Retroperitoneale Lymphknotenentfernung (RPLND) – eine Operation verständlich erklärt
Übersicht
Bei einer retroperitonealen Lymphknotenentfernung – kurz RPLND – entfernt eine Chirurgin oder ein Chirurg die Lymphknoten im Retroperitoneum. Das Retroperitoneum ist der Raum hinter der Bauchhöhle, also hinter dem Bauchfell. Dort verlaufen die großen Blutgefäße und liegen viele kleine Lymphknoten. Lymphknoten sind kleine Filterstationen des Abwehrsystems: Sie filtern Gewebewasser und sammeln Abwehrzellen. Bei manchen Krebserkrankungen – am häufigsten bei Hodenkrebs – können sich Krebszellen über die Lymphbahnen genau dorthin ausbreiten. Die Operation entfernt diese Lymphknoten, damit sich der Krebs nicht weiter ausbreiten kann.
Wichtige Fakten
- Bei der RPLND werden die Lymphknoten hinter der Bauchhöhle entfernt – dort, wo die großen Blutgefäße verlaufen.
- Am häufigsten wird die Operation bei Hodenkrebs durchgeführt: wenn sich Krebszellen in diese Lymphknoten ausgebreitet haben oder wenn nach einer Chemotherapie ein Restgewebe übrig bleibt.
- Der Eingriff findet in Vollnarkose statt, meist über einen Schnitt in der Bauchmitte, in manchen Zentren auch mit einer Schlüsselloch-Technik (minimalinvasiv, also mit kleinen Zugängen).
- Viele Kliniken arbeiten nervenschonend, damit der Samenerguss möglichst erhalten bleibt.
Die Operation selbst ist selten. Sie wird vor allem in spezialisierten urologischen Zentren und Krebszentren durchgeführt. Hodenkrebs, der häufigste Grund für diesen Eingriff, ist insgesamt eine seltene Krebsart – er trifft aber vor allem junge Männer.
Am häufigsten betrifft es Männer zwischen etwa 20 und 40 Jahren mit Hodenkrebs. Seltener wird die Operation bei anderen Tumoren im Bauchraum oder im kleinen Becken durchgeführt – dann können auch ältere Menschen betroffen sein.
Symptome
- Plötzliche Atemnot oder schnelle, flache Atmung
- Starker Brustschmerz oder Husten mit Blut
- Zeichen eines Kreislaufproblems: kalter Schweiß, Blässe, Verwirrtheit oder Ohnmacht
- Starke, plötzlich einsetzende Bauchschmerzen mit hartem Bauch
- Eine sehr starke Blutung aus der Wunde, die nicht aufhört
- Hohes Fieber mit Schüttelfrost und schnell klopfendem Puls – mögliche Zeichen einer Blutvergiftung
- ⚠Fieber über 38 Grad
- ⚠Die Wunde ist rot, geschwollen, heiß oder es tritt Eiter aus
- ⚠Zunehmende Bauchschmerzen, Übelkeit oder Erbrechen
- ⚠Kein Stuhlgang und kein Windabgang über mehr als zwei Tage
- ⚠Ein einseitig geschwollenes, schmerzendes Bein
- ⚠Schmerzen beim Wasserlassen oder die Unfähigkeit, Wasser zu lassen
Häufige Symptome
- Hodenkrebs verursacht am Anfang oft keine Beschwerden.
- Eine schmerzlose Schwellung oder Verhärtung eines Hodens.
- Ein Schweregefühl im Hodensack oder ein Ziehen in der Leiste.
- Rückenschmerzen können auftreten, wenn Lymphknoten hinter dem Bauch vergrößert sind – das ist aber selten der erste Hinweis.
- Nach der Operation sind Wundschmerz, Müdigkeit, ein gespanntes Bauchgefühl und Blähungen in den ersten Tagen normal.
- Taubheit oder ein Kribbeln rund um die Narbe kommt häufig vor und bessert sich meist mit der Zeit.
Ursachen
Hauptursachen
- Hodenkrebs: Wenn sich Krebszellen über die Lymphbahnen in die Lymphknoten hinter dem Bauch ausgebreitet haben, werden diese entfernt.
- Reste nach einer Chemotherapie: Manchmal bleibt nach der Behandlung eine Gewebevermehrung zurück. Ob sie entfernt werden sollte, entscheidet das Behandlungsteam.
- Andere Tumoren im Bauchraum oder im kleinen Becken, die über die Lymphbahnen streuen – das ist deutlich seltener.
- Manchmal dient der Eingriff auch dazu, unklare Lymphknoten zu untersuchen und eine Gewebeprobe zu gewinnen.
Risikofaktoren
- Für Hodenkrebs: ein Hodenhochstand in der Kindheit (auch wenn er damals behandelt wurde), ein früherer Hodenkrebs auf der anderen Seite oder eine familiäre Häufung.
- Für einen aufwendigeren Operationsverlauf: frühere Bauchoperationen mit Verwachsungen, starkes Übergewicht, Rauchen (schlechtere Wundheilung), Diabetes oder eine gestörte Blutgerinnung.
- Medikamente, die die Blutgerinnung beeinflussen, erhöhen das Blutungsrisiko während der Operation und werden vorher angepasst.
- Ein sehr ausgedehnter Lymphknotenbefall kann den Eingriff schwieriger machen.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Fieber oder Schüttelfrost
- Zunehmende Bauchschmerzen, Übelkeit, Erbrechen oder fehlender Stuhlgang
- Eine gerötete, geschwollene oder eiternde Wunde
- Ein geschwollenes, schmerzendes Bein oder plötzliche Atemnot
- Starke Erschöpfung, Schwindel oder Ohnmacht
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Alle vereinbarten Nachsorgeuntersuchungen wahrnehmen
- Anhaltende Müdigkeit oder das Gefühl, sich nach Wochen nicht zu erholen
- Fragen zu Fruchtbarkeit, Sexualität oder Samenerguss
- Seelische Belastung, Ängste oder Schlafprobleme
- Eine Narbe, die spannt, sich wölbt oder zunehmend schmerzt
Diagnose
Ob eine RPLND sinnvoll ist, entscheidet ein Team aus Fachleuten – meist aus Urologie, Onkologie, Radiologie und Pathologie – häufig in einer Tumorkonferenz. Grundlage sind die Tumorart, Bildaufnahmen, Blutwerte und der bisherige Krankheitsverlauf. Vor der Operation gibt es ein ausführliches Aufklärungsgespräch.
Mögliche Untersuchungen
- Blutuntersuchungen, unter anderem auf Tumormarker (Eiweiße im Blut, die auf einen Tumor hinweisen können)
- Computertomografie (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT) von Bauch und Becken
- Bildgebung der Lunge, zum Beispiel Röntgen oder CT
- Bei Hodenkrebs: feingewebliche Untersuchung des entfernten Hodens
- Vor der Operation: EKG, Lungenfunktion und Blutwerte, um die Narkosefähigkeit einzuschätzen
- Samenuntersuchung und – wenn gewünscht – das Einfrieren von Samen vor dem Eingriff, weil die Fruchtbarkeit betroffen sein kann
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Meist kommen Sie einige Tage vorher zur Voruntersuchung ins Krankenhaus. Vor der Narkose müssen Sie nüchtern sein, das heißt einige Stunden nichts essen und trinken. Der Eingriff dauert je nach Umfang mehrere Stunden. Danach werden Sie zunächst überwacht. Ein Blasenkatheter und manchmal eine Drainage (ein dünner Schlauch, der Wundwasser ableitet) sind üblich. Der Krankenhausaufenthalt dauert oft etwa eine Woche.
Behandlung
Die RPLND ist eine Operation und damit ein Baustein in einem größeren Behandlungskonzept. Je nach Tumorart und Stadium kann sie allein, nach einer Chemotherapie oder im Rahmen einer Studie eingesetzt werden. Bei manchen Männern mit Hodenkrebs ist auch ein abwartendes Vorgehen mit engmaschigen Kontrollen möglich. Was für Sie gilt, bespricht das Behandlungsteam individuell mit Ihnen.
Selbsthilfe zu Hause
- Atemübungen und frühes Aufstehen nach der Operation – das beugt Lungenentzündungen und Blutgerinnseln vor
- Die Wunde trocken und sauber halten und die Anweisungen zur Wundpflege befolgen
- Mindestens sechs Wochen keine schweren Lasten heben und keinen Sport mit starker Bauchbelastung
- Ausreichend trinken, damit der Kreislauf stabil bleibt
- Kompressionsstrümpfe tragen, solange es empfohlen wird
- Schmerzmittel nur so einnehmen, wie es ärztlich besprochen wurde
- Nachsorgetermine zuverlässig wahrnehmen
Medizinische Behandlungen
Je nach Erkrankung kann die Operation mit anderen Behandlungen kombiniert werden: einer Chemotherapie (Medikamente, die Krebszellen abtöten), einer Strahlentherapie (gezielte Bestrahlung) oder bei bestimmten Tumoren mit einer Beobachtungsstrategie und regelmäßigen Kontrollen. Auch unterstützende Maßnahmen gehören dazu, etwa Physiotherapie, Schmerztherapie, Ernährungsberatung und psychoonkologische Begleitung. Welche Behandlung zu Ihnen passt, hängt von Tumorart, Stadium und Ihrem Allgemeinzustand ab – das lässt sich nur im persönlichen Gespräch klären.
Wann kommt eine Operation infrage?
Eine RPLND wird empfohlen, wenn Bildaufnahmen oder Blutwerte zeigen, dass Lymphknoten hinter dem Bauch betroffen sind, oder wenn nach einer Chemotherapie ein Restgewebe übrig bleibt, das entfernt werden sollte. Auch bei bestimmten anderen Tumoren kann sie Teil der Behandlung sein. Manchmal wird sie angeboten, um Klarheit darüber zu bekommen, ob Lymphknoten befallen sind.
Leben mit der Erkrankung
Die ersten Tage nach der Operation verbringen Sie meist im Krankenhaus. Zu Hause brauchen Sie in den ersten zwei bis drei Wochen Hilfe im Alltag – bei Einkäufen, im Haushalt oder beim Tragen. Autofahren ist erst wieder sinnvoll, wenn Sie schmerzfrei sind und sich sicher fühlen; fragen Sie Ihr Behandlungsteam. Viele Männer sind nach vier bis sechs Wochen wieder einigermaßen belastbar, die vollständige Erholung kann länger dauern.
Tipps für den Alltag
- Nicht rauchen – das verbessert die Wundheilung
- Täglich in Maßen bewegen, zum Beispiel kurze Spaziergänge
- Auf ein gesundes Körpergewicht achten
- Bauch- und Beckenbodenübungen erst nach Rücksprache
- Pausen einplanen und auf die Signale des Körpers hören
- Alkohol nur in Maßen
Ernährung und Bewegung
Eine spezielle Diät ist nicht nötig. In den ersten Tagen sind kleine, leichte Mahlzeiten oft angenehmer, wenn der Bauch gespannt ist. Ballaststoffe und ausreichend Flüssigkeit helfen gegen Verstopfung, die durch Schmerzmittel und wenig Bewegung entstehen kann. Mit der Bewegung beginnen Sie bei kurzen Spaziergängen; schweres Heben oder Sport mit starker Bauchbelastung ist erst nach einigen Wochen und nach Rücksprache wieder sinnvoll. Physiotherapie kann beim Wiederaufbau helfen.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Eine Krebsoperation ist ein Einschnitt – körperlich und seelisch. Angst vor einem Rückfall, Sorgen um Fruchtbarkeit und Sexualität, ein verändertes Körpergefühl und Schlafprobleme sind häufige und verständliche Reaktionen. Das ist keine Schwäche. Psychoonkologische Angebote, Gespräche mit Vertrauenspersonen und Selbsthilfegruppen können entlasten. Wenn Sie sehr niedergeschlagen sind oder Gedanken haben, die Ihnen Angst machen, holen Sie sich bitte professionelle Unterstützung. In akuter seelischer Not können Sie sich jederzeit an die Telefonseelsorge oder im Notfall an den Rettungsdienst unter 112 wenden.
Vorbeugung
Die Operation selbst lässt sich nicht verhindern. Beeinflussen können Sie die Erkrankung, die dazu führt: Hodenkrebs früh zu erkennen, verbessert die Chancen auf eine schonende Behandlung. Männer können ihre Hoden regelmäßig selbst abtasten, besonders zwischen 20 und 40 Jahren. Auffälligkeiten gehören zeitnah in urologische Abklärung.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland gibt es kein organisiertes Früherkennungsprogramm für Hodenkrebs. Die Selbstabtastung wird empfohlen, und bei Beschwerden ist eine urologische Untersuchung sinnvoll. Nach einer überstandenen Krebserkrankung sind regelmäßige Nachsorgetermine wichtig; sie richten sich nach der deutschen S3-Leitlinie zu Hodenkeimzelltumoren und Ihrem individuellen Verlauf.
Komplikationen
Unbehandelt
- Krebszellen in den Lymphknoten können sich weiter ausbreiten, wenn sie nicht behandelt werden.
- Bei Hodenkrebs gibt es Stadien, in denen zunächst beobachtet wird – das ist kein Nichtstun, sondern eine geplante, engmaschige Kontrolle.
- Wenn Ihnen eine Operation empfohlen wird und Sie unsicher sind, dürfen Sie eine zweite Meinung einholen – das ist Ihr gutes Recht.
- Nach der Operation können Flüssigkeitsansammlungen (Lymphozelen), Wundinfektionen, eine Schwellung der Beine oder eine vorübergehende Darmlähmung auftreten; das Behandlungsteam kennt diese möglichen Komplikationen und beugt ihnen vor, wo es geht.
Langzeitprognose
Die Aussichten sind für die meisten Betroffenen gut. Hodenkrebs gehört zu den Krebsarten, die sich sehr gut behandeln lassen. Viele Männer erholen sich vollständig von der Operation, und nervenschonende Techniken erhalten bei den meisten den Samenerguss. Auch nach einem großen Eingriff können Sie wieder aktiv werden – geben Sie sich und Ihrem Körper Zeit und nutzen Sie Nachsorge und Unterstützungsangebote.
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Quellen und Leitlinien
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Zuletzt aktualisiert: 3. November 2026
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