Leben mit G6PD-Mangel
Basierend auf internationalen klinischen Leitlinien
Übersicht
G6PD-Mangel (auch Favismus genannt) ist eine angeborene Erkrankung der roten Blutkörperchen. Dabei fehlt oder funktioniert nicht richtig ein Enzym, das die roten Blutkörperchen schützt. Werden diese Zellen durch bestimmte Auslöser angegriffen, zerfallen sie zu früh – das nennt man hämolytische Krise. Dadurch kann eine Blutarmut entstehen.
Wichtige Fakten
- Der G6PD-Mangel ist angeboren, nicht ansteckend.
- Nicht alle Betroffenen haben Beschwerden – oft lösen erst bestimmte Medikamente, Infektionen oder Favabohnen eine Krise aus.
- Das Wichtigste ist, die persönlichen Auslöser zu kennen und zu meiden.
Weltweit ist der G6PD-Mangel eine der häufigsten erblichen Enzymstörungen. In Deutschland kommt er seltener vor, betrifft aber vor allem Menschen mit Vorfahren aus den Mittelmeerländern, Afrika, dem Nahen Osten oder Südostasien.
Der G6PD-Mangel wird auf dem X-Chromosom vererbt und betrifft daher vor allem Jungen und Männer. Frauen können Trägerinnen sein und haben meist gar keine oder nur leichte Symptome. Die Ausprägung ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich – einige haben nie Probleme, andere reagieren stark auf bestimmte Auslöser.
Symptome
- Sehr blasse Haut oder Lippen zusammen mit schneller Atmung, Herzrasen oder Verwirrtheit
- Brauner oder schwarz-dunkler Urin, besonders wenn kaum noch Urin ausgeschieden wird
- Plötzlich starke Bauch- oder Rückenschmerzen
- Bewusstlosigkeit oder starke Benommenheit
- ⚠Gelbliche Verfärbung von Haut oder Augen
- ⚠Zunehmende Müdigkeit oder Schwäche ohne erkennbare Ursache
- ⚠Dunkler Urin oder ungewöhnliche Urinmenge
- ⚠Fieber über 38 °C bei bekanntem G6PD-Mangel
Häufige Symptome
- Müdigkeit und Abgeschlagenheit
- Blässe, vor allem an den Lippen oder im Gesicht
- Gelbliche Haut oder gelbliche Augen (Gelbsucht)
- Dunkler, teefarbener Urin
- Kurzatmigkeit oder Herzklopfen bei Belastung
Symptome bei Kindern
- Bei Neugeborenen kann eine anhaltende Gelbsucht auftreten – ein Warnzeichen, das ärztlich abgeklärt werden sollte.
- Nach Kontakt mit Auslösern: plötzliche Blässe, Müdigkeit, dunkler Urin.
- Bauchschmerzen, Unruhe oder Fieber ohne klare Ursache können ebenfalls auf eine Krise hindeuten.
Symptome bei älteren Erwachsenen
- Ältere Menschen entwickeln schneller eine deutliche Blutarmut mit Schwäche und Verwirrtheit.
- Bestehende Herz- oder Lungenerkrankungen können sich durch den Sauerstoffmangel verschlechtern.
- Starke Müdigkeit und Atemnot wurden von älteren Menschen oft spät bemerkt – hier lohnt es sich, früh ärztlichen Rat zu suchen.
Ursachen
Hauptursachen
- Der G6PD-Mangel ist erblich: Ein Enzym (G6PD) fehlt oder funktioniert nicht richtig, wodurch rote Blutkörperchen empfindlich werden.
- Es braucht oft einen Auslöser, damit rote Blutkörperchen zerfallen – zum Beispiel manche Medikamente wie bestimmte Schmerzmittel oder Antibiotika.
- Favabohnen (auch Saubohnen genannt) und in seltenen Fällen andere Hülsenfrüchte können eine schwere Krise auslösen.
- Starke Infektionen wie Lungenentzündungen oder Blutvergiftungen können ebenfalls eine hämolytische Krise auslösen.
- Chemikalien wie Naphthalin in Mottenschutzmitteln oder bestimmte Farbstoffe sind für manche Menschen gefährlich.
Risikofaktoren
- Familienmitglieder mit G6PD-Mangel oder einer bekannter Enzymstörung.
- Männliches Geschlecht – Jungen sind wegen der Vererbung auf dem X-Chromosom häufiger betroffen.
- Herkunft aus dem Mittelmeerraum, Afrika, dem Nahen Osten oder Südostasien.
- Frühere Reaktionen auf Medikamente, Bohnen oder starke Infekte.
Wann zum Arzt
Dringend zum Arzt, wenn:
- Wenn Sie dunklen Urin oder eine Gelbfärbung der Haut bemerken.
- Wenn Sie unerklärlich müde werden, blass wirken oder Atemnot haben.
- Wenn Sie nach der Einnahme eines neuen Medikaments, nach Favabohnen oder während einer Infektion Beschwerden bekommen.
Einen Routinetermin vereinbaren, wenn:
- Wenn Sie wissen möchten, ob Sie einen G6PD-Mangel haben, insbesondere wenn es in der Familie entsprechende Fälle gibt.
- Vor einer geplanten Operation oder Behandlung – informieren Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt über Ihren G6PD-Mangel.
- Vor Reisen in Gebiete mit Malaria: Manche Malariamittel sind bei G6PD-Mangel ungeeignet, holen Sie sich vorher medizinischen Rat.
Diagnose
Die Diagnose wird in der Regel im Blut festgestellt. Die Ärztin oder der Arzt fragt nach Beschwerden, nach der Familiengeschichte und eventuellen Auslösern. Dann wird eine Blutprobe entnommen und im Labor die Aktivität des Enzyms G6PD gemessen.
Mögliche Untersuchungen
- Bluttest auf G6PD-Enzymaktivität
- Blutbild zur Feststellung einer Blutarmut (niedrige rote Blutkörperchen, niedriges Hämoglobin)
- Bei unklaren Fällen: ein Spezialtest, um die genaue Veränderung im Erbgut zu bestimmen
Was Sie bei Ihrem Termin erwartet
Die Blutabnahme ist schnell und schmerzhaft. Die Auswertung dauert meist einige Tage. Wichtig zu wissen: Der Test sollte nicht während einer akuten Krise erfolgen, weil das Enzym dann normal erscheinen kann. Ihre Ärztin oder Ihr Arzt wird den Test zu einem geeigneten Zeitpunkt durchführen und die Ergebnisse mit Ihnen besprechen.
Behandlung
Der G6PD-Mangel selbst ist nicht heilbar, aber sehr gut behandelbar. Die wichtigste Therapie ist das Vermeiden von Auslösern. Falls es doch zu einer hämolytischen Krise kommt, wird diese medizinisch behandelt – zum Beispiel mit Flüssigkeit über die Vene und bei schwerer Blutarmut gegebenenfalls mit einer Bluttransfusion, was aber selten nötig ist.
Selbsthilfe zu Hause
- Tragen Sie immer einen Notfallausweis oder einen Medikamentenplan mit, der Ihren G6PD-Mangel deutlich benennt.
- Zeigen Sie diesen Ausweis jeder Ärztin und jedem Arzt, bevor ein Medikament verordnet wird – auch beim Zahnarzt oder in der Apotheke.
- Meiden Sie Favabohnen und alle Lebensmittel, die Favabohnen enthalten – auch in Fertiggerichten oder als Mehl.
- Achten Sie auf Warnzeichen wie dunklen Urin, starke Müdigkeit oder Gelbsucht und suchen Sie dann sofort ärztliche Hilfe.
- Führen Sie eine Liste mit erlaubten und verbotenen Medikamenten und lassen Sie sie regelmäßig von Ihrem Arzt überprüfen.
Medizinische Behandlungen
Wenn eine Krise eintritt, muss sie im Krankenhaus überwacht werden. Die Behandlung richtet sich nach der Schwere: Dazu gehören ausreichend Flüssigkeit und Ruhe. Bei schwerer Blutarmut kann eine Bluttransfusion notwendig sein. Welche Medikamente für Sie persönlich sicher sind, hängt von Ihrer individuellen Situation ab – entscheiden Sie nie alleine und fragen Sie immer Ihren Arzt, Ihre Ärztin oder eine spezialisierte Ambulanz.
Wann kommt eine Operation infrage?
Vor jeder Operation müssen Sie die Anästhesistin oder den Anästhesisten über Ihren G6PD-Mangel informieren. So können alle Narkosemittel und Begleitmedikamente sicher ausgewählt werden.
Leben mit der Erkrankung
Mit G6PD-Mangel können Sie ein normales Leben führen, wenn Sie die Auslöser kennen und meiden. Das erfordert etwas Planung, zum Beispiel auf Reisen, im Restaurant oder bei neuen Medikamenten. Je sicherer Sie im Umgang mit der Erkrankung werden, desto weniger schränkt sie Sie ein.
Tipps für den Alltag
- Informieren Sie Ihre Familie, enge Freundinnen und Freunde und Arbeitskollegen über Ihren G6PD-Mangel, damit sie im Notfall Bescheid wissen.
- Schützen Sie sich vor Infekten: regelmäßiges Händewaschen, ausgewogene Ernährung und genügend Schlaf stärken das Immunsystem.
- Meiden Sie chemische Stoffe wie Mottenkugeln, bestimmte Farben oder industrielle Reinigungsmittel – tragen Sie Handschuhe und sorgen Sie für gute Belüftung.
- Aktualisieren Sie Ihre Medikamentenliste bei jedem Arztbesuch und in der Apotheke.
Ernährung und Bewegung
Eine spezielle Diät gegen den G6PD-Mangel gibt es nicht. Wichtig ist nur, Favabohnen konsequent zu meiden. Ansonsten ist eine normale, ausgewogene Ernährung empfehlenswert. Bewegung und Sport sind erlaubt – achten Sie aber darauf, nicht übertrieben bis zur Erschöpfung zu gehen. Wenn Sie nach dem Sport ungewöhnliches Müdigkeitsgefühl oder dunklen Urin bemerken, hören Sie sofort auf und suchen Sie ärztlichen Rat.
Psychische Gesundheit und Wohlbefinden
Die Diagnose G6PD-Mangel kann zunächst verunsichern, weil man plötzlich auf Medikamente und Speisen achten muss. Solche Sorgen sind verständlich. Mit einer guten medizinischen Begleitung und verlässlichen Informationen gewinnen die meisten Menschen schnell Sicherheit. Wenn Sie anhaltende Ängste oder eine niedergeschlagene Stimmung bemerken, scheuen Sie sich nicht, mit Ihrem Hausarzt oder Ihrer Hausärztin darüber zu sprechen.
Vorbeugung
Den G6PD-Mangel selbst kann man nicht verhindern, da er angeboren ist. Sie haben es aber selbst in der Hand, eine hämolytische Krise zu verhindern: Meiden Sie bekannte Auslöser, informieren Sie alle medizinischen Fachkräfte und behandeln Sie Infektionen konsequent und früh.
Impfungen
Impfungen werden auch bei G6PD-Mangel empfohlen, denn sie schützen vor schweren Infektionen, die sonst eine Krise auslösen könnten. Die Ständige Impfkommission (STIKO) gibt hierfür Empfehlungen. Sprechen Sie vor jeder Impfung mit Ihrem Arzt, wenn Sie Fragen haben.
Früherkennungsprogramme
In Deutschland gibt es kein allgemeines Neugeborenen-Screening auf G6PD-Mangel. Bei Neugeborenen mit ungewöhnlich starker oder lang anhaltender Gelbsucht kann der Test jedoch gezielt durchgeführt werden. Wenn in Ihrer Familie G6PD-Mangel bekannt ist, können Sie mit Ihrem Arzt über eine humangenetische Beratung und einen Test sprechen.
Komplikationen
Unbehandelt
- Schwere Blutarmut mit ausgeprägter Müdigkeit, Atemnot und Leistungsabfall.
- Gelbsucht mit stark erhöhten Bilirubinwerten – besonders für Neugeborene gefährlich.
- In seltenen Fällen kann eine schwere Krise zu Nierenversagen führen.
Langzeitprognose
Die Prognose ist sehr gut, wenn Sie den G6PD-Mangel kennen und im Alltag beachten. Die meisten Betroffenen haben eine normale Lebenserwartung und erleben nur selten oder nie eine schwere Krise. Mit einem guten Notfallplan und einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Ihrem medizinischen Team können Sie Ihr Leben aktiv und unbeschwert gestalten.
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Überprüfen Sie die Informationen immer mit Ihrem Arzt
Gesundheitsrichtlinien variieren je nach Land und Region. Die Informationen in diesem Artikel basieren auf internationalen klinischen Leitlinien, spiegeln jedoch möglicherweise nicht die spezifischen Richtlinien, Medikamente oder Praktiken in Ihrem Land wider. Besprechen Sie Ihre Gesundheitsfragen immer mit Ihrem Arzt oder Gesundheitsdienstleister und beziehen Sie sich auf Ihre lokalen nationalen Gesundheitsrichtlinien, sofern verfügbar.
Wichtiger Hinweis Diese Informationen dienen nur zu Bildungszwecken. Sie ersetzen keine professionelle ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Konsultieren Sie bei Fragen immer einen qualifizierten Arzt. Bei einem medizinischen Notfall wählen Sie sofort den örtlichen Notruf.
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Quellen und Leitlinien
Dieser Artikel dient der Aufklärung und orientiert sich an anerkannten Gesundheitsinformations- und klinischen Leitlinienquellen, sofern verfügbar. Spezifische Quellenlinks können je nach Thema variieren.
Zuletzt aktualisiert: 31. Juli 2026
Hinweis zur Aufklärung: Diese Informationen dienen nur der Aufklärung und sind keine Diagnose.
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Bei schweren, sich verschlechternden oder dringenden Symptomen rufen Sie die lokale Notrufnummer an oder suchen Sie Notfallversorgung auf.