Erhöhte rote Blutkörperchen (Erythrozytose)
Übersicht
Die roten Blutkörperchen (Fachwort: Erythrozyten) sind die „Transportfahrzeuge“ des Blutes: Sie nehmen in der Lunge Sauerstoff auf und bringen ihn in alle Körperteile. Ist ihre Zahl im Blut zu hoch, spricht man von einer Erythrozytose (auch Polyzythämie genannt). Das Blut wird dadurch dickflüssiger und muss vom Herzen stärker gepumpt werden. Oft ist das nur ein Zufallsbefund und harmlos – manchmal ist es aber ein Hinweis darauf, dass im Körper etwas nicht stimmt, zum Beispiel eine Lungenerkrankung oder ein Flüssigkeitsmangel. Wichtig zu wissen: Ein einzelner auffälliger Laborwert bedeutet noch keine Diagnose. Er wird in der Regel einige Wochen später kontrolliert.
Wichtige Fakten
- Ein erhöhter Wert fällt meist zufällig bei einer Routine-Blutuntersuchung auf – oft ganz ohne Beschwerden.
- Häufige und gut behandelbare Ursachen sind Rauchen, Flüssigkeitsmangel, Atemaussetzer im Schlaf (Schlafapnoe) oder chronische Lungenerkrankungen.
- Nur selten steckt eine Erkrankung des Knochenmarks dahinter, bei der der Körper zu viele rote Blutkörperchen bildet.
- Mit der passenden Behandlung – und oft schon durch Veränderungen im Alltag – lässt sich das Blutbild meist gut wieder normalisieren.
Eine leichte Erhöhung der roten Blutkörperchen ist ein häufiger Laborbefund. Sehr oft liegt eine erklärbare, gut behandelbare Ursache vor, etwa Rauchen oder eine nächtliche Atemstörung. Die seltene Knochenmarkerkrankung, die zu einer dauerhaften Überproduktion führt, ist dagegen deutlich seltener.
Betroffen sind häufiger Männer als Frauen und eher Menschen mittleren oder höheren Alters. Auch wer raucht, in großer Höhe lebt, schnarcht und nachts Atemaussetzer hat, übergewichtig ist oder bestimmte Hormonpräparate einnimmt, hat ein höheres Risiko. Bei Kindern ist eine echte Erhöhung selten – hier lohnt immer eine kinderärztliche Abklärung.
Symptome
- Plötzliche Atemnot oder Brustschmerzen, die wie ein Druck oder Engegefühl wirken
- Anzeichen eines Schlaganfalls: hängender Mundwinkel, Armschwäche auf einer Seite, verwaschene Sprache, plötzliche Verwirrtheit
- Sehr starker, plötzlicher Kopfschmerz, anders als alles bisher Erlebte
- Plötzlicher Sehverlust oder Doppelbilder
- Schwellung, Rötung und Schmerz in einem Bein, besonders wenn die Wade warm und gespannt ist
- Plötzliche starke Blutung, die nicht aufhört
- ⚠Neu auftretende, ungewohnt starke Kopfschmerzen
- ⚠Zunehmende Sehstörungen oder Flimmern vor den Augen
- ⚠Herzrasen, Herzklopfen oder Engegefühl in der Brust bei Belastung
- ⚠Ungewöhnlich viele blaue Flecken oder vermehrtes Nasen- oder Zahnfleischbluten
- ⚠Fieber mit ausgeprägter Rötung der Haut
Häufige Symptome
- Oft gar keine Beschwerden – der Wert fällt nur im Labor auf
- Kopfschmerzen und Schwindel
- Müdigkeit und allgemeine Abgeschlagenheit
- Ohrensausen oder ein Druckgefühl im Kopf
- Gerötete Haut, besonders im Gesicht
- Ungewöhnlich starker Juckreiz nach dem Duschen oder Baden (besonders bei Erkrankungen des Knochenmarks)
- Sehstörungen oder verschwommenes Sehen
- Bluthochdruck
- Druckgefühl oder Völlegefühl im linken Oberbauch durch eine vergrößerte Milz
- Neigung zu blauen Flecken oder Nasenbluten
Symptome bei Kindern
- Meist keine Beschwerden, der Wert fällt zufällig bei einer Blutuntersuchung auf
- Kopfschmerzen oder Unwohlsein, das Kinder schwer beschreiben können
- Bei Säuglingen manchmal Trinkschwäche, Unruhe oder eine auffällige Hautfarbe
- Bei Neugeborenen gibt es eine eigene, meist vorübergehende Form – hier entscheidet immer die Kinderklinik über das weitere Vorgehen
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Müdigkeit, Schwindel und Konzentrationsprobleme werden oft dem Alter zugeschrieben – ein Blutbild kann hier Klarheit bringen
- Erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel (Thrombosen), weil das Blut dicker ist
- Rötliche Gesichtsfarbe und warme Haut
- Bei bestehenden Herz- oder Lungenerkrankungen kann sich die Erhöhung unbemerkt entwickeln
Ursachen
Hauptursachen
- Flüssigkeitsmangel: Wenig Trinken lässt das Blut „eindicken“ – die Zahl der roten Blutkörperchen wirkt dann erhöht, ist aber relativ
- Rauchen: Kohlenmonoxid im Rauch verschlechtert die Sauerstoffaufnahme, der Körper bildet als Ausgleich mehr rote Blutkörperchen
- Nächtliche Atemaussetzer (Schlafapnoe) oder chronische Lungenerkrankungen wie COPD
- Angeborene Herzfehler mit vermischter Blutströmung
- Leben in großer Höhe, wo die Luft weniger Sauerstoff enthält
- Nierenerkrankungen oder gutartige Nierengeschwülste, die den Botenstoff für die Blutbildung vermehrt bilden
- Bestimmte Hormonpräparate oder – im Sport – unerlaubte Mittel zur Blutbildung
- Erkrankungen des Knochenmarks, bei denen zu viele rote Blutkörperchen gebildet werden (echte Polyzythämie) – selten
- Eine entfernte oder erkrankte Milz, die alte Blutkörperchen nicht mehr ausreichend abbaut
Risikofaktoren
- Rauchen
- Übergewicht und Schnarchen mit Atemaussetzern
- Chronische Herz- oder Lungenerkrankungen
- Dauerhafter Aufenthalt in großer Höhe
- Zu wenig Flüssigkeitszufuhr, besonders bei Hitze oder Fieber
- Männliches Geschlecht und höheres Lebensalter
- Familiäre Veranlagung für Knochenmarkerkrankungen
- Einnahme bestimmter Hormonpräparate (sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt)
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Brustschmerzen, plötzliche Atemnot oder Anzeichen eines Schlaganfalls – sofort den Notruf 112 wählen
- Schwellung und Schmerz in einem Bein, die plötzlich auftreten
- Starke, nicht stillbare Blutung
- Sehr starker Kopfschmerz mit Verwirrtheit oder Sehstörungen
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Ein erhöhter Wert im Blutbild wurde festgestellt – auch ohne Beschwerden
- Anhaltende Müdigkeit, Kopfschmerzen oder Schwindel ohne klare Ursache
- Auffällig gerötete Haut oder Juckreiz nach dem Duschen
- Sie rauchen und möchten Ihren Blutdruck und Ihr Blutbild überprüfen lassen
- Druckgefühl im linken Oberbauch
- Ein Elternteil oder Geschwisterkind hat eine Knochenmarkerkrankung
Diagnose
Am Anfang steht immer eine Blutuntersuchung. Zunächst wird das große Blutbild wiederholt, am besten mit ausreichend Flüssigkeit im Körper und in zeitlichem Abstand zum ersten Befund. Zeigt sich die Erhöhung erneut, sucht die Ärztin oder der Arzt nach der Ursache: Wie hoch sind Sauerstoffsättigung und Blutdruck, rauchen Sie, schlafen Sie schlecht, gibt es Herz- oder Lungenerkrankungen? Je nach Ergebnis folgen weitere Untersuchungen. Ziel ist es, eine gut behandelbare Ursache von einer seltenen Knochenmarkerkrankung zu unterscheiden.
Mögliche Untersuchungen
- Großes Blutbild mit Hämoglobin, Hämatokrit (Anteil der roten Blutkörperchen am Blutvolumen) und Zahl der roten Blutkörperchen
- Kontrolle des Befunds nach einigen Wochen
- Messung der Sauerstoffsättigung im Blut (kleiner Fingerclip)
- Bestimmung des Botenstoffs Erythropoetin, der die Blutbildung steuert
- Untersuchung auf eine typische Genveränderung (JAK2-Mutation) bei Verdacht auf eine Knochenmarkerkrankung
- Ultraschall des Bauchraums, um die Milz zu beurteilen
- Schlafuntersuchung bei Verdacht auf Schlafapnoe
- Lungenfunktionstest oder Röntgenbild der Lunge
- Blutdruckmessung und Kontrolle der Herzfunktion
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die meisten Untersuchungen sind einfach und schmerzfrei – Blutabnahmen, Blutdruckmessen und ein Ultraschall. Bis ein vollständiges Bild entsteht, können einige Wochen vergehen. Das ist normal und kein Zeichen dafür, dass etwas Schlimmes vorliegt. Fragen Sie ruhig nach, wenn Sie einen Befund nicht verstehen: Ihre Ärztin oder Ihr Arzt kann Ihnen die Werte in einfachen Worten erklären.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich immer nach der Ursache. Lässt sich die Erhöhung auf eine andere Erkrankung zurückführen – etwa Schlafapnoe, eine Lungenerkrankung oder eine Nierenerkrankung –, steht deren Behandlung im Mittelpunkt. Gibt es keine behandelbare Ursache und ist das Blut deutlich zu dick, kann die Ärztin oder der Arzt das Blut verdünnen oder die Blutbildung bremsen.
Selbsthilfe zu Hause
- Ausreichend trinken – verteilt über den Tag, besonders bei Hitze, Fieber oder körperlicher Anstrengung
- Mit dem Rauchen aufhören; Unterstützung gibt es bei Ihrer Hausarztpraxis oder Ihrer Krankenkasse
- Bei Verdacht auf Schlafapnoe eine Abklärung und Behandlung anstreben
- Regelmäßig in Bewegung bleiben, damit der Kreislauf in Schwung kommt
- Blutdruck zu Hause regelmäßig messen und notieren
- Bei großer Hitze und Saunagängen auf ausreichend Flüssigkeit achten
- Alle Kontrolltermine wahrnehmen, auch wenn Sie sich gut fühlen
Medizinische Behandlungen
Je nach Ursache kommen sehr unterschiedliche Wege infrage. Bei Flüssigkeitsmangel genügt oft schon mehr Trinken. Bei einer dauerhaften Überproduktion kann die Ärztin oder der Arzt einen Aderlass verordnen – dabei wird ähnlich wie bei einer Blutspende eine kleine Menge Blut abgenommen, um das Blut dünnflüssiger zu machen. In bestimmten Fällen werden Medikamente eingesetzt, die die Bildung der roten Blutkörperchen im Knochenmark bremsen, oder Mittel, die das Verklumpen des Blutes erschweren. Welche Behandlung für Sie passt, bespricht Ihre Ärztin oder Ihr Arzt individuell mit Ihnen – bitte nehmen Sie keine Medikamente auf eigene Faust ein.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation ist bei erhöhten roten Blutkörperchen nur sehr selten nötig. In Ausnahmefällen kann bei bestimmten Knochenmarkerkrankungen oder einer stark vergrößerten Milz ein Eingriff erwogen werden. Das entscheidet ein Facharzt oder eine Fachärztin gemeinsam mit Ihnen.
Leben mit der Erkrankung
Für viele Menschen mit einer leichten Erhöhung ändert sich im Alltag wenig – wichtig sind regelmäßige Kontrollen und ein aufmerksamer Umgang mit dem eigenen Körper. Achten Sie auf ausreichend Flüssigkeit, kennen Sie Ihren Blutdruck und nehmen Sie Warnzeichen wie plötzliche Atemnot oder einseitige Schwäche ernst. Bei einer chronischen Form kann es hilfreich sein, Termine und Werte in einem kleinen Heft mitzuschreiben.
Tipps für den Alltag
- Rauchstopp – das ist der wirksamste einzelne Schritt
- Täglich ausreichend trinken, über den Tag verteilt
- Regelmäßiger, moderater Sport wie Spazieren, Schwimmen oder Radfahren
- Gewicht im Blick behalten, wenn Übergewicht besteht
- Guten Schlaf fördern und bei Schnarchen mit Atemaussetzern Hilfe suchen
- Alkohol in Maßen
- Stress abbauen, zum Beispiel durch Entspannungsübungen oder feste Ruhezeiten
Ernährung und Bewegung
Eine spezielle „Blutverdünnungs-Diät“ gibt es nicht. Sinnvoll ist eine ausgewogene, abwechslungsreiche Kost mit viel Gemüse, Obst, Vollkornprodukten und eiweißreichen Lebensmitteln. Wichtig ist vor allem ausreichend Flüssigkeit – Wasser und ungesüßte Getränke sind ideal. Bewegung stärkt Herz und Kreislauf und senkt das Risiko für Blutgerinnsel. Bauen Sie Aktivität langsam auf und sprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, wenn Sie sich bei Anstrengung oft schlapp fühlen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Ein auffälliger Laborwert kann verunsichern, besonders wenn der Begriff „Polyzythämie“ im Raum steht und man im Internet liest. Solche Sorgen sind verständlich. Oft hilft es, konkrete Fragen zu sammeln und im nächsten Gespräch zu stellen; viele Befunde lassen sich gut erklären und behandeln. Wenn Sie merken, dass die Unruhe Sie nicht mehr loslässt, sich der Schlaf verschlechtert oder Sie gedrückt und hoffnungslos fühlen, sprechen Sie bitte darüber – mit Ihrer Hausarztpraxis oder einer Beratungsstelle. In einer seelischen Krise sind die Telefonseelsorge und der ärztliche Bereitschaftsdienst rund um die Uhr erreichbar; bei akuter Gefahr gilt der Notruf 112.
Vorbeugung
Nicht jede Erhöhung lässt sich verhindern – die erbliche oder durch eine Knochenmarkerkrankung bedingte Form zum Beispiel nicht. Viele Fälle beruhen aber auf beeinflussbaren Faktoren. Wer nicht raucht, ausreichend trinkt, eine Schlafapnoe behandeln lässt und chronische Herz- oder Lungenerkrankungen gut im Griff hat, senkt sein Risiko deutlich.
Impfungen
Es gibt keine Impfung gegen erhöhte rote Blutkörperchen. Da Rauchen und chronische Atemwegsinfekte eine Rolle spielen, lohnt sich ein Blick auf den allgemeinen Impfschutz – Ihre Hausarztpraxis berät Sie dazu.
Früherkennungsprogramme
Einen eigenen Früherkennungstest gibt es nicht. Das große Blutbild, das bei vielen Routineuntersuchungen und beim Check-up enthalten ist, zeigt eine Erhöhung in der Regel zuverlässig an. Bei familiärer Vorbelastung oder bekannten Risikofaktoren kann es sinnvoll sein, die Werte in Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt regelmäßig kontrollieren zu lassen. Ergänzend gibt es die Nationale VersorgungsLeitlinie der AWMF zu verwandten Themen; medizinische Leitlinien zur Abklärung finden Sie in der Leitlinien-Datenbank der AWMF.
Komplikationen
Unbehandelt
- Blutgerinnsel (Thrombosen), die im schlimmsten Fall zu Lungenembolie, Herzinfarkt oder Schlaganfall führen können
- Erhöhter Blutdruck und stärkere Belastung für das Herz
- Vergrößerung der Milz mit Druckgefühl im Oberbauch
- Quälender Juckreiz, besonders nach warmem Wasser
- Gelenkbeschwerden durch Ablagerungen von Harnsäure (Gicht-ähnliche Beschwerden)
- Vermehrte Blutungsneigung bei sehr ausgeprägter Erhöhung
- Bei der seltenen Knochenmarkerkrankung kann sich die Blutbildung im Laufe vieler Jahre verändern
Langzeitprognose
Die Aussichten sind in den meisten Fällen gut. Wenn eine behandelbare Ursache wie Rauchen, Flüssigkeitsmangel, Schlafapnoe oder eine Lungenerkrankung gefunden wird, normalisieren sich die Werte oft wieder. Auch die seltene Form, bei der das Knochenmark zu viel bildet, lässt sich heute gut begleiten – mit regelmäßigen Kontrollen und einer Behandlung, die das Blut dünnflüssig hält. Viele Menschen leben damit über Jahrzehnte gut. Wichtig ist eine verlässliche Betreuung und das Wissen, wann Sie Hilfe holen sollten.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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