Entnahme von Unterarm-Schlagader und Beinvene für eine Bypass-Operation
Übersicht
Bei diesem Eingriff werden zwei eigene Blutgefäße aus dem Körper entnommen und später als Umleitung am Herzen eingesetzt. Das eine ist die Radialarterie, eine Schlagader an der Innenseite des Unterarms, die man am Handgelenk als Puls fühlen kann. Das andere ist die Vena saphena, die große oberflächliche Vene an der Innenseite des Beins, oft auch „Rosenvene“ genannt. „Harvesting“ ist der englische Fachbegriff für Entnahme. Der Sinn dahinter: Verengte Herzkranzgefäße können das Herz nicht mehr gut mit Blut versorgen. Die entnommenen Gefäße werden zu einer Brücke um die Engstelle herum, also zu einem Bypass. Für den Körper ist der Verlust dieser Gefäße gut verkraftbar, weil im Arm und im Bein viele weitere Gefäße die Versorgung übernehmen.
Wichtige Fakten
- Entnommen werden zwei eigene Gefäße: eine Schlagader aus dem Unterarm und eine Vene aus dem Bein.
- Sie dienen als Umleitung für verengte Herzkranzgefäße – das ist die eigentliche Bypass-Operation.
- Die Entnahmestellen liegen am Unterarm und am Bein; dort bleiben Narben zurück.
- Die Entnahme ist ein geplanter Teil einer großen Herzoperation und wird vorher ausführlich besprochen.
Ja, das ist ein sehr häufiger Eingriff. Die Bypass-Operation gehört zu den am häufigsten durchgeführten Herzoperationen in Deutschland. Beinvenen werden dabei am öftesten verwendet. Die Unterarm-Schlagader kommt regelmäßig dazu, vor allem wenn sie gut geeignet ist und die Venen allein nicht ausreichen.
Vor allem Menschen mit einer fortgeschrittenen Verengung der Herzkranzgefäße, also einer Koronaren Herzkrankheit. Häufig sind es ältere Erwachsene, oft Männer, und oft Menschen mit Zuckerkrankheit, Rauchen oder hohem Blutdruck in der Vorgeschichte. Auch jüngere Menschen können betroffen sein, etwa bei starker familiärer Veranlagung.
Symptome
- Starke Brustschmerzen, die länger als ein paar Minuten anhalten und nicht besser werden
- Brustschmerz mit Ausstrahlung in Arm, Rücken, Hals oder Kiefer, dazu kalter Schweiß
- Plötzliche schwere Atemnot
- Ohnmacht oder plötzliche Bewusstseinstrübung
- Warnzeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, Arm- oder Beinschwäche, verwaschene Sprache, plötzliche Sehstörung
- Eine starke Blutung aus einer Wunde, die sich nicht stillen lässt
- Nach einer Operation zusätzlich: hohes Fieber mit Schüttelfrost, sich schnell ausbreitende Rötung oder eitrige Wunde
- In allen diesen Fällen gilt: sofort den Notruf 112 rufen
- ⚠Die Wunde wird rot, warm, dick oder schmerzt zunehmend
- ⚠Fieber oder Schüttelfrost
- ⚠Die Wunde öffnet sich oder nässt
- ⚠Zunehmendes Taubheitsgefühl oder Kraftlosigkeit in der Hand
- ⚠Schwellung, Wärme und Schmerz in der Wade
- ⚠Herzrasen, Schwindel oder zunehmende Luftnot in den Tagen und Wochen nach der Operation
Häufige Symptome
- Enge in der Brust (Angina pectoris), besonders bei Belastung, Kälte oder Aufregung
- Atemnot bei Anstrengung, zum Beispiel beim Treppensteigen
- Müdigkeit und schnellere Erschöpfung als früher
- Schmerzen, die in Arm, Schulter, Hals oder Kiefer ausstrahlen
- Herzstolpern oder ein unangenehmes Herzklopfen
- Die Beschwerden bessern sich oft in Ruhe – das ist typisch, heißt aber nicht, dass alles in Ordnung ist
- Nach der Operation: Wundschmerz, Spannungsgefühl, blaue Flecken und Taubheitsgefühle an Arm oder Bein sind anfangs normal und werden meist nach und nach besser
Ursachen
Hauptursachen
- Die Entnahme selbst hat keine Ursache im klassischen Sinn – sie ist ein geplanter Operationsschritt.
- Der Grund, warum sie nötig wird, ist fast immer eine Koronare Herzkrankheit: Fett- und Kalkablagerungen, sogenannte Plaques, verengen die Herzkranzgefäße.
- Wenn mehrere Gefäße betroffen sind, wenn der Hauptstamm des Herzens verengt ist oder wenn ein Stent nicht sinnvoll erscheint, plant das Herzteam eine Bypass-Operation – dafür braucht es geeignetes Ersatzmaterial aus dem eigenen Körper.
Risikofaktoren
- Rauchen
- Hoher Blutdruck
- Zuckerkrankheit (Diabetes)
- Erhöhte Cholesterinwerte
- Übergewicht, besonders Bauchfett
- Bewegungsmangel
- Starke familiäre Belastung, etwa Herzinfarkt bei nahen Angehörigen in jungen Jahren
- Hohes Alter und männliches Geschlecht
- Dauerstress und schlechter Schlaf
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn eine Wunde rot, warm und zunehmend schmerzhaft wird oder sich öffnet
- Wenn Fieber oder Schüttelfrost auftritt
- Wenn die Hand taub wird oder an Kraft verliert
- Wenn die Wade schmerzhaft anschwillt und sich warm anfühlt
- Wenn nach der Operation Herzrasen, Schwindel oder zunehmende Luftnot auftreten
- Bei Brustschmerzen oder Atemnot in Ruhe gilt: Notruf 112, nicht selbst hinfahren
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Zu den vereinbarten Wundkontrollen und Herz-Kontrollterminen
- Wenn die Belastbarkeit über Wochen nicht besser wird
- Bei Fragen zu Medikamenten, zur Rehabilitation oder zur Arbeitsfähigkeit
- Wenn Narben spannen oder die Beweglichkeit im Arm oder Bein einschränkt
- Wenn Sie unsicher sind, ob ein Beschwerdebild normal ist – lieber einmal zu viel nachfragen
Diagnose
Vor der Operation prüft das Team, welche Gefäße sich als Bypass eignen. Bei der Unterarm-Schlagader ist wichtig, dass die Hand auch ohne sie gut durchblutet bleibt. Dafür gibt es einfache Handgriffe und eine Ultraschalluntersuchung. Beim Bein werden die Venen mit Ultraschall sozusagen kartiert, also genau vermessen und auf der Haut markiert.
Mögliche Untersuchungen
- Herzkatheteruntersuchung (Koronarangiografie): Die Herzkranzgefäße werden mit Kontrastmittel sichtbar gemacht.
- Ultraschall der Arm- und Beingefäße (Doppler- oder Duplex-Untersuchung)
- Allen-Test: Dabei wird die Pulsader am Handgelenk kurz abgedrückt, und man sieht, wie schnell die Hand wieder durchblutet wird.
- EKG und Ultraschall des Herzens (Echokardiografie)
- Belastungstest oder eine Herz-Untersuchung mit Magnetresonanz bzw. Computertomografie, wenn zusätzliche Fragen offen sind
- Blutwerte, unter anderem Nierenwerte und Gerinnung
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Sie haben vorher ein ausführliches Aufklärungsgespräch, in dem Nutzen, Risiken und Alternativen besprochen werden. Häufig werden die Entnahmestellen am Tag vorher markiert. Am Operationstag sind Sie nüchtern, die Operation läuft in Vollnarkose. Die Entnahme selbst ist nur ein Teil der gesamten Operationszeit.
Behandlung
Die Entnahme ist Teil einer Bypass-Operation und wird in Vollnarkose durchgeführt. Die Gefäße werden entweder über einen längeren Schnitt oder über mehrere kleine Schnitte entnommen; bei der Beinvene gibt es zusätzlich ein Verfahren mit einer kleinen Kamera (endoskopisch). Danach eröffnet das Herzteam den Brustkorb und näht die Gefäße als Umleitung an die Herzkranzgefäße. Nach der Operation geht es vor allem um Wundpflege, Schmerzlinderung, frühe Bewegung und die Wiederaufnahme der Herzmedikamente.
Selbsthilfe zu Hause
- Wunden trocken und sauber halten, genau so, wie es das Team erklärt
- Das Bein hochlegen, wenn es spannt oder anschwillt; den Kompressionsstrumpf so tragen, wie verordnet
- Arm und Hand regelmäßig bewegen, aber keine schweren Lasten heben, solange es nicht erlaubt ist
- Nicht rauchen – das verbessert die Wundheilung deutlich
- Auf Warnzeichen achten (Rötung, Fieber, zunehmender Schmerz) und lieber früh nachfragen
- Schmerzmittel nur wie besprochen einnehmen
- Termine für Rehabilitation und Physiotherapie wahrnehmen
Medizinische Behandlungen
Nach der Operation bekommen Sie in der Regel Medikamente, die das Herz entlasten und verhindern sollen, dass sich neue Verengungen bilden oder Blutgerinnsel entstehen. Dazu gehören je nach Situation blutdrucksenkende und cholesterinsenkende Mittel sowie Mittel, die die Gerinnung beeinflussen. Auch Schmerzmittel und, falls nötig, Antibiotika kommen zum Einsatz. Welche Mittel zu Ihnen passen, legt das Behandlungsteam individuell fest. Bitte ändern Sie nichts auf eigene Faust und sprechen Sie Nebenwirkungen offen an.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Bypass-Operation wird empfohlen, wenn Herzkranzgefäße so stark verengt sind, dass das Herz zu wenig Blut bekommt, wenn mehrere Gefäße betroffen sind, wenn der Hauptstamm verengt ist oder wenn Beschwerden trotz anderer Behandlung bleiben. Dann ist die Operation oft die beste Möglichkeit, einen Herzinfarkt zu verhindern und Belastbarkeit zurückzugewinnen.
Leben mit der Erkrankung
Die ersten Wochen drehen sich um Heilung. Sie merken vielleicht, dass Sie schnell müde werden, dass die Narbe spannt oder dass sich Hand oder Bein taub anfühlen. Das bessert sich meist nach und nach. Viele Menschen spüren nach der Operation zum ersten Mal seit Langem, dass sie ohne Enge treppauf gehen können – das ist ein starkes Erlebnis und braucht trotzdem Geduld.
Tipps für den Alltag
- Mit dem Rauchen aufhören – das ist der wichtigste einzelne Schritt
- Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin im Blick behalten
- Täglich in Bewegung bleiben, langsam steigern
- Ausreichend schlafen und Pausen einplanen
- Alkohol nur in Maßen
- Stress abbauen, zum Beispiel durch Entspannungsübungen oder Spaziergänge
Ernährung und Bewegung
Essen Sie möglichst bunt und frisch: viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Vollkornprodukte, dazu Fisch und hochwertige Öle. Wenig Salz, wenig stark verarbeitete Lebensmittel und wenig Zucker unterstützen Herz und Gefäße. Bewegung ist nach der Operation ausdrücklich erwünscht: Spaziergänge sind ideal, später gerne mit Steigerung. Eine kardiologische Rehabilitation (Anschlussheilbehandlung) hilft, das Tempo richtig zu wählen. Bei Übungen für Arm und Bein gilt: lieber regelmäßig und sanft als selten und zu viel.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Nach einer Herzoperation fühlen sich viele Menschen zunächst ängstlich, niedergeschlagen oder erschöpft. Manche schlafen schlecht oder denken viel über die eigene Gesundheit nach. Das ist häufig und meist vorübergehend. Sprechen Sie darüber – mit Ihrem Behandlungsteam, Ihrer Hausarztpraxis oder in einer Selbsthilfegruppe. Wenn Sie das Gefühl haben, in eine seelische Krise zu geraten, suchen Sie bitte zeitnah Unterstützung. In Deutschland gibt es rund um die Uhr erreichbare, kostenlose Notfall- und Seelsorgeangebote, zum Beispiel die Telefonseelsorge. Bei akuter Gefahr für sich oder andere rufen Sie den Notruf 112.
Vorbeugung
Die Entnahme selbst können Sie nicht verhindern – sie ist ein Behandlungsbaustein. Aber Sie können sehr viel dafür tun, dass eine Bypass-Operation gar nicht erst nötig wird und dass sich nach der Operation keine neuen Verengungen bilden.
Impfungen
Für Menschen mit Herz- und Gefäßerkrankungen empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) bestimmte Schutzimpfungen, zum Beispiel gegen Grippe und gegen Pneumokokken. Fragen Sie Ihre Hausarztpraxis, was für Sie sinnvoll ist.
Früherkennungsprogramme
Regelmäßige Checks beim Hausarzt helfen, Risiken früh zu erkennen: Blutdruck messen, Blutzucker und Cholesterin kontrollieren lassen. In Deutschland können gesetzlich Versicherte ab 35 Jahren alle drei Jahre einen Gesundheits-Check-up nutzen. Bei Beschwerden wie Brustenge oder Luftnot beim Gehen nicht abwarten, sondern zeitnah einen Termin vereinbaren.
Komplikationen
Unbehandelt
- Eine unbehandelte Wundinfektion kann sich ausbreiten und eine zusätzliche Behandlung nötig machen.
- Wenn eine verengte Stelle im Herzkranzgefäß unbehandelt bleibt, steigt das Risiko für einen Herzinfarkt.
- Anhaltende Schwellung oder Taubheit an Arm oder Bein kann die Beweglichkeit länger einschränken – Physiotherapie hilft.
- Ein Blutgerinnsel im Bein (Thrombose) kann wandern und gefährlich werden, wenn es nicht erkannt wird.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind meist gut. Die große Mehrheit der Menschen erholt sich nach der Operation gut und gewinnt an Belastbarkeit und Lebensqualität. Narben und kleine Taubheitsgefühle bleiben manchmal zurück, stören im Alltag aber selten. Entscheidend ist die Nachsorge: Termine wahrnehmen, Medikamente regelmäßig einnehmen und den Lebensstil anpassen. So kann ein Bypass viele Jahre halten.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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