Hervortretende Augen (Exophthalmus)
Übersicht
Bei hervortretenden Augen stehen die Augäpfel weiter aus der Augenhöhle hervor als normal. Fachleute nennen das „Exophthalmus“ (gesprochen: Ex-of-thal-mus). Die Augenhöhle ist der knöcherne Hohlraum im Schädel, in dem Auge, Muskeln, Fett und Bindegewebe liegen. Nimmt das Gewebe dort zu oder wird es entzündet, wird dem Auge sozusagen der Platz knapp – und es wird nach vorn gedrückt. Hervortretende Augen sind selbst keine Krankheit, sondern ein Zeichen, hinter dem verschiedene Ursachen stecken können. Am häufigsten liegt eine Schilddrüsenerkrankung zugrunde.
Wichtige Fakten
- Hervortretende Augen sind meist ein Hinweis auf eine andere Erkrankung – sehr oft auf eine Schilddrüsenerkrankung.
- Typische Begleitsymptome sind trockene, gereizte Augen, Tränen, Lichtempfindlichkeit und manchmal Doppelbilder.
- Eine plötzliche Schwellung mit Fieber, starken Schmerzen oder Sehverschlechterung ist ein Notfall und muss sofort ärztlich abgeklärt werden.
Hervortretende Augen sind insgesamt nicht sehr häufig. Am bekanntesten ist der Zusammenhang mit einer bestimmten Form der Schilddrüsenüberfunktion, bei der sich auch das Gewebe hinter dem Auge verändern kann. Andere Ursachen sind deutlich seltener.
Am häufigsten betroffen sind Erwachsene im mittleren Lebensalter mit einer Erkrankung der Schilddrüse. Frauen erkranken häufiger, bei Männern verläuft die Augenbeteiligung aber oft schwerer. Rauchen erhöht das Risiko deutlich. Kinder sind nur selten betroffen – treten bei einem Kind hervortretende Augen auf, sollte das zeitnah ärztlich abgeklärt werden.
Symptome
- Plötzlich stark hervortretendes Auge mit hohem Fieber und ausgeprägter Rötung – hier besteht der Verdacht auf eine akute Entzündung der Augenhöhle. Rufen Sie sofort den Notruf 112.
- Plötzliche Sehverschlechterung oder Sehverlust auf einem Auge
- Starke, unerträgliche Augenschmerzen, eventuell mit Übelkeit
- Hervortretendes Auge nach einem Unfall oder Schlag auf den Kopf
- Bewusstseinstrübung, starke Kopfschmerzen oder Nackensteife zusammen mit Augenbeschwerden
- ⚠Neu aufgetretenes Hervortreten eines Auges innerhalb von Stunden bis wenigen Tagen
- ⚠Doppelbilder, die plötzlich auftreten
- ⚠Zunehmende Schwellung, Rötung oder Schmerzen am Auge
- ⚠Fieber zusammen mit einer Augenentzündung
- ⚠Das Gefühl, das Auge nicht mehr schließen zu können, mit zunehmender Hornhautreizung
Häufige Symptome
- Ein oder beide Augäpfel treten sichtbar weiter hervor als früher
- Trockenes, sandiges oder brennendes Gefühl im Auge
- Vermehrter Tränenfluss und Lichtempfindlichkeit
- Gerötete oder geschwollene Lider, manchmal auch Schwellungen unter den Augen
- Das Gefühl, die Augen nicht richtig schließen zu können, besonders nachts
- Doppelbilder oder verschwommenes Sehen
- Ein „starrer“ Blick, weil das obere Lid weiter oben steht als üblich
- Druckgefühl hinter dem Auge, manchmal mit leichten Kopfschmerzen
Symptome bei Kindern
- Bei Kindern sind hervortretende Augen selten. Wenn sie auftreten, steckt oft eine Schilddrüsenerkrankung dahinter.
- Kinder äußern Beschwerden oft weniger genau – achten Sie auf vermehrtes Blinzeln, Reiben der Augen, Lichtscheu oder ein verändertes Sehverhalten.
- Eine Rötung und Schwellung um das Auge mit Fieber kann auf eine ernste Entzündung hinweisen und gehört sofort in ärztliche Abklärung.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Im höheren Alter können neben Schilddrüsenerkrankungen auch andere Ursachen eine Rolle spielen, etwa gutartige oder bösartige Gewebeveränderungen in der Augenhöhle.
- Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes können die Beschwerden beeinflussen.
- Da das Sehvermögen im Alter oft ohnehin nachlässt, werden Veränderungen manchmal später bemerkt – regelmäßige Augenprüfungen helfen.
Ursachen
Hauptursachen
- Schilddrüsenerkrankung mit Augenbeteiligung: Bei einer bestimmten Form der Schilddrüsenüberfunktion bilden sich Abwehrstoffe, die auch das Gewebe hinter dem Auge angreifen. Es kann anschwellen und das Auge nach vorn drücken. Das ist die häufigste Ursache.
- Entzündung der Augenhöhle (Orbitaphlegmone): eine bakterielle Entzündung, oft ausgehend von den Nasennebenhöhlen – ein Notfall.
- Gutartige oder bösartige Gewebeveränderungen in der Augenhöhle, zum Beispiel Tumoren.
- Blutung oder Gefäßveränderungen hinter dem Auge, zum Beispiel nach einem Unfall.
- Sehr seltene angeborene oder erbliche Besonderheiten des Schädelbaus.
- Stark ausgeprägte Kurzsichtigkeit kann ein Auge größer erscheinen lassen – das ist aber keine echte Ursache im Sinne einer Augenhöhlenveränderung.
Risikofaktoren
- Bestehende Schilddrüsenerkrankung, besonders eine bestimmte Form der Überfunktion
- Rauchen – der wichtigste beeinflussbare Risikofaktor für eine Augenbeteiligung bei Schilddrüsenerkrankungen
- Familiäre Veranlagung für Schilddrüsenerkrankungen
- Weibliches Geschlecht (häufiger betroffen, oft milderer Verlauf)
- Höheres Lebensalter und männliches Geschlecht (oft schwererer Verlauf)
- Unbehandelte Nasennebenhöhlenentzündung bei Entzündungen der Augenhöhle
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn ein Auge plötzlich hervortritt oder sich schnell schmerzhaft schwellt
- Bei Fieber zusammen mit Rötung und Schwellung rund um das Auge
- Bei plötzlich auftretenden Doppelbildern oder Sehverschlechterung
- Wenn das Auge nicht mehr geschlossen werden kann und die Hornhaut gereizt wirkt
- Nach einem Unfall mit Verletzung im Bereich des Auges oder Kopfes
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Ihnen selbst oder Angehörigen ein Hervortreten der Augen auffällt
- Bei anhaltend trockenen, gereizten oder tränenden Augen ohne erkennbaren Grund
- Bei einer bekannten Schilddrüsenerkrankung und neuen Augenveränderungen
- Bei zunehmender Lichtempfindlichkeit oder einem veränderten Blickbild auf Fotos
- Wenn Sie unsicher sind, ob eine Veränderung vorliegt – ein kurzer Termin schafft Klarheit
Diagnose
Die Abklärung beginnt meist in der Hausarztpraxis und wird bei Bedarf an eine Augenarztpraxis oder eine Spezialsprechstunde weitergeleitet. Zunächst fragt die Ärztin oder der Arzt nach Beschwerden, Vorerkrankungen (besonders der Schilddrüse), Medikamenten und Rauchgewohnheiten. Danach folgt eine Untersuchung der Augen mit einer Lampe und speziellen Geräten. Häufig wird auch geprüft, wie weit die Augäpfel hervortreten und wie gut sich die Augen bewegen lassen. Bei Verdacht auf eine Schilddrüsenerkrankung kommt eine Blutuntersuchung hinzu.
Mögliche Untersuchungen
- Körperliche Untersuchung mit Beurteilung von Lidern, Bindehaut und Beweglichkeit der Augen
- Messung des Hervortretens der Augen mit einem kleinen Messgerät
- Sehtest sowie Prüfung des Gesichtsfeldes
- Blutuntersuchung der Schilddrüsenwerte und bestimmter Antikörper
- Bildgebung wie Ultraschall, Computertomografie oder Magnetresonanztomografie, wenn die Ursache unklar bleibt
- Bei Bedarf Untersuchung durch die Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, etwa bei Verdacht auf eine Nasennebenhöhlenentzündung
- Orthoptische Untersuchung, wenn Doppelbilder bestehen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die meisten Untersuchungen sind schmerzfrei und dauern nur wenige Minuten. Rechnen Sie mit mehreren Terminen, bis alle Ergebnisse vorliegen. Bringen Sie gerne Ihre Medikamentenliste und frühere Arztberichte mit. Schreiben Sie sich vorher auf, seit wann Ihnen die Veränderung auffällt und ob es Auslöser gab – das erleichtert das Gespräch. Fragen Sie ruhig nach, wenn ein Fachbegriff unklar ist.
Behandlung
Die Behandlung richtet sich immer nach der Ursache. Steckt eine Schilddrüsenerkrankung dahinter, wird diese behandelt – in enger Zusammenarbeit von Hausarztpraxis, Augenarztpraxis und oft einer Schilddrüsen-Spezialpraxis. Wichtig ist: Die Augenveränderung kann sich auch dann noch entwickeln, wenn die Schilddrüsenwerte schon gut eingestellt sind. Deshalb werden die Augen über längere Zeit mitbetreut. Ziel ist immer, das Sehvermögen zu schützen, Beschwerden zu lindern und das Aussehen so angenehm wie möglich zu erhalten.
Selbsthilfe zu Hause
- Befeuchtende Augentropfen oder Augengele aus der Apotheke können trockene, gereizte Augen beruhigen – lassen Sie sich dort gut beraten.
- Eine Sonnenbrille schützt vor Licht und Wind und mindert das Blendgefühl.
- Achten Sie auf ausreichend Schlaf und lagern Sie den Kopf nachts etwas höher, wenn die Schwellung morgens stark ist.
- Bildschirmpausen einlegen und bewusst blinzeln, damit die Augen nicht austrocknen.
- Nicht rauchen – das ist der wichtigste eigene Beitrag zum Verlauf.
- Keine frei verkäuflichen Mittel am Auge anwenden, ohne vorher ärztlichen oder Apotheken-Rat einzuholen.
- Regelmäßige Kontrolltermine wahrnehmen, auch wenn es Ihnen gut geht.
Medizinische Behandlungen
Je nach Ursache kommen sehr unterschiedliche Wege infrage. Bei einer Schilddrüsenerkrankung wird die Schilddrüsenfunktion ärztlich gesteuert, zum Beispiel mit Medikamenten, einer Radiojodtherapie oder – in bestimmten Fällen – einer Operation der Schilddrüse. Für die Augen selbst gibt es je nach Beschwerden feuchtigkeitsspendende Mittel, entzündungshemmende Behandlungen oder eine Strahlentherapie der Augenhöhle; all das entscheidet die behandelnde Ärztin oder der Arzt individuell. Bei einer bakteriellen Entzündung der Augenhöhle ist eine rasche Behandlung im Krankenhaus nötig. Bitte nehmen Sie keine Medikamente eigenmächtig ein und ändern Sie keine verordnete Behandlung ohne Rücksprache.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine Operation am Auge oder an der Augenhöhle ist nicht bei jedem Verlauf nötig. Sie kann infrage kommen, wenn der Sehnerv bedroht ist, das Auge nicht mehr geschlossen werden kann, dauerhaft störende Doppelbilder bestehen oder das Hervortreten als sehr belastend empfunden wird. Solche Eingriffe finden in spezialisierten Zentren statt und werden in Ruhe mit Ihnen besprochen – meist erst, wenn die Erkrankung zur Ruhe gekommen ist.
Leben mit der Erkrankung
Im Alltag geht es vor allem darum, die Augen feucht und geschützt zu halten. Viele Menschen empfinden ihr verändertes Aussehen als belastend, besonders in Gesprächen oder auf Fotos. Sprechen Sie offen mit Ihren Angehörigen und Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt darüber – das entlastet und öffnet den Weg zu passender Unterstützung. Nehmen Sie Ihre Kontrolltermine verlässlich wahr, auch wenn die Beschwerden gerade mild sind.
Tipps für den Alltag
- Rauchstopp – am wirksamsten mit Unterstützung, fragen Sie Ihre Hausarztpraxis nach Angeboten.
- Ausreichend Schlaf und ein möglichst regelmäßiger Tagesrhythmus.
- Bei Wind und Sonne eine gut sitzende Sonnenbrille tragen.
- In beheizten Räumen oder bei trockener Luft öfter befeuchten.
- Stress reduzieren, wo es möglich ist – Entspannungsübungen können helfen.
- Regelmäßige Bildschirmpausen und gute Beleuchtung am Arbeitsplatz.
Ernährung und Bewegung
Eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst und Vollkornprodukten unterstützt das allgemeine Wohlbefinden. Bei einer Schilddrüsenerkrankung kann es sinnvoll sein, die Jodzufuhr mit der behandelnden Praxis zu besprechen – pauschale Empfehlungen gibt es hier nicht. Bewegung im angenehmen Rahmen ist ausdrücklich erwünscht, etwa Spazierengehen, Schwimmen oder Radfahren. Wichtig sind Sonnen- und Windschutz für die Augen. Bei Doppelbildern im Alltag kann ein ruhiger, gut beleuchteter Arbeitsplatz entlasten.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Ein verändertes Aussehen kann am Selbstwertgefühl nagen. Manche Menschen schämen sich, werden angestarrt oder ziehen sich zurück; auch Ängste und gedrückte Stimmung sind möglich. Das ist verständlich und nichts, wofür Sie sich schämen müssen. Hilfe zu suchen ist ein Zeichen von Stärke, nicht von Schwäche. Wenn Sie Gedanken haben, die Ihnen Angst machen, oder sich nicht mehr zurechtkommen: Wenden Sie sich an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt, an eine psychotherapeutische Praxis oder an die Telefonseelsorge. In akuten Krisen gilt der Notruf 112.
Vorbeugung
Nicht jede Ursache lässt sich verhindern. Den größten eigenen Einfluss haben Sie auf das Rauchen: Ein Rauchstopp senkt das Risiko für eine Augenbeteiligung bei Schilddrüsenerkrankungen deutlich. Wer bereits eine Schilddrüsenerkrankung hat, sollte die Kontrolltermine regelmäßig wahrnehmen und bei Augenveränderungen früh Bescheid geben. Auch eine rechtzeitig behandelte Nasennebenhöhlenentzündung beugt Entzündungen der Augenhöhle vor.
Früherkennungsprogramme
Ein eigenes Vorsorgeprogramm speziell für hervortretende Augen gibt es nicht. Bei einer bekannten Schilddrüsenerkrankung empfehlen die Fachgesellschaften jedoch regelmäßige augenärztliche Kontrollen. Allgemeine Gesundheitsuntersuchungen in der Hausarztpraxis sind ein guter Anlass, Veränderungen anzusprechen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Austrocknung und Entzündung der Hornhaut, wenn das Auge nicht mehr vollständig geschlossen werden kann
- Druck auf den Sehnerv mit möglicher dauerhafter Sehverschlechterung
- Anhaltende Doppelbilder durch veränderte Augenmuskeln
- Bei einer unbehandelten Entzündung der Augenhöhle kann sich die Entzündung ausbreiten – ein Notfall
- Dauerhaft verändertes Aussehen, das psychisch belasten kann
Langzeitprognose
Die Aussichten sind insgesamt gut. Viele Verläufe bleiben mild, kommen zur Ruhe und hinterlassen keine dauerhaften Schäden. Wichtig sind eine frühe Abklärung, regelmäßige Kontrollen und ein Rauchstopp. Manche Menschen behalten ein leicht verändertes Aussehen oder brauchen längerfristig Unterstützung – hier gibt es heute gute Behandlungsmöglichkeiten. Sprechen Sie offen mit Ihrem Behandlungsteam über Sorgen und Ziele; gemeinsam lässt sich viel erreichen.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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