Künstlicher Harnröhrenschließmuskel (Artificial Urinary Sphincter)
Übersicht
Ein künstlicher Harnröhrenschließmuskel – oft mit der englischen Abkürzung AUS bezeichnet – ist ein kleines medizinisches Gerät, das bei starkem, unwillkürlichem Harnverlust (Inkontinenz) in den Körper eingesetzt wird. Es übernimmt die Aufgabe des natürlichen Schließmuskels, der den Urin nicht mehr zuverlässig zurückhalten kann. Das Gerät besteht aus drei Teilen: einer weichen Manschette, die um die Harnröhre gelegt wird und sie wie ein Ring zusammendrückt, einer kleinen Pumpe, die bei Männern in den Hodensack und bei Frauen in die Schamlippen eingebettet wird, und einem Druckausgleichsball im Bauchraum. Die Manschette ist normalerweise geschlossen – so bleibt der Urin in der Blase. Wer zur Toilette möchte, drückt einige Male auf die Pumpe. Dann öffnet sich die Manschette für wenige Minuten, der Urin kann abfließen, und danach schließt sie sich von selbst wieder. Der künstliche Schließmuskel heilt die Inkontinenz nicht, aber er kann den Alltag für viele Menschen deutlich erleichtern.
Wichtige Fakten
- Der künstliche Schließmuskel wird in einer Operation eingesetzt und ist von außen nicht sichtbar.
- Er wird vor allem bei Männern verwendet, die nach einer Prostataoperation oder einer Bestrahlung stark unter Harnverlust leiden.
- Der Urin wird nicht dauerhaft abgeleitet: Man bedient das Gerät selbst über eine kleine Pumpe unter der Haut.
- Das Gerät hält in der Regel viele Jahre, kann aber repariert oder ausgetauscht werden müssen.
Ein künstlicher Schließmuskel ist keine häufige Behandlung. Nur ein kleiner Teil der Menschen mit Harninkontinenz braucht ihn – nämlich dann, wenn andere Behandlungen nicht ausreichend geholfen haben. In spezialisierten urologischen Zentren gehört der Eingriff jedoch zum Alltag.
Hauptsächlich betroffen sind Männer, bei denen nach einer Entfernung der Prostata oder nach einer Bestrahlung im Beckenbereich der natürliche Schließmuskel geschwächt ist. Seltener wird das Gerät bei Frauen mit schwerem Harnverlust eingesetzt, und in besonderen Einzelfällen auch bei Kindern mit angeborenen Fehlbildungen von Blase und Harnröhre.
Symptome
- Plötzlich kein Wasserlassen mehr möglich, verbunden mit starken Schmerzen im Unterbauch (Harnverhalt) – sofort den Notruf 112 wählen
- Hohes Fieber mit Schüttelfrost und starken Schmerzen im Bauch oder in der Flanke
- Starke, nicht stoppende Blutung aus der Harnröhre oder aus der Operationswunde
- Plötzliche Verwirrtheit, Kreislaufschwäche oder Bewusstseinstrübung zusammen mit Fieber
- ⚠Fieber, Rötung, Schwellung oder eitrige Absonderung an der Operationswunde
- ⚠Brennen beim Wasserlassen, häufiger Harndrang oder trüber, unangenehm riechender Urin
- ⚠Plötzlich wieder starker Harnverlust, obwohl das Gerät zuvor gut funktioniert hat
- ⚠Schmerzen oder Schwellung im Hodensack oder in der Leiste
- ⚠Blut im Urin
- ⚠Druckstelle oder Hautrötung über der Pumpe oder der Manschette
Häufige Symptome
- Unwillkürlicher Harnverlust beim Husten, Niesen, Lachen, Bücken oder Aufstehen (Belastungsinkontinenz)
- Schon kleine Bewegungen oder Treppensteigen führen zu nassen Vorlagen
- Mehrmals täglich nasse Unterwäsche oder nasse Einlagen
- Urinverlust beim Heben oder bei körperlicher Anstrengung
- Nach dem Wasserlassen läuft noch Urin nach
- Geruch, Hautreizungen und Wundsein im Intimbereich durch den ständigen Kontakt mit Urin
- Vermeidung von Sport, Reisen und Treffen mit anderen aus Scham
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern ist ein künstlicher Schließmuskel sehr selten.
- Er kann in Einzelfällen bei angeborenen Fehlbildungen erwogen werden, etwa wenn Blase oder Harnröhre nicht normal angelegt sind.
- Die Entscheidung wird immer gemeinsam mit spezialisierten Kinderurologinnen und Kinderurologen getroffen, meist nach mehreren Gesprächen und Untersuchungen.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Menschen sind häufiger betroffen, weil Harnverlust mit dem Alter zunimmt und viele ältere Männer eine Prostataoperation hinter sich haben.
- Vor einer Operation wird besonders sorgfältig geprüft, ob die allgemeine Gesundheit stabil ist.
- Wichtig ist auch, ob die Hände beweglich genug sind, um die Pumpe selbst zu bedienen.
- Die Unterstützung durch Angehörige oder Pflegekräfte wird in die Planung einbezogen.
Ursachen
Hauptursachen
- Schwäche des natürlichen Schließmuskels nach einer Prostataentfernung – der häufigste Grund
- Bestrahlung im Beckenbereich, zum Beispiel wegen Prostatakrebs, die das Gewebe vernarbt
- Verletzungen oder Operationen an Harnröhre, Blase oder Becken
- Angeborene Fehlbildungen von Blase und Harnröhre
- Neurologische Erkrankungen, die die Blasensteuerung stören
Risikofaktoren
- Prostataoperation oder Bestrahlung im kleinen Becken
- Höheres Alter
- Übergewicht
- Rauchen
- Chronischer Husten oder Verstopfung (erhöhter Druck im Bauchraum)
- Schwere körperliche Arbeit oder Leistungssport mit starker Belastung
- Neurologische Grunderkrankungen
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie nach einer Operation Fieber bekommen oder die Wunde rot, geschwollen oder eitrig wird
- Wenn Sie plötzlich gar keinen Urin mehr lassen können und Schmerzen im Unterbauch haben
- Wenn das Gerät plötzlich nicht mehr funktioniert und Sie wieder völlig unkontrolliert Urin verlieren
- Wenn Blut im Urin auftritt oder Schmerzen im Hodensack oder in der Leiste entstehen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie regelmäßig Urin verlieren und sich dadurch im Alltag eingeschränkt fühlen
- Wenn Vorlagen oder Windeln nicht mehr ausreichen
- Wenn Sie über einen künstlichen Schließmuskel nachdenken oder Fragen zur Handhabung haben
- Zu den vereinbarten Nachsorgeterminen nach dem Eingriff
- Wenn Sie sich mit dem Gerät unsicher fühlen oder es häufiger nachjustiert werden muss
Diagnose
Die Abklärung beginnt in einer urologischen Praxis. Zuerst wird ausführlich besprochen, wann und wie viel Urin verloren geht und wie sehr der Alltag darunter leidet. Danach folgen Untersuchungen, um die Ursache zu klären und andere Gründe wie eine Blasenentzündung oder eine Harnröhrenenge auszuschließen. Wenn ein künstlicher Schließmuskel in Frage kommt, findet die Beratung meist in einem spezialisierten urologischen Zentrum statt.
Mögliche Untersuchungen
- Blasentagebuch (Miktionsprotokoll): Sie notieren über einige Tage, wann und wie viel Sie trinken und Wasser lassen
- Vorlagen-Test: Die Menge des verlorenen Urins wird durch Wiegen der Einlagen gemessen
- Urinuntersuchung im Labor, um eine Infektion auszuschließen
- Ultraschall von Blase und Nieren, auch zur Messung des Restharns
- Harnstrahlmessung: Wie schnell und in welcher Menge der Urin abfließt
- Blasendruckmessung (urodynamische Untersuchung): Der Druck in der Blase wird mit einem feinen Katheter gemessen
- Blasenspiegelung (Zystoskopie): Der Innenraum von Blase und Harnröhre wird mit einer kleinen Kamera angesehen
- Bei Männern zusätzlich eine Untersuchung der Harnröhre, um eine Verengung zu erkennen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Rechnen Sie mit mehreren Terminen. Die Untersuchungen sind meist kurz und gut auszuhalten; manche empfinden den Katheter bei der Blasendruckmessung als unangenehm, aber nicht schmerzhaft. Bringen Sie eine Liste Ihrer Medikamente und, falls vorhanden, frühere Operationsberichte mit. In Deutschland übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten in der Regel, wenn die medizinischen Voraussetzungen erfüllt sind – fragen Sie am besten vorab bei Ihrer Krankenkasse nach. Fragen Sie Ihren Arzt oder Ihre Ärztin offen, welche Erfahrung mit diesem Eingriff besteht, denn er sollte in spezialisierten Zentren erfolgen.
Behandlung
Die Behandlung läuft stufenweise. Zuerst werden schonende Maßnahmen ausgeschöpft, etwa Beckenbodentraining, Blasentraining und Hilfsmittel wie Einlagen. Bringen diese nicht genug, kommen kleinere Eingriffe in Frage. Der künstliche Schließmuskel steht meist am Ende dieser Kette und wird für Menschen mit schwerem Harnverlust empfohlen, bei denen andere Wege nicht ausreichend geholfen haben.
Selbsthilfe zu Hause
- Beckenbodentraining mit Anleitung durch eine Physiotherapeutin oder einen Physiotherapeuten – regelmäßig und über Monate
- Blasentraining: Toilettengänge bewusst planen und die Abstände langsam verlängern
- Passende Einlagen oder Vorlagen wählen, die Haut gut pflegen und häufig wechseln
- Ausreichend trinken, aber stark zuckerhaltige und koffeinreiche Getränke reduzieren
- Übergewicht abbauen, falls vorhanden – das entlastet den Beckenboden
- Verstopfung vermeiden, damit kein zusätzlicher Druck im Bauchraum entsteht
- Mit dem Rauchen aufhören, da Rauchen Husten und Gewebeschwäche fördert
Medizinische Behandlungen
Zunächst kommen konservative Verfahren zum Einsatz: Beckenbodentraining, Elektrostimulation und Verhaltenstherapie. Bei Männern kann eine Penisklemme vorübergehend helfen, sie muss aber sehr sorgfältig angewendet werden, damit die Haut nicht geschädigt wird. Auch das Unterspritzen von Gewebe an der Harnröhre (Bulking) oder das Einlegen einer Schlinge unter die Harnröhre sind mögliche Zwischenschritte. Medikamente spielen bei dieser Form des Harnverlusts meist eine untergeordnete Rolle. Welche Methode zu Ihnen passt, hängt von der Ursache, dem Ausmaß des Harnverlusts und Ihrem allgemeinen Gesundheitszustand ab – das wird in einem ausführlichen Gespräch geklärt.
Wann kommt eine Operation infrage?
Der künstliche Schließmuskel wird in einer Operation unter Vollnarkose oder Rückenmarksnarkose eingesetzt. Dabei werden die Manschette um die Harnröhre gelegt, die Pumpe unter die Haut des Hodensacks oder der Schamlippen gesetzt und der Druckausgleichsball im Bauchraum platziert. Der Eingriff dauert meist ein bis zwei Stunden. Danach bleibt für einige Tage ein Blasenkatheter liegen, und das Gerät wird zunächst nicht benutzt. Erst nach einigen Wochen wird die Pumpe aktiviert und die Handhabung gemeinsam mit Ihnen geübt. Wie bei jeder Operation sind Infektionen, Blutungen und Narkoserisiken möglich; selten kann das Gewebe an der Manschette gereizt werden oder ein Teil des Geräts versagen. Solche Probleme lassen sich in der Regel korrigieren.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag bedienen Sie das Gerät selbst: Zum Wasserlassen drücken Sie einige Male langsam und kräftig auf die Pumpe unter der Haut. Die Manschette öffnet sich, der Urin fließt, und nach etwa ein bis zwei Minuten schließt sie sich von selbst wieder. Am Anfang braucht das Übung, mit der Zeit wird es Routine. Wichtig ist, dass Sie einen Ausweis oder eine Karte bei sich tragen, auf der der künstliche Schließmuskel vermerkt ist – zum Beispiel für Notfallsituationen und vor Untersuchungen wie einer Magnetresonanztomografie (MRT). Sprechen Sie bei jedem Arztbesuch von sich aus an, dass Sie dieses Implantat haben.
Tipps für den Alltag
- Tragen Sie einen medizinischen Ausweis zu Ihrem Implantat bei sich
- Informieren Sie Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte vor Untersuchungen oder Eingriffen über das Gerät
- Vermeiden Sie in den ersten Wochen nach der Operation schweres Heben und starke Anstrengung
- Besprechen Sie mit Ihrem Arzt, ob und wann Sie wieder Rad fahren können – der Druck im Dammbereich kann dem Gerät schaden
- Achten Sie auf Anzeichen einer Infektion wie Fieber, Rötung oder Schwellung
- Planen Sie regelmäßige Nachsorgetermine ein
Ernährung und Bewegung
Trinken Sie über den Tag verteilt ausreichend, damit der Urin nicht zu konzentriert wird – das reizt die Blase. Sehr koffeinhaltige, alkoholische oder stark gesüßte Getränke können den Harndrang verstärken; beobachten Sie selbst, was Ihnen bekommt. Eine ballaststoffreiche Ernährung mit Obst, Gemüse und Vollkornprodukten hilft gegen Verstopfung und senkt den Druck im Bauchraum. Bewegung ist ausdrücklich erwünscht: Spazieren, Schwimmen und moderate Gymnastik tun gut. Nach der Operation sollten Sie mit dem Heben schwerer Lasten und mit Sport, der Druck auf den Damm ausübt, einige Wochen warten und sich von Ihrem Arzt beraten lassen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Harnverlust und die Vorstellung einer Operation können belastend sein. Viele Menschen schämen sich, ziehen sich zurück und trauen sich kaum noch aus dem Haus. Solche Gefühle sind verständlich und sehr häufig – Sie sind damit nicht allein. Sprechen Sie mit Ihrem Umfeld und mit Ihrem Behandlungsteam darüber. Wenn Traurigkeit, Angst oder Rückzug über längere Zeit anhalten, holen Sie sich Unterstützung, zum Beispiel über Ihre Hausarztpraxis. In akuten seelischen Krisen können Sie sich jederzeit an eine Krisenberatung oder die Telefonseelsorge wenden; in einer Notlage gilt der Notruf 112.
Vorbeugung
Den künstlichen Schließmuskel selbst kann man nicht vorbeugen – er ist eine Behandlungsmöglichkeit, kein Schutz. Vorbeugen lässt sich aber teilweise dem schweren Harnverlust, der zu dem Eingriff führt: mit konsequentem Beckenbodentraining nach einer Prostataoperation, mit einem gesunden Gewicht, mit dem Verzicht auf das Rauchen und mit einer Behandlung von chronischem Husten oder Verstopfung.
Früherkennungsprogramme
Ein spezielles Screening auf einen künftigen Bedarf an einem künstlichen Schließmuskel gibt es nicht. Wichtig ist, dass Sie nach einer Prostataoperation oder Bestrahlung offen über Harnverlust sprechen, damit er früh erkannt und behandelt wird. Nach dem Einsatz des Geräts sind regelmäßige Nachsorgetermine sinnvoll, damit Fehlfunktionen früh auffallen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Hautschäden, Wundsein und Entzündungen im Intimbereich durch den ständigen Kontakt mit Urin
- Wiederkehrende Harnwegsinfekte
- Rückzug aus sozialen Kontakten, Scham und Niedergeschlagenheit
- Weniger Bewegung und dadurch weitere gesundheitliche Nachteile
- Bei sehr starkem, unbehandeltem Harnverlust kann es in seltenen Fällen zu Problemen mit den Harnwegen kommen
Langzeitprognose
Die Aussichten sind für viele Betroffene gut. Der künstliche Schließmuskel gilt als eine der wirksamsten Behandlungen bei schwerem Harnverlust, und die meisten Menschen, die sich dafür entscheiden, berichten über deutlich mehr Sicherheit und Lebensqualität im Alltag. Das Gerät funktioniert oft viele Jahre, und wenn es zu Problemen kommt, lassen sich diese meist durch eine kleine Operation beheben oder das Gerät ersetzen. Bis dahin braucht es Geduld: Die Handhabung will geübt sein, und die volle Wirkung zeigt sich oft erst nach einigen Wochen. Besprechen Sie alle Fragen offen mit Ihrem Behandlungsteam – Sie müssen diesen Weg nicht allein gehen.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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