Hyperbare Sauerstofftherapie: Sauerstoff unter Überdruck
Übersicht
Bei der hyperbaren Sauerstofftherapie – kurz HBO oder HBOT – atmet man reinen Sauerstoff in einer Druckkammer. In dieser Kammer herrscht ein höherer Druck als draußen. Das Wort „hyperbar“ bedeutet einfach „unter erhöhtem Druck“. Durch den Druck gelangt viel mehr Sauerstoff ins Blut als sonst üblich. Der Sauerstoff wird sozusagen im Blutplasma gelöst und kann auch in Gewebe vordringen, das schlecht durchblutet ist. Dort unterstützt er die Heilung von Wunden und hilft dem Körper, bestimmte Bakterien zu bekämpfen. Die Behandlung ist keine Wunderkur, sondern ein medizinisches Verfahren mit klar festgelegten Einsatzgebieten.
Wichtige Fakten
- Die Therapie findet in einer speziellen Druckkammer statt, meist in einer Klinik oder einem Zentrum für hyperbare Medizin.
- Eine Sitzung dauert in der Regel etwa ein bis zwei Stunden. Oft sind viele Sitzungen über mehrere Wochen nötig.
- Bei sorgfältiger Voruntersuchung gilt die Behandlung als sicher. Seltene Risiken betreffen vor allem die Ohren und sehr selten Lunge oder Nerven.
Die hyperbare Sauerstofftherapie ist eine seltene Spezialbehandlung. In Deutschland gibt es nur eine begrenzte Zahl von Zentren. Viele Menschen haben noch nie davon gehört, obwohl das Verfahren seit Jahrzehnten erprobt ist.
Sie kommt bei Menschen mit schlecht heilenden Wunden vor, besonders bei Diabetes, nach einer Strahlentherapie oder nach Unfällen mit Gewebeschäden. Auch Taucherinnen und Taucher mit Dekompressionskrankheit sowie Menschen mit einer Kohlenmonoxidvergiftung können sie brauchen. Kinder werden nur selten so behandelt.
Symptome
- Bewusstlosigkeit, starke Verwirrtheit oder ein Krampfanfall
- Plötzliche Atemnot oder sehr schnelle, flache Atmung
- Plötzliche Brustschmerzen, Engegefühl in der Brust oder Herzrasen
- Nach dem Tauchen: Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen, starke Gelenkschmerzen oder fleckige Hautveränderungen – Verdacht auf eine Dekompressionskrankheit
- Verdacht auf Kohlenmonoxidvergiftung, zum Beispiel wenn mehrere Personen in einem Raum gleichzeitig Kopfschmerzen und Übelkeit haben
- Schwellung von Gesicht, Lippen oder Hals, Atemnot oder starker Hautausschlag nach der Behandlung
- ⚠Zunehmende Rötung, Schwellung, Eiter oder Fieber bei einer Wunde
- ⚠Starke Ohrenschmerzen oder Druckgefühl, das nach der Sitzung nicht verschwindet
- ⚠Neu aufgetretenes Pfeifen im Ohr oder Hörminderung nach einer Sitzung
- ⚠Husten oder leichte Atemnot nach einer Sitzung
- ⚠Starke Panik oder Platzangst während der Sitzung, die sich nicht beruhigen lässt
Häufige Symptome
- Schlecht heilende Wunden, die über Wochen kaum Fortschritte machen
- Schmerzen, Schwellung, Rötung oder Überwärmung an einer Wunde
- Taubheit, Kribbeln oder ein Schwächegefühl im betroffenen Bereich
- Bei Strahlenschäden: Hautveränderungen, Verhärtungen, Mundtrockenheit oder Schluckbeschwerden
- Nach dem Tauchen: Gelenkschmerzen, Müdigkeit, Hautveränderungen oder Kribbeln
- Bei Kohlenmonoxidvergiftung: Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel und Verwirrtheit
- Plötzlicher Hörverlust oder Ohrgeräusche – hier wird die Behandlung nur ergänzend und nicht überall eingesetzt
Ursachen
Hauptursachen
- Chronische Wunden, die trotz guter Behandlung nicht heilen, zum Beispiel bei Diabetes am Fuß
- Spätfolgen einer Strahlentherapie, etwa an Haut, Knochen, Blase oder im Mund- und Rachenraum
- Dekompressionskrankheit nach dem Tauchen oder nach schnellen Höhenwechseln
- Kohlenmonoxidvergiftung oder Rauchgasvergiftung
- Chronische Knochenentzündung, die auf andere Behandlungen nicht anspricht
- Gefährdete Hauttransplantate oder Gewebelappen nach einer Operation
- Gasbrand, eine seltene und schwere bakterielle Infektion
- Plötzlicher Hörverlust oder Ohrgeräusche – hier ist die Studienlage begrenzt
- Verschluss einer Netzhautschlagader im Auge
Risikofaktoren
- Nicht behandelte Luft im Brustraum (Pneumothorax) – dann darf die Therapie nicht durchgeführt werden
- Erkältung, Schnupfen oder Nebenhöhlenentzündung – der Druckausgleich fällt dann schwer
- Probleme mit der Ohrtrompete oder dem Trommelfell
- Bestimmte Lungenerkrankungen mit schlechtem Gasaustausch
- Nicht gut eingestellte Krampfanfälle
- Bestimmte Medikamente, etwa einige Krebsmittel – das Behandlungsteam muss die Krankenakte prüfen
- Platzangst oder starke Angst vor engen Räumen
- Schwangerschaft – nur nach sorgfältiger Abwägung
- Fieber oder eine akute Infektion
- Herzschrittmacher oder andere Implantate – moderne Geräte sind meist unproblematisch, müssen aber geprüft werden
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Eine Wunde wird innerhalb von Tagen deutlich schlimmer, schmerzhafter oder eitert
- Nach dem Tauchen treten Beschwerden auf – auch erst Stunden später
- Verdacht auf eine Kohlenmonoxidvergiftung
- Starke Ohrenschmerzen nach einer Sitzung
- Atemnot oder anhaltender Husten nach einer Sitzung
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Eine Wunde heilt über viele Wochen nicht
- Sie hatten eine Strahlentherapie und leiden unter Spätfolgen
- Bei Diabetes: eine Stelle am Fuß ist taub, verfärbt oder druckempfindlich
- Sie möchten wissen, ob eine hyperbare Sauerstofftherapie für Sie in Frage kommt
- Sie wollen einen Termin in einem Zentrum für hyperbare Medizin planen
Diagnose
Bevor eine hyperbare Sauerstofftherapie beginnt, prüft ein Team aus Ärztinnen, Ärzten und Fachpersonal, ob die Behandlung sinnvoll und sicher ist. Dazu gehört ein ausführliches Gespräch über Beschwerden, Vorerkrankungen und eingenommene Medikamente. Danach folgen eine körperliche Untersuchung und einige Tests. Erst wenn der erwartete Nutzen größer ist als die Risiken, wird ein Behandlungsplan erstellt. Viele Zentren in Deutschland orientieren sich dabei an den Empfehlungen der AWMF-Leitlinien (AWMF = Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften, die solche Leitlinien erarbeitet).
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung, besonders von Wunde, Ohr, Nase und Lunge
- Hörtest und Untersuchung des Trommelfells
- Röntgenaufnahme oder Ultraschall der Lunge
- Lungenfunktionstest
- Blutuntersuchungen, zum Beispiel Blutzucker und Entzündungswerte
- Messung des Sauerstoffgehalts im Gewebe an der Haut
- Augenärztliche Untersuchung, wenn Sehstörungen möglich sind
- Bildgebung wie MRT oder CT, wenn Knochen oder tieferes Gewebe betroffen sind
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Rechnen Sie mit einem ausführlichen Erstgespräch. Bringen Sie Arztbriefe, Operationsberichte und vorhandene Bilder mit. Im Gespräch wird geklärt, wie viele Sitzungen geplant sind und ob ein Fahrdienst nötig ist. Nach den ersten Sitzungen schaut das Team gemeinsam, ob die Behandlung anschlägt.
Behandlung
Die Behandlung findet in einer Druckkammer statt – das kann eine Einzelkammer mit Sichtfenster oder eine größere Kammer für mehrere Personen sein. Sie liegen oder sitzen bequem, atmen über eine Maske oder einen Helm reinen Sauerstoff und können mit dem Team sprechen. Der Druck wird langsam erhöht und am Ende wieder gesenkt. Dabei kann ein Druckgefühl im Ohr entstehen, ähnlich wie im Flugzeug; Schlucken oder Gähnen hilft. Eine Sitzung dauert meist eine bis zwei Stunden. Je nach Krankheitsbild sind viele Sitzungen über mehrere Wochen üblich.
Selbsthilfe zu Hause
- Kommen Sie ausgeruht und nicht mit ganz leerem Magen, aber auch nicht direkt nach einer sehr schweren Mahlzeit
- Rauchen Sie vor einer Sitzung nicht und fragen Sie Ihr Team, wie lange Sie vorher abstinent bleiben sollten
- Verzichten Sie vor der Sitzung auf Alkohol
- Verwenden Sie keine Parfüms, Cremes, Öle oder Make-up – sie können unter reinem Sauerstoff brennen
- Tragen Sie am besten Baumwollkleidung ohne Metallteile; Schmuck, Uhr und Brille bleiben draußen
- Sagen Sie Bescheid, wenn Sie erkältet sind oder sich die Ohren „zu“ anfühlen
- Üben Sie den Druckausgleich: Schlucken, Gähnen oder die Nase vorsichtig zuhalten und sanft ausatmen
- Halten Sie Ihre Termine möglichst regelmäßig ein – die Wirkung hängt von der Zahl der Sitzungen ab
- Trinken Sie ausreichend, wenn Ihr Behandlungsteam nichts anderes empfiehlt
Medizinische Behandlungen
Die hyperbare Sauerstofftherapie ist meist ein Baustein in einem größeren Behandlungskonzept. Das heißt: Die Grunderkrankung wird weiter behandelt. Eine Wunde wird fachgerecht versorgt und entlastet, eine Infektion ärztlich abgeklärt, und bei Diabetes wird der Blutzucker gemeinsam mit dem Behandlungsteam gut eingestellt. Medikamente werden nur nach ärztlicher Verordnung eingenommen oder verändert; sprechen Sie mit Ihrem Team, bevor Sie etwas absetzen oder neu anfangen. Während der Sitzung regelt das Fachpersonal Druck und Sauerstoffzufuhr und beobachtet Sie die ganze Zeit.
Wann kommt eine Operation infrage?
Manchmal ist eine Operation Teil des Behandlungskonzepts, etwa um abgestorbenes Gewebe zu entfernen oder eine Wunde zu verschließen. Die hyperbare Sauerstofftherapie kann davor oder danach eingesetzt werden, damit das Gewebe besser durchblutet wird und die Heilung vorankommt. Ob das für Sie sinnvoll ist, entscheidet das Behandlungsteam gemeinsam mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Viele Patientinnen und Patienten empfinden die Sitzungen als entspannend, manche sind danach müde. Planen Sie nach den Terminen nicht zu viel ein. Wenn Sie weit fahren müssen, helfen Fahrgemeinschaften oder ein Fahrdienst. In der Kammer können Sie lesen, Musik hören oder einfach ausruhen; Sprechen ist meist möglich.
Tipps für den Alltag
- Nicht rauchen – Rauchen verschlechtert die Durchblutung und bremst die Wundheilung
- Bewegung im Rahmen der eigenen Möglichkeiten, um die Durchblutung zu fördern
- Bei Diabetes: Blutzucker wie besprochen kontrollieren und messen
- Wunden regelmäßig anschauen und nach Anleitung versorgen
- Ausreichend schlafen und Stress möglichst reduzieren
- Impfungen mit dem Behandlungsteam besprechen, besonders bei chronischen Wunden
- Keine Selbstversuche mit zusätzlichem Sauerstoff zu Hause
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit genug Eiweiß, Vitaminen und Flüssigkeit unterstützt die Wundheilung. Bei Diabetes ist wichtig, dass die Blutzuckerwerte im vereinbarten Bereich bleiben. Bewegung fördert die Durchblutung; bei Wunden am Fuß sollte die betroffene Stelle aber entlastet werden. Fragen Sie Ihr Team nach einem passenden Maß an Aktivität.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Chronische Wunden und lange Behandlungsreihen können zermürbend sein. Manche Menschen haben Angst in der engen Druckkammer oder fühlen sich hilflos. Das ist verständlich und darf angesprochen werden. Sprechen Sie offen mit dem Team – oft helfen kleine Veränderungen, etwa Musik, eine Begleitperson oder eine Kammer mit gutem Blick nach draußen. Wenn Sorgen, Traurigkeit oder Angst überhandnehmen, suchen Sie Unterstützung. In einer akuten Krise können Sie den Notruf 112 wählen oder sich an die Telefonseelsorge in Ihrer Region wenden; auch die Hausarztpraxis und eine Psychotherapie sind gute Anlaufstellen.
Vorbeugung
Die hyperbare Sauerstofftherapie selbst lässt sich nicht verhindern – sie ist ja eine Behandlung. Vorbeugen lässt sich aber oft den Situationen, die sie nötig machen: gut eingestellter Diabetes, sorgfältige Fußpflege, konsequente Druckentlastung und frühzeitige Behandlung von Wunden. Beim Tauchen helfen eine solide Ausbildung, das Einhalten von Aufstiegsregeln und ein Tauchcomputer. Kohlenmonoxidvergiftungen lassen sich durch geprüfte Heizungen, Rauchmelder und gute Lüftung vermeiden.
Früherkennungsprogramme
Ein spezielles Screening gibt es nicht. Sinnvoll sind regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen bei Diabetes, vor allem die jährliche Fußuntersuchung. Auffällige Wunden sollten früh ärztlich angesehen werden.
Komplikationen
Unbehandelt
- Eine schlecht heilende Wunde kann größer werden, sich infizieren und so tief werden, dass eine Amputation droht
- Strahlenschäden können fortschreiten und Beschwerden dauerhaft verstärken
- Eine Dekompressionskrankheit kann ohne Behandlung dauerhafte Nervenschäden verursachen
- Eine Kohlenmonoxidvergiftung kann lebensgefährlich sein
- Wichtig: Wenn keine Druckkammertherapie gemacht wird, ist das nicht automatisch gefährlich – oft gibt es andere Behandlungswege
Langzeitprognose
Die Aussichten sind bei vielen Krankheitsbildern gut, besonders wenn die Behandlung früh und im richtigen Rahmen beginnt. Nicht jede Wunde heilt dadurch, und die Therapie ist anstrengend. Aber sie kann die Heilung deutlich unterstützen und manchmal eine Operation ersparen. Sprechen Sie mit Ihrem Behandlungsteam über realistische Ziele.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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