Assertive Community Treatment (ACT): Aufsuchende Behandlung zu Hause
Übersicht
Assertive Community Treatment – kurz ACT – ist ein Modell der psychiatrischen Versorgung. Der Kern: Ein festes, multiprofessionelles Team kommt zu der erkrankten Person nach Hause, statt dass sie alle Termine in verschiedenen Praxen und Kliniken wahrnehmen muss. Im Team arbeiten meist Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen, Sozialarbeitende, Psychologinnen und Psychologen sowie Ergotherapie zusammen. Der Begriff „Act“ steht zum einen für dieses Behandlungsmodell, zum anderen für die gesetzlichen Regeln, die solche Angebote möglich machen. In Deutschland wurden dafür in den letzten Jahren Grundlagen geschaffen, zum Beispiel für die „stationsäquivalente Behandlung“ (eine Behandlung zu Hause, die eine Klinikaufnahme ersetzt) und für besondere Versorgungsverträge mit den Krankenkassen. Fachleitlinien (AWMF) empfehlen aufsuchende, gemeindenahe Behandlung ausdrücklich für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Das Angebot ist freiwillig: Niemand wird zu Hause behandelt, wenn er oder sie das nicht möchte.
Wichtige Fakten
- Ein festes Team betreut eine kleine Zahl von Menschen und kommt zu Ihnen nach Hause – auf Wunsch auch in Krisen.
- Das Ziel ist, Klinikaufenthalte zu vermeiden oder zu verkürzen und ein selbstständiges Leben in der eigenen Wohnung zu ermöglichen.
- ACT ersetzt keine Notfallhilfe. Bei akuter Gefahr gilt immer der Notruf 112.
- Die Teilnahme ist freiwillig und wird gemeinsam vereinbart. Sie können Hilfe ablehnen oder das Angebot später beenden.
- In Deutschland gibt es ACT nicht überall. Die Hausarztpraxis oder eine psychiatrische Einrichtung kann sagen, was es in Ihrer Region gibt.
Nein. Aufsuchende Behandlungsteams sind für eine kleine Gruppe von Menschen gedacht, die besonders intensive und verlässliche Unterstützung brauchen. Die meisten Menschen mit psychischen Erkrankungen werden ambulant in Praxen behandelt. In Deutschland gibt es solche Teams in einigen Regionen, in anderen sind sie noch im Aufbau.
Vor allem Erwachsene mit einer schweren, oft seit Jahren bestehenden psychischen Erkrankung – zum Beispiel Schizophrenie, eine schwere oder wiederkehrende Depression, eine bipolare Störung oder eine schwere Persönlichkeitsstörung. Häufig kommen mehrere Belastungen zusammen: viele Klinikaufenthalte, wenig soziale Kontakte, Geldsorgen oder eine unsichere Wohnsituation. Auch Angehörige sind oft stark eingebunden und werden im Idealfall mit einbezogen.
Symptome
- Akute Gefahr für das Leben – zum Beispiel nach einem Suizidversuch oder wenn sich jemand selbst schwer verletzt
- Jemand droht, einer anderen Person ernsthaft etwas anzutun
- Plötzliche schwere Verwirrtheit, Bewusstlosigkeit oder ein medizinischer Notfall wie Atemnot oder Brustschmerz
- Wählen Sie in diesen Fällen sofort die 112 (Notruf). Wenn Sie unsicher sind, rufen Sie lieber an – Sie müssen nichts „richtig“ formulieren.
- ⚠Suizidgedanken ohne akute Handlung – suchen Sie noch am selben Tag Hilfe, zum Beispiel in einer psychiatrischen Klinik oder über den ärztlichen Bereitschaftsdienst 116 117
- ⚠Deutliche Verschlechterung: die Person zieht sich völlig zurück, isst oder trinkt kaum noch
- ⚠Neue oder stark zunehmende psychotische Symptome, zum Beispiel Stimmenhören oder starke Verwirrtheit
- ⚠Die Person kann sich nicht mehr selbst versorgen und niemand kann einspringen
- ⚠Die Wohnung steht unmittelbar vor dem Verlust
Häufige Symptome
- Sehr häufige, lange oder kurz aufeinanderfolgende Krankenhausaufenthalte wegen einer psychischen Erkrankung
- In Krisenzeiten klappt der Alltag zu Hause nicht mehr: Essen, Körperpflege, Post, Rechnungen, Wohnung
- Starker Rückzug – kaum noch Kontakt zu Freundinnen, Freunden oder Familie
- Ambulante Termine werden oft abgesagt oder nicht wahrgenommen, Behandlungen brechen ab
- Es fällt schwer, notwendige Behandlungen regelmäßig und verlässlich wahrzunehmen
- Die Wohnung ist gefährdet oder bereits verloren
- Angehörige fühlen sich erschöpft und alleingelassen mit der Verantwortung
- Das Gefühl, immer wieder zwischen Klinik und Alltag hin- und hergerissen zu sein
Ursachen
Hauptursachen
- ACT ist keine Krankheit, sondern ein Behandlungsangebot. Der Bedarf entsteht meist aus einer schweren psychischen Erkrankung, die über lange Zeit besteht.
- Häufige Krisen und Klinikaufenthalte, oft mit kurzen Abständen
- Ein fehlendes oder überlastetes soziales Netz
- Wohnungslosigkeit oder eine sehr unsichere Wohnsituation
- Schwierigkeiten, die Regelangebote der ambulanten Versorgung zu nutzen – zum Beispiel wegen langer Wege, Angst vor Terminen oder negativer Erfahrungen
- Gleichzeitig bestehende körperliche Erkrankungen oder Substanzkonsum, die die Behandlung erschweren
Risikofaktoren
- Armut, Schulden und finanzielle Sorgen
- Soziale Isolation und Einsamkeit
- Körperliche Zusatzerkrankungen
- Erfahrungen von Gewalt, Trauma oder Ausgrenzung
- Wenig erreichbare Angebote im Wohnumfeld
- Bürokratische Hürden, zum Beispiel bei Anträgen und Kostenübernahmen
- Angehörige, die selbst keine Kraft mehr haben
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie oder eine nahestehende Person Suizidgedanken haben – zögern Sie nicht, sofort Hilfe zu holen
- Wenn jemand Stimmen hört, sich bedroht fühlt oder die Wirklichkeit stark verändert wahrnimmt und dadurch in Gefahr gerät
- Wenn eine Person zu Hause nicht mehr isst, trinkt oder ihre Medikamente nicht mehr einnimmt und dadurch gefährdet ist
- Wenn eine akute Gefahr für die Person selbst oder für andere besteht: Notruf 112
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn es in den letzten 12 Monaten mehrere Klinikaufenthalte wegen einer psychischen Erkrankung gab
- Wenn Sie als Angehörige oder Angehöriger nicht mehr weiterwissen und Unterstützung brauchen
- Wenn Sie wissen möchten, ob es in Ihrer Region ein aufsuchendes Behandlungsteam gibt
- Wenn die ambulante Behandlung immer wieder abbricht und eine verlässlichere Lösung gebraucht wird
- Wenn Fragen zur Kostenübernahme oder zu Anträgen auftauchen – hier hilft auch die Krankenkasse oder eine Sozialberatung
Diagnose
ACT ist keine Diagnose, die man anhand eines Tests stellt. Es geht um die Frage: Passt dieses Angebot zu dieser Person in dieser Lebenslage? Diese Einschätzung machen meist Fachleute aus der Psychiatrie, einer psychiatrischen Klinik, dem sozialpsychiatrischen Dienst oder einer Hausarztpraxis, die weitervermittelt. Grundlage ist ein ausführliches Gespräch über die Erkrankung, den Alltag, die Wohnsituation und das soziale Umfeld. Danach wird gemeinsam entschieden, welche Hilfe sinnvoll ist – aufsuchendes Team, Soziotherapie, ambulante Betreuung oder etwas anderes.
Mögliche Untersuchungen
- Ausführliches Gespräch über Beschwerden, Vorgeschichte und aktuelle Lebenslage
- Psychiatrische Einschätzung des aktuellen Zustands
- Sozialanamnese: Wohnen, Geld, Arbeit, Kontakte, Unterstützung im Alltag
- Einschätzung des Hilfebedarfs, teilweise mit einem standardisierten Fragebogen
- Einblick in frühere Behandlungsunterlagen – nur mit Ihrer Einwilligung
- Gespräch mit Angehörigen, wenn Sie das möchten
- Kein Bluttest und keine Apparateuntersuchung sind nötig, um ACT zu erhalten
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Meist gibt es zuerst ein oder mehrere Gespräche, manchmal auch einen Hausbesuch. Danach trifft sich das Team und schlägt einen Hilfeplan vor. Sie entscheiden mit, welche Ziele wichtig sind – zum Beispiel wieder regelmäßig einkaufen, eine Wohnung behalten oder Anschluss finden. Bis es losgeht, können einige Wochen vergehen, weil Plätze begrenzt sind. Sie dürfen jederzeit Nein sagen oder später aussteigen.
Behandlung
ACT bedeutet: ein festes Team, das Sie kennt, mit einer kleinen Zahl von Betreuungsverhältnissen. Das Team kommt zu Ihnen, ist auch in Krisen erreichbar und koordiniert alle Beteiligten – Hausarztpraxis, Klinik, Pflege, Beratungsstellen, Angehörige. Behandelt werden nicht nur Symptome, sondern auch die Dinge, die den Alltag schwer machen: Wohnen, Geld, Arbeit, Kontakte. In Deutschland gibt es ähnliche aufsuchende Angebote unter verschiedenen Namen, zum Beispiel als stationsäquivalente Behandlung, als Home Treatment oder als besondere Versorgungsverträge. Was vor Ort möglich ist, unterscheidet sich je nach Region.
Selbsthilfe zu Hause
- Halten Sie einen Krisenplan schriftlich fest: Wer soll angerufen werden, was hilft Ihnen, was hilft nicht?
- Notieren Sie Frühwarnzeichen – also Anzeichen, die bei Ihnen persönlich auf eine Krise hindeuten.
- Achten Sie auf regelmäßigen Schlaf und feste Tagesstrukturen; beides stabilisiert spürbar.
- Bleiben Sie mit einer Vertrauensperson in Kontakt, auch wenn es schwerfällt.
- Alkohol und andere berauschende Substanzen können Krisen verstärken – sprechen Sie offen mit dem Behandlungsteam darüber.
- Bewahren Sie wichtige Unterlagen und Notfallnummern an einem festen Platz auf.
- Fragen Sie aktiv nach, wenn Sie etwas nicht verstehen – Sie müssen nichts allein herausfinden.
Medizinische Behandlungen
Die Behandlung wird im Team geplant und richtet sich nach Ihrer Erkrankung und Ihrem Bedarf. Dazu können gehören: Psychotherapie, soziale Beratung und Unterstützung bei Wohnung, Arbeit und Finanzen, Hilfe bei der Alltagsbewältigung, Begleitung zu Terminen, Arbeit mit Angehörigen sowie – wenn es sinnvoll ist – eine medikamentöse Behandlung. Welche Medikamente in Frage kommen und wie sie eingesetzt werden, besprechen Sie ausschließlich mit Ihrer behandelnden Ärztin oder Ihrem behandelnden Arzt. Auch dabei gilt: Sie entscheiden mit, und Fragen sind ausdrücklich erwünscht.
Leben mit der Erkrankung
Der Alltag mit einem aufsuchenden Team sieht für viele so aus: feste Termine pro Woche, dazu telefonische Erreichbarkeit in Krisen. Das Team kommt nach Hause, lernt Ihre Umgebung kennen und kann Dinge mit Ihnen erledigen, die allein schwerfallen – Anträge, Einkäufe, Arztbesuche. Gute Absprachen helfen: Wer kommt wann? Was ist mein Ziel für diese Woche? Was passiert, wenn ich einen Termin nicht schaffe? Solche Fragen dürfen Sie offen stellen.
Tipps für den Alltag
- Feste Schlaf- und Essenszeiten geben dem Tag Struktur
- Kleine, machbare Ziele sind besser als große Vorsätze
- Bewegung an der frischen Luft, auch kurz, tut vielen gut
- Kontakt zu Menschen, die guttun, möglichst regelmäßig einplanen
- Weniger Alkohol und keine Drogen – sie verschlechtern Krisen oft
- Eine aufgeräumte, sichere Wohnung entlastet spürbar
- Eigene Warnzeichen kennen und früh Bescheid geben
Ernährung und Bewegung
Es gibt keine spezielle Ernährung, die eine psychische Erkrankung heilt. Wichtig ist etwas anderes: regelmäßig essen und trinken, weil Appetit und Durstgefühl in Krisen oft nachlassen. Ausgewogene Mahlzeiten, ausreichend Wasser und möglichst viel Frisches sind eine gute Basis. Bewegung muss kein Sportprogramm sein – täglich 20 bis 30 Minuten Gehen kann Stimmung und Schlaf unterstützen. Wenn körperliche Erkrankungen dazukommen, sprechen Sie die Ernährung mit Ihrer Hausarztpraxis ab.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine schwere psychische Erkrankung belastet oft das ganze Leben: Selbstwert, Beziehungen, Arbeit, Hoffnung. Aufsuchende Behandlung kann entlasten, weil jemand verlässlich da ist und weil Wege wegfallen. Belastend kann aber auch sein, fremde Menschen in der eigenen Wohnung zu haben – sagen Sie es, wenn Ihnen etwas zu viel ist, das Team kann darauf Rücksicht nehmen. Wenn Sie Gedanken haben, nicht mehr weiterleben zu wollen, holen Sie sich sofort Hilfe: Die Telefonseelsorge ist unter 0800 111 0 111 und 116 123 rund um die Uhr kostenlos erreichbar, im Notfall gilt die 112.
Vorbeugung
Eine psychische Erkrankung selbst lässt sich nicht immer verhindern. Was sich beeinflussen lässt, sind Krisen: Wer die eigenen Frühwarnzeichen kennt, einen schriftlichen Krisenplan hat und verlässliche Ansprechpersonen, kann oft früher Hilfe holen. Auch stabile Wohnverhältnisse, geregelte Finanzen und ein kleines soziales Netz wirken schützend. Aufsuchende Behandlung setzt genau hier an – sie ist weniger Vorbeugung einer Erkrankung als Vorbeugung von Notfällen, Klinikaufenthalten und Wohnungsverlust.
Impfungen
Es gibt keine Impfung, die vor psychischen Erkrankungen schützt. Ein allgemein guter Impfschutz ist trotzdem sinnvoll, weil körperliche Infekte psychische Krisen verstärken können. Fragen Sie Ihre Hausarztpraxis, welche Impfungen für Sie anstehen.
Früherkennungsprogramme
Für schwere psychische Erkrankungen gibt es kein flächendeckendes Screening. Wichtig ist, Veränderungen ernst zu nehmen – bei sich selbst und bei anderen. Ein offenes Gespräch in der Hausarztpraxis ist ein guter Anfang, wenn Sie merken, dass der Alltag dauerhaft schwerfällt.
Komplikationen
Unbehandelt
- Wiederkehrende und längere Klinikaufenthalte
- Zunehmende soziale Isolation
- Verlust der Wohnung oder der Arbeit
- Vernachlässigung körperlicher Erkrankungen
- Verstärkter Substanzkonsum als Bewältigungsversuch
- Starke Belastung oder Erschöpfung bei Angehörigen
- Erhöhtes Risiko für schwere Krisen bis hin zu Suizidgedanken
Langzeitprognose
Die Aussichten sind gut – nicht im Sinne einer schnellen Heilung, sondern im Sinne von mehr Stabilität und Selbstbestimmung. Aufsuchende Behandlungsteams können Klinikaufenthalte verkürzen oder vermeiden und dabei helfen, in der eigenen Wohnung zu bleiben. Viele Menschen gewinnen dadurch Alltagssicherheit und wieder mehr Kontakt zu anderen. Wichtig zu wissen: Rückfälle gehören bei schweren psychischen Erkrankungen dazu und bedeuten nicht, dass alles umsonst war. Hilfe anzunehmen ist ein Zeichen von Stärke – und es ist nie zu spät, damit anzufangen.
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Quellen und Leitlinien
Keine Leitlinie nennt dieses Thema
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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