmte Autoimmunerkrankungen, die vorher besprochen werden müssen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Nach einer Spritze treten Atemnot, Schwellungen im Gesicht oder Kreislaufprobleme auf – sofort 112 anrufen.
- Sie haben nach einer Behandlung Fieber, starke Schwellung oder fühlen sich deutlich krank.
- Während einer Immuntherapie gegen Krebs kommen neue Beschwerden hinzu, zum Beispiel anhaltender Durchfall oder Husten.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Sie überlegen, ob eine Immuntherapie für Sie oder Ihr Kind infrage kommt.
- Ihre Allergiebeschwerden werden trotz Nasenspray oder Tabletten nicht ausreichend besser.
- Sie möchten weniger Medikamente brauchen und die Ursache angehen.
- Ihr Asthma wird häufiger schlechter oder Sie brauchen öfter ein Notfallspray.
- Sie reagieren stark auf Bienen- oder Wespenstiche.
Diagnose
Vor einer Immuntherapie wird zuerst geklärt, worauf Sie überhaupt allergisch reagieren und ob die Behandlung zu Ihnen passt. Das passiert im ausführlichen Gespräch und mit einigen Tests. Bei einer geplanten Immuntherapie gegen Krebs erfolgt die Abklärung durch die Krebsfachpraxis oder Klinik, meist anhand einer Gewebeprobe.
Mögliche Untersuchungen
- Ausführliches Gespräch (Anamnese): Wann, wo und wie stark treten die Beschwerden auf? Was hilft, was verschlimmert?
- Hauttest (Pricktest): Allergene werden auf die Haut aufgebracht und leicht angeritzt. Nach etwa 15 Minuten zeigt sich, ob eine Reaktion entsteht.
- Bluttest auf spezifische Antikörper (IgE) – sinnvoll, wenn der Hauttest nicht eindeutig ist oder nicht gemacht werden kann.
- Lungenfunktionstest (Spirometrie), wenn ein Asthma im Spiel sein könnte.
- Bei Krebs: Gewebeprobe (Biopsie) und Untersuchungen des Tumorgewebes, um zu sehen, ob eine Immuntherapie infrage kommt.
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Allergietests sind harmlos und dauern meist nicht lange. Antihistaminika-Tabletten müssen vorher einige Tage pausiert werden, weil sie das Testergebnis verfälschen können – fragen Sie dazu in Ihrer Praxis nach. Nach der Auswertung besprechen Sie gemeinsam, welche Behandlung zu Ihren Beschwerden und Ihrem Alltag passt.
Behandlung
Für Allergien gibt es zwei Wege: Spritzen unter die Haut, die in der Praxis gegeben werden, oder Tropfen beziehungsweise Tabletten unter die Zunge, die Sie zu Hause anwenden. Beide werden über etwa drei Jahre durchgeführt, mit einer Anfangsphase und einer längeren Erhaltungsphase. Eine Immuntherapie gegen Krebs läuft über eine Infusion in spezialisierten Zentren, meist in festen Abständen.
Selbsthilfe zu Hause
- Führen Sie ein kurzes Beschwerdetagebuch: Das hilft, den Verlauf und den Erfolg einzuschätzen.
- Bleiben Sie nach jeder Spritze mindestens 30 Minuten in der Praxis – das ist eine wichtige Sicherheitsregel.
- Verzichten Sie am Behandlungstag auf anstrengenden Sport, Sauna und Alkohol.
- Sagen Sie bei jedem Termin offen, wenn Sie sich nicht wohlfühlen oder eine Erkältung haben. Dann wird die Dosis eventuell verschoben.
- Halten Sie Ihren Allergiepass aktuell und tragen Sie ihn bei sich.
- Wenden Sie Tropfen oder Tabletten möglichst immer zur gleichen Tageszeit an und lassen Sie sie eine Weile unter der Zunge wirken.
- Informieren Sie die Praxis über neue Medikamente, bevorstehende Impfungen oder eine Schwangerschaft.
Medizinische Behandlungen
Bei der Allergie-Immuntherapie bekommen Sie über Monate eine langsam ansteigende Menge des Allergens, auf das Sie reagieren. Der Körper gewöhnt sich daran und reagiert mit der Zeit ruhiger. Zusätzlich können Mittel gegen die Allergiebeschwerden nötig bleiben, etwa Nasensprays oder Augentropfen – das ist normal und kein Zeichen des Misserfolgs. Bei der Immuntherapie gegen Krebs werden Wirkstoffe über eine Infusion gegeben, die das Abwehrsystem aktivieren sollen. Welche Behandlung im Einzelfall passt, welche Vor- und Nachteile sie hat und wie sie überwacht wird, bespricht das Behandlungsteam ausführlich mit Ihnen.
Wann kommt eine Operation infrage?
Bei der Allergie-Immuntherapie spielt eine Operation keine Rolle. Bei einer Krebserkrankung kann eine Immuntherapie mit einer Operation oder anderen Behandlungen kombiniert werden – das hängt von der Tumorart und vom Stadium ab und wird individuell geplant.
Leben mit der Erkrankung
Eine Immuntherapie braucht Geduld: Die Termine sind regelmäßig, der Erfolg zeigt sich oft erst nach Monaten. Viele Menschen empfinden die Spritzen als kleinen, gut planbaren Teil ihres Alltags. Praktisch ist es, die Termine an feste Wochentage zu legen und sich daran zu erinnern, dass Sie damit langfristig etwas für sich tun.
Tipps für den Alltag
- Rauchfrei leben – das ist der wichtigste Einzelpunkt für bessere Atemwege.
- Richtig lüften: in der Pollensaison morgens und abends kurz stoßlüften statt lange gekippt.
- Nach dem Aufenthalt draußen duschen und Haare waschen, Kleidung wechseln.
- Bettwäsche regelmäßig bei hoher Temperatur waschen, besonders bei Milbenallergie.
- In der Pollensaison abends lüften und tagsüber Fenster geschlossen halten.
- Bei Insektengift-Allergie: nicht barfuß im Gras laufen und süße Getränke im Freien abdecken.
Ernährung und Bewegung
Eine besondere Diät ist für eine Immuntherapie nicht nötig. Essen Sie ausgewogen und trinken Sie ausreichend. Bewegung tut gut und stärkt die Atemwege – am besten regelmäßig, aber nicht direkt am Tag einer Spritze. Bei Asthma ist Sport ausdrücklich erwünscht; besprechen Sie mit Ihrer Praxis, ob Sie vor dem Sport etwas brauchen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Allergien und erst recht eine Krebserkrankung können belasten: schlechter Schlaf, Sorgen, Ungeduld mit der langen Behandlung. Das ist verständlich und darf sein. Sprechen Sie darüber – mit Angehörigen, in der Praxis oder mit einer psychosozialen Beratungsstelle. Wenn Sie sich sehr niedergeschlagen fühlen oder Gedanken haben, die Ihnen Angst machen, suchen Sie bitte zeitnah Unterstützung; in akuten Krisen sind die Telefonseelsorge und der ärztliche Bereitschaftsdienst für Sie da.
Vorbeugung
Eine Immuntherapie selbst kann man nicht „verhindern“. Aber Sie können viel dafür tun, dass Allergien und Asthma gar nicht erst so belastend werden: früh abklären lassen, Rauch vermeiden, Allergene zu Hause reduzieren und Asthma konsequent behandeln. Bei Kindern aus Allergiefamilien lohnt sich ein aufmerksamer Blick auf erste Anzeichen.
Impfungen
Eine Immuntherapie ist keine Schutzimpfung im üblichen Sinn, auch wenn die Grundidee ähnlich ist: Der Körper lernt durch wiederholten Kontakt. Wichtig zu wissen: An einem Tag mit einer Allergie-Spritze werden in der Regel keine anderen Impfungen gegeben. Planen Sie Impfungen gemeinsam mit Ihrer Praxis und halten Sie die empfohlenen Standardimpfungen aktuell.
Früherkennungsprogramme
Ein allgemeines Screening auf „Immuntherapie-Bedarf“ gibt es nicht. Sinnvoll ist es, anhaltende Allergiebeschwerden früh abklären zu lassen, statt jahrelang nur Symptome zu unterdrücken. Bei Krebs gilt: Nehmen Sie die Angebote zur Früherkennung wahr, die für Ihr Alter und Geschlecht empfohlen sind.
Komplikationen
Unbehandelt
- Ein unbehandelter Heuschnupfen kann sich zu allergischem Asthma entwickeln – die Immuntherapie kann dieses Risiko senken.
- Dauerhaft schlechter Schlaf und Konzentrationsprobleme beeinträchtigen Schule, Beruf und Stimmung.
- Häufige Nasennebenhöhlenentzündungen und wiederkehrende Mittelohrprobleme sind möglich.
- Bei einer Immuntherapie gegen Krebs gilt: Ohne passende Behandlung kann die Erkrankung fortschreiten. Deshalb sind regelmäßige Gespräche mit dem Behandlungsteam so wichtig.
- Nebenwirkungen der Behandlung können auftreten – deshalb die Sicherheitsregeln (30 Minuten Nachbeobachtung) unbedingt einhalten.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind insgesamt gut. Die Allergie-Immuntherapie kann bei vielen Menschen die Beschwerden deutlich verringern, den Medikamentenbedarf senken und die Lebensqualität verbessern – oft über die Behandlungsjahre hinaus. Auch bei Krebs hat die Immuntherapie für manche Menschen die Behandlungsmöglichkeiten deutlich erweitert. Ob und wie viel sie im Einzelfall bringt, lässt sich nicht versprechen; das Behandlungsteam kann Ihre persönliche Situation aber realistisch einschätzen.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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